Kosmonaut im Farbsternregen

Ausgedrueckte Eindruecke

El Bosque Chileno Januar 13, 2009

Einsortiert unter: Tagebuch — Sebastian @ 1:31 vormittags
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… oder auch “Immer wenn du denkst, was soll denn jetzt noch kommen, dann:”

“Der chilenische Wald

… Unter den Vulkanen, vor den Schneebergen, zwischen den grossen Seen – der wohlriechende, der stille, der wilde chilenische Wald … Die Fuesse versinken im toten Laub, ein bruechiger Zweig knackt, die riesigen Araukarien recken ihre grausige Gestalt, ein Vogel des kalten Urwalds kommt geflogen, flattert, laesst sich im schattigen Gezweig nieder. Und wie eine Oboe toent es aus seinem Versteck … Durch die Nasenfluegel bis in die Seele hinein dringt das wilde Aroma des Lorbeers, das dunkle Aroma des Boldostrauchs … sin-nombreDie Zypresse der Guaitecas hemmt meinen Schritt … Es ist eine senkrechte Welt: ein Volk von Voegeln, Massen von Blaettern … Ich stosse an einen Stein, durchwuehle die entdeckte Hoehlung, eine riesige, rotbehaarte Spinne blickt mich an mit starren Augen, reglos, gross wie ein Krebs … Ein goldener Laufkaefer entsendet seinen giften Hauch gegen mich, waehrend wie ein Blitz sein strahlender Regenbogen verschwindet … Weiter laufe ich in einem Wald aus Farnen, die viel hoeher sind als ich: sechzig Traenen fallen aus ihren gruenen kalten Augen auf mein Gesicht, und noch lange zittern ihre Faecher hinter mir … Ein morscher Stamm: welch ein Schatz! … Schwarze und blaue Pilze haben ihm Ohren angehaengt, rote Schmarotzerpflanzen haben ihn mir Robinen besaet, andere traege Pflanzen haben ihm ihre Baerte geliehen, und blitzschnell schiesst aus seinen morschen Eingeweiden eine Schlange hervor wie ein Geist, als entweiche dem toten Stamm die Seele … Weiter entfernt hat sich ein jeder Baum von seinesgleichen getrennt … Sie ragen auf dem Teppich des verschwiegenen Urwalds, und eines jeden Laubwerk, linear, kraus, astreich, lanzenfoermig, besitzt seinen eigenen Stil, wie von einer Schere mit unendlichen Bewegungen geschnitten … Ein Steilhang; unten gleitet durchscheinendes Wasser ueber Granit und Jaspis … Rein wie eine Zitrone, fliegt ein Falter taenzelnd zwischen Wasser und Licht … Neben mir gruessen mit gelben Koepfchen unendliche Pantoffelblueten … Hoch oben, wie Pulsadertropfen des zauberischen Urwalds, schwingen die roten Schlingpflanzen … Die rote Schlingpflanze (Lapageria Rósea) ist die Blume des Bluts, die weisse Schlingpflanze ist die Blume des Schnees … Mit einem Zittern der Blaetter durchbrach die Geschwindigkeit eines Fuchses die Stille, doch die Stille ist das Gesetz des Blaetterreichs … Nur der ferne Schrei eines verstoerten Tiers … Der durchdringende Zwischenruf eines verborgenen Vogels … Die Pflanzenwelt murmelt nur, bis ein Gewitter alle irdische Musik zum Toenen bringt.
Wer den chilenischen Wald nicht kennt, kennt diesen Planeten nicht. Von dieser Erde, diesem Lehm, von dieser Stille bin ich ausgezogen um zu singen fuer die Welt.” (Pablo Neruda)

img_0316Temuco ist eine Kleinstadt 670km suedlich von Santiago am Morgen, quatsche kurz mit den Tankstellenwaertern waehrend ich meine Benzinflasche fuer den Kocher wieder auffuelle. Suche ich mir einen Bus nach Pucón, der Touristenhochburg in den noerdlichen Seen, direkt am Fusse des 2840m hohen Vulcán Villarica. Dort angekommen springe ich erstmal in das glasklare Wasser des Lago Villarica, der Strand ist anthrazit und im Hintergrund tront der weisse Gipfel des Vukans. Auch hier suchen sich Schwule offensichtlich Parks mit vielen kleinen Bueschen, nicht anders kann ich mir erklaeren, dass immer wieder Paare verstohlen ohne zu gruessen hinter mit zwischen den Bueschen verschwinden. Egal, springe noch einmal ins Wasser und mache mich auf zurueck in den Ort, ueber die calle “Holzapfel”, vorbei an der cabaña-Siedlung “Seeblick” und kaufe ein richtiges Vollkornbrot (!) in der panadería “Rostock” und stolpere in den naechsten Bus Richtung Carburgua. Es geht vorbei an einem Hotel “Zum zwoelften Deutschen” den Berg hoch. Der Lago Cargurgua ist schoen, wenn auch der Strand voller Familien mit kleinen Kindern, droehnende Motorboote und posende Jugendliche auf Jetskis, einer setzt sein Gefaehrt wild bruellend auf die Bootrampe, grosse Aufregung folgt, dem Typen ist wohl nix passiert, wuerde mich mal interessieren ob er in Zukunft noch einmal mit den gleichen Brunftschreien ueber den See kachelt. Treffe José und ein paar Maedels, bekomme einen guten Tipp fuer El Bolson (Argentinien) und eine Einladung nach Chiloé. Wenig spaeter klettere ich 10m die Boeschung rauf und kuschel mich in den Schlafsack.

