Iquitos erwacht. Sonnenstrahlen kitzeln in meiner Nase, schlage meine Augen auf, die kleine Eidechse, die in dem mit Palmenblaettern gedeckten Dach meines Zimmers, welches im Hobo Hideout in einem kleinen hoelzernen Turm mich vom Bett aus ueber die Blechdaecher der Stadt blicken laesst, wohnt, ist immer noch da und krabbelt unaufhoerlich den tragenden Balken in der Mitte auf und ab. Meine mueden Augen erfreuen sich und ich frage mich, ob der Bursche ueberhaupt geschlafen hat. Neben mir steht im rechten Winkel an der anliegenden Wand noch ein anderes Bett, es ist leer. So bin ich alleine in dem offenen Holzverschlag. Alle anderen wohnen unten in den Zimmer, frage mich wieso keiner auf die Idee gekommen ist sich hier oben in diesem kleinen Paradies mit Aussicht, frischer Luft und ohne geschlossene Waende einzunisten – seltsame Leute, aber um so besser fuer mich, so war das Bett noch frei. Habe die ganze letzte Nacht auf dem Bett gelegen, gelesen, Amazónica Bier getrunken und den leichten Windhauch der aus allen Richtungen durch die offenen Waende zu mir hereinkam genossen. Damit ist jetzt wieder Schluss, ein neuer Tag hat begonnen und die Sonne hat den Wind verdraengt oder macht ihn zumindstens vollkommen unwirksam. Die zwischen den rostigen Blechdaechern hervorstechenden Mameibaeume mit ihren dicken dunkelgruenen Blaettern und der scharlachroten Mamei glaenzen im Sonnenlicht. In der ferne ist der Urwald zu erahnen. Entscheide mich runter zu gehen und mit einem heissen Kaffee mich danach wieder nach oben in meinen Aussichtsturm zu begeben. Honigcracker, Mamei und heisser Kaffee. Der umgedreht aufgehaengte Schildkroetenpanzer im Fenster an meinem Bett schwingt vom letzten Windhauch noch friedlich hin und her und Herr Lehmann, den ich unten im Hostal in der Tauschboerse mit einem Berliner Eintrag gefunden habe, regt sich gerade Bier-trinkend Sonntag Vormittag in seiner angestammten Markthallenkneipe in Berlin-Kreuzberg ueber die Fruehstueckskult auf weil er auf seinen Katerschaedel zu dieser Zeit deswegen, so glaub er, keinen Schweinebraten bekommen kann. Ich fange an zu lachen, dreh mich auf den Ruecken und gucke weiter der kleinen Eidechse zu. Die kleinen roten Voegel huepfen ueber die Daecher und in den Baeumen herum.
Draussen erwacht die Schwulenhauptstadt Perus an diesem Morgen. Die Motortaxis fangen an wie aufgezogen das typische Geflecht an Einbahnstrassen entlangszuknattern. Autos gibt es kaum, macht auf wenig Sinn, denn die Strasse um
Iquitos fuehrt 100 Kilometer nach suedwestlich nach Nauta in aehnlicher Lange nordoestlich nach Indiana. Der Pastor einer der unzaehligen in Siebziger-Jahre-Bauten beheimateten und mit Plastikgartenstuehlen ausstaffierten Kirchen schuettet den Muell der letzten Prozession auf der Strasse. Wer es nicht zu Kirche schafft, dem singt irgendein Typ in den lokalen Bussen ein Loblied auf Gott. Ueberzeugen braucht die Menschen hier keiner mehr, sie tragen Tag fuer Tag T-Shirts die ihre Liebe zu Gott auch schriftlich manifestieren, Geld brauchen die kirchlichen Instiutionen trotzdem jeden Tag. Ueberall, in jedem Bus, an fast jedem Motortaxi, in den Restaurants und an den Laterne kleben glitzernde Sticker mit denen sich die Menschen erinnern, dass Gott Liebe ist und sie liebt. Hoffnung. Hier haben die Spanier ganze Arbeit geleistet. Auf dem Plaza postieren sich schon langsam die Schuhputzer und Touristenfaenger die ihr Urwaldtouren verkaufen wollen, die Prostituierten der Nacht sind schon lange verschwunden. Die Maerkte in Puerto Nanay und Belén fuellen sich langsam mit allem erdenklichen – Flussfisch, Nuessen die teilweise wie Gehirne aussehen, so dass man erstmal nachfragen muss, Bananen, Schuhverkaeufern, Jugo de Caña, Mamei und tausenden anderen tropischen Fruechten die ich noch nie vorher gesehen habe. Im El Cyber-Internetcafé am Plaza haben sie die Computer nach dem gestrigen Platzregen wieder abgedeckt und den Boden trocken gewischt. Hunderte Bauchladenverkaeufer postieren sich ueber die Stadt verteilt in Parks, an Strassenecken und in Hauseingaengen. Der Amazonas gurkelt auch heute wieder friedlich an der Stadt vorbei – alles geht seinen gewohnten Gang.

