Der Wind pustet, die Robben schreien auf den Felsinseln vor der Kueste, es ist Paarungszeit.
Sonntag, 17:00, die ganze Tribuene Amsterdam faengt an zu wackeln, der blaue Himmel ist ploetzlich grau, voll Rauch der unzaehligen Raketen die in den Himmel geschossen werden, ein Papierblaetterregen geht auf mich herab, ohrenbeteubendes Schreigesinge, es ist Derbyzeit, Gaensehaut, Atlético Peñarol gegen Nacional im Estadio Centenario, dem Austragungsort der ersten FIFA Weltmeisterschaft 1930. Von einst 100.000 Plaetzen sind noch 76.000 uebrig, doch diese laecherliche Zahl reicht im, wie mir scheint, seit 1930 unveraendertem Stadion die Stimmung mitten durch all meine Nerven auf den Platz zu bugsieren. Wir geraten durch uralte Betonggaenge ohne jeden Schnick-Schnack mitten ins Getuemmel. Die Fankurven und den Platz trennen zwei Zaeune und ein Wassergraben, die Kameras hinter den Toren werden manuell bedient, ein Typ hockt auf einem Sitz der an einem langen Metallarm befestigt ist, dieser wird abwechselnd von zwei anderen per Hand hin und her geschlenkt, extraklasse! Stehe etwas verstoert ob der ueberwaeltigenden Stimmung irgendwo zwischen lauter roten Augen und geld-schwarzen Trikots! Kurze Hosen, wahnsinnige Augen, abgearbeitete Haende und Gesichtszuege, die Besucher scheinen nur fuer diesen Moment zu leben. Alle kippen vor Begeisterung fast in den Vordermann, als die Mannschaften erscheinen, Sicherheitsmassnahmen gibt es nicht, alle Fluchtwege verstopft, alles stapelt sich.
Rafael erzaehlt mir, dass sich bei den Boca Juniors selbst die kleinsten Fans auf bestimmten Tribuenen mit Wein und Drogen schmerzfrei pushen, dort kann man nicht ohne Genehmigung des Oberhools rein, auch extraklasse! Im Estadio Centenario geht es weit ruhiger zu, policia gibt es trotzdem nicht, denn die waere sonst tot, wie mir Rafa erklaert, weiterhin extraklasse, nicht?! Vor dem Stadion wurde mir erklaert das WIR fuer Peñarol sind. Ok, kein Problem, denn jede Vernunft verbietet in diesem Hexenkessel fuer irgendwen anderes oder fuer einfach niemanden zu sein, vieleicht fuer ein gutes Spiel. Das wird es nicht, zudem Peñarol, das Team der frueheren Arbeiterklasse, durch einen Strafstoss 0:1 verliert. Es sind die Gesaenge, die massive Energie der Fans, die sonst wohl nicht so viel zu feiern haben, die mir die Haare zu Berge stehen lassen. Am Ende gehen alle etwas geknickt fein saeuberlich wieder nach Hause. Einen so ordentlichen Auf- und Abgesang soll es hier seit Urzeiten nicht mehr gegeben haben, muss mit der durch den Tot mehrerer Fans vor ein paar Wochen verordneten Spielpause zu tun haben. Zugeben, werde trotz gewisser Fussballgleichgueltigkeit neugierig auf La Boca, doch das habe ich verpasst, sei es drumm.
Am Montag steige ich frueh in den Bus nach Cabo Polonio, 300km die Kueste entlang Richtung Brasilien. Nach 4 Stunden Kuhweiden und Palmen hiefe ich meinen Rucksack auf einen gelben Truck, der mich an die Kueste bringen soll, Autos sind nicht erlaubt.