img_0177Naechster Morgen: “¿Quieres Kuchen?”-¡No, Gracias!” (pl.: Kuchens, Kuchenes), bin auf dem Weg zum Santuario El Cañi, verhandel mit dem Busfahrer fuer den Weg bis zur Kreuzung, den Rest versuch ich zu trampen. Die ersten 3km passiert nichts, nur Hitze, die Bandurrias picken unbeeindruckt weiter um die Rinder herum, dann nimmt mich Philippe, der ein Restaurant direkt neben dem Park hat, mit. Welch Glueck, denn in der Rezeption ist niemand, lasse also meine Sachen bei Phillipe und mache mich auf dem Weg auf den Berg, ohne eine Vorstellung, wie weit und wie hoch es wohl sein wird. sin-nombre2Ich gehe hoch, die Sonne langsam unter, treffe in Glueck ein Maedel mit einer Karte, ansonsten wuerd ich mich wohl verlaufen. Die Baeume werden hoeher, anders, das Dickicht dichter, das Wasser im Bach weniger. Die Umgebung wird bizarrer, Farne, bambusartige duennblaettrige Pflanzen, eine Reise zurueck durch die Zeit, ueber all zirpende Geraeusche, mit jedem Schritt flitzen die kleinen Eidechsen vom Pfad zurueck in die Buesche, es sind unzaehlige. Ich merke mein Koerper kaum noch, will nur noch an der Laguna Negra irgendwo oben ankommen. Geradeaus, links rechts, hoch, zum Glueck auch mal ein bisschen runter, laufe schneller und merke meinen Rucksack kaum noch. Die ersten Araukarien tauchen auf, bleibe staunend stehen, muss vor Erschoepfung ein wenig bloed grinsen und stampfe weiter. Endlich, das Herz - die Lagune! Schmeisse meine Sachen hin, und will gleich rauf auf den 1550m hohen Mirador der hinter dem Wasser in den Himmel ragt um die drei umliegenden Vulkane, den Lanín (3807m) auf der Argentinischen Seite, den Quetrupillán (2360m) und den Villarica im Sonnenuntergang zu sehen, jedoch macht mein Koerper diese letzten 200m nicht mehr mit und nach den ersten Metern schlapp. aranaSchleiche geschlagen zur Lagune zurueck und atme Luft aus vergangenen Zeiten, ein paar Eidechsen rennen herum, grosse matapiojos (Libellen) rasen ueber den See, gelb-orange mariposas fuehren ihren Paartanz im Abendlicht auf und eine urige schwarze Spinne guckt mich mistrauisch durch grosse fliegenartige Augen an – angekommen am Nabel der Welt. Am Ufer steht noch ein weiteres Zelt und ein Moskitonetz. Die untergehende Sonne taucht alles in ein sanftes orange und im Wald  beginnt ein anderes Leben zu erwachen, die Geraeusche aendern sich langsam. Carpinteros (Spechte) beginnen an den uralten weissen Staemmen herumzuklopfen, von links und rechts, das Pochen klingt mystisch, nicht nur weil es in dem Bergkessel halt, sondern auch weil es ein anderes Instrument zu sein scheint – Klopfzeichen, ein Konzert. Ab und zu tauchen mir unbekannte Geraeusche auf, bin mir nicht sicher ob ich den Puma treffen will. Breite mein Nachtlager direkt am Seeufer aus und bin unfaehig der Szenerie laenger zu folgen, mein Koerper schlaeft ein. Am naechsten Morgen wache ich erschrocken auf, mein Kopf ist wahnsinnig kalt, Nebel zieht ueber das Wasser, es daemmert und mein Schlafsack ist nass von aussen. Der Ort wirkt so unberuehrt, dass ich sogar ein schlechtes Gewissen bekomme meine Kaffeetasse im Wasser auszuspuehlen. Es faellt mir schwer mich von dieser Stille zu trennen, doch meine Sachen liegen unten und spaeter wird keiner mehr im Restaurant sein. Renne noch auf den Mirador und danach den Berg wieder runter. Verpasse leider Philippe und quatsche anstatt dessen ne Weile mit einer Frau im Oekorestaurant – Corona, das einzige “Bier”, kostet 2000 Pesos, teuer, kaufe mir trotzdem eines, so laeuft also Oekotourismus ab – skurril! Anschliessend mach ich mich auf den Rueckweg – eine kurze Bustour, ein Baufahrzeug und ein Geschaeftsmann spaeter steh ich wieder am schwarzen Strand vom Lago Carburgua und falle rueckwaerts in den Sand. Unfaehig vor Muedigkeit das gleissende Licht des Mondes in mein Gemuet scheinen zu lassen nimmt sich mein Koerper seine Pause, ich kann mich nicht wehren.

Verbringe noch zwei Naechte in Caburgua, ein Muskelkater und eine leichte Erkaeltung von der Uebernachtung in El Cañi begleiten mich. Am Sonntag mache ich mich auf den Weg nach Puerto Varas, 300km weiter suedlich, finde noch mehr Vulkane und noch mehr Deutsche und entscheide mich ein wenig im “Casa Mawenco” Hostel zu bleiben und zu warten bis der Schnupfen von El Cañi sich wieder verzogen hat. Ausserdem muss ich versuchen mich ueber die Ueberfahrtmoeglichkeiten von Chiloé nach Chaitén oder Pt. Chacabuco zu erkundigen, denn die Informationslage ist nach dem Ausbruch des Vulcán Chaitén am 4. Mai letzten Jahres weiter duenn, unklar ist auch noch, ob sich dort ueberhaupt schon irgendwas aus der Asche wieder erhoben hat. Mit bleibt nur der Bericht von einem Typen aus dem Bus von Mendoza nach Puente del Inca, der mit dem Fahrrad dort durchgestrampelt ist und Hoffnung, denn andere Wege nach El Bolsón sind lang.

 

 
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