Matías Hand rast auf meinen Unterschenkel – Aufwachen – die Carabineros sind im Anmarsch, zwei gruene Gestalten zu Pferd kommen naeher, wir, unter einem Strohdach am Strand von Viña del Mar, versuchen gerade nach einer Silvestertour durch Valparaíso am Strand neben der in der Gischt spielenden Robbe zu schlafen. Das gelingt nur eine Minute. Die Carabineros meinen es wirklich ernst, einer plaziert sein Pferd direkt neben Matías, droht, wirkt aggressiv und wenig gespraechsbereit. Wir muessen den Rest aus der Piscoflasche in den Strandsand kippen, eine Drohung spaeter reiten die beiden Typen weiter zum naechsten Schatten. Was fuer eine Scheisse, ohne Schatten keinen Schlaf! So irren wir noch eine Weile durch Valpo und Viña, essen grandiosen Fisch in einer alten Fischhalle am Wasser, springen ins Wasser, und machen uns am Nachmittag des Neujahrstages auf den Rueckweg nach Santiago.
Ueber Santiago gibt es keine Wolken von November bis April, plane ein BBQ im November fuer April, du wirst gutes Wetter haben. Santiago liegt in einem langestreckten Tal zwischen den Anden und einem kleinen Gebirgspass am Wasser, ganz Chile wohnt in einem Umkreis von 300km. Wohne bei Matías zu Hause in einem eigenen Zimmer mir Badezimmer, werde unendlich herzlich aufgenommen, kann mein Glueck mich am anderen Ende des Erdballs zu Hause zu fuehlen kaum fassen.
Bin ueberrascht ueber den ueberall praesenten Deutschen Touch, die ganze Familie, ausser Alejandro der Vater, spricht Deutsch, Kochbuecher auf Deutsch, Grimms Maerchen, Duden und Sprichwoerter. Das ganze Viertel ist gepraegt von der Naehe zu Deutschland, hier ein Aufkleber an einem Auto, dort ein Haufen Deutscher Produkte im Supermarkt, nicht selten verstehe ich alles was die Leute sprechen. Hier scheint es mehr Rothaarige zu geben als bei uns. Die Wohung liegt in einem der neuen Hochhaeuser fuer Besserverdienende in Las Condes in der Naehe der Anden. Wer es sich leisten kann zieht aus der unmittelbaren Zentrumsgegend. Neue Wohn- und Geschaeftshochhaeuser spriessen ueberall aus dem Boden, Hilton-Eingangsbereiche, Swimmingpools, Gelaendewagen, Banken, Hotels. Direkt vor der Tuer liegt die Deutsche “Rauchfreie” und die Arabische Schule. Das Gruen wird jeden Tag automatisch oder in Handarbeit gewaessert, eine Oase inmitten des trockenen Klimas des Tals. Wer hier wohnt hat es geschafft, die alten kleinen Plattenbauten verschwinden langsam, somit auch die Leute die jetzt noch in ihnen wohnen, und somit auch viele Jobperspektiven als Servicekraefte in den Konsumtempeln der pulsierenden Mittelschicht. Chile ist nicht Argentinien, alles schein besser organisiert, sicherer, ein bisschen teurer und der Nationalheld der Befreiung ist ein anderer. Ab jetzt ist es nicht mehr San Martín sondern Bernardo O’Higgins, der mich durch die Staedte und Landschaften begleitet, Strassen, Plaetze und Seen sind nach ihm benannt. Im Sueden gibt es einen See, der auf der Chilenischen Seite O’Higgins und auf der Argentinischen San Martín heisst. Der Tag der Befreiung ist jetzt nicht mehr der 25. Mai sondern der 21., die Orientierung faellt leicht.
Dienstag Abend gehen wir zusammen mit Diego, dem Freund von Matías Schwester die gerade in Wuerzburg ist, nach Providencia, dem Barsceneviertel. Eine Bar nach der anderen, kleine alte mehr oder weniger verfallene Kolonialhaeuser hier und da, die Strassen voll mit Leuten, diese Orte scheinen sich von Stadt zu Stadt nur wenig zu unterscheiden. Matías hatte mich schon vor den gefraessigen chílenischen Maedels gewarnt. Ich habe es ihm nicht so recht geglaubt, aber nicht ein Moment vergeht, in dem nicht irgendeine auf mich aufmerksam wird, mir zuzwinkerte, mir etwas zuruft oder einen leicht verstohlenen Blick in Richtung unseres Tisches wirft, mit oder ohne Freund, es spielt keine Rolle. Zwischendurch kommt ein Chinchinero vorbei, ein Typ in einem traditionellen Kostuem mit Trommel auf dem Ruecken die er mit Haenden und Fuessen bedient und dabei wie verrueckt tanzt, sich wie ein Brummkreisel in einem irren Tempo dreht. Nach einer kurzen Nacht beginnen die Silvestervorbereitungen. Renne Morgens noch ins Falabella und kaufe mir eine neue Kamera, kann es nicht mehr aushalten, die alte ist voller Sand, irgendwo schwirrt ein Fussel in der Linse und die Bilder machen mich nicht ganz gluecklich nach den Erfahrungen mit der SpiegelReflex. Der Silvesterabend ist schoen, eine Oma kommt zu Besuch und es ist ein familieares Beisammensein.
