Es gibt einige Autoren, die sich mit dem Verhaeltnis von Vertrauen und oekonomischer Leistung einer Gesellschaft beschaeftigen. Es werden meist Fragebogendaten fuer empirische Analysen benutzt um mit Hilfe von Regressionsanalysen Zusammenhaenge zu untersuchen. Dabei wurde in europaweiten Sozialstrukturerhebungen die Frage gestellt, ob der Befragte Menschen generell traut. Natuerlich stellt sich hier wie immer erstens die Frage nach einer tatsaechlichen kausalen Abhaengigkeit und und zweitens bietet die chicken-egg Problematik wenig Spielraum fuer realistische Politikempfehlungen. Peru aber bietet viel Raum fuer Feldstudien mit Kaffeetasse und Eis in der Hand.
Man stelle sich also fuenf Personen, vier Peruaner mit wenig Geld und einen gringito mit viel zu viel Geld welches er unbedingt ausgeben will. Nennen wir die Peruaner Juan, Hebel, Juo und Kid und den gringito mit zu viel Geld Sebastian. Der letztere will hin und wieder mit dem Bus oder Boot fahren, muss uebernachten – aber nicht irgendwo, will in teuren Restaurants essen – aber nur den besten, will auf den Machu Picchu klettern – aber nur mit dem besten Fuehrer, dem besten Essen, den schicksten Zelten und zur besten Zeit, will in den angesagtesten Bars die angesagtesten Cocktails trinken und sowieso sonst total viel dummes Zeug machen und dabei von seinem vielen Geld so wenig wie moeglich ausgeben. An einem beliebigen Tag schlendert Sebastian also durch die Stadt und will eigentlich nichts machen, kaufen oder sonst etwas tun. Da trifft er auf Juan der ihn anquatscht, wie das so ueblich ist. Beide fangen an zu erzaehlen bis Sebastian irgendwann genervt einlenkt, weil Juan eigentlich nur mit ihm erzaehlt, weil er ihm was verkaufen will von dem er sagt, dass es nur zu diesem Preis existiert, weil es Versorgungsprobleme gibt. Sebastian weiss es in diesem Moment zum Glueck besser weil er vorher mit anderen Leuten gesprochen hat, verabschiedet sich kurz von Juan und legt sich an den Strand.
Wenig spaeter kommt unser Gringo in eine neue Stadt. Tausende Motortaxifahrer quasseln auf ihn ein und versuchen ihren amigo mit allen erdenklichen Methoden von einem Hostal zu ueberzeugen um spaeter die Belohnung kassieren zu koennen. Weil teurere Hostals mehr zahlen, die Fahrer aber wissen, dass alle Gringos trotz ihres vielen Geldes immer so wenig wie moeglich zahlen wollen,
trotzdem aber natuerlich so dicht am Zentrum wie moeglich sein wollen, nehmen sie es mit den Informationen zur geographischen und preislichen Lage nicht so genau. Nur widerwillig geht unser gringito mit Hebel mit, weil andere Leute, mit denen er gerade unterwegs ist, die ganze Sache gar nicht so schlecht findet. Am Ende stellt sich heraus, dass das Misstrauen voellig unbegruendet war und das ausser der Informationen zur geographischen Lage des Bettes, alles in bester Ordnung ist. Sebastian fuehlt sich ein wenig bescheuert, weil er das aufgestaute Misstrauen Menschen entgegen geschmettert hat, die es nicht verdient haben. Aus dieser Erfahrung beschliesst er in der naechsten Situation etwas entspannter zu sein und Misstrauen wieder schneller fallen zu lassen.
Weil der ganze Dschungel unter Wasser steht, besteht keine Moeglichkeit in absehbarer Zeit in den Urwald ohne einen Guide zu kommen und kleine Affen zu beglotzen. Sebastian ist also hoechst anfaellig und Topziel fuer alle Touristenfaneger, speziell, weil er natuerlich von seinem ganzen vielen Gringo-Geld so weiterhin so wenig wie moeglich ausgeben will. Da er immer noch drei anderen Leute unterwegs ist, ist es sehr wahrscheinlich die Entscheidung nicht alleine treffen zu wollen. Es findet sich als Juo, der bei einem der rumirrenden Reisenden Gehoer findet und mit allen erstmal ein Bier in der naechsten Trinkhalle am Platze marschiert. Sebastian hat bei dem Typen ein komisches Gefuehl, weil so einige Sachen nicht zusammen zu passen scheinen. Die drei anderen sind aber Feuer und Flamme und so entscheidet er sich diesmal bauchgrummelnd fuer die Aktion und schluckt seine Bedenken runter, schiebt sie als Wahn zur Seite. Am Ende stellt sich heraus, dass der Bauch doch richtig gelegen hat und Juo doch zum groessten Teil Quatsch erzaehlt hat. Er ist genervt, sagt die ganze Geschichte ab und verzieht sich erstmal lesend an den Pool.
