Der Bus faehrt von Uyuni los. Wieder ist es ein Gluecksspiel ob Fenster aufgehen und wenigstens ein wenig frische Luft uns am Leben erhaelt. Dicht bepackt, das Gepaeck auf dem Dach, die Scheiben verschmiert kriecht er die ersten Huegel hoch, in der Ferne ist der Salar noch zu sehen, links und rechts stehen Kakteen majestetisch auf den Bergen. Es ist Regenzeit, die Strasse ist ein Desaster. Immer wieder muessen wir Flusslaeufe durchqueren – da hilft nur die Hoffnung, dass kein Schieben angesagt ist. Am Ende brauchen wir acht anstatt sechs Stunden fuer die Strecke von 210 Kilometern – nicht so schlecht, denn es kommen uns auch andere Geschichten zu Ohren. Zum Beispiel von Argentiniern die von der Grenzstadt Villazón bis Potosí nicht die veranschlagten 10 Stunden, sondern nette 27 brauchen, ohne Klo, ohne Essen – einfach so.
Potosí ist eine Minenstadt. Der Sumaq Orqo, in Quechua, oder cerro rico tront wie eine fruchtbare Frau ueber der Stadt, so jedenfalls verstehen die Einheimischen ihren Hausberg. Der Glanz vergangener Zeiten ist nicht ganz erloschen auch wenn die Spanier laengst fort sind. Hinterlassen haben sie eine wunderschoene Altstadt die sich mit tausenden kleinen Gassen an die Huegel schmiegt. Die Realitaet ist aber abseits touristischer Romantik hart. Es arbeiten immer noch viele Menschen, ja ganze Familien, in dem Berg. 50 Bolis, rund 6,50€, ist der Wochenlohn eines Arbeiters der unter mittelalterlichen Arbeitsbedingungen cocablaetterkauend schutzlos die Gaenge entlangkriechen muss. Meist arbeiten auch Kinder in den Stollen weil sonst der Familienunterhalt nicht zu bewerkstelligen ist. Da stehen wir nun und wollen Spass, Spannung und Sinn, Abendteuer und die Welt entdecken und diese armen Teufel sterben ohne das jemand Notiz davon nimmt. So ist auch fuer mich ein Besuch in den Minen ein moralisches Dilemma. Hauptattraktion ist naemlich ein Besuch in den Minen der touristisch vermarktet wird. Auf der einen Seite bekommen die mineros auch einen, wenn auch sehr geringen, Teil der Einnahmen, auf der anderen Seite habe ich nicht die geringste Lust als europaeischer Elendstourist mir staunend anzuschaun, wie die Menschen im Abgrund der Hoelle ihren Lebensunterhalt verdienen – oder halt auch eben nicht – und dies dann als “Abendteuer” oder “Event” in mein Reisetagebuch zu schreiben. So entscheide ich mich nicht zu gehen, es sei denn ich lerne einen Einheimischen kennen und es ergibt sich was.
Roberto geht, waehrend Pamela und ich lesend und kochend im Hostel warten. Nach seinem Bericht bin ich unentschieden, ob ich nicht doch haette gehen sollen – sei es drumm. Die Tage in Potosí erkunden wir weiter Bolivien und seine Einwohner. Die schmalen Strassen sind verstopft, ein Polizist versucht den Verkehr zu ordnen, wer auf ihn hoert hat schon verloren und so geht alles seinen gewohnt bolivianischen Gang, heisst, es geht nicht viel. Ich renne meist mitten auf der Strasse zwischen den kriechenden oder stehenden Autos hindurch weil das meist der einzige freie Weg ist – es macht Spass, ist eine Art Geschicklichkeitsspiel. Roberto ruft hinter mir her: “Ey, Germany crazy!!” – diesen Spitznamen werde ich in allen Spanisch-Englischen-grammatischen Abwandlungen nicht mehr los. Ueberall hupt es und auch hier sitzen an jeder Strassenecke Cholitas die versuchen alles erdenklich moegliche zu verkaufen. Leider ist es weiterhin schwierig sich aus der Touristenhuelle zu loesen und wie in Chile und Argentinien Teil des Lebens zu werden – ein bescheuertes Gefuehl. Argwoehnisch gucken auch hier die Einheimischen hinter uns her, sprechen kaum, sind genervt oder frustriert, Ablehnung trifft uns fast ueberall auch wenn wir versuchen uns von den Kanadiern zu unterscheiden, die wir auch hier wieder treffen – diesmal ob der Hoehe von ueber 4000 Metern nach ein paar Bier total betrunken.