So vergehen die Tage in Iquitos. Zuerst war ich im Golondrinas von dort ich vier Tage im Dschungel war. Iguanas, Affen, Schlangen, ueberdimensionale Froesche, Tucane, Papagaie und unzaehlige andere bunte Voegel, Caimane, praehistorische Hoatzine, ein Faultier, tausende Ameisen, ziemlich grosse Spinnen, eine Tarantula, Honigbienen, Fische, ein paar Muecken – alles war dabei. Wir waren viel mit dem Einbaumkanu am Quebrada Cumaseba und dem umliegenden Wald unterwegs weil der ganze Wald wegen der Regenzeit unter Wasser steht. Am meisten mochte ich jedoch den Klang des Urwalds von der Haengematte aus, am wenigsten meine Kopfschmerzen mit anschliessendem Fieber, weil ich vergessen hatte zu trinken, was nicht schwer ist bei 95% Luftfeuchtigkeit.
Hin und Her. Was macht man wenn man jetzt so tief im Dschungel, also rein geographisch, steckt? Irgendwann und irgendwie wieder aus, soviel ist klar. Nur wie? Viele reisen mit dem Flugzeug mindestens eine Strecke, das ist das letzte was ich will zumal im zentralistischen Peru alles erstmal nach Lima geht. Die zweite Option ist ueber den Rio Napo nach Pantoja und von dort aus weiter mit dem rapido welches viel Geld kostet nach Coca in den Norden von Ecuador. Ist aber auch kein Koenigsweg, denn bis zur Grenze dauert es acht Tage und die lanchas sollen selbst fuer den Abenteuersuchenden eine harte Probe sein. Zum anderen ist nichts sicher, die Manifestation hoeren mal auf und fangen dann wieder an und ich habe wenig Lust im Malariagebiet auf unbestimmte Zeit festzusitzen. Die dritte Option besteht darin, zum Laenderdreieck von Peru, Brasilien und Kolumbien zu tuckern und dann von Leticia, dem Kolumbianischen Ort, einen Flieger nach Bogota zu nehmen, Strassen- und Flussverbindungen existieren nicht. Die vierte Option ist den gleichen Weg zurueck zu nehmen. Alles ist irgendwie suboptimal, kann mich kaum fuer eine Option entscheiden. Wenn ich mehr Zeit haette, wuerde ich erstmal nach Brasilien rein.
Gruppendynamik. Gruppen sind manchmal unfaehig zu handeln da es Probleme des kollektiven Handelns gibt. Das heisst, da jedes Mitglied einer beliebigen Gruppe ein bestimmte Praeferenz hat, diese aber, um eine Entscheidung in der Gruppe herbeifuehren zu koennen, staendig mitteilen muss, was bei kleinen Angelegenheiten schnell zur Schwerstarbeit werden kann. Aus diesem Grund wird der einzelne nur die dringensten Fragen offen zur Sprache bringen oder sich nur mit einzelnen Mitgliedern der Gruppe austauschen. Der einzelne neigt auch dazu schneller Zustimmung anzunehmen, da ein zur Sprache bringen aufwendig sein kann was bei einzelnen Sachverhalten vom Individuum der Entscheidung als nicht Wert eingeschaetzt werden kann.
Man nehme als Beispiel eines Problems kollektiven Handelns eine Situation am ersten Abend in Iquitos. Ich bin mit Fernando, Ricardo, Antonio und den Hollaenderinnen auf dem Plaza unterwegs. Von ueberall stuerzen sich Leute wie Greifvoegel auf sich und immer hoert irgendwer zu, damit ist die ganze Gruppe gefangen, oder man haut als einzelner einfach ab. Geht natuerlich nicht immer. Unter den Typen ist auch einer, der uns keine Urwaldtour vertickern will, der einfach so dahinquasselt. Ich kenne diese Typen schon aus Istanbul. Den werden wir den Abend nicht mehr los, schiesst mir durch den Kopf. So ist es denn auch.