Matás Mutter bemueht sich wie immer sehr um das Wohl aller. Er ist ein wenig unruhig, will mehr Party mit den Jungs, mir hingegen gefaellt es sehr gut, die Uhren ticken derzeit fuer mich anders. Zum Feuerwerk fahren wir rauf auf das Dach des 25 stoeckigen Hauses, ein traumhafter Blick, Berge, Haueser und neben uns ein alter Vulkan. Doch es gibt nicht viele Feuerwerke, die Party steigt in Valparaíso an der Kueste. Dahin fahren wir dann nach Mitternacht auch, Partycoche an die Kueste. Es ist eine komische Nacht fuer mich, fuehle mich noch nicht fit, koerperlich und sprachlich. Die Strassen sind voll, voll, voll, ganz Chile scheint hier herumzufeiern, kollektives Besaeufniss, Enge, stinkende Haeuserwaende, ueberall Muell, ueber den Ort von dem schon Pablo Neruda wegen seiner inspirierenden bunten Hangbebauuung geschwaermt hat fegt ein Tornado.
Bei Sonnenaufgang zieht er sich zurueck und hinterlaesst eine Sput der Verwuestung – arme Muellmaenner! Einige Zeit des Herumirrens, ein paar Bier und Maedels spaeter sind wir auf dem Weg zum nahe gelegenen Viña del Mar, der Bettenburg der Kueste. Spanisches Blut ist schon fast krankhaft vernarrt in die Weiblichkeit, keine darf unangequatscht passieren, es ist anstrengend – doch dei Jungs scheinen ihren Spass zu haben. Nach dem letzten Versuch in einer illegalen Bar doch noch die Nacht am Leben zu halten verstecken wir uns unter dem Sonnenschutz am Strand.
Die Familie hat ein grosses Stueck Land 220km suedoestlich von Santiago in der Naehe von Marchigüe, ein Farm mit Pferden und Landwirtschaft die ein paar Bauern erledigen waehrend Alejandro nebenbei noch freiberuflich als Ingenieur taetig ist und damit die letzten Verluste ausgleicht. Das Land ist ein Paradis, neue Stauseen in denen das Wasser von den Bergen ueber den Winter gesammelt wird um im Sommer bewaessern zu koennen, Boldostraeucher und natuerlich Klettpflanzen und stechende Buesche, daran werd ich mich wohl gewoehnen muessen. Das Haus ist ein Traum. Hansi, ein Onkel bereitet mein erstes Chilenisches Asado auf dem Grill zu. Wein, Salat, Fleisch, Musik, Boldotee, schummeriges Licht unter den bewachsenen Vordach, eine Palme, die wie eine Ananas aussieht, ein angenehm kuehler Wind und ein gigantischer Sternenhimmel transportieren mich in eine andere Welt. Renne mit Hut und einem Mapuche-Pocho durch den Garten und atme die Stimmung ein. Am naechsten Tag dallern wir nach Pichilemu, dem 50km enfernten antrazitfarbenen Strand.
Die Wellen sind hier noch kraeftiger als in Viña und floessen mir grossen Respekt ein, der Pazifik ist ein Monster, kalt, tief, unruhig und die Kraft ist schier unendlich! Nach einem Fischessen in dem Kuestenort lege ich mich auch die zweite Nacht wieder mit dem Poncho in die Haengematte im Garten, mein Blick verliert sich in den zwei Galaxien neben der Milchstrasse und ich schlafe seelig ein.
Zureuck in Santiago renne ich noch ein wenig durch die Stadt, hole mir noch ein paar Tipps von Inuit und sortiere Sachen aus und kaufe ein Busticket nach Temuco 700km suedlich von Santiago, dem Ausgangspunkt zu den Seen und Vulkanen. Heute Abend geht es los…