Nach drei Naechten fahren wir weiter nach Sucre, la capital constitucional y histórica de Bolivia – la ciudad blanca, so genannt wegen den durchgaengig weissen Colonialbauten im Stadtkern. Die Fahrt geht fast durchgaengig bergab da Sucre auf laecherlichen 2750 Metern liegt. Mit der Hoehe nimmt auch die Zustimmung zu Evo Morales ab, wir verlassen Evo”Si”-Land und tauchen ein in die Hoehe der gemischten Meinungen. Trotzdem ist die Strasse noch gesaeumt von angepinselter Symphatie, denn die Infrastrukturmassnahmen werden zumeist von aermeren Bolivianern durchgefuehrt die von Morales’ Politik der dignidad, wie zum Beispiel der renta dignidad, profitieren. Seine Politik, “¡Cambio!” beguenstigt die zumeist indigenen Bewohner der Berge und dementsprechend ist die Propaganda dem leider niedrigen Alphabetisierungsgrad angepasst.
Diesmal gehen die Fenster im Bus auch wunderbar zu oeffnen und so merke ich wie sich das Klima jeden Kilometer veraendert und milder wird. Baeume tauchen auf, die Felsen werden gruener und die Luft wird feuchter. Angekommen lassen wir unsere Rucksaecke in der Busstation und tingeln durch die Stadt. Kaufe mir einen grossen Sack fuer meinen Rucksack fuer zukuenftige Bustransporte denn durch das Gewicht in Kombination mit den vielen Busreisen ist er schon relativ stark in Mitleidenschaft gezogen worden, ausserdem ist ein Bolivianischer Plastiksack weniger interessant als ein gruener “Greengo”-Rucksack. Wir fahren noch am Abend weiter nach Cochabamba um von dort nach Villa Tunari in den Jungel runter zu fahren und dann von Puerto Villarroel nach Trinidad mit dem Schiff, wollen keine Staedt mehr.
Die Fahrt dauert zehn Stunden. Nachts haelt der Bus gluecklicherweise auch mal an, denn jegliche Sanitaeren Anlagen sind Fehlanzeige und der kleine enge Sitz mit fast keiner Beinfreiheit bohrt sich in meinen Ruecken. Ich frage mich, wie das der Typ zwei Reihen hinter mir macht – er ist mindestens zehn Zentimeter groesser. So schluepfe ich gebeugt wie eine Cholita aus dem Bus in dem es fast kein Sauerstoff mehr gibt und finde mich in naechtlicher feuchter Hitze wieder – wir muessen die ganze Zeit bergab gefahren sein. Vor uns liegen noch einmal fuenf Stunden wieder bergauf, denn Cochabamba mit seinen ueber 1.500.000 Einwohnern liegt nur 200 Meter tiefer als Sucre. Der erste Teil des Stadtnames bedeutet auf Quechua “See”, auch fuer uns wird die Lagune inmitten der Stadt, die von einer 40 Meter hohen Christusfigur auf einem Huegel bewacht wird, erhebliche Bedeutung erlangen. Halb sechs kommt der Bus an und wir verbringen noch eine Stunde im Terminal um nicht im Dunkeln im Bahnhofsviertel rumhuepfen zu muessen, dann geht es los. Rennen rum, fast alles hat noch zu und so wartet Roberto an einem Hostel und Pamela und ich gehen weiter auf die Suche – ohne Rucksaecke. In der calle 25 de Mayo fragt uns ein kleiner untersetzter Typ mit Aktenkoffer nach dem Weg zum Terminal. Pamela quasselt los und ich guck weiter voellig uebermuedet in der Gegend herum. Ploetzlich kommt ein anderer Typ von was weiss ich woher angesprungen, fuchtelt mit einer Plasikkarte rum und schreit irgendwas von Falschgeld, Drogenkontrolle weil es Cochabamba so viele Drogendelikte gibt. Er ist wahnsinnig hektisch, laesst uns keine Ruhe und will unsere Ausweise sehen. Irgendwie erinnert er mich an die OS7 in Chile und nach den Geschichten der Polizei aus Venezuela komm ich erstmal gar nicht auf die Idee, dass irgendwas falsch sein koennte. Ist es aber, denn nur wenig spaeter bin ich 200 Euro, 300 Bolivianos und 100 Sols los!
