Kosmonaut im Farbsternregen

Ausgedrueckte Eindruecke

Peru und der Streik Oktober 20, 2009

Einsortiert unter: Dies und Das — Sebastian @ 1:47 nachmittags
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Schon damals war klar, dass meine Erlebnisse im Peruanischen Urwald fuer mich spannend, fuer die lokale Bevoelkerung jedoch von ganz anderer Dimension war und leider noch ist. Sitze hier im herbstlichen Berlin und starre fassungslos auf die kleinen Nachrichtenbrocken die mich hier erreichen.

Monica Bruckmann “Peru zum Verkauf” (Le Monde Diplomatique, September 2009)

Auch die Le Monde Diplomatique ist von der aktuellen Finanzkrise noch verschärften Printmedienkrise stark getroffen. Damit detailierte Informationen vom anderen Ende der Welt nicht immer weiter aus der öffentlichen Aufmerksamkeit geraten und es somit nicht immer zeitaufwendiger wird sich ueber Steuergeschenkstreitigkeiten in Zeiten hoher Staatsverschuldung hinaus zu informieren, den Griff “auf die andere Seite des Zeitungsständers” beim nächsten Mal nicht vergessen! Peruanische Straßensperren sind weit weg, die zu Grunde liegenden gesellschaftspsychologischen Triebkräfte nicht. Ich erspare mir Beispiele.

 

Raserei mit Zwischenstop Mai 28, 2009

Einsortiert unter: Eindruecke,Tagebuch,Zitate — Sebastian @ 9:35 nachmittags
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“There are layers of realities before us, behind us, around us, and in us, and we stay in a layer no matter how far we travel until the spirit admires our courage and grace and allows us to sprout into another zone of experience.” (Martín Prechtel Secrets of the talking jaguar, Thorsons 2002)

Der letzte Abend in Huanchaco laesst sich selbst fast nicht der letzte sein. Ab geht es mit Joey, Mary, Cathrine und Magret ins Chillout, der Bar von William, einem alten Englaender mit weissem Bart, in der ich Ravi wiederfinde. Wichtig, weil er noch meine Sonnenbrille hat. Die taucht leider nicht mehr auf, dafuer ein ganzer Tisch voll Trujillo Bier und Rum und leckeren Burgern. William rennt die ganze Zeit wie angestochen durch die wenigen Tische und laesst ueberall Sprueche fallen die mich aus dem Lachen nicht mehr rauskommen lassen “You are tired? Get your ass out of here, on the other side of the street is a police car, they know how to solve that!” Er macht aus sich gerne ein Mysterium, schafft er! Die Zeit rennt und so falle ich fast zu spaet in mein Taxi, rase durch die vernebelten orangen Strassenbeleuchtung hindurch und will eigentlich wieder zurueck. Schoener Abschied, Williams “Everybody who leaves Huanchaco gets one kilo of cocaine” klingelt immer noch in meinen Ohren und so versacke ich mit einem Laecheln hinter meinem Panoramafenster im Bus Richtung Piura.
Meine Zeit im Land der bauchstreichelnden Machomaennern neigt sich dem Ende zu. Fahre durch die Nacht nach Piura, steige sofort in den naechsten Bus und bin drei Stunden spaeter in Máncora, dem Sommerferienziel der Argentinier und Chilenen und obligatorischen Stop auf dem Gringotrail. So sieht es hier auch aus und ich bin innerhalb von Sekunden froh so lange in Huanchaco geblieben zu sein. Verkruemel mich den Tag in eine Oekobar, esse pan à la Alemania und lese. Am Abend geht es dann weiter, ueber Nacht von Máncora nach Guayquil, Ecudaor, morgens gleich weiter weitere neun Stunden nach Quito und von dort drei weitere Stunden in den Abend hinein nach Otavalo. Ich fliege durch Zeit und Raum waehrend das Leben um mich herum weiter geht. Leute steigen hinzu und wieder aus und ich starre aus dem Fenster in die Welt hinein, aus der ich mich fuer zwei Tage tunnelartiger rastloser Raserei verabschiedet habe. Tauche uebermuedet aus meinem Buss spaet Abends in Otavalo wieder ins Leben ein, suche und finde ein Bett uns schlafe, lange, sehr lange.

IMG_0058Otavalo soll einen der buntesten und groessten artesania Maerkte in Sued Amerika haben. Gross und bunt ist er. All die Haengematten, Pullover, Teppiche und Ponchos die ich auf meinem Weg von Argentinien, Chile ueber Bolivien und Peru bisher gesehen habe scheinen hier her zu kommen. Ueberall sind bunte Staende und Geschaefte. Andere wiederrum verdienen hier ihr Geld mit dem Export der bunten Sachen was ich bisher noch nie gesehen habe. Melonengrosse Spindeln mit Garn werden ueberall angeboten. Auch hier kleckern die Menschen nicht mit der Masse des Angebotes was interessant zu beobachten ist, denn in Europa geschieht eher das Gegenteil. In Berlin wird der Preis durch reale oder vorgegaukelte Einzigartigkeit der Produkte hochgehalten. In Gesellschaften relativer Armut ist das genau anders herum. Interessant wird es, wenn Reisende aus Europa auf diesen Ueberfluss treffen. Er suggeriert eine Art Beliebigkeit waehrend von den lokalen Verkaeufern eher das Gegenteil bewirkt werden soll. Hier werden Haengematten und Teppiche, Armreifen und Ohrringe wie Fruechte angeboten wo sie doch psychologisch aus westlicher Perspektive betrachtet nicht zusammengeworfen werden sollte. So schleichen die Europaeer und Amerikaner mit ihren vollen Geldbeuteln durch die Staende, bloss nicht irgendetwas interessant findend, denn sonst beisst der Verkaeufer sofort an und man geraet in Erklaerungsnotstand warum man dies und jenes trotz des guten Preises nicht kaufen moechte. Die Konkurenz ist hart. Mir scheint es bestuende die Moeglichkeit sich hier hervorzuheben, denn alle Materialien sind vorhanden, es bedarf nur einer Idee. Ohne Frage, es gibt viele schoene Sachen, doch es kommt mir vor wie ein Zustand, nicht wie eine Suche. Wie auch schon in Bolivien und Peru mangelt es hier in Ecuador den wenig gereisten Menschen an neuen Ideen die das Interesse der offenen Geldbeutel anzieht. So ziehen die Touristen weiter, kaufen hier und dort was, aber eben nicht genug. Die schoensten Sachen und besten Ideen haben auch hier wieder die Argentinischen artesanias, was vermutlich an ihrer kulturellen Naehe zu den Europaeern aber auch an ihrer Moeglichkeit liegt besser auf die Geschmaecker ihrer Kundschaft einzugehen, weil sie schon einmal ueber die Landesgrenzen geschaut haben. Die Ecuadorianer verlieren ihre Wurzeln nicht, wenn sie aufhoeren wuerden gigantische Lamas auf einen Grossteil ihrer Produkte zu verewigen, gewinnen aber mit Sicherheit ein paar neue Kunden. Denn ohne Frage ist es auch ein lokaler Markt, aber die Menschen machen wie fast ueberall auch hier das Geld mit den Touristen. So wuerde ein Zweigleisigkeit den Ecuadorianern helfen genug Geld mit den Sachen zu machen um weiter ihren Stolz in ihrer eigenen Kultur weiterleben zu koennen, deine eine gewissen Verzweiflung ob der starken Konkurenz ist zu spuehren.
Ecuador ist nicht nur geographisch ein Schritt Richtung Nord Amerika. Der Dollar ist die offizielle Waehrung, nur ein wenig Ecuadorianischen Wechselgeld schwirrt noch herum. Hier, im dicht-besiedelsten Land Sued Amerikas, gibt es ploetzlich wieder Privatautos. Ich habe das Gefuehl, dass die Menschen hier zwei Identitaeten leben, die Amerikanische und ihre Indigene. Beides scheint nicht im Zorn zueinander zu stehen. Ecuadorianer sind wieder signifikant kleiner als Peruaner. Manche sogar so klein, dass ich mir manchmal nicht sicher bin, ob sich nicht doch noch um Kinder handelt. Ein Teil rennt in traditioneller Kleidung durch die Strassen, ein groesserer aber mit Basecap, schicker Sonnenbrille, Jeans und Sweater. Die Trachten der Frauen sind kleident, traditionell, weit weg vom westlichen urbanen Modegeschmack, stehen entfernt im Verhaeltnis zu den Trachten in den Peruanischen und Bolivianischen Anden. Die Trachten der Maenner sind wirklich schoen – weisse Faltenhosen, Jackets, Huete – mit denen koennte man ohne Probleme in den Grossstaedten der Welt hin und her laufen. Ist natuerlich kein Masstab, bin aber entzueckt ob der Schoenheit der Kleider. Ecuadoriansche Augen sind offen, voller Herzlichkeit, mit einem gesunden Stolz und der es total angenehm macht hier durch die Strassen zu wandern und mit den Leuten zu quatschen. IMG_0052Sie sind entspannt und ich spuehre, dass ich nicht ein unbekannter Wanderer aus fernen unbekannten Laendern bin. Kleine Gesten werden verstanden, ich verstehe die Ecuadorianer. Alles laeuft entspannt und locker ab ohne verkrampfte Freundlichkeiten, ohne ueberschwappendes Interesse, ohne sinnlose Fragen zu stellen. Angenehm und einladend. Der stolze Ecuadorianer traegt lange Haare, die stolze Ecuadorianerin ihre Schoenheit und das Ecuadorianische Kleinkind seine gigantischen pechschwarzen Aeuglein zur Schau. Das Strassenbild ist auch dadurch veraendert, dass es hier im Gegensatz zu Bolivien und Peru wieder Bettler gibt. Die einzige Erklaerung die mir dazu einfaellt ist, dass hier wieder genug Geld in der Gesellschaft sein muss, dass es sich lohnt, denn Bettler koennen allein vom Tourismus nicht leben. Eine andere Erklaerung kann in einer unterschiedlichen Organisationsstruktur der Gesellschaft liegen. Es gibt wieder musikalische Vielfaelltigkeit und erstaunliche Naehe zu westlichen Geschmaeckern. Bassdroenende Hip Hop Gefaehrte schleichen durch die Strassen. Indigene Klaenge werden mit Beats verfeinert, oder zerstoert, je nach dem wie man es sieht. Alles wirkt ungeheuer sympathisch und locker. Sicher ist es das nicht immer, aber die Sued Amerikanische Nuance an Lebensgefuehl gemischt mit ein wenig mehr oekonomischer Potenz fuehrt zu einer interessanten und anziehenden Mischung. Die Menschen vertrauen sich hier mehr. Muss man sich Vertrauen leisten koennen? Nicht alle Fenster sind mehr vergittert, meist nur noch die erste Etage und selbst die ist oft freundlicher und einladender als bei den suedlichen Nachbarn. Die Leute verkaufen ihre Sachen nicht mehr durch Gitterstaebe, Sachen liegen offen herum. Das ganze Strassenbild wirkt freundlicher und offener. Das muss ich mir spaeter noch genauer anschaun und erleben - aber erstmal will ich weiter nach Kolumbien.
IMG_0082Montag Morgen, mein Wecker klingelt, wache auf, das magische Licht der Sonne strahlt schon hinter dem tronenden Cerro Imbabura von Otavalo hervor. Wolkenschwaden umspielen die Spitze und lassen ihn aussiehen wie eine leuchtende Torte mit Zuckerguss. Dies war die erste Nacht in der sich die fuer mich unsichtbaren Haehne zwischen den Steinwaenden in den Hinterhoefen kein Duell naechtlichen Kraehens geliefert haben. Nur ein zarter Schrei untermalt an diesem Morgen meinen Blick von meinem Fenster auf die bewaldeten Huegel in der Naehe, den bezaubernden Berg in der Ferne, beides von feuchtem fruchtbaren Morgennebel umschmeichelt. Ich kann den Tau riechen der auf den schattenhaften Baeumen liegt. Meine elektrische Dusche tropft immer noch. Doch diese Nacht habe ich sie kaum gehoert nachdem ich herausgefunden habe, dass wohl die Decke auf meinem Bett an den naechtlichen Niesattacken Schuld war und ich sie darauf hin bis zum Bauch runtergeschoben habe. Meinen Oberkoerper mit einem langen Rolli vor der naechtliche Kuehle von 2560 Meter ueber dem Meeresspiegel schuetzend bin ich durch die Nacht gesegelt, beseelt von dem Glueck des gestrigen Abends, der Ausgeglichenheit und Blitzen dieser Tage. Stolpere mit meiner blauen Kaffeetasse und einem Ei in der einen und dem gemahlenem Kaffee in der anderen Hand den hoelzernen Weg an den anderen Zimmern vorbei. Diesmal wird mein morgendliches Ritual von schraegen elektronisch vermischten Popsongs der 90er Jahre begleitet - um 6:30 Uhr am Montag frueh – die Hunde in der Nachbarschaft fangen an zu bellen. Immer noch eingenommen vom dem aufgehenden Licht und benommen vom Morgenduft in der Bergluft giesse ich den ersten wirklich guten Kaffee, den ich in Sued Amerika gefunden habe, Sorte Caracolillo aus Villa Rica und Chanchamayo in Peru, auf – Kaffeeduft erfuellt die morgendliche Frische. Zurueck im Zimmer wacht der suchende Wanderer in meinem Buch gerade irgendwo im Urwald zwischen Mexiko und Guatemala von tausenden grossen himmelblauen Schmetterlingen bedeckt in seiner Haengematte auf. Schluerfe meinen Kaffe, esse die letzten Scheiben meines eroberten pan integral aus Máncora mit Mozerella, packe meinen Rucksack und trete aus der Tuer hinaus auf die erwachende Strasse – Blick Richtung Kolumbien.