All die Kids, die nach Juo kommen werden es in Zukunft schwer haben ihr Sachen an Sebastian zu verkaufen. Schlecht fuer ihn, weil Misstrauen einer bestimmten Gruppe von Personen gegenueber meistens nachteilig ist, gut fuer sein Konto, schlecht fuer all die Kids dort draussen da sie auch mit guten Intentionen ihr Sachen nicht mehr an den Mann bekommen, schlecht fuer beide da sie nicht mehr so viel miteinander sprechen und sich gegenseitig auf Basis forcierter Verhaltensmuster und Reaktionen in bestimmte Schubladen stecken.

Zusammenzufassen ist das hemmende Phaenomen fehlenden Vertrauens wie folgt. Person A will eine Leistung oder ein Gut von Person B kaufen. B hat vollstaendige Informationen ueber seine Leistung, A jedoch nicht. A hat Vorstellungen die B im Groben kennt. Die Vorstellungen von A und die Leistung von B muessen sich nicht treffen. Da B die Vorstellungen von A kennt, geht er im Verkaufsgespraech auf diese ein und gibt vor, seine Leistungen wuerden genau seiner Erwartung entsprechen. A, der vorher schon einmal etwas von C gekauft hat und enttaeuscht wurde, weil C in angelogen hat, ist mistrauisch. Es ist nun egal, ob die Leistung von B seinen Beschreibungen entsprechen, wenn A vorher genug negative Erfahrungen falscher Versprechungen gesammtelt hat. A schliesst aus seiner Erfahrung, dass B genau vom gleichen Typ wie seine vorherigen Geschaeftspartner ist. Jetzt ist die Abwicklung der Transaktion unglaublich teuer und schwierig. B hat hohen Aufwand A von dem Wahrheitsgehalt seiner Aussagen zu ueberzeugen. A, der B nicht ganz traut, hat einen hohen Aufwand seine Interessen abzusichern und alle Details der Transaktion sicherzustellen. B ist von dem Misstrauen des A gekraenkt und ist selbst beleidigt. So kann es im schlimmsten Fall passieren, dass B die Leistung nicht erbringen kann, weil A nicht im Vorraus zahlen will, B aber das Geld braucht um das Material zu kaufen. Im weniger schlimmen, jedoch akkumuliert hoechst schaedlichen, Fall schachern beide Personen so lange hin und her, bis beide das Gefuehl haben, dass der jeweils andere sie nicht mehr in dem Masse betruegen kann, dass sie selbst nach der Transaktion schlechter gestellt sind als zuvor. Im letzteren Fall sind die Transaktionskosten unheimlich hoch und im ersten zu hoch.
Wenn A im Voraus nicht so viele schlechte Erfahrungen gemacht haette, und/oder die Rechtssicherheit gegeben ist, dann haetten die beiden das Geschaeft mit viel weniger Problemen viel schneller abwickeln koennen und beide waeren mit groesserer Zufriedenheit und einem hoeheren Gewinn aus der Sache gegangen. So nimmt zwischenmenschliches Vertrauen ein Platz in der Reihe harter oekonomischer Leistungsfaehigkeitsfaktoren ein.
Abseits von der oekonomischen Schiene durfte klar sein, dass fehlendes Vertrauen in unbekannte, und sogar bekannte Personen, wie es in Peru oft der Fall ist, ein soziales Klima herstellt, welches dem kulturellen und politischen Miteinander wenig zutraeglich ist. Oder wer verkauft schon gerne Kaugummies durch ein Gitter?