In Bolivien ist alles moeglich, Lektion drei. Verdutzt stehen wir an irgendeiner Ecke, Pamela ist all ihr Geld los, rund 70.000 Pesos. Voellig verdattert trotten wir zu Roberto zurueck der uns natuerlich erstmal nicht glaubt. Als denn aber schnell klar wird, dass es doch kein Spass war, checken wir sofort im Hostel “Elise” ein und gehen erstmal fruehstuecken. Die Stimmung ist natuerlich ganz wunderbar – das erinnert die beiden an einen Fernsehwerbespott der Chilenischen Regierung, der helfen soll, Menschen denen etwas unglueckliches passiert ist wieder auf die Beine zu helfen. Die Melodie und “pensar positivo” am Schluss bringt uns jedes Mal zum Lachen und wird somit zur Hymne fuer zukuenftige Missgeschicke. Legen uns kurz schlafen und machen uns dann auf zur policia turistica. Dort erklaert man uns, dann man uns hier nicht helfen kann, wir zur Laguna Alalay muessen, dort sei die zustaendige Behoerde. Wir sollen aber aufpassen und ein Taxi nehmen, denn dort ist es gefaehrlich! Irgendwie muss fuer Bolivien SimCity umgeschrieben werden. In Bolivien ist alles moeglich, Lektion vier.
Ein Bolivianisches Polizeirevier. Also geht es ab zur Polizeistation. Dort ist es erstmal schwierig ueberhaupt irgendwen zu finden. Ein Haus weiter gelangen wir dann an den richtigen. Der Typ zueckt nach langem zoegern ein kleines Stueck Papier und faengt an sich Notizen zu machen. Der Fernseher laeuft weiter und so muessen wir viele Sachen zwei Mal sagen, weil er uns nicht versteht. Der Raum ist dunkel, die Decke der Baracke niedrig. Immer wieder schielt der Polizist hinter seinem kleinen Holzschreibtisch hervor auf dem sich nichts weiter befindet als ein Hefter, die Fernbedienung des Fernsehers und jetzt zum Glueck auch ein kleines Stueck Papier mit Notizen. Eine Lampe haengt krumm von der Decke und spendet kuschliges Schummerlicht. In diesem Schuppen wuerde in Deutschland niemand freiwillig sein – er erinnert mich ein wenig an die verfallenen Baracken in Rostock, die ich als kleiner Junge auf den unendlichen Streifzuegen in alle Ecken der Altstadt gefunden habe – nur hier sind die Fenster nicht zerschlagen, sonst besteht kein anderer charakteristischer Unterschied. Zum Glueck finden sich noch zwei Stuehle, Marke Holzstuhl-Grundschule, und wir koennen auch sitzen. Ploetzlich kommen zwei andere Polizisten in zivil rein, ihre Schiesseisen wie Cowboys hinten im Hosenbund tragend und schieben einen Jugendlichen vor sich her. Der Trupp biegt in den engen Flur in ein anderes Zimmer ab. Ploetzlich wird es unruhig, unser Zustaendige rennt auch nach hinten, hinter verspiegelten Fenster renne zwei andere in Richtung des Raumes. Es knallt wieder und immer wieder, sie scheinen mit irgendetwas hartem auf den jungen Mann einzupruegeln – bei jedem neuen Schlag zucke ich weiter zusammen. Wir sitzen mit weit aufgerissenen Augen da und koennen es nicht fassen – bloed komm ich mir vor mit meinem Anliegen einen offiziellen Zettel wegen des Ueberfalls haben zu wollen. Irgendwann hoeren die scheppernden Schlaege auf – uebrig bleibt ein leises Wimmern. Dann werden wir in den Raum gebeten, bin mir nicht sicher ob ich da wirklich rein will, aber es ist zu spaet. Pamela wartet vor der Tuer und ich muss mich hinter den Bildschirm klemmen und Powerpointpraesentationen und Worddokumente voll Photos potentielle Taeter durchgucken. Der junge Mann haengt gleich hinter meinem Bildschirm in der Liegestuetzeposition mit den Fuessen auf dem Schreibtisch und mit den Gesicht im Dreck. An einem anderen Schreibtisch tuscheln die Typen in zivil irgendwas. Ich kann mich kaum auf die Bilder konzentrieren – “¡No, no, no, no… !”. Dann ist Pamela drann. Sie identifiziert den Typen mit dem Aktenkoffer sicher und den falschen Polizisten mit hoher Wahrscheinlichkeit. Ich werde wieder reingebeten, mir rauscht der Kopf, will nur noch weg. Dann fragt uns der Typ noch wie lange wir in der Stadt sind. Er will die Taeter fassen lassen und wir sollen wiederkommen und identifizieren. Das ist uns dann wirklich nichts nach der Aktion! So sollen wir am Montag frueh wiederkommen um uns das offizielle Dokument zur Tat abholen. Voellig entrueckt stehen wir wenig spaeter vor der Baracke.