Der erste Bus fuehrt mich nach Ibarra. Eine Ecuadorianerin in schwarz-weisser Tracht und vielen duennen gold-farbenen Ketten setzt sich neben mich. Spuehre, wie sie mich ueber die leicht spiegelnde schwarze Scheibe vor uns mit ihren pech-schwarzen Augen neugierig beobachtet. Drehe meinen Kopf, schaue ihr in diesem Spiegel direkt in die Augen und laechel sie an – zwei Sekunden spaeter laechelt sie zurueck. In Ibarra angekommen steige ich um nach Tulcán, dem Grenzort an der Kolumbianischen Grenze. Schon stuerzen sich wieder die Geldwechsler auf mich “¿Cambio, cambio?”. Der Grenzuebergang ist trotz des Konfliktes unerwartet einfach. Treffe zwei Argentinier und einen Peruaner und wir fahren zusammen mit nem Taxi rein in den ersten Ort nach der Grenze – Ipiales. Der Taxifahrer raet uns davon ab hier auch nur ein Schritt zu Fuss zu gehen. Den Satz hoer ich nicht zum ersten Mal auf meiner Reise. Es nervt! Es produziert Angst und Unsicherheit ohne eigene Erfahrung. Es schraenkt ein und man macht sich auf die Suche nach dem naechsten Bus oder Taxi obwohl man auch die vier Blocks haette locker gehen koennen. Meine neuen Begleiter lassen sich davon stark beeinflussen und schon habe ich das Gefuehl mich ganz schnell wieder von ihnen trennen zu muessen um das beengende Gefuehl in Brust- und Magengegend loszuwerden. Unbestritten ist Europa oft sicherer, aber in einem Klima der Angst zu reisen macht wenig Sinn, dann kann man gleich zu Hause bleiben. Wenn man die Augen offen haelt und nicht hilflos in leere Strassen reinpeilt muss man schon grosses Pech haben. Und wenn doch etwas passiert ist es dann so. Besser als sich auf den eigenen Wege von wagen eingepflanzten Angstgefuehlen beeinflussen zu lassen. Wenig spaeter sitzen wir doch zusammen im Bus nach Putumayo, der Hauptstadt der Region Putumayo die besonders bekannt fuer die Auseinandersetzungen zwischen der FARC, den Kokabauern und dem Militaer der Regierung ist. In der Naehe der Panamerika ist es sicher aber rechts und links davon tobt der Konflikt. Die Anden werden wieder spektakulaerer. Die Farben sind waermer als in Ecuador, Schluchten, wilde Felsformationen. Nach acht Stunden Fahrt kommen wir am Abend im fast leeren terminal terrestre in Putumayo an. Entgegen allen Erwartungen bekomme ich doch noch einen Nachtbus weiter nach Bogota. Versuche es mir irgendwie auf zwei leeren Sitzen gemuehtlich zu machen, aber die Klamanlage laesst mich frieren und das unentwegt Schaukeln, Droehnen und Wackeln des Busses lassen mich kaum einschlafen. Und doch versinke ich irgendwann in der Nacht nach dem einem langweiligen Anaconda-Schocker in einen Daemmerschlaf.
Die ersten Morgenstrahlen kitzeln mich jedoch frueh wieder wach. Wir fahren gerade das Tal des Rio Magdalena entlang, dort wo sich die Anden gespaltet haben, den Weg den damals auch Símon Bolivar genommen hat, nur halt auf der neuen Asphaltstrasse. Mediteranes Flair, Bananenpalmen und farbige Finkas, warm leuchtende bewaldete Haenge, magische Wolkenformationen, mit all dem heisst mich Kolumbien willkommen. Doch dann geht es wieder den Berg hoch Richtung Hauptstadt. Endlich komme ich nach auch schon wieder 1000 Kilometern seit der Grenze in Bogota an und ich steige wieder ein in ein Leben ausserhalb von Bussen und deren Haltestellen – wunderbar erleichterndes Gefuehl!

 

Zurueck nach Huanchaco Mai 20, 2009

Einsortiert unter: Tagebuch — Sebastian @ 1:56 vormittags
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IMG_9881Es ist warm, krieche aus meiner Haengematte, schlaengel mich unteren denen der anderen Passagiere hindurch und schlurfe zum wiederholten Male an der Frau vorbei, die die ganze Zeit mit einem Kreuz in der Hand mit geschlossenen Augen betet und deshalb nicht mal bei der Essensausgabe ihren Teller in der Hand halten kann und steuere auf das Heck des Schiffes zu wo sich die Duschen, Waschbecken und Toiletten befinden. Eine der Toilettentueren in der hellblauen Schiffswand springt auf und ein kleines nacktes Maedchen mit einem knallgelben Handtuch ueber der Schulter grinst mich an “¡Hola gringos!” - ich bin zurueck auf dem Boot – diesmal zurueck nach Yurimaguas. Ein gigantischer tropischer Gewitterschauer hat mich aus dem puerto Masusa verabschiedet. “It was mental, man – mental!” Reise diesmal mit Thomas, Ravi und Markus. Thomas, ein Englaender, hat mir den Spass an der Englischen Sprache zurueckgebracht. Ravi ist Inder und Markus Hollaender. Alle wollen sie auch nach Huanchaco, zum surfen und arbeiten. Es ist eine schoene Fahrt. Wir klettern oft auf das Dach der lancha, trommeln, jonglieren, lesen und gammeln einfach nur wieder in den Haengematten. Flussaufwaerts dauert die Fahrt 24 Stunden laenger. Es ist also viel Zeit dem Kaffewasser des Flusses beim gurgeln zuzugucken. Oft sieht es aus, als ob jemand gerade frisch Kaffesahne in den frisch duftenden Sonntag-Morgen Kaffee gegossen hat. Die rosafarbenen Flussdelphine begleiten uns wieder streckenweise und Adler gleiten neben uns ueber das satte Gruen des Urwalds. Eine Wasserschlange schlaengelt quer ueber den Fluss. Tiefgruene Palmenblaetter und gelbe Kokosnuesse spiegeln sich im Wasser. Abends leg ich mich oft auf Dach, hoere Musik, lasse mich unter den aufgehenden Sternen entlanggleiten und verliere mich in meinen Traeumen – das Licht des Vollmondes deckt mich zu. Die Ruhe wird nur gestoert von den Fernsehern mit denen dieses Boot leider ausgestattet ist und die zu allem Unglueck auch hin und wieder angehen. Denen bin ich dann ausgeliefert auch wenn ich das Kabel der Box genau ueber meinem Gesicht schon rausgezogen habe und aufpasse das der uebereifrige Matrose es nicht wieder zusammenflickt. Manchmal faengt ein Baby dicht neben mir an zu schreien und mit ihm kraechzen zwei Papageie die ein gelangweilter Passagier in einem der kleinen Doerfer gekauft hat.

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In Yurimaguas nach rund 60 Stunden angekommen geht das Gezerre um uns los. Am Ende landen wir auf der billigsten Mitfahrgelegenheit nach Tarapoto – einem Pickup mit Aufbau. Da alle auf der 8 Nuevo Soles Ladeflaeche, nicht aber im 15 Nuevo Soles Inneren mitfahren wollen wird es sehr schnell sehr voll und Ravi, Thomas und ich muessen uns hinten an das Metallgestell ranhaengen. Ravi fuehlt sich als Inder natuerlich wie zu Hause. Eine irre Fahrt, surfend in jeder Kurve geht es wieder rein aus dem Tiefpand in die ersten Huegel nach Tarapoto. Die drei Stunden hinten haengend sind irre anstrengend und darum geht auch am Ziel nicht mehr viel, ausser dass wir mitbekommen, dass die naechste Streikwelle schon wieder im Anmarsch ist, wir also uns vornehmen so schnell wie moeglich am naechsten Morgen Richtung Kueste zu verschwinden. Daraus wird dann nichts, die Ereignisse ueberholen uns und die Polizei faengt schon am Morgen an mit den campesinos zu verhandeln doch die Strasse wenigstens fuer bestimmt Zeiten wieder zu oeffnen. Die wuetenden Bauern haben sich also nicht an die Geruechte gehalten die einzige Strasse nach Westen erst in der kommenden Nacht zu bestreiken. IMG_9908Haett ich mir auch denken koennen, denn am Vorabend ging es auf dem Plaza schon rund. So geht also das Spiel von vorne los. Wir versuchen heraus zu bekommen wie weit es bis zur ersten Strassensperre ist um den sich um uns streitenden Motortaxifahrern nicht die kompletten Tageseinnahmen mit einer Fahrt zu schenken. “¡Amigo, amigo!” – die sind wir jedoch nicht mehr als wir noch kurz was essen, kurzlebiges Geschaeft, muss man sich dran gewoehnen. Wenig spaeter stehen wir dann vor der ersten Sperre an ein Durchkommen ist nicht zu denken. Die Polizei schirmt die Demonstranten auf der Strasse ab, oder diejenigen die durch wollen von den Demonstranten. Immer mehr Leute kommen uns entgegen “¡No hay paso, no hay paso!”. Rechts der Strasse wuchern riesige Bananenplantagen vor sich hin und auf der linken Seite tuermen sich die Anden hinter den Farmen auf. Die Sonne scheint so nahe wie nie und trotzdem laufen wir los. Den lokalen Kommentaren darf man hier meist kein Glauben schenken, auch wenn fast alle Menschen zurueckkommen gibt es meist einen Weg. An der Polizei und der Menschenkette angekommen schaue ich mich um, alle rennen irgendwie irgendwo hin. Ein riesengrossen Durcheinander. Ein Mann zeigt ploetzlich auf ein Loch im Zaun, einige fangen an in die Richtung zu laufen, die Polizei rueckt vor und scheint in die gleiche Richtung zo wollen um ein Zusammenstossen der Streikbrecher und der Streikenden zu verhindern. Kurzerhand rennen auch wir auf die Zaunluecke zu die auf irgendein Feld zu fuehren scheint. Es muss schnell gehen, denn ist ist weiterhin nebuloes was die Polizei dort treibt. Schmeisse den Ruecksack ueber den Zaun und klettere hindurch und finde mich ploetzlich in einem kleinen Strom von Menschen wieder, der sich seinen Weg ueber die Stege zwischen den unter Wasser stehenden Reisfeldern bahnt. Die Stege sind nur an der Oberflaeche trocken und sehen aus wie Krokodilhaut. Wenn man ueber sie laeuft, ist es weich und man wippt so ein wenig bei jedem Schritt in eine andere Richtung, vor allem wenn man einen gigantischen Rucksack auf dem Ruecken hat. So geht es im Zickzack ueber die Felder, durch mooriges Grass und durch weitere Zaeune. Komme mir vor wie bei einer illegalen Grenzueberquerung. Aber der Pfad fuehrt ueber einen grossen Bauernhof und zwischen riesigen Flaechen auf denen die Bauern Getreide, Mais und Kaffee trocknen wieder zurueck auf die Strasse – hinter die campesinos. Auch hier stehen gigantische Schlangen von Bussen, LWKs und ein paar Autos. Natuerlich war das nicht die einzige Sperre und so geht es weiter. Die naechste wird jedoch einfacher, wir duerfen passieren. Ueber Moyobamba  geht es in zwei Etappen in 10 Stunden nach Bagua Grande. Ein Hoellenritt wie sich jeder ausmalen kann der einmal diese kleinen ueberfuellten Micros betreten hat. An eine Weiterfahrt ist also nicht zu denken. So bleiben wir eine Nacht in dem Andental und fahren am naechsten Abend ueber Nacht weiter zurueck in die Wueste nach Trujillo.

IMG_9983Zurueck in Huanchaco ist alles beim Alten geblieben, ausser das Wetter. Es ist kuehl geworden im letzten Monat und wenn die Sonne gerade mal nicht hinter dem Nebel hervorguckt, dann ist es ohne Pullover ein wenig zu kalt – Willkommen in der Nebensaison im Peruanischen Winter an der Kueste! In den Bergen klarrt das Wetter im Winter auf und es ist Hochsaison. Im Urwald duerfte es wie immer heisst sein, auch wenn uns die Leute in Iquitos versichert haben, dass es gerade etwas frisch dort ist – ich habe nichts davon gemerkt. Daller wieder zum Naylamp um die Wellen von meinem Zelt hoeren zu koennen. Es sind entspannte Tage zwischen Zelt, Haengematte mit meinem Buch, Slackline, Eis, Kaffee und den leckeren Schokokuchen und Apfeltorten unten an der Rezeption. Der Campingplatz ist fast leer, nur Joe und Mary – zwei Kanadier – sind noch da. Die Abende auf der Terasse zusammen mit zwei anderen Maedels werden lang und laenger und die Sache um jeden Tag entspannter, so dass es mir schwer faellt wieder loszureisen. Der Ort ist fast leer, viele Amerikaner sind doch da die den Kindern hier Englisch beibringen und surfen. Die Leute sind entspannter. Die Crew des Naylamp hat wenig zu tun aber Rumi, der gigantische Wachhund, haelt alle in Bewegung. Sie fangen ihn gerade an zu erziehen. Ist noch einiges zu tun bis er nicht mehr Kekse, Kornflakes oder Fruechte aus der Kueche oder aus meinem Zelteingang klaut. Huanchaco wird in den Tagen neben El Bolsón zu einem meiner Eckpunkte meiner Reise, solch Orte in denen man sich zu Hause fuehlt, sehr schwer wieder loskommt und bestimmt wieder zurueckkehrt wenn man in der Naehe ist.
Doch bin ich ein wenig muede. Bis Caracas ist es noch ein Stueckchen. So werde ich wohl Dienstag den Nachtbus nach Piura nehmen und dann irgendwie ueber Ecuador nach Bogota, Kolumbien, duesen um danach so schnell wie moeglich hoch in die Karibik zu kommen.