Wir duerfen hier unter jedem Spruchband durchkriechen ohne Wegzoll zu zahlen. In der Nacht gibt es eine Nachtwache die mit Holzspeeren bewaffnet bis morgens um sechs die Stellung haelt und dann beginnt ein neuer Tag eines Lebens auf der Kreuzung. Alles ist so ein wenig wie ein Feriencamp, nur leider ernster. Die Leute spannen Volleyballnetze ueberall ueber die Strasse, fast kein Laternenmast bleibt ungenutzt. Die Menschen spielen erstaunlich gut Volleyball – hier scheint es regelmaessig Streiks zu geben, denn andere Moeglichkeiten fuer die Netze seh ich nicht. Am Abend, wenn es nicht mehr ganz so heiss ist, uebernehmen die Fussballer die Strassen. Das machen die Leute hier seit ungefaehr neun Tagen. So lange stehen auch schon die lanchas im Hafen ohne sich zu bewegen. ¡Mañana! Es ist also Hochzeit fuer die Touristenfaenger. “Natuerlich gibt es nur rapidos, kostet aber 2000 Soles pro Boot, und natuerlich brauchen wir das Geld gleich, weil das Benzin knapp ist und wir es von irgendwem kaufen muessen, wir aber nicht sicher sind ob derjenige es auch verkaufen will, wenn derjenige es aber nicht verkaufen will, muessen wir halt mit dem los, kostet dann 2500 Soles.” Am Hafen ist es ein Spiessrutenlauf, ich weiss nicht, wem ich trauen kann denn an Geschichten fehlt es nicht. Und wie immer in Laendern gewinnt man, wenn man ein wenig Zeit hat und nicht unbedingt gleich los muss. So auch dieses Mal, eines der unzaehligen auf meiner Reise.
Ein Mitarbeiter von Eduardo, dem Betreiber der grossen Boote nach Iquitos, laeuft uns ueber den Weg. Wenig spaeter checken wir im Hostel aus, kaufen ein paar Sachen ein und haengen unsere Matten im Boot auf. Erst heisst es, wir wuerden noch sicher heute Mittag auslaufen, dann ist es nicht klar und als wir dann auf dem Boot sind ist es schon wieder mañana. Damit hatten wir aber gerechnet und die Uebernachtung auf dem Boot kostet uns nichts. Nur werde ich ein wenig nervoes als ich von den Leuten auf dem Boot hoere, dass es seit fuenf Tagen “¡mañana!” heisst. Also mache ich, was man in Sued Amerika niemals vergessen sollte – mich entspannen. Laufe wieder zum Plaza, trinke mit den anderen Bier und setze mich mit ins Internetcafé. Ploetzlich kommt Fernando an die halb-geschlossene Gittertuer und ruft ganz aufgeregt ins Café hinein. Keine Zeit ist mehr zu verlieren, das Boot soll in jedem Moment abfahren. Wir rennen also den ganzen Weg zurueck, barfuss durch die halbe Stadt, die Einwohner gucken den wild gewordenen Gringos etwas verwirrt hinterher. Ich muss lachen und deshalb kurz pausieren – gerade wenn man sich auf das uebliche Tempo einstellt passiert genau das Gegenteil. Wann faehrt hier schon etwas frueher ab als angekuendigt? Ein Novum! Aber es ist nicht unser Boot welches losfahren will sondern ein anderes welches ploetzlich sich zwischen die anderen gequetscht hat. Es ist viel kleiner, aelter und jetzt schon voller. Rennen also hoch auf das erste um unsere Haengematten wieder abzubauen und die Rucksaecke zu holen und stolpern ueber mehrere Holzstege auf den alten neuen Kahn der nach Iquitos abfahren soll. Die Crew, wer auch immer da wirklich dazu gehoert, schaut uns etwas verwirrt an und fragt ein paar Mal nach als wir darauf bestehen, auf das oberste Deck zu wollen. Schliesslich sind wir doch oben angekommen, keiner weiter ist da ausser vier Hollaenderinnen – shevre!