Er findet immer wieder ein offenes Ohr, spricht in der “Wir”-Form und hat somit die willenlose, weil orienitierungslose, Tourigruppe komplett unter seiner Kontrolle. Selbst zu acht sind wir nicht faehig uns abzusprechen und schlingern so umher und wie sich spaeter herausstellen wird in einen Zustand hinein, den keiner will. Man koennte das mit dem was Henrik Ibsen in seinem Buehnenspiel “En Folkefiende” die solide Mehrheit genannt vergleichen. Wir schlingern also so durch den Abend und ich haue nicht dazwischen, wer will denn schon als Spielverderber da stehen. Irgendwann reicht es mir dann und als wir in einem Club rumdallern und sich dieser Typ immer wieder mit eingeladen hat frage ich eine der Hollaenderinnen. Was rauskommt ist toll – sie mag ihn ueberhaupt nicht, hat aber nix gesagt, weil sie den Eindruck hatte, dass ich ihn moegen wuerde. Ich brauche nicht weiterzufragen, denn sofort ist klar was auch alle anderen antworten werden. Als dieser Typ also wieder ankam und mich amigo fragt, ob wir nicht noch schnell ganz viel Bier kaufen wollen da die Bar gleich zu macht, blocke ich ab und erklaere ihm, dass ich noch nie sein amigo gewesen bin und das er sich jetzt verziehen darf. Es folgt ein Lehrbeispiel fuer Lehrbuecher der Sozial-, Wirtschafts- und Politikwissenschaften. Er zieht ein Fresse und sucht sich den naechsten aus der Gruppe, der das nicht mitbekommen hat und schon ist er wieder im Spiel. Verdutzt aber wenig verwundert schau ich dem ganzen zu. Im Nu sitzt er gegen meinen Willen in einem der Motortaxis und quasselt weiter. Keiner traut sich ihm in den Arsch zu treten weil alle Angst haben die anderen der Gruppe koennten etwas Schlechtes denken. Das Problem einer schnellen konsistenten Absprache manoevriert die Gruppe willenlos in eine Situation hinein die jeder einzelne nicht will – spannend.
Herr Lehmann erlebt gerade seinen Geburtstag am Tag der Maueroeffnung und entschliesst sich, schon angetrunken, zur Oberbaumbruecke zu fahren. Ich schau von meinem Bett zur Turmuhr der Kirche am Plaza, sie zeigt 11:45 Uhr und faengt an zu bimmeln, drei Mal. Ich weiss auch nicht so genau warum mich das Mauerthema immer so sentimental werden laesst, denn immerhin habe ich das Gefuehl die ganze Geschichte gehoerig verpasst zu haben. Aber vieleicht liebe ich sie einfach zu sehr, diese Bruecke,
jeden Tag ueber sie fahren zu koennen, zum Wendel, und dort Kaffee trinken und Avocadosalat essen zu koennen, oder zu den grossen Stuehlen an der Arena und dann wieder zurueck zum Fotoautomaten in der Warschauer Strasse und dem Wunderlampendoener, dem sie jetzt ja leider die Konzession entzogen haben. Vieleicht habe ich die Gesellschaftsseele unterschaetzt. Dieser Gedanke ist mir schon oefter in den unzaehligen Diskussionen mit Israelis, Franzosen, Chilenen, Argentiniern, Peruanern und Amerikanern, die sich immer wieder um die Seele der jungen Generation in Deutschland in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg drehten, gekommen. Am interessantesten waren die Auseinandersetzungen mit den Israelis in denen ich das Gefuehl bekommen habe, dass wir in Deutschland eine falsche Vorstellung ueber die Gedanken der jungen Generation dort unten in der Wueste mit ihrer Mauer und den Kartusha Rakten haben, oder jedenfalls ich meine Vorstellungen nach den unzaehligen ARD Vermittlungsversuchen gluecklicherweise ueber den Haufen werfen kann. Bin immer wieder ueberrascht wie wenig die anderern ueber uns wissen, sollte ich aber nicht, denn wie viel wissen wir wissen wir eigentlich wirklich ueber die anderen? Zu viel ist es jedenfalls nicht. Die Turmuhr zeigt jetzt 12:00 Uhr und bimmelt eine kleine Melodie vor sich hin. Die Leute stroemen aus den Kirchen, zum Essen, es ist Sonntag, morgen fahr ich hoffentlich mit dem Schiff zurueck nach Yurimaguas. Ich habe es rumoren hoeren die Manifestationen haetten in Yurimaguas schon wieder begonnen.