Die Hitze brennt wieder, mir wird leicht schwindelig, versuche neben meinem Rucksack Schatten zu entdecken, vergebens. Das gelbe Ungeheuer steuert gut 20min durch Strandsand an kleinen Baeumchen und Straeuchern vorbei, auch von denen ist keine Hilfe zu erwarten. Der Duenensteifen der Uruguayanischen Kueste scheint gigantisch zu sein. Endlich blitzt himmelblaues Wasser zwischen dem schneeweissen Sand und den leuchtend gruenen Straeuchern auf. Das Gruen verschwindet und entlaesst den Truck in eine Art Steppe weissen Strandsandes, am Horizent entdecke ich ein paar kleine Huetten und einen Leuchtturm. Der Motor quaelt sich durch den Sand und kann erst, im Gegensatz zu mir, wieder Luft holen als wir das Wasser und festen Strandsand erreichen. Vorbei an einem gigantischen verwesenden Wal, der eine bestialisch stinkende Wolke Verwesungsgestankes in den Wind stellt, wieder rein in die Duenen und ins Dorf. Keine Elektrizitaet, kein fliessendes Wasser, keine befestigten Wege, nichts! Falle von der Ladeflaeche und quatsche kurz mit ein paar Typen, die mich fragen wo ich uebernachte.
Bin mir noch nicht ganz sicher
was ich hier in dem Naturschutzgebiet wem sagen kann, darum erzaehl ich erstmal irgendwas. Folge ihnen und stromer ueber den Strand, durchs Dorf und ueber die Klippen neben dem Leuchtturm als ich sehe, dass sie irgendeine Huette ansteuern. Muss mehr Spanisch lernen! Auf den vorgelagerten Felsinselchen kreischen und schreien die Robben. Stolpere fast ueber eine, als ich staunend entdecke, dass auch auf den Felsen neben dem Dorf es von Robben nur so wimmelt. Bin ueberwaeltigt ob der Urspruenglichkeit des Ortes, Schlangenspuren in den gigantischen Duenen des Nordstrandes, ein toter Pinguin und einige tote junge und alte Robben am Strand, 2 Voegel die mich im Sturzflug immer und immer wieder attackieren als ich ihrem Nest zu nahe komme, himmelblaue angeschwemmte Quallen im Strandsand und rosa-lila schillernde Muscheln. Die Haeuser machen den Eindruck, als ob sie mit den Duenen mitwandern, sie schwimmen auf dem Duenenmeer. Treffe Santiago im Dorf wieder, der mir verwundert noch einmal die gleichen Fragen stellt. In seiner Huette am Strand angekommen, gibt es zusammen mit Sebastián, einem Argentiner und Raúl einem anderen Typ aus Montevideo abends Rotwein und Gitarrenklaenge unter dem suedlichen Sternenzelt. Rennen nochmals zum Strand, springen wie angestochen durch die Brandung, jedes Mal wenn wir mit den Fuessen aufkommen ist es, als ob wir die Elefanten im Porzelanladen der Sterne sind, zahllose kleine Lichter stieben unter unseren Fuessen auseinander, toben, blinken und erlischen nach einer kurzen Zeit wieder, Sternenstaub umgibt mich, reise, traeume mit ihnen ueber den Ozean, es ist zauberhaft! Wenig zielsicher steuern wir anschliessend wieder zurueck zur morschen Huette, Bammel ueber einen der Kadaver zu stolpern lae
sst mich erschaudern. Muede und zufrieden krieche ich spaeter zu unbestimmter Zeit in meinen Schlafsack und lasse mich im Rauschen der Brandung von den Mustern der Sternendecke und dem gleissenden Licht des aufgehenden Mondes zudecken und schliesse die Augen. Nur der Hund der Nachbarhuette reisst mich kurz mit seiner Zunge aus dem Schlaf, bevor ich dann den kompletten folgenden Tag durch diese Mondlandschaft renne, staune, sitzen bleibe, lese, Robben besuche, schreibe, springe und mich am Ende des Tages ein schmerzender Sonnenbrand auf meinem Ruecken begruesst, bin wohl nicht ueberall angekommen mit der Sonnencréme. Mir geht es schlecht, bin muede und will nur schlafen. Santiago, Sebastián und Raúl, die beeindruckender Weise alle einen gehoerigen Respekt vor kleinen Spinnen haben, machen sich noch auf zu dem einzigen Pub im Dorf, Sehmannsgarn unter den Sternen, ein blinder Wirt und etwas Musik aus einem kleinen Radio. Schade, aber die Sonne hat mich an diesem Tag besiegt. Stehe am naechsten Tag nach 10h wieder auf, die Sonne ist immer noch da, also Kaffee im engen Schatten der Huette. Muss mein restliches Geld zusammensuchen, habe vergessen ausreichend einzustecken, reicht aber gluecklicherweise noch fuer eine Wasserflasche und den Truck zurueck zur Strasse. So begleiten mich am Nachmittag die Weiten der Uruguayanischen Ebene wieder nach Montevideo wo ich gekonnt, diesmal mit ausreichend cambio, den Bus zurueck zu Rafas Wohung nehme und nach einer Weile erleichtert den Schluessel in meinem Rucksack entdecke, ihn ins Schloss stecke und unter der Dusche kuehles Wasser ueber meinen Sonnenbrand rinnen lasse und meine Gedanken ueber die letzten beiden Tage schweifen lasse.