 

Gravitationskraefte Mai 15, 2009

Einsortiert unter: Dies und Das,Eindruecke — Sebastian @ 2:01 vormittags
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IMG_9843Eine Reise ueber ein Kontinent ist immer eine Reise durch die Natur, oder was von ihr noch uebrig ist, aber in aller erster Linie eine Reise durch die Lebensumstaende der Menschen, die die Natur dafuer geisseln. Das Gruen in Sued Amerika ist, falls nicht gerade eine Wueste anstatt dessen selbstzufrieden in der Landschaft liegt, noch fast ueberall praesent, und wohl unter anderem deshalb auch die Menschen in einer signifikant anderen Art und Weise als ich es aus Europa gewohnt bin, oder besser, Europa es mir angewoehnt hat. Zumeist praegt hier die Natur noch den Menschen und nicht im umgekehrten Wege.
Nach unzaehligen Generationen kriegerischer Auseinandersetzungen bestimmen politische Grenzen wirtschaftliche und soziale Schicksaale – Luiz Inacio Lula da Silvas Vision eines Pan-Suedamerikanisches Staatenbund gegen die Nord Amerikanische politische, oekonomische und kulturelle Hegemonie scheint in weiter Ferne. Die Laender koennen sich ein friedliches Neben- und miteinander oekonomisch noch nicht leisten. Die Machtapperate sind zu zersetzt von Korruption und Guenstlingswirtschaft, als dass ein politischer Prozess oekonomisch, oder anders herum, auf den Weg gebracht werden koennte.
Die Menschen stellen sich hier andere Fragen. Viele Chilenen und Argentinier die ich getroffen habe suchen nach ihrer eigenen Philosophie, losgeloest von der allgegenwertigkeit Europaeischer Geschichte – einer neuen Sued Amerikanischen. Sie wollen frei sein und sind es oft. Einige die ich getroffen habe leben ihre Version von Freiheit so unverkrampft und weit ab von gesellschaftlichen stereotypen Bildern, man denke nur an das des Hippies, dass es mir das Herz erwaermt. Mit der Grenzueberquerung von Chile nach Bolivien bin ich in den zweiten Teil meiner Reise eingetreten. Alles hat sich umgekehrt, die Menschen sich veraendert, die Lebensumstaende verschlechtert. Das Leben ist so schwer wie einfach in Bolivien und Peru. Es ist runtergekocht auf die Grundbeduerfnisse - Essen, ein Dach ueber dem Kopf, Familie – oder anders, es konnte nie aufgekocht werden. Viele Menschen in diesen beiden Laendern, die nicht an absoluter Armut leben, sich also ernaehren koennen und eine kleine Huette haben und sich irgendwo die Haende wundarbeiten oder augenscheinlich nichts tun, erscheinen mir gluecklich. Das Lebens stellt keine Fragen, es ist einspurig, man muss nur aufpassen und die Kurven richtig nehmen. Viele einfache Maenner sind Ueberlebenskuenstler fuer sich und ihre Familie, und doch hat die aus oekonomischen Rahmenbedingungen Bildung nie ihren Horizont erweitert. Das genuegt hier, keiner verlangt von ihnen mehr. Intellektuell sind oft kleine Jungen geblieben, das Bildungssystem transportiert keine Inititative, es transportiert Imitation. Und da der Sued Amerikanische Charakter ein anderer als der Chinesische ist, kommt ein ziemliches Schlamassel dabei heraus.

Je aermer die Laender werden, umso mehr sind all die Touristen wieder unter sich. Laengere Gespraeche mit den Einheimischen werden seltener, solche mit tieferem Sinn verschwinden fast ganz. So sehe ich die liebe und herzensgute Menschen vor der Einfalt kapitulieren, sich dabei schlecht fuehlen und wieder anderen Reisenden zuwenden um wieder Gespraeche fuehren zu koennen die sie ausfuellen - Leben kehrt in die Gesichter zurueck. Der Schritt weg vom Reisetourismus, wirklich rein in die Gesellschaft, scheint mir fuer mich fast unmoeglich. Im Sueden hingegen sitzen Reisende mit Chilenen und Argentiniern gleichberechtigt gegenueber. Sie reden miteinander, fuellen sich auf, sind gespannt aufeinander. Geld spielt fast immer trotz der relativen Armut in vielen Gebieten nie eine Rolle und so helfen viele Reisende wo sie nur koennen – leben zusammen mit den Einheimischen. Ich will zurueck in den Argentinisch-Chilenischen Sommer! Das alles ist hier in Bolivien und Peru fast undenkbar. Die Konstellation des armen locals und der reichen Reisenden wird so gut wie nie komplett aufgebrochen. Der erstere sieht in letzter Konsequenz aus der Not oder aus Gewohnheit heraus die schier unendliche Kreditkarte des Menschen von irgendwo anders her. Sie haben keine Ahnung von dem Leben jenseits eines sehr kleinen Horizontes, selbst Gebildete. Das uebersteigert und verzerrt das Bild des Reisenden, jenes was er sich selber gibt und jenes, welches ihm von den Einheimischen gegeben wird - und beide umwabern einander bis zur kompletten Unkenntlichkeit – wird zur trennenden Mauer. Mir scheint, aus diesem Grund gibt es hier selten ein Miteinander von Reisenden und Einheimischen, es gibt ein Fuereinander – keine Frage, aber das erstere gehoert fuer mich essentiell zu einer gesunden Sozialstruktur dazu. So werde ich in Ollaguee wieder zum Fremden, die Rolle die ich im Sueden so genossen habe abgelegen zu koennen.

So will ich wieder zurueck. Habe gerade genug von beknackten Pop “te amo” Texten, habe genug von der Ahnungslosigkeit, von den vielen kleinen Luegen, von dem religioesen Fanatismus. Ich freu mich gerade riesig auf zielloses irren in einer Gesellschaft die so abstrakte und ueberfluessige Fragen wie die nach dem Sinn des Lebens stellt. Zurueck in eine Gesellschaft die abstrakt lebt und schafft, abstrakt denkt und sich dabei oft selbst verliert, weil sie alles hat, und all das in ihrer Musik zum Ausdruck bringt. Ich will zurueck in eine Umgebung die mir es erlaubt mich selbst zu verlieren, und das nicht nur physisch im Dschungel. Ich will zurueck in eine Umgebung in der meine Gedanken sich im Kreis drehen, immer wirre Windungen nehmen bis ich am Ende manchmal nicht mehr weiss ob das alles einen Sinn ergibt oder ich mich in ihnen verloren habe. Ich will zurueck in eine Gesellschaft, die sich anderen Fanatismen hingibt als “dios es mi amor“, “dios, te amo” oder “dios es amor“. Ich will zurueck in eine Gesellschaft, die mich ueberfordert, verwirrt und dadurch wach und am Leben haelt.
Und ich will zurueck in eine Gesellschaft, die mir all dies hier ermoeglicht, ich will die Moeglichkeit haben, jederzeit zurueckkehren zu koennen, in all die kleinen Paradise hier, die ich aber wohl nur als solche wahrnehme, wenn ich die Chance habe an den Ort zurueck zu gehen, an dem ich wieder von dem hier und jetzt traeumen kann, mein Fernweh wieder angestachelt wird – ich will nach Mexiko, Nepal, Indien, Australien, Neuseeland, Vietnam, und, und nach Patagonien. Ich geniesse die letzten Wochen hier unheimlich, ich geniesse Sued Amerika, jedes Land auf seine Weise, aber immer in dem Wissen, dass ich wieder mit dem Fahrrad von Friedrichshain auf der Oberbaumbruecke ueber die Spree fahren kann – meinem anderen Leben entgegen.

 

Die zerstoererische Dynamik des Misstrauens Mai 13, 2009

Einsortiert unter: Eindruecke,Tagebuch — Sebastian @ 8:12 vormittags
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img_9216Es gibt einige Autoren, die sich mit dem Verhaeltnis von Vertrauen und oekonomischer Leistung einer Gesellschaft beschaeftigen. Es werden meist Fragebogendaten fuer empirische Analysen benutzt um mit Hilfe von Regressionsanalysen Zusammenhaenge zu untersuchen. Dabei wurde in europaweiten Sozialstrukturerhebungen die Frage gestellt, ob der Befragte Menschen generell traut. Natuerlich stellt sich hier wie immer erstens die Frage nach einer tatsaechlichen kausalen Abhaengigkeit und und zweitens bietet die chicken-egg Problematik wenig Spielraum fuer realistische Politikempfehlungen. Peru aber bietet viel Raum fuer Feldstudien mit Kaffeetasse und Eis in der Hand.

Man stelle sich also fuenf Personen, vier Peruaner mit wenig Geld und einen gringito mit viel zu viel Geld welches er unbedingt ausgeben will. Nennen wir die Peruaner Juan, Hebel, Juo und Kid und den gringito mit zu viel Geld Sebastian. Der letztere will hin und wieder mit dem Bus oder Boot fahren, muss uebernachten – aber nicht irgendwo, will in teuren Restaurants essen – aber nur den besten, will auf den Machu Picchu klettern – aber nur mit dem besten Fuehrer, dem besten Essen, den schicksten Zelten und zur besten Zeit, will in den angesagtesten Bars die angesagtesten Cocktails trinken und sowieso sonst total viel dummes Zeug machen und dabei von seinem vielen Geld so wenig wie moeglich ausgeben. An einem beliebigen Tag schlendert Sebastian also durch die Stadt und will eigentlich nichts machen, kaufen oder sonst etwas tun. Da trifft er auf Juan der ihn anquatscht, wie das so ueblich ist. Beide fangen an zu erzaehlen bis Sebastian irgendwann genervt einlenkt, weil Juan eigentlich nur mit ihm erzaehlt, weil er ihm was verkaufen will von dem er sagt, dass es nur zu diesem Preis existiert, weil es Versorgungsprobleme gibt. Sebastian weiss es in diesem Moment zum Glueck besser weil er vorher mit anderen Leuten gesprochen hat, verabschiedet sich kurz von Juan und legt sich an den Strand.
Wenig spaeter kommt unser Gringo in eine neue Stadt. Tausende Motortaxifahrer quasseln auf ihn ein und versuchen ihren amigo mit allen erdenklichen Methoden von einem Hostal zu ueberzeugen um spaeter die Belohnung kassieren zu koennen. Weil teurere Hostals mehr zahlen, die Fahrer aber wissen, dass alle Gringos trotz ihres vielen Geldes immer so wenig wie moeglich zahlen wollen, IMG_9907trotzdem aber natuerlich so dicht am Zentrum wie moeglich sein wollen, nehmen sie es mit den Informationen zur geographischen und preislichen Lage nicht so genau. Nur widerwillig geht unser gringito mit Hebel mit, weil andere Leute, mit denen er gerade unterwegs ist, die ganze Sache gar nicht so schlecht findet. Am Ende stellt sich heraus, dass das Misstrauen voellig unbegruendet war und das ausser der Informationen zur geographischen Lage des Bettes, alles in bester Ordnung ist. Sebastian fuehlt sich ein wenig bescheuert, weil er das aufgestaute Misstrauen Menschen entgegen geschmettert hat, die es nicht verdient haben. Aus dieser Erfahrung beschliesst er in der naechsten Situation etwas entspannter zu sein und Misstrauen wieder schneller fallen zu lassen.
Weil der ganze Dschungel unter Wasser steht, besteht keine Moeglichkeit in absehbarer Zeit in den Urwald ohne einen Guide zu kommen und kleine Affen zu beglotzen. Sebastian ist also hoechst anfaellig und Topziel fuer alle Touristenfaneger, speziell, weil er natuerlich von seinem ganzen vielen Gringo-Geld so weiterhin so wenig wie moeglich ausgeben will. Da er immer noch drei anderen Leute unterwegs ist, ist es sehr wahrscheinlich die Entscheidung nicht alleine treffen zu wollen. Es findet sich als Juo, der bei einem der rumirrenden Reisenden Gehoer findet und mit allen erstmal ein Bier in der naechsten Trinkhalle am Platze marschiert. Sebastian hat bei dem Typen ein komisches Gefuehl, weil so einige Sachen nicht zusammen zu passen scheinen. Die drei anderen sind aber Feuer und Flamme und so entscheidet er sich diesmal bauchgrummelnd fuer die Aktion und schluckt seine Bedenken runter, schiebt sie als Wahn zur Seite. Am Ende stellt sich heraus, dass der Bauch doch richtig gelegen hat und Juo doch zum groessten Teil Quatsch erzaehlt hat. Er ist genervt, sagt die ganze Geschichte ab und verzieht sich erstmal lesend an den Pool.
All die Kids, die nach Juo kommen werden es in Zukunft schwer haben ihr Sachen an Sebastian zu verkaufen. Schlecht fuer ihn, weil Misstrauen einer bestimmten Gruppe von Personen gegenueber meistens nachteilig ist, gut fuer sein Konto, schlecht fuer all die Kids dort draussen da sie auch mit guten Intentionen ihr Sachen nicht mehr an den Mann bekommen, schlecht fuer beide da sie nicht mehr so viel miteinander sprechen und sich gegenseitig auf Basis forcierter Verhaltensmuster und Reaktionen in bestimmte Schubladen stecken.