Versuche weiter zu schlafen, doch es ist unmoeglich. Beinahe alles ist schon nass – meine Hose, T-Shirt, Fuesse und die Haengematte – beginne zu frieren. Es bleibt fast allen nichts anderes uebrig ihre Haengematten im dunkel des Tropenregens irgendwie abzubauen, mit ihnen ueber das komplett ueberschwemmte Deck zu watscheln und an einer anderen, weniger nassen Stelle wieder aufzuhaengen. Bei dieser Aktion setzt Fernando sich zum Schluss mit seinem Schlafsack neben seine Matte und kracht komplett hilflos auf den ueberfluteten Boden. Keiner kann mehr vor Lachen an sich halten, nur Antonio kann weiterhin unserem verdammten Glueck auf den Wegen nichts abgewinnen. Weniger spaeter manoevriert das Boot bei weiter stroemendem Regen in die Baeume am Ufer. Die Aeste krachen in unsere Deck, Blaetter segeln durch die Luft. Stille. Allerhand Insekten beginnen sich ueber uns her zu machen. Der Urwald schreit, pieps, summt und rumort, und alles wird orchestral begleitet vom Prasseln des Regens. Bekomme Angst, keine Ahnung was die Jungs da vorne machen. Es ist kein Haus, nichts zu sehen warum das Boot hier anhalten sollte. Nach einer Weile loesst sich das Schiff wieder und wir trudeln auf der anderen Seite dieser relativ schmalen Stelle wieder in die Baeume. ¡Mono, mono! Mache die Augen zu und versuche zu schlafen, geht aber ueberhaupt gar nicht. Darum ab zum Kapitaen in den lustigen Shorts. “¡Traquilo, no pasa nada!” Das seh ich, darum mach ich mir ja Sorgen. Aber das ist typisch – es gibt eine klare Rollenverteilung und interaktive Kommunikation findet nicht statt. So lege ich mich wieder in die Matte und schaue den Blaettern beim tropfen zu. Irgendwann geht es dann zum Glueck doch weiter. Am naechsten Morgen schaelen wir uns aus den Haengematten und das grosse Trocknen und Wischen beginnt. Der Himmel reisst etwas auf was das ganze unheimlich erleichtert. Im Laufe des Tages kommt sogar die Sonne raus, wir schippern jetzt auf dem Rio Marañón und die Fahrt beginnt eines der schoensten Dinge zu werden, die ich auf meiner Reise bisher gemacht habe.
Die zwei Naechte und zwei Tage auf dem Schiff sind grandios. Wir halten ueberall, an fast jeder kleinen mit Palmenblaettern bedeckten Huette an – die Bewohner brauchen nur mit einem weissen Tuch zu wedeln. Jedes Mal stuermt das ganze Dorf mit Fruechten, Reismix in Palmenblaettern, Fischen, Kokosnuessen und Papagaien auf das Schiff. Es ist immer ein gutes Geschaefft. Viele Haeuser am Rand des Flusses sind bis zum Dach unter Wasser. Die Bewohner sind in andere, mit hoeheren Stelen gefluechtet. Immer wenn wir irgendwo auftauchen kreuzen die Dorfbewohner mit ihren Einbaumbooten auf und umzingeln uns. Manchmal kann man das Dorf auch gar nicht sehen. Nur ein kleiner freier Kanal durch die Uferpflanzen verraet die Anwesenheit einer Siedlung. So ist es lustig im Nichts anzuhalten und ploetzlich tauchen kleine Boote auf und irgendwer oder irgendwas gelangt auf das Schiff. An einer Stelle bekleiten uns rosa-farbige Flussdelphine eine Weile.
Ich kaufe Fisch von den lokalen Fischern und Abends gibt es auf dem Gringodeck Fischsuppe mit Reis. Das Abendbrot von unserem Koch ist leider nie so gut wie das Mittag. Die Suppe aus gemahlenen und gezuckerten platanos in Flusswasser mag mir einfach nicht schmecken. Spanne die Slackline zwischen den Wassertank und unserem Dach und wenn die Sonne gerade nicht scheint tanzen wir ueber das Seil. Ab dem zweiten Tag haben die Kinder uns entdeckt und es war Schluss mit der Ruhe.
Auf dem Wasser ist es so feucht, dass nichts trocknet. Mein Kopfkissen ist jede Nacht triefend nass bevor ich mich ueberhaupt hingelegt habe. Im Gegensatz dazu ist es fast unmoeglich sich in der Sonne aufzuhalten. Nach fuenf Minuten habe ich das Gefuehl irgendjemand wuerde mir mit dem Loetkolben Bilder auf den Ruecken malen. So ist der Sonnenauf- und untergang nicht nur optisch die schoenste Zeit am Tag.