Montevideo y Uruguay. Das Land ist geographisch, oekonomisch wie auch politisch zwischen den beiden grossen Nachbarn Argentinien und Brasilien eingequetscht, hin und her gerissen und abhaengig. Montevideo ist mit seinen rund 1.5 Millionen Einwohnern ein Vorort von Buenos Aires. Der Kuestenstreifen besteht nur aus Sand und Wind, Unmengen an
Touristen ueberrennen in den Sommermonaten Januar und Februar die Straende. Punta del Este im Westen von Montevideo ist eine der meist besuchten Ferienstaedte in Sued Amerika. Ansonsten hat das Land auch nicht viel mehr spektakulaeres zu bieten, es sei denn, man steht auf Kuhweiden, Reisanbau, Felder und Graslandschaften und endlose schnurgerade Sandwege dort hindurch. Der Atlantik ist hier, im Gegensatz zu dem Sueden von Brasilien noch etwas kalt, darum findet man die Touristenschwaerme meist nur am Strand nicht aber im Wasser. Wegen diesen Invasionen hat das Land entschieden Weihnachten in das Fest der Familie umzubenennen und Ostern in die Woche des Tourismuses, um der doch etwas schraegen Angewohnheit der glaeubigen Nachbarn, sich zu diesen heiligen Tagen wie Heuschrecken ueber die Uruguayanischen Straende herzumachen, Tribut zu zollen. Die Hauptstadt Montevideo ist eine eigenartige aber characktervolle, die Slums im Westen gehen in Hafengebiete, Zentrum und historischen Kern und in gigantische Einfamilienhaeusersiedlungen und breiten Straenden im Osten der Stadt der drei Gesichter ueber. Die Stadtanlage ist grosszuegig, einst geplant als reiche Stadt gibt es breite Strassen, viel Gruen, grosse Parks, weite Wege und kaum hohe Gebaeude. Alle Haueser sind hinter spitzen Zaeunen versteckt, zur Sicherheit sind auch noch saemtliche Fenster der unteren Etagen vergittert. Des Nachts soll man zur Sicherheit mitten auf der Strasse gehen, so unsicher wirkt es nicht, doch die Armut ist sichtbar. Die Menschen in diesem schwarzen Fleck der internationalen Reiselandkarte sind, vieleicht gerade deshalb, herzlich, offen, neugierig und unheimlich gastfreundlich.
Mittwoch Abend verabschiedet mich ein Tangoabend in einer Tanzschule einer Freundin von Rafael aus der Stadt und dem Land, der ist echter, wirkt einfuehlsamer und kraeftiger, sinnliche und erotischer als der Showtango in der Calle Florida in Buenos Aires. Rafa bringt mich Donnerstag noch zum Tres Cruces, das Taxi welches wir nehmen muessen weil wir natuerlich die Zeit verdallert haben, ist viel zu klein. Der Fahrer kann kaum schalten weil mein Rucksack vorne auf seiner Hand liegt, wir hinter der schussicheren Scheibe auf der Rueckbank spekulierend neben wem ich wohl sitzen werde, denn die Regel besagt: Je mehr man sich wuenscht neben einem netten jungen Maedel zu sitzen, desto fetter der Typ der es am Ende wird. Ich finde mich schlussendlich neben der schoensten und nettesten Argentinierin wieder, die ich bisher getroffen habe und habe die ganze Nacht Zeit mein Spanisch zu ueben – ¡Suerte!