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Zusammenzufassen ist das hemmende Phaenomen fehlenden Vertrauens wie folgt. Person A will eine Leistung oder ein Gut von Person B kaufen. B hat vollstaendige Informationen ueber seine Leistung, A jedoch nicht. A hat Vorstellungen die B im Groben kennt. Die Vorstellungen von A und die Leistung von B muessen sich nicht treffen. Da B die Vorstellungen von A kennt, geht er im Verkaufsgespraech auf diese ein und gibt vor, seine Leistungen wuerden genau seiner Erwartung entsprechen. A, der vorher schon einmal etwas von C gekauft hat und enttaeuscht wurde, weil C in angelogen hat, ist mistrauisch. Es ist nun egal, ob die Leistung von B seinen Beschreibungen entsprechen, wenn A vorher genug negative Erfahrungen falscher Versprechungen gesammtelt hat. A schliesst aus seiner Erfahrung, dass B genau vom gleichen Typ wie seine vorherigen Geschaeftspartner ist. Jetzt ist die Abwicklung der Transaktion unglaublich teuer und schwierig. B hat hohen Aufwand A von dem Wahrheitsgehalt seiner Aussagen zu ueberzeugen. A, der B nicht ganz traut, hat einen hohen Aufwand seine Interessen abzusichern und alle Details der Transaktion sicherzustellen. B ist von dem Misstrauen des A gekraenkt und ist selbst beleidigt. So kann es im schlimmsten Fall passieren, dass B die Leistung nicht erbringen kann, weil A nicht im Vorraus zahlen will, B aber das Geld braucht um das Material zu kaufen. Im weniger schlimmen, jedoch akkumuliert hoechst schaedlichen, Fall schachern beide Personen so lange hin und her, bis beide das Gefuehl haben, dass der jeweils andere sie nicht mehr in dem Masse betruegen kann, dass sie selbst nach der Transaktion schlechter gestellt sind als zuvor. Im letzteren Fall sind die Transaktionskosten unheimlich hoch und im ersten zu hoch.
Wenn A im Voraus nicht so viele schlechte Erfahrungen gemacht haette, und/oder die Rechtssicherheit gegeben ist, dann haetten die beiden das Geschaeft mit viel weniger Problemen viel schneller abwickeln koennen und beide waeren mit groesserer Zufriedenheit und einem hoeheren Gewinn aus der Sache gegangen. So nimmt zwischenmenschliches Vertrauen ein Platz in der Reihe harter oekonomischer Leistungsfaehigkeitsfaktoren ein.

Abseits von der oekonomischen Schiene durfte klar sein, dass fehlendes Vertrauen in unbekannte, und sogar bekannte Personen, wie es in Peru oft der Fall ist, ein soziales Klima herstellt, welches dem kulturellen und politischen Miteinander wenig zutraeglich ist. Oder wer verkauft schon gerne Kaugummies durch ein Gitter?

 

Herr Lehmann in Iquitos Mai 4, 2009

Einsortiert unter: Eindruecke,Tagebuch — Sebastian @ 6:58 vormittags
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img_9816Iquitos erwacht. Sonnenstrahlen kitzeln in meiner Nase, schlage meine Augen auf, die kleine Eidechse, die in dem mit Palmenblaettern gedeckten Dach meines Zimmers, welches im Hobo Hideout in einem kleinen hoelzernen Turm mich vom Bett aus ueber die Blechdaecher der Stadt blicken laesst, wohnt, ist immer noch da und krabbelt unaufhoerlich den tragenden Balken in der Mitte auf und ab. Meine mueden Augen erfreuen sich und ich frage mich, ob der Bursche ueberhaupt geschlafen hat. Neben mir steht im rechten Winkel an der anliegenden Wand noch ein anderes Bett, es ist leer. So bin ich alleine in dem offenen Holzverschlag. Alle anderen wohnen unten in den Zimmer, frage mich wieso keiner auf die Idee gekommen ist sich hier oben in diesem kleinen Paradies mit Aussicht, frischer Luft und ohne geschlossene Waende einzunisten – seltsame Leute, aber um so besser fuer mich, so war das Bett noch frei. Habe die ganze letzte Nacht auf dem Bett gelegen, gelesen, Amazónica Bier getrunken und den leichten Windhauch der aus allen Richtungen durch die offenen Waende zu mir hereinkam genossen. Damit ist jetzt wieder Schluss, ein neuer Tag hat begonnen und die Sonne hat den Wind verdraengt oder macht ihn zumindstens vollkommen unwirksam. Die zwischen den rostigen Blechdaechern hervorstechenden Mameibaeume mit ihren dicken dunkelgruenen Blaettern und der scharlachroten Mamei glaenzen im Sonnenlicht. In der ferne ist der Urwald zu erahnen. Entscheide mich runter zu gehen und mit einem heissen Kaffee mich danach wieder nach oben in meinen Aussichtsturm zu begeben. Honigcracker, Mamei und heisser Kaffee. Der umgedreht aufgehaengte Schildkroetenpanzer im Fenster an meinem Bett schwingt vom letzten Windhauch noch friedlich hin und her und Herr Lehmann, den ich unten im Hostal in der Tauschboerse mit einem Berliner Eintrag gefunden habe, regt sich gerade Bier-trinkend Sonntag Vormittag in seiner angestammten Markthallenkneipe in Berlin-Kreuzberg ueber die Fruehstueckskult auf weil er auf seinen Katerschaedel zu dieser Zeit deswegen, so glaub er, keinen Schweinebraten bekommen kann. Ich fange an zu lachen, dreh mich auf den Ruecken und gucke weiter der kleinen Eidechse zu. Die kleinen roten Voegel huepfen ueber die Daecher und in den Baeumen herum.
Draussen erwacht die Schwulenhauptstadt Perus an diesem Morgen. Die Motortaxis fangen an wie aufgezogen das typische Geflecht an Einbahnstrassen entlangszuknattern. Autos gibt es kaum, macht auf wenig Sinn, denn die Strasse umimg_9809 Iquitos fuehrt 100 Kilometer nach suedwestlich nach Nauta in aehnlicher Lange nordoestlich nach Indiana. Der Pastor einer der unzaehligen in Siebziger-Jahre-Bauten beheimateten und mit Plastikgartenstuehlen ausstaffierten Kirchen schuettet den Muell der letzten Prozession auf der Strasse. Wer es nicht zu Kirche schafft, dem singt irgendein Typ in den lokalen Bussen ein Loblied auf Gott. Ueberzeugen braucht die Menschen hier keiner mehr, sie tragen Tag fuer Tag T-Shirts die ihre Liebe zu Gott auch schriftlich manifestieren, Geld brauchen die kirchlichen Instiutionen trotzdem jeden Tag. Ueberall, in jedem Bus, an fast jedem Motortaxi, in den Restaurants und an den Laterne kleben glitzernde Sticker mit denen sich die Menschen erinnern, dass Gott Liebe ist und sie liebt. Hoffnung. Hier haben die Spanier ganze Arbeit geleistet. Auf dem Plaza postieren sich schon langsam die Schuhputzer und Touristenfaenger die ihr Urwaldtouren verkaufen wollen, die Prostituierten der Nacht sind schon lange verschwunden. Die Maerkte in Puerto Nanay und Belén fuellen sich langsam mit allem erdenklichen – Flussfisch, Nuessen die teilweise wie Gehirne aussehen, so dass man erstmal nachfragen muss, Bananen, Schuhverkaeufern, Jugo de Caña, Mamei und tausenden anderen tropischen Fruechten die ich noch nie vorher gesehen habe. Im El Cyber-Internetcafé am Plaza haben sie die Computer nach dem gestrigen Platzregen wieder abgedeckt und den Boden trocken gewischt. Hunderte Bauchladenverkaeufer postieren sich ueber die Stadt verteilt in Parks, an Strassenecken und in Hauseingaengen. Der Amazonas gurkelt auch heute wieder friedlich an der Stadt vorbei – alles geht seinen gewohnten Gang.

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So vergehen die Tage in Iquitos. Zuerst war ich im Golondrinas von dort ich vier Tage im Dschungel war. Iguanas, Affen, Schlangen, ueberdimensionale Froesche, Tucane, Papagaie und unzaehlige andere bunte Voegel, Caimane, praehistorische Hoatzine, ein Faultier, tausende Ameisen, ziemlich grosse Spinnen, eine Tarantula, Honigbienen, Fische, ein paar Muecken – alles war dabei. Wir waren viel mit dem Einbaumkanu am Quebrada Cumaseba und dem umliegenden Wald unterwegs  weil der ganze Wald wegen der Regenzeit unter Wasser steht. Am meisten mochte ich jedoch den Klang des Urwalds von der Haengematte aus, am wenigsten meine Kopfschmerzen mit anschliessendem Fieber, weil ich vergessen hatte zu trinken, was nicht schwer ist bei 95% Luftfeuchtigkeit.

Hin und Her. Was macht man wenn man jetzt so tief im Dschungel, also rein geographisch, steckt? Irgendwann und irgendwie wieder aus, soviel ist klar. Nur wie? Viele reisen mit dem Flugzeug mindestens eine Strecke, das ist das letzte was ich will zumal im zentralistischen Peru alles erstmal nach Lima geht. Die zweite Option ist ueber den Rio Napo nach Pantoja und von dort aus weiter mit dem rapido welches viel Geld kostet nach Coca in den Norden von Ecuador. Ist aber auch kein Koenigsweg, denn bis zur Grenze dauert es acht Tage und die lanchas sollen selbst fuer den Abenteuersuchenden eine harte Probe sein. Zum anderen ist nichts sicher, die Manifestation hoeren mal auf und fangen dann wieder an und ich habe wenig Lust im Malariagebiet auf unbestimmte Zeit festzusitzen. Die dritte Option besteht darin, zum Laenderdreieck von Peru, Brasilien und Kolumbien zu tuckern und dann von Leticia, dem Kolumbianischen Ort, einen Flieger nach Bogota zu nehmen, Strassen- und Flussverbindungen existieren nicht. Die vierte Option ist den gleichen Weg zurueck zu nehmen. Alles ist irgendwie suboptimal, kann mich kaum fuer eine Option entscheiden. Wenn ich mehr Zeit haette, wuerde ich erstmal nach Brasilien rein.

Gruppendynamik. Gruppen sind manchmal unfaehig zu handeln da es Probleme des kollektiven Handelns gibt. Das heisst, da jedes Mitglied einer beliebigen Gruppe ein bestimmte Praeferenz hat, diese aber, um eine Entscheidung in der Gruppe herbeifuehren zu koennen, staendig mitteilen muss, was bei kleinen Angelegenheiten schnell zur Schwerstarbeit werden kann. Aus diesem Grund wird der einzelne nur die dringensten Fragen offen zur Sprache bringen oder sich nur mit einzelnen Mitgliedern der Gruppe austauschen. Der einzelne neigt auch dazu schneller Zustimmung anzunehmen, da ein zur Sprache bringen aufwendig sein kann was bei einzelnen Sachverhalten vom Individuum der Entscheidung als nicht Wert eingeschaetzt werden kann.
Man nehme als Beispiel eines Problems kollektiven Handelns eine Situation am ersten Abend in Iquitos. Ich bin mit Fernando, Ricardo, Antonio und den Hollaenderinnen auf dem Plaza unterwegs. Von ueberall stuerzen sich Leute wie Greifvoegel auf sich und immer hoert irgendwer zu, damit ist die ganze Gruppe gefangen, oder man haut als einzelner einfach ab. Geht natuerlich nicht immer. Unter den Typen ist auch einer, der uns keine Urwaldtour vertickern will, der einfach so dahinquasselt. Ich kenne diese Typen schon aus Istanbul. Den werden wir den Abend nicht mehr los, schiesst mir durch den Kopf. So ist es denn auch. img_9810Er findet immer wieder ein offenes Ohr, spricht in der “Wir”-Form und hat somit die willenlose, weil orienitierungslose, Tourigruppe komplett unter seiner Kontrolle. Selbst zu acht sind wir nicht faehig uns abzusprechen und schlingern so umher und wie sich spaeter herausstellen wird in einen Zustand hinein, den keiner will. Man koennte das mit dem was Henrik Ibsen in seinem Buehnenspiel “En Folkefiende” die solide Mehrheit genannt vergleichen. Wir schlingern also so durch den Abend und ich haue nicht dazwischen, wer will denn schon als Spielverderber da stehen. Irgendwann reicht es mir dann und als wir in einem Club rumdallern und sich dieser Typ immer wieder mit eingeladen hat frage ich eine der Hollaenderinnen. Was rauskommt ist toll – sie mag ihn ueberhaupt nicht, hat aber nix gesagt, weil sie den Eindruck hatte, dass ich ihn moegen wuerde. Ich brauche nicht weiterzufragen, denn sofort ist klar was auch alle anderen antworten werden. Als dieser Typ also wieder ankam und mich amigo fragt, ob wir nicht noch schnell ganz viel Bier kaufen wollen da die Bar gleich zu macht, blocke ich ab und erklaere ihm, dass ich noch nie sein amigo gewesen bin und das er sich jetzt verziehen darf. Es folgt ein Lehrbeispiel fuer Lehrbuecher der Sozial-, Wirtschafts- und Politikwissenschaften. Er zieht ein Fresse und sucht sich den naechsten aus der Gruppe, der das nicht mitbekommen hat und schon ist er wieder im Spiel. Verdutzt aber wenig verwundert schau ich dem ganzen zu. Im Nu sitzt er gegen meinen Willen in einem der Motortaxis und quasselt weiter. Keiner traut sich ihm in den Arsch zu treten weil alle Angst haben die anderen der Gruppe koennten etwas Schlechtes denken. Das Problem einer schnellen konsistenten Absprache manoevriert die Gruppe willenlos in eine Situation hinein die jeder einzelne nicht will – spannend.