Am naechsten Tag fahren wir wieder hin. Unser zustaendige Typ ist noch nicht da, so setzen wir uns eine Weile ins Café in der Station. Irgendwann taucht er dann auf, muss alles noch einmal aufschreiben, weil das Schmierzettelchen von gestern natuerlich nicht mehr da ist und eine ganze Weile spaeter halten wir zwischen den unzahligen anderen Bestohlenen und Ausgeraubten endlich den Wisch in der Hand – das Papier mussten wir vorher kaufen gehen. In Bolivien ist alles moeglich, Lektion fuenf.
Auch in Cochabamba gibt es an jeder Ecke pollo. Es ist billig und man kann es hoechstens eine Woche lang essen. Pamela ist die erste die aufgibt. Am Montag Abend, ich bin schon laengt weggepennt, rennen die beiden noch einmal zur naechsten Ecke neben unserem Hostel. Das Essen kommt ohne Messer. Als sie danach fragen wird ihnen mitgeteilt, es sei zu gefaehrlich hier Messer auszuteilen, darum gaebe es keine. Schnell haben sie gegessen, sehr schnell. In Bolivien ist alles moeglich, Lektion sechs. Am Dienstag geht es Pamela dann richtig elend – pollo war wohl nicht mehr gut, ist ja auch schwierig bei fritiertem Huhn zu erkenne wie alt es schon sein mag.
Ich bin immer frustrierter in Bolivien, die Touristenglocke bleibt bestehen und die Leute gucken uns ob alleine, zu zweit oder zu dritt nicht mit dem Arsch an. Langsam ist es mir dann auch egal. Am Dienstag wollen wir eigentlich nach Villa Tunari, runter in den Jungel, doch Pamela geht es den ganzen Tag schlecht und sie liegt im Bett. Roberto und ich machen uns auf die Suche nach etwas zu essen und als es im “Kikiriki” kein frisches Huhn mehr gibt gehen wir quer ueber die Kreuzung, genau auf die andere Seite ins “Kokorokoo”. Immer noch steht im Raum ob selva wirklich Sinn macht. Ich bin nach unserem Ausflug ins Polizeirevier der Meinung, dass ich die dazu gehoerigen Krankenhaeuser unter keinen Umstaenden kennenlernen will. Zurueck im Hostel treffe ich auf zwei alte Damen mit grossen Rucksaecken, die beiden moegen so zwischen 55 und 65 Jahren sein – super schoen! Quatsche eine Weile mit ihnen und zum Schluss steht fest – kein Jungel fuer mich, keine Bootstour nach Trinidad! Peru und Ecuador haben auch Jungel und zwar mit weniger Dengue – passt mir irgendwie besser. In Kolumbien wird es leider nicht moeglich sein denn im Jungel sitzt immer noch die FARC.
Also entscheiden wir uns direkt nach La Paz weiter zu fahren und steigen, entgegen den Plaenen nach dem Ueberfall nicht mehr ueber Nacht Bus zu fahren, um 23 Uhr in den Nachtbus wieder rauf auf das Altiplano – ¡vacan!.