Herr Lehmann erlebt gerade seinen Geburtstag am Tag der Maueroeffnung und entschliesst sich, schon angetrunken, zur Oberbaumbruecke zu fahren. Ich schau von meinem Bett zur Turmuhr der Kirche am Plaza, sie zeigt 11:45 Uhr und faengt an zu bimmeln, drei Mal. Ich weiss auch nicht so genau warum mich das Mauerthema immer so sentimental werden laesst, denn immerhin habe ich das Gefuehl die ganze Geschichte gehoerig verpasst zu haben. Aber vieleicht liebe ich sie einfach zu sehr, diese Bruecke, img_9794jeden Tag ueber sie fahren zu koennen, zum Wendel, und dort Kaffee trinken und Avocadosalat essen zu koennen, oder zu den grossen Stuehlen an der Arena und dann wieder zurueck zum Fotoautomaten in der Warschauer Strasse und dem Wunderlampendoener, dem sie jetzt ja leider die Konzession entzogen haben. Vieleicht habe ich die Gesellschaftsseele unterschaetzt. Dieser Gedanke ist mir schon oefter in den unzaehligen Diskussionen mit Israelis, Franzosen, Chilenen, Argentiniern, Peruanern und Amerikanern, die sich immer wieder um die Seele der jungen Generation in Deutschland in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg drehten, gekommen. Am interessantesten waren die Auseinandersetzungen mit den Israelis in denen ich das Gefuehl bekommen habe, dass wir in Deutschland eine falsche Vorstellung ueber die Gedanken der jungen Generation dort unten in der Wueste mit ihrer Mauer und den Kartusha Rakten haben, oder jedenfalls ich meine Vorstellungen nach den unzaehligen ARD Vermittlungsversuchen gluecklicherweise ueber den Haufen werfen kann. Bin immer wieder ueberrascht wie wenig die anderern ueber uns wissen, sollte ich aber nicht, denn wie viel wissen wir wissen wir eigentlich wirklich ueber die anderen? Zu viel ist es jedenfalls nicht. Die Turmuhr zeigt jetzt 12:00 Uhr und bimmelt eine kleine Melodie vor sich hin. Die Leute stroemen aus den Kirchen, zum Essen, es ist Sonntag, morgen fahr ich hoffentlich mit dem Schiff zurueck nach Yurimaguas. Ich habe es rumoren hoeren die Manifestationen haetten in Yurimaguas schon wieder begonnen.

 

Von Stillstand und Fortbewegung Mai 2, 2009

Einsortiert unter: Tagebuch — Sebastian @ 1:33 vormittags
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Yurimaguas ist eine Geisterstadt. Hier scheint es kein Benzin mehr zu geben, kein einziges Motortaxi faehrt mehr, die Benzinpreise an den Tankstellen sind wegen des Streiks exorbitant. So bleibt uns nichts anderes uebrig als die fuenfzehn cuadras zum Plaza de Armas zu Fuss zu gehen. Die Leute siten auf den Strassen, alles ist friedlich, so ein bisschen wie Sonntag Nacht. Je weiter wir ins Zentrum kommen, umso mehr Kreuzungen sind besetzt, es gibt Spruchbaender, Fahnen und Kochtoepfe mit langsam vor sich hin koechelnden platanos. Platanos sind grosse Bananen die hier ueberall wie Kartoffeln gegessen oder als Suppe zerkocht werden. Sie sind fester und weniger suess und fuer mich nur fritiert wirklich geniessbar. Ich frage mich wer all dies lesen und davon Notiz nehmen soll, wenn es doch fast unmoeglich ist hier her zu kommen.celendiquitos-222 Wir duerfen hier unter jedem Spruchband durchkriechen ohne Wegzoll zu zahlen. In der Nacht gibt es eine Nachtwache die mit Holzspeeren bewaffnet bis morgens um sechs die Stellung haelt und dann beginnt ein neuer Tag eines Lebens auf der Kreuzung. Alles ist so ein wenig wie ein Feriencamp, nur leider ernster. Die Leute spannen Volleyballnetze ueberall ueber die Strasse, fast kein Laternenmast bleibt ungenutzt. Die Menschen spielen erstaunlich gut Volleyball – hier scheint es regelmaessig Streiks zu geben, denn andere Moeglichkeiten fuer die Netze seh ich nicht. Am Abend, wenn es nicht mehr ganz so heiss ist, uebernehmen die Fussballer die Strassen. Das machen die Leute hier seit ungefaehr neun Tagen. So lange stehen auch schon die lanchas im Hafen ohne sich zu bewegen. ¡Mañana! Es ist also Hochzeit fuer die Touristenfaenger. “Natuerlich gibt es nur rapidos, kostet aber 2000 Soles pro Boot, und natuerlich brauchen wir das Geld gleich, weil das Benzin knapp ist und wir es von irgendwem kaufen muessen, wir aber nicht sicher sind ob derjenige es auch verkaufen will, wenn derjenige es aber nicht verkaufen will, muessen wir halt mit dem los, kostet dann 2500 Soles.” Am Hafen ist es ein Spiessrutenlauf, ich weiss nicht, wem ich trauen kann denn an Geschichten fehlt es nicht. Und wie immer in Laendern gewinnt man, wenn man ein wenig Zeit hat und nicht unbedingt gleich los muss. So auch dieses Mal, eines der unzaehligen auf meiner Reise.img_9424 Ein Mitarbeiter von Eduardo, dem Betreiber der grossen Boote nach Iquitos, laeuft uns ueber den Weg. Wenig spaeter checken wir im Hostel aus, kaufen ein paar Sachen ein und haengen unsere Matten im Boot auf. Erst heisst es, wir wuerden noch sicher heute Mittag auslaufen, dann ist es nicht klar und als wir dann auf dem Boot sind ist es schon wieder mañana. Damit hatten wir aber gerechnet und die Uebernachtung auf dem Boot kostet uns nichts. Nur werde ich ein wenig nervoes als ich von den Leuten auf dem Boot hoere, dass es seit fuenf Tagen “¡mañana!” heisst. Also mache ich, was man in Sued Amerika niemals vergessen sollte – mich entspannen. Laufe wieder zum Plaza, trinke mit den anderen Bier und setze mich mit ins Internetcafé. Ploetzlich kommt Fernando an die halb-geschlossene Gittertuer und ruft ganz aufgeregt ins Café hinein. Keine Zeit ist mehr zu verlieren, das Boot soll in jedem Moment abfahren. Wir rennen also den ganzen Weg zurueck, barfuss durch die halbe Stadt, die Einwohner gucken den wild gewordenen Gringos etwas verwirrt hinterher. Ich muss lachen und deshalb kurz pausieren – gerade wenn man sich auf das uebliche Tempo einstellt passiert genau das Gegenteil. Wann faehrt hier schon etwas frueher ab als angekuendigt? Ein Novum! Aber es ist nicht unser Boot welches losfahren will sondern ein anderes welches ploetzlich sich zwischen die anderen gequetscht hat. Es ist viel kleiner, aelter und jetzt schon voller. Rennen also hoch auf das erste um unsere Haengematten wieder abzubauen und die Rucksaecke zu holen und stolpern ueber mehrere Holzstege auf den alten neuen Kahn der nach Iquitos abfahren soll. Die Crew, wer auch immer da wirklich dazu gehoert, schaut uns etwas verwirrt an und fragt ein paar Mal nach als wir darauf bestehen, auf das oberste Deck zu wollen. Schliesslich sind wir doch oben angekommen, keiner weiter ist da ausser vier Hollaenderinnen – shevre!

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Das Schiff legt ab und die Lichter der Stadt werden langsam kleiner. Schritt fuer Schritt ist zu erkennen welchen Weg das Boot auf dem Rio Huallago, gesaeumt durch den mittlerweile nachtschwarzen Jungel zu beiden Seiten am Ufer, nehmen wird. Geruechte gehen um, dass es sich um ein illegales Boot handelt. Gestuetzt wird diese Vermutung durch das Polizeiboot welches ploetzlich aus den Lichtern am Hafen hervorgeschossen kommt, ein paar Mal wild blinkt, vorne andockt, irgendetwas kleines in Empfang nimmt und innerhalb kuerzester Zeit wieder verschwindet. Mir ist es egal. Viel wichtiger sind die aufziehenden Wolken. Die spaerrliche Bedeckung unseres Decks laesst auf einiges hoffen. Mitten in der Nacht fanegt es dann an zu regnen – also eigentlich ist nicht mehr klar wo der Fluss und wo der Himmel ist. Das Dach stellt sich sehr schnell als undicht heraus. Von oben tropft es, von der Seite treibt der aufkommende Wind das Wasser an und in unsere Haengematten. Es wird ungewoehnlich kalt. img_9546Versuche weiter zu schlafen, doch es ist unmoeglich. Beinahe alles ist schon nass – meine Hose, T-Shirt, Fuesse und die Haengematte – beginne zu frieren. Es bleibt fast allen nichts anderes uebrig ihre Haengematten im dunkel des Tropenregens irgendwie abzubauen, mit ihnen ueber das komplett ueberschwemmte Deck zu watscheln und an einer anderen, weniger nassen Stelle wieder aufzuhaengen. Bei dieser Aktion setzt Fernando sich zum Schluss mit seinem Schlafsack neben seine Matte und kracht komplett hilflos auf den ueberfluteten Boden. Keiner kann mehr vor Lachen an sich halten, nur Antonio kann weiterhin unserem verdammten Glueck auf den Wegen nichts abgewinnen. Weniger spaeter manoevriert das Boot bei weiter stroemendem Regen in die Baeume am Ufer. Die Aeste krachen in unsere Deck, Blaetter segeln durch die Luft. Stille. Allerhand Insekten beginnen sich ueber uns her zu machen. Der Urwald schreit, pieps, summt und rumort, und alles wird orchestral begleitet vom Prasseln des Regens. Bekomme Angst, keine Ahnung was die Jungs da vorne machen. Es ist kein Haus, nichts zu sehen warum das Boot hier anhalten sollte. Nach einer Weile loesst sich das Schiff wieder und wir trudeln auf der anderen Seite dieser relativ schmalen Stelle wieder in die Baeume. ¡Mono, mono! Mache die Augen zu und versuche zu schlafen, geht aber ueberhaupt gar nicht. Darum ab zum Kapitaen in den lustigen Shorts. “¡Traquilo, no pasa nada!” Das seh ich, darum mach ich mir ja Sorgen. Aber das ist typisch – es gibt eine klare Rollenverteilung und interaktive Kommunikation findet nicht statt. So lege ich mich wieder in die Matte und schaue den Blaettern beim tropfen zu. Irgendwann geht es dann zum Glueck doch weiter. Am naechsten Morgen schaelen wir uns aus den Haengematten und das grosse Trocknen und Wischen beginnt. Der Himmel reisst etwas auf was das ganze unheimlich erleichtert. Im Laufe des Tages kommt sogar die Sonne raus, wir schippern jetzt auf dem Rio Marañón und die Fahrt beginnt eines der schoensten Dinge zu werden, die ich auf meiner Reise bisher gemacht habe.
Edwinicito hat drei Decks. Auf dem unteren muss man sich durch ein grosses Durcheinander von Bananenstauden, Heckmotoren, Schweinen, Haengematten, Tischen und Plastiksaecken schlaengeln. Auf dem zweiten gibt es einen Wald von Haengematten. Dicht an dicht und ineinander verschlungen baumeln die Leute dem Ende der Fahrt entgegen. Man muss also gebueckt unter ihnen hindurch tappeln um zu den drei Waschbecken, den drei Toiletten in denen dann auch gleich ein Rohr aus der Wand kommt welches als Dusche dienen soll, oder zur Kueche zu gelangen. Alles, auch das Essen, wird mit Flusswasser betrieben welches mit Hilfe eines Generators in einen Tank auf dem dritten Deck gepumpt wird. In der Kueche wirbelt ein kleiner schwuler Koch Arsch-wackelnd und laecheln umher und bereitet Bananensuppe, Reis mit Fleisch und Bananen oder Reis mit Reis abwechselnd zum Fruehstueck, Mittag oder Abendbrot zu. Er sieht etwas thailaendisch aus und hat augenscheinlich eine riesige Freude an seiner Arbeit. Auf dem dritten Deck gibt es das kleine Haeuschen fuer den Steuermann neben dem Nachts immer ein anderer mit einer batteriebetriebenen Taschenlampe steht um das Wasser auf Treibholz abzusuchen. Wegen der Regenzeit steht der ganze Wald unter Wasser und auf dem angeschwollenen Marañón schwimmt alles was nicht irgendwo festgewachsen war – Seerosen, Grasbueschel, Baumstaemme, sogar grosse schwimmende Pflanzeninseln.
img_9518Die zwei Naechte und zwei Tage auf dem Schiff sind grandios. Wir halten ueberall, an fast jeder kleinen mit Palmenblaettern bedeckten Huette an – die Bewohner brauchen nur mit einem weissen Tuch zu wedeln. Jedes Mal stuermt das ganze Dorf mit Fruechten, Reismix in Palmenblaettern, Fischen, Kokosnuessen und Papagaien auf das Schiff. Es ist immer ein gutes Geschaefft. Viele Haeuser am Rand des Flusses sind bis zum Dach unter Wasser. Die Bewohner sind in andere, mit hoeheren Stelen gefluechtet. Immer wenn wir irgendwo auftauchen kreuzen die Dorfbewohner mit ihren Einbaumbooten auf und umzingeln uns. Manchmal kann man das Dorf auch gar nicht sehen. Nur ein kleiner freier Kanal durch die Uferpflanzen verraet die Anwesenheit einer Siedlung. So ist es lustig im Nichts anzuhalten und ploetzlich tauchen kleine Boote auf und irgendwer oder irgendwas gelangt auf das Schiff. An einer Stelle bekleiten uns rosa-farbige Flussdelphine eine Weile. img_9488Ich kaufe Fisch von den lokalen Fischern und Abends gibt es auf dem Gringodeck Fischsuppe mit Reis. Das Abendbrot von unserem Koch ist leider nie so gut wie das Mittag. Die Suppe aus gemahlenen und gezuckerten platanos in Flusswasser mag mir einfach nicht schmecken. Spanne die Slackline zwischen den Wassertank und unserem Dach und wenn die Sonne gerade nicht scheint tanzen wir ueber das Seil. Ab dem zweiten Tag haben die Kinder uns entdeckt und es war Schluss mit der Ruhe.
“¿Sebastian, Sebastian, Sebastian?”
“¿Ja?”
“!Hihihihihihi!”
Dante und sein Bruder sind lustig, aber ein Ende gibt es nicht. Wir versuchen ihnen beizubringen, dass man den Muell nicht einfach ueber Bord wirft. Ganz stolz bringen sie dann auch die Sachen in unsere Plastiktueten, aber wenig spaeter ist alles wieder vergessen. Ist auch schwierig, wenn ihre Eltern alles in den Fluss segeln lassen und wir auch unsere Bananenschalen oder leeren cocos schwimmen lassen. Sie verstehen den Unterschied zwischen den Dingen nicht.
img_9525Auf dem Wasser ist es so feucht, dass nichts trocknet. Mein Kopfkissen ist jede Nacht triefend nass bevor ich mich ueberhaupt hingelegt habe. Im Gegensatz dazu ist es fast unmoeglich sich in der Sonne aufzuhalten. Nach fuenf Minuten habe ich das Gefuehl irgendjemand wuerde mir mit dem Loetkolben Bilder auf den Ruecken malen. So ist der Sonnenauf- und untergang nicht nur optisch die schoenste Zeit am Tag.
Nach rund 40 Stunden Fahrt erreichen wir am zweiten Tag Nauta, ein Ort suedlich von Iquitos. Hier endet die Strasse von Iquitos kommend. Es sind nicht mehr als zwei Stunden mit dem Bus nach Iquitos. Doch ich will weiter, waehrend fast alle Peruaner des Bus nehmen, denn kurz nach Nauta vereinigen sich der aus dem Sueden von Pucallpa kommende Rio Ucayali und der Rio Marañón und werden zum Amazonas. Nach weiteren neun Stunden sind endlich die Lichter von Iquitos zu sehen deren Kegel man schon lange vorher am Nachthimmel sehen konnte. Es folgt ein Peruanisches Anlegemanoever, welches dadurch gekennzeichnet ist, dass egal wie gross das Boot auch ist, es sich einfach kompromisslos und mit Schwung zwischen zwei andere grosse Boote schiebt, wenn nicht genuegend Platz vorhanden ist. Ich setze staunend meinen Rucksack auf, klettere die Treppen hinab, balanciere ueber den Holzsteg und werde sogleich von unzaehligen Motortaxifahrern ueberfallen die mir “¿Hostal?” – “¿no?, “¿Marihuana?” – “¿no?”, “¿Chica?” – “¿no?” verkaufen wollen – Bienvenidos en Iquitos, dem Ursprung meines Fernwehs der letzten Wochen!

 

Vom Pazifik durch die Wueste ueber die Berge in den Dschungel April 26, 2009

Einsortiert unter: Tagebuch — Sebastian @ 9:59 vormittags
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Lima trudelt aus. Es wird Zeit zu gehen, ich habe die letzten beiden Wochen zu viel Deutsch gesprochen. Dennoch hat es sich richtig gelohnt und ich bin mir sicher, dass Fabian und ich uns wiedersehen werden. Vieleicht schaue ich noch bei dem Schulprojekt von Jakob in Huamachuco vorbeit, aber das wird sich zeigen.

img_9235Bekomme gegen alle Verheissungen saemtlicher Taxifahrer trotz Semana Santa ein Ticket gen Norden. Die Busfahrt nach Trujillo ist toll – die Peruaner schaffen es ohne Sauerstoff in einem Raum zu ueberleben. Mir geht es dabei denkbar schlecht. Aber da so eine Fahrt endlich ist, sitze ich bald gluecklich bei Schokokuchen, Fruchtsaft und Kaffee im Mercado Central in Trujillo und wenig spaeter im Micro nach Huanchaco, dem Bade- und Surfort an der Kueste. Auch hier ist noch alles Wueste. Es ist schoen wieder das Fauchen des Pazifik zu hoeren. Die schroffen Wuestenberge an der Kueste sind immer im Nebel verhuellt, nur die Spitzen gucken heraus. Die Kakteen zwischen den Haeusern wiegen in der leichten Briese und die Surfer schwimmen wie Treibgut vor der Kueste hin und her – immer wartend auf DIE Welle. Schlage mein Zelt im Naylamp auf und mache es mir fuer zwei Tage bei Kaffee und Honigcrackern an der Kueste gemuetlich. Fahre noch zu zwei Pyramiden in der Naehe von Trujillo, Huaca del Sol y del Luna, die von der Moche Kultur zeitlich kurz nach der Nazca Kultur erbaut worden sind. Mein Anti-Inka Programm setzt sich also fort – es ist ein Spiel und irgendwie mein Dickkopf gegen diesen absurden Tourismushype um ein paar alte Steine rund um Cuzco. Zum Abschied vom Meeresrauschen esse ich noch einmal Ceviche welches hier viel schaerfer ist als in Chile und mit Kartoffeln und anderen Sachen serviert wird, die ich noch nicht identifiziert habe. Es ist eine Art Andensushi bei dem der Fisch fast roh mit Zitrone zubereitet wird und dazu gibt es je nach Region alles moegliche.
In diesem Moment steht fuer mich fest, dass ich schnell durch Ecuador reisen werde um zum Schluss noch am Strand im Norden von Kolumbien und Venezuela meine Haengematte aufspannen. Doch erstmal will ich in den Dschungel. Nehme einen Bus nach Cajamarca. 10 Stunden fuer 300 Kilometer – jetzt bin ich in dem anderen, viel interessanteren Peru angekommen. Die ersten Stunden passiert der Bus den Wuestenstreifen an der Kueste, dann geht es hoch in die gruenen Berge, denn Cajamarca liegt wieder ueber 2000 Meter. Dort angekommen werde ich ein wenig enttaeuscht, die Stadt ist nicht das was ich mir vorgestellt habe. Sie ist ein wenig langweilig, ich kann nichts spezielles entdecken. Darum renne ich gleich zu den Jungs von Movil Tours, die mich schon auf der Strasse angequatscht haben und kaufe ein Ticket ueber Celendin nach Chachapoyas – veranschlagt sind 12 Stunden fuer rund 300 Kilometer. In Cajamarca tragen die Indios ploetzlich grosse beige-bastende Cowboyhuete. Ueberall gibt es Kaese, Jughurt und allerlei Milchprodukte aus der Region zu kaufen. Ungewoehnlich, denn bis jetzt schien Gloria den Joghurtmarkt fest in der Hand zu haben.
img_9296Am naechsten Morgen um 6 Uhr geht es dann los, mache es mir in meinem Sitz bequem und versuche mich zu entspannen, denn die Strasse haelt alles, was ich bisher von Gebirgsstrassen in Peru gehoert habe – sie ist schmal, matschig und abwechelnd geht es rechts hoch und links runter, oder halt recht runter und links hoch. Versuche mich an dem Anblick von beaengstigender Tiefe gleich neben meinem Fenster zu gewoehnen – die Strasse ist nur selten zu sehen, die Raeder kriechen den Abhang entlang. Nach den ersten vier Stunden erreicht der Bus mit mir, der langsam anfaengt mit dem Sitz zu vereinen, Celendin – den ersten groesseren Ort auf der Strecke. Es steigen ein paar Leute aus und ein paar dazu. Unter ihnen sind zwei Spanische Feuerwehrmaenner aus Barcelona – Ricardo und Fernando, die mit ihrem Vater – Antonio – durch den Norden von Peru reisen. Interessant wird es, quatschen viel herum und mein Glueck mit den Leuten die ich treffe scheint nicht abzureissen. Es geht den Berg in unendlichen Schlaengellinien hoch und wieder runter. Ueberall stehen Kakteen aller Form und Groesse zwischen dem niedrigen Straeuchern und Bueschen – manche aehneln Baeumen und sind bis zu 8 Meter hoch. Der Boden ist weiterhin lehmig und manchmal wird meine neu-erworbene Entspannung bezueglich der Strasse arg auf die Probe gestellt. Wir passieren Balsas, einen kleinen Ort im Tal der komplett mit Bananenstauden und Papayabaeumen ueberwuchert ist, bevor es nach einem grossen braunen sich dahinwaelzenden Fluss wieder den Berg hoch geht. Gleich nach der Bruecke kommt uns schon ein Pickup entgegen, die Leute hinten auf der Ladeflaeche rufen uns zu, dass der Pass verschuettet ist. Ich kann es noch nicht glauben, alles gucken sich etwas fragend an, aber unsere beiden Fahrer fuehren ihr Kunststueck weiter fort und steuern zielsicher die immer duenner und hoeher werdende sich unendlich viele Male windende und schlaengelnde Strasse herauf. Sie ist wirklich gesperrt. Zwei Bagger sind gerade dabei den schmalen Grad irgendwie wieder freizuschaufeln – Steine stuerzen in die Tiefe, hallen in den Felswaenden wieder. Also machen wir es uns erstmal bequem. El Peru Avanza ist kraeftig am wirken, aber 17:00 soll Feierabend sein – also hoeren die Arbeiter 16:30 auf zu arbeiten und ruecken ab – El Peru Avanza, heute aber nicht nach Chachapoyas. So machen wir es uns auf der Strasse bequem, schicken ein Auto runter um etwas zu Essen zu kaufen und zuenden ein Feuer an. img_9331Unter den Sternen gibt es calletas und Papayas aus dem Dorf – mehr war nicht aufzutreiben. Schlafe mit Fernando und Ricardo in der sternenklaren Nacht auf der Strasse waehrend die aufgeregten Frauen im Bus uebernachten. Am naechsten Morgen tauchen die Bauarbeiter ueberraschend frueh auf, naive Hoffnung keimt auf, wird aber wenig spaeter wieder zerstoert. Die Jungs sind zwar da, koennen aber nix machen weil der Baggerfahrer mit dem Praesident der Amazonasregion erstmal wegfaehrt – Kontakte knuepfen. So stehen die Maennchen mit ihren orangen Jacken wie eine Perlenkette vor dem Schutthaufen auf der Strasse und doesen. Drei Stunden spaeter taucht der Fahrer wieder auf, hat Benzin und ein neues Rad fuer sein Fahrzeug mitgebracht. Der Praesident des Amazonas-Destriktes schreitet erhobenen Hauptes an uns vorbei, eine ganze Horde von krumm-rueckigen Typen hinterher. Einer laesst im Auftrag des Herrn Praesidenten drei Papayas bei den Gringos – was ein Schauspiel. Der Truck mit dem Rad wird wie von Zauberhand innerhalb einer Stunde auf der schmalen Passtrasse umgedreht – was fuer ein gigantischer Unsinn, denn zum Bagger kommen sie mit dem Ding wegen unseres Busses und einem anderen Laster soweiso nicht durch – Peru. Wenn man hier also eines lernt, dann ist es sich zu entspannen. In der Mitte des Tages passiert dann doch ein Wunder, frueher als erwartet geht es weiter. Wir muessen ein paar Mal aussteigen, weil die Strasse zu eng ist und es im Bus zu gefaehrlich gewesen waere. Da unsere Fahrer ihren rechten Aussenspiegel an einer Felskante in einer Kurve verlieren, kriechen wir ohne diesen ueber den 3900 Meter hohen Pass und stehen Stunden spaeter kurz vor Chachapoyas vor der naechsten zugeschuetteten Fahrbahn. Es ist schon dunkel und keiner hat Lust noch eine Nacht auf der Strasse zu verbringen, also rueber ueber den Lehmabgang, rein in ein Micro und ab nach Chachapoyas. So waren es fuer mich statt der angekuendigten 12 Stunden Fahrt fuer die rund 300 Kilometer von Cajamarca nach Chachapoyas epische 40, da koennen die Argentinier in Bolivien, die fuer die Strecke Villazon nach Potosi 27 anstatt der angekuendigten 10 gebracht haben, nicht mithalten.

img_9304Von Chachapoyas aus, was noch auf ueber 2000 Meter liegt, fahren wir zur Pre-Inka Festung Kuélap, in der mehr Steine verbaut sein sollen als in den Pyramiden von Gise, und gehen abends noch weg, Los Troncos heisst der Schuppen und scheint der angesagteste der Stadt zu sein. Jedenfalls haben das alle auf dem Plaza de Armas unendliche Male im Kreis laufende gesagt die wir gefragt haben. Aber wir sind in den Bergen, weit weg von groesseneren Staedten, auch wenn es die Hauptstadt des Destrikes ist. So sind nur Paare auf der Tanzflaeche und wir muessen uns erstmal damit begnuegen ein jarre Pisco-Sour nach dem naechsten zu trinken. Peru ist bei einigen, bei vielen Angelegenheiten speziell. Hier ist es nicht moeglich, dann eine Frau und ein Mann freundschaftlich zusammenleben. Wenn ich erzahle, dass ich mit einer Freundin in Berlin wohne ernte ich nur Augenblinzeln, Schulterklopfer und Grinzen. Auch wenn ich beteuer, dass es eine Freundin ist, geht das nicht in den Kopf der Peruaner rein – unmoeglich! Man(n) geht hier auch nicht einfach mit einer Freundin mal weg – unmoeglich! Junge Frauen und Maenner machen hier nichts anderes miteinander als ihrer konservativen Geschlechterrolle gerecht zu werden. So passiert es auch oft, dass Maenner die in einer Wohnung zusammenwohnen fuer schwul gehalten werden, wieso sollten sie sonst unter einem Dach leben?! Spaeter kommt der Abend noch ins Rollen, so dass wir am naechsten Tag auf der Wanderung von Pedro Ruiz aus zum Gocta, den dritt-hoechsten Wasserfaellen der Erde, ziemlich alt aussehen. Schoen ist es trotzdem und ich bekomme die groesste und hoechste Dusche meines Lebens.
In Perdo Ruiz staut sich alles. Der Pass nach Cajamarca ist wieder zu, Richtung Chiclayo an der Kueste gibt es auch Probleme. So bildet sich vor meinen Fenster eine grosse Schlange wartender LKWs deren Fahrer in aller Ruhe den wegen den Versorgungsengpaessen steigenden Benzinpreisen zugucken koennen.

img_9377Den Tag darauf findet sich ein Bus nach Tarapoto, dem wirtwschaftlichen Drehpunkt des noerdlichen Jungels. Die Verkehrmittel werden rarer. Tarapoto liegt auf 500 Meter, so geht es die meiste Zeit der acht Stunden bergab. Es wird waermer, die Wolken steigen hoeher und die Palmen werden zahlreicher. Ueberall neben der Strasse trocknen die Leute Mais, Café und irgendwelche nussartigen Kugeln. Gluecklicherweise ist es bewoelkt, aber als hin und wieder die Sonne aus den Wolken guckt kann ich mir eine ungefaehe Vorstellung machen, was noch auf mich zukommen wird. In Tarapoto angekommen muessen wir laut sprechen und das immer, denn sonst ist das eigene Wort bei dem hoellischen Laerm der Motortaxis nicht zu verstehen. Es gibt nur sie, fast keine Autos. Die Haeuser im Zentrum haben meist drei bis vier Stockwerke in denen der Schall sich wunderbar wohlfuehlt. Nachdem wir am Abend noch am Stadtrand bei einer Party waren kann ich auf dem Dach in meiner Haengematte wegen meinen motorisierten Freunden nur schwerlich schlafen. Die Hitze tut ihr uebriges.
Ob und wie wir nach Yurimaguas kommen bleibt zu meiner Verwunderung relativ unklar. Immer wieder geht das Geruecht herum, dass die Strasse gesperrt sei. Gedanken an die Reise von Cajamarca nach Chachapoyas werden wach. Bauern aus dem Umland laufen demonstrierend durch die Stadt, doch kein Einheimischer vermag uns auf die Verbindung der Demonstranten und der gesperrten Strasse zu offenbaren – Peru. Also organisiert uns die frivole Frau aus dem alojamiento ein Taxi bis zur Sperrung. Dort wollen wir dann umsteigen. Auf der Fahrt bekomm ich dann zu hoeren worum es sich wirklich handelt. Die Indigenen der Region sind in Streik getreten weil Praesident Garcia Land, was ihrer Meinung nach ihnen gehoert, an auslaendische Landwirtschaftsunternehmen verkaufen will – ihm fehlt wohl Geld. Frage mich, wen das in Lima wohl wirklich interessieren mag, wenn ein paar Bauern am Rande des Dschungels streiken. Es gibt dann hoechstens weniger Kokosnuesse. Am ersten Streikposten angekommen duerfen wir zum Glueck passieren und muessen in ein Motortaxi umsteigen. Rucksaecke hinten rangeschnallt und los geht die Fahrt. Mittlerweile sind wir noch tiefer und die Hitze ist brachial. Im Hintergrund sind die letzten Zuege der Anden im dicken Nebel verhuellt und tragen die Erinnerung kuehlerer Tage in den Bergen. Es ist wie im Traum, die Palmen sausen an uns vorbei, Moskitos summen, img_9396die Sonne steht tief, tunkt alles in ein warmes Licht. Stecke meinen Kopf so weit wie moeglich in den Fahrtwind – es ist wunderbar. Dieses Gefuehl hat mir auf der Reise bisher gefehlt, bin an einem Ort angekommen der meines Fernwehs Ursprung zu sein scheint. Das Motortaxi rast durch die Kurven und ich tauche schwungvoll ein in eine Welt, in der ich noch nie war, die mich verzaubert, umarmt und in ihrer vollen Schoenheit begruesst. An den naechten vier Streikposten kommen wir auch vorbei, manchmal eine Gebuehr bezahlend, jedes Mal das kleine Stueckchen zwischen den Dorfern mit dem Motortaxi flitzend. Ploetzlich wollen uns unsere Fahrer nicht weiterbringen weil sie meinen, dass sie die naechste Kurve nicht passieren koennen. Es sei ein anderes Dorf sagen sie. Mehr bekomme ich aus den beiden nicht heraus – Peru. Also Rucksack wieder auf den Ruecken und ab durch den Dschungel, eine Abkuerzung die zum Glueck kurz vor 30 de Agosto, dem naechsten Dorf, wieder auf die Strasse fuehrt. Dort wollen uns die Einheimischen aber nicht mehr durchlassen. Es gibt kein Transport sagen sie, wir sind vorher an mindestens drei Motortaxis vorbeimarschiert. Also heisst es entspannen. Zu Essen gibt es in dem Dorf reichlich. Ganze zwei kleine Tueten Kekse, eine Flasche Wasser und eine Cola koennen wir auftreiben. Da sich hier gar nichts bewegt geht es erstmal ab zum Fussball mit den Einheimischen. Die Sonne geht langsam unter, streichelt den Nebel hinten an den Bergen und laesst die Wolken in verschiedener Hoehe in allen vorstellbaren Orangetoenen erleuchten. Die unzaehligen Insekten zirpen aus den Graesern, nur uebertoent von einer Ansage eines Lautsprechers, dass um zehn Uhr eine Versammlung abgehalten werden soll. Zwei Stunden spaeter kommt zum Glueck doch noch ein Laster auf den wir aufspringen koennen, der eine Genehmigung hat die Posten zu passieren. Rund 50 Leute sind schon auf der Ladeflaeche, aber ein wenig Platz ist noch und so gelangen wir am spaeten Abend, zum Glueck von Antonio – der mit seinen 54 Jahren dieser Odyssee der letzten Tage nichts mehr abendteuerisches abgewinnen kann, nach Yurimaguas, dem Abfahrtsort der Boote nach Iquitos.

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Naehrboden fuer Wachstum und Bodenlose Orientierungslosigkeit April 13, 2009

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img_9188Lima ist unuebersichtlich, dezentral, vielseitig und laesst mich nicht hilf- oder orientierungslos sondern eher ohne Meinung zurueck, was irgendwie noch schlimmer ist. Ich habe eine ueberquirlende Stadt erwartet und bekomme ein Haeusermeer welches dahinschwappert. Vieleicht liegt das an den Bushaltestellen – ja, kein Witz! – als Beispiel des Bemuehens der Stadtvaeter dieses Bollwerk unter Kontrolle zu bekommen. In den Tagen sehe ich viel, aber nicht genug um mir ein Bild zu machen. In den Vierteln am Wasser geht alles relativ geordnet vor, keine Strassenstaende wegen denen man nicht mehr vorwaerts kommt, keine bruellenden Busbegleiter, kein Hupchaos - vielmehr wuselt alles friedlich vor sich hin. Das mag in den Vororten ganz anders aussehen.
Wir ziehen einmal von Miraflores nach Barranco um, weil das Hostel wirklich oede ist. Eine Party am Parque Kennedy im Loki hat uns den Rest gegeben - so viele von sich und ihrer Umgebung gelangweilte Touristen hab ich bisher noch nicht gesehen. Was ich bisher gelernt habe ist, wenn die Leute nach langen Schweigepausen anfangen von sich und den Nachbarn krampfhaft grinzend Photos fuer Facebook zu schiessen, sollte man die Beine in die Hand nehmen und fliehen. Dabei war es ganz witzig. Ich habe Duncan wiedergetroffen der sich beim Ultimate Frisbee in Buenos Aires den Arm gebrochen hatte. So spiele ich fuer ihn beim Billiard die zweite Hand. Aber auch mit neuem Bett kommt die Stadt fuer uns nicht richtig ins Rollen. Touristen nutzen Lima nur als Startpunkt fuer Peru und die Einheimischen die wir treffen sind weit von der Laessigkeit der Arequipaener entfernt. Da sind sie wieder, die machohaften jungen Peruanischen Maenner in den Bars die eher den Eindruck machen als seien sie Karrikaturen ihres eigenen Geschlechterbildes, nicht aber selbstbewusste lockere Grosstaedter die da gerade mal ne ziemlich schicke Peruanerin versuchen zu ueberzeugen. Die meisten Peruanischen Maedels sind wie auch schon teilweise in Arequipa einfach langweilig. Das liegt nicht an ihnen selbst, sondern eher an dem sozial-oekonomischen Entwicklungsstandes des Landes welches mir immer wieder zurueck ins Bewusstsein gesprungen kommt, wenn wir Abends unterwegs sind und es nicht moeglich ist auch nur kurz mit einer Peruanerin auf der Tanzflaeche zu flirten. Sofort haengt sie an mir drann und ich muss mich aus ihrem Wuergegriff bedingungloser Selbstaufgabe wieder befreien. Fabian ergeht es nicht anders und so sind es dann oft Touristen mit denen wir in laengere Gespraeche am Abend geraten da die sich meist nicht sofort ausgezogen vor uns hinlegen obwohl wir noch auf der Tanzflaeche sind und eigentlich noch keine zwei Worte miteinander gesprochen haben. Das ist schade, aber die harte Realitaet.
img_9197Im Kaminu in Barranco, Luco – der Besitzer - ist gerade schon wieder betrunken, sind am Morgen wieder die Wolken wie Watteballen das kleine Tal vom Meer hochgekrochen gekommen. Die alten, meiste nicht renovierten Haeuser wurden episch sanft vernebelt waehrend der blaue Himmel durch das schwehlende Weiss immer noch zu sehen und die starke Sonne immer noch zu spuehren ist. Wir haben den ganzen Tag auf dem Dachterasse verbracht und gerade Jakob, einen Freund von Fabian, aus Miraflores abgeholt. Oben an der alten Kirche laufen die Leute vorbei und wir sitzen in der Abendsonne bei einem Rucksack Bier alleine an der Bar. Das Hostel ist fast leer, nur Ralf [Name geaendert], ein 42 Jahre alter Schwabe, taucht als wir gerade auf dem Weg in eine Bar sind ploetzlich noch auf.

Labyrinthe. Wege durch Labyrinthe sind schwierig, interessant und oft ein Herausforderung dir wir bewaeltigen oder an der wir scheitern koennen. Wenn die Waende des Irrweges elastisch sind, also nachgeben und ihre Form veraendern und zusaetzlich sich wie zufaellig verschieben, dann kann es sein, dass man den Ausgang nie findet. So finden sich die Menschen auf den Wegen ihres Lebens in einem solchen Labyrinth wieder. Wir koennen anderen folgen und trotz des Irrens eine schoene gemeinsame Zeit haben. Doch liegt der eigene Pfad nicht notwendiger Weise auf dem der demokratischen Wahrheit, die mit anderen zusammen gefunden wurde. Gruppen, also auch ganze Gesellschaften, koennen durch bewusstes oder zufaelliges falsches Verhalten einen Weg einschlagen der fuer alle nachteilig, eine andere Option in der Gruppendynamik aber nicht moeglich ist. So besteht die Moeglichkeit des kollektiven Verlaufens.
Wenn sich eine ganze Gruppe verlaufen kann, ist das ohne weiteres auch fuer Individuen moeglich. Das Bezugssystem ist hier ein anderes. Die interpretative Sicht des Weges der Gruppe ist nun nicht mehr vorhanden, das Individuum ist voellig auf sich alleine gestellt. Die Waende des Labyrinthes erscheinen klarer oder werden immer weniger sichtbar. Alles zerfliesst, daran kann das Individuum an Orientierung gewinnen oder sie komplett verlieren und damit auch sich selbst. Der einzelne wird es viel schneller merken, dass er sich verlaufen hat denn das Bezugssystem der Gruppe ist nicht vorhanden. Die unmittelbare Konfrontation mit dem eigenen Weg, mit dem eigenen Selbst kann heilend sein oder zur eigenen Zerstoerung fuehren.

Wachstum. Der Prozess des Wachtums oder des Niedergangs umgibt uns wie die Zeit in der sie stattfinden. Konstanz ist unnatuerlich. Manche Prozesse nehmen wir als konstant war, doch auch sie schwingen um einen Zustand. Stabilitaet ist temporaer und nicht notwendig. Kuenstlich aufrecht erhaltene Stabilitaet macht krank und fuehrt ueber kurz oder lang durch die unterdrueckten Dynamiken zu unkontrollierten Resultaten die von Zeitpunkten des Ausbruchs abhaengig sind. Wenn Stabiliaet gewuenscht ist dann kann sie gesund nur ueber den Gordischen Knoten der endogenen Lenkung der beteiligten Kraefte erreicht werden.
Fuer den Menschen ist Angst heute nicht mehr wie frueher ein Schutzmechanismus sondern eine Geissel die uns verkrampfen laesst. Angst fuehrt zu Selbstentfremdung und -isolation. Gleichzeitig setzt Angst aber auch heute wie frueher Produktivkraefte frei, nur dass sie heute in einer Gesellschaft die den Menschen sich selbst entfremded und Wege so vielseitig wie unklar sind und folglich in unbewusst erarbeiteteter Selbstzerstoerung enden kann.
So kann die Angst uns auf Pfade treiben, von deren Existenz wir selber, selbst wenn wir uns auf einem befinden, nicht wissen. Ex ante gibt es ihn fuer uns nicht, ex post gibt es tausende Erklaerungen die den Pfad rechtfertigen sollen, uns auch sinnvoll erscheinen, aber von aussen seltsam wirken.

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Er rennt ziwschen den Betten herum, in der linken Hand eine halbleere Bierflasche, in der rechten diverse Zettel. Seine Augen wirren ziellos in der Luft umher, er grinzt nervoes und redet ohne Pause. Er hat sein Flug nach Iquitos verpasst und bedeuert die ganze Zeit, dass als er die Fluege gebucht hat nuechtern war, jetzt aber leider schon drei Tage durchgefeiert hat. Jakob ruft fuer ihn trotzdem an um den Flug vieleicht noch retten zu koennen. Ralf bekommt mit seiner Kokainbirne das wirklich nicht mehr gebacken. Der Flug ist wie er nicht mehr zu retten. Er ist seit drei Tagen in einem Puff, die Frauen kosten nur 50 Sol und dort kennen ihn alle, beteuert er jedenfalls. Ich glaube ihm sofort. Als mit seinem Flug nix mehr zu machen ist und wir innerhalb kuerzester Zeit jeden Respekt vor dem Maennchen verloren haben, will er wieder los und uns mitnehmen – ist ja sowieso jetzt alles egal. Wir merken an, dass wir eher vorhatten in eine Bar zu gehen, in der es Frauen umsonst gibt, dass sei doch viel spannender. Ja ja, so sei er frueher auch gewesen, aber jetzt… . Er will Taxifahrt und am Ende die erste Frau fuer uns bezahlen wenn wir doch nur mitkommen wuerden. Es ist traurig zu sehen, wie er sich nach Gesellschaft sehnt. Wir lehnen trotzdem ab und ueberreden ihn mit uns doch in die Bar zu gehen, dort koennte er uns doch anstatt Taxifahrten und Frauen Getraenke ausgeben. Wir fuehren ihn zur teuersten Bar in der Naehe. Es ist ein altes allein stehendes Kolonialgebaeude mit einem Waechter und zwei koeniglichen Treppen, die uns in ein gediegenes Ambiente mit tausenden Barkeepern und schoenen Toiletten fuehrt. Auf eine verschwindet unser Goenner gleich – nachladen. Wir bestellen vier Pisco-Sour und setzen uns auf eine grosses Holzfensterbrett welches zwei der Raeume teilt. Ueberall rennen aufgeblasene junge wohlhabende Peruaner auf der Suche nach der Frau das Abends herum. Die Maedels muessen teilweise aufpassen, dass sie vor Selbstbewusstsein nicht ueber die Schwelle neben uns Stolpern. Der Pisco ist super, nie habe ich einen besseren getrunken. Er wird irgendwie mit Limone und Ei geschaeumt - glaub ich. Unser Goenner kommt von der Toilette zurueckgepeilt und faengt gleich wieder an zu reden. Nach ein paar spitzen Fragen fuehlt er sich gezwungen zu rechtfertigen, merkt es aber nicht. Die Frauen wuerden ihrem Job ja sowieso nachgehen. Dieses atomistische Selbstverstaendis charakterisiert meiner Meinung nach viele Probleme in unserer Gesellschaft. Wuerden wir die Umwelt verschmutzen, weil es die anderen ja sowieso tun und es auf eine Plastiktuete mehr oder weniger nicht ankommt? Er erzaehlt weiter, Jakob kann diesen Dreck langsam nicht mehr mit anhoeren und dreht sich angeekelt von so viel menschlicher Leere zur Seite. Fabian und ich quatschen weiter auf ihn ein. Seine Frauen sind 19, 20 oder 21, die aelteren mag er nicht, da kommt er nicht ran - sagt er. Doch unter 18 – auf keinen Fall. Er tut so, als sei es fuer ihn moralish verwerflich, so ist es aber doch nur die gesetzliche Grenze die ihm zu diesem Urteil verhilft. Die Kolumbianerinnen und Frauen aus dem Jungel in der Naehe von Iquitos seien die besten. Ich kann nicht aufhoeren auf seine zwei Kinder und seine Frau in Deutschland mit ihm anzustossen. Doch irgendwann muss ich doch kurz auf Klo und durchatmen sonst haette ich mich wohl bei so viel Armseeligkeit vor Lachen an meinem Pisco verschluckt. Frage ihn noch, ob es immer neue dort geben wuerde. Ja klar! Und wo sind die anderen dann geblieben? Ralf versteht die Frage nicht und nickt eifrig als ich mutmasse, dass sie vieleicht irgendwo in einem Limaer Vorort jetzt Turnschuhe zusammenkleben.
Irgendwann ist dann doch Schluss und wir schicken ihn ins Hostel zum Schlafen. Eine Stunde will er schlafen, dann wieder los in die Stadt. Am naechsten Morgen sehe ich ihn auf der Terasse in einem Liegestuhl schlafen. Der Puff hatte leider zu – “scheiss Ostern, ueberall auf der Welt das gleiche, kenn ich schon!” Wenig spaeter kommt er stolz mit neuen Zetteln die Treppe hoch – heute Abend geht es nach Iquitos.

img_9196Er ist nicht die erste verwirrte Gestalt die ich bisher getroffen habe. Da war die Amerikanerin Mitte 50 aus Houston, die das gleiche wie Ralf in Lima macht - nur halt umsonst – und nur eine Stunde vor ihm auf dem Dach auftauchte. Ueberall wuerde sie schon rausgeschmissen, posaunt sie stolz in unser Fruehstueck hinein, weil es Nachts wohl oft zu laut zuging. Ich wollte die Details echt nicht wissen. Da war der Weihnachtsmann in Arequipa, den ich auch schon in La Paz getroffen habe. Gerade war er auf der Suche nach einem leeren Pass um sich einen neuen drucken zu lassen – fuer den Nordpol selbstverstaendlich. Er wollte mir nicht sagen aus welchem Land er kommt – also ausser dem Nordpol. Nordpol! Aber 27 Laender hat er schon bereist, kann aber keine andere Sprache ausser Englisch. Also bestimmt ein Ami. Da waren die Geister in Sorata in Bolivien. Europaeisch aussehende Dauertouristen, die der Kleidung nach zu urteilen schon 20 Jahre im Dorf leben. Die Zaehne haben sich der Farbe des Lehmbodens angepasst. Immer wieder sehe ich sie zwischen den Haeusern hin und her schlurfen. Verloren wirken sie, nicht gluecklich aber vieleicht ein wenig zufrieden. Da ist der Deutsche, den ich in Buenos Aires getroffen habe, das Gras schmeckt ihm hier nicht, darum ist er zu Kokain uebergegangen.

So haengt die Orientierungsfaehigkeit in aller erster Linie von der Faehigkeit ab, sich in sich selbst zu orientieren. Fehlt diese Grundlage, ist es ein leichtes sich in grossen Staedten, kleinen Doerfern mit nur einer Strasse oder anderen Strukturen zu verlieren. Innere Orientierung macht es moeglich sich in allen denkbaren Mustern menschlicher Kultur und Struktur zu bewegen, sei sie auf den ersten Blick unuebersichtlich oder nicht. Innerer Halt macht das Bilden mentaler Karten, Formen menschlichen abstrakten Denkens zur Orientierung moeglich. Ist die Grundlage vorhanden, haengt es vom Individuum selbst ab, seiner Charakterstruktur, seiner Sozialisation, seines aktuellen Umfeldes und vieler anderer zufalliger oder determinierter Faktoren ob er auf der Dorfstrasse oder im Grosstadtjungel innere Orientierung findet oder sie durch eine einzigartige interne Umsetzung externe Einfluesse verliert.

Und hier noch ein paar Nachrichten. Der Papst ruft wie jedes Jahr zum Osterfest zum Frieden und zur Versoehnung auf. In Bangkok gehen die Menschen gegen die Regierung auf die Strassen und das Militaer steht unentschlossen dazwischen. Eine verwirrte Frau spingt im Berliner Zoo zu den Eisbaeren und wird verletzt. Christliche Pilger aus aller Welt strömen nach Jerusalem - Saleh Abou-Tin verleiht Kreuze an sie und zeigt ihnen, wie sie den Leidensweg Jesu beschreiten können. Muss Klitschko sich vor Poldi fuerchten? Die Suedchinesische Provinz Guangdong steckt in einer Wirtschaftskrise denn es werden weltweit nicht mehr so viel Nutzlosigkeiten konsumiert. Muentefering empfielt eine neue Verfassung fuer Deutschland. Berlin – 20 Grad. Obama hat sein Wahlkampfversprechen bei seinen Toechtern eingeloest – der stubenreine Portugisische Wasserhund Bo zieht ins Weisse Haus ein. Der Peruanische Ex-Praesident Alberto Fujimori wird in Lima wegen Menschenrechtsverletzungen zu 25 Jahren Haft verurteilt (Trotzdem gibt es Peruaner die ihn fuer den besten Praesidenten Perus halten und koennen die Schockgesichter der Deutschen wegen Hitler nicht verstehen.). Fische verschwinden aus den Weltmeeren. CIA schliesst alle geheimen Kerker. Wegen gekuerzter Fangquoten sind die Kuestenfischer in Mecklenburg Vorpommern stinksauer. Japanisches Kaiserpaar feiert Hochzeitstag.

 

Bebendes Peru April 11, 2009

Einsortiert unter: Eindruecke,Tagebuch — Sebastian @ 9:17 nachmittags
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img_9094Ich treffe im rumpelnden Bus Richtung Bolivianischer Grenze Jamil wieder. Wir erzaehlen kurz und schon habe ich meinen Platz an einen stummen Gringo verloren der wohl anders als ich eine Platzreservierung hat. Werde es aber nicht erfahren, da mein Rucksack jetzt eine Bank weiter liegt – so eine Flachzange. Vor der Grenze passieren wir wieder die obligatorischen Kontrolle der Polizei. Kontrollieren tun sie nichts, trotzdem muessen alle aussteigen und eine Weile zu Fuss neben dem Bus an einigen Verkaufsstaenden vorbeischlendern. Demonstration der Macht ist wichtig – und das scheint hier jede der unzaehligen Polizeieinheiten unabhaengig voneinander zu machen! An der Grenze muss ich als einziger den Bus wechseln da der Bus weiter nach Cusco, also zum Machu Picchu, faehrt.
Habe mich entschlossen die alten Steine auf dem Berg fuer viel Geld auszulassen. Das ganze Gesabbel um den Ort ging mir die letzten Wochen schon gewaltig auf den Wecker. Sicher ist ist es schoen, aber den Berg fuer gigantisch viel Geld hochzulaufen macht fuer mich nicht viel Sinn. Ich denke, dass sich die Geschichte mit diesem Ort ein wenig verselbststaendigt hat. Pablo Neruda hat ein gigantisches Gedicht geschrieben, tausende Reisende zwingen die folgenden auch dort hoch: “Did you do Machu Picchu?”. So werde ich wohl zu dem Hundertstel der Peru-Reisenden gehoeren die nicht da hoch sind. Irgendwie fuehle ich mich durch diese Entscheidung erleichtert.
Bekomme meinen Ausreisestempel und schleppe mein Buendel ueber die Grenzbruecke auf der mich schon unzaehlige dreiraedrige Motortaxis und ein paar bettelnde Kinder erwarten - renne an der kompletten Einreiseschlange vorbei, Stempel, und schwinge mich auf eines dieser lustigen Gefaehrte denn mein Bus scheint schon nervoes zu warten wie mir Miguel, der Fahrtbegleiter des Bolivianischen Busses, mitteilt. Die Frau am Fahrkartenschalter ruft mir noch witzelnd irgendetwas hinterher und bevor ich etwas realisieren kann steh ich vor den wild auf mich einquasselnden Typen des Peruanischen Busses. img_9088Verstehe vorerst nur die Haelfte, denn auch hier sprechen die Menschen wieder ein wenig anders. Witzelnd sich nach mir erkundigend schmeisst der eine meinen Rucksack in den Rumpf des Busses und eine Peruanerin begleitet mich lachend – wegen der mir wohl ziemlich deutlich ins Gesicht stehenden Verwirrung ob der ueberwaeltigenden Offenheit und Freundlichkeit die mir entgegenschlaegt, in den Bus – das hatte ich nicht erwartet!
Kurz vor Puno wird es ploetzlich unruhig, die Menschen rennen hin und her und scheinen irgendwelche Sachen ueberall im Bus zu verteilen. Dieser haelt und drei freundlich guckende Zollbeamten betreten den Bus und wuehlen ueberall umher – ziehen Schuhe, Shampoo und Decken aus allerlei Verstecken und nehmen sie unter den zuckenden Schultern der Passagiere mit nach Draussen. Einige bekommen ihr Sachen wenig spaeter wieder. Der Bus setzt sich wieder in Bewegung und so auch all diejenigen die irgendwo etwas im Bus versteckt haben, und das sind fast alle. Kurz vor Puno bricht dann ein Streit neben mir los weil eine Peruanerin behauptet sie haette die geschmuggelten Schuhe der Bolivianischen Cholita nicht gesehen. Auch ihr Sohn greift mit ein: “¡Ella no tiene!” – und zerrt am Arm der wuetend-verzweifelten Bolivianerin. Am Ende zieht sie dann doch ein Paar Sportschuhe zwischen den Beinen der Peruanerin hervor, damit war die Sachen erledigt. Unter dem Getoese von Transformers und einem abgefilmten Polarabenteuerfilm tuckert der Bus den Berg runter Richtung Arequipa. Mein Ruecken schmerzt und zu allem Uebel taucht kurz vor Ende der Fahrt ein Typ im Bus auf der der nervoes wartenden Menge Nahrungsergaenzungsmittel und Zahnreinigungspulver verkaufen will. Er ist nicht einmal witzig dabei und zieht das unter dem Vorwand unzaehliger nicht vorhandener Fragen eine Stunde durch. Wir umrunden zum Schluss die beiden Vulkane, Misti und Chachani, und tauchen unter dem Gequassel eines Enzyklopadieverkaeufers in das Lichtermeer ein. Fuehle mich unsicher, die Sonne taucht unter und ich habe noch keine Unterkunft in der cuidad blanca die auf 2335 Meter mich bis jetzt  sich aufgesaugt, mir aber noch keine Moeglichkeit der Orientierung gegeben hat. img_9099

Arequipa. Aber eigentlich konnte hier gar nichts schief gehen, denn es gibt hier einen Berliner Currywurst Imbiss der zum Glueck keine Wurst dafuer aber schlechte Empanadas verkauft. Als weitere Begruessung schmettert mir die Stadt am ersten Abend gleich ein kleines Erdbeben entgegen. Soll normal hier sein. Nicht so normal war das Erdbeben 2001 welches mitunter einen Turm der Kathedrale am obligatorischen Plaza de Armas zum Einsturz brachte. Der Turm steht wieder, ein Zeichen des mir ueberall entgegenspringenden Reichtums, den ich so nicht erwartet hatte. Die Stadt ist sogar so wohlhabend, dass es eine ausgepraegte Seperationsbewegung von Peru gibt, die aber bislang nicht erfolgreich ist. So beschaeftigen sich die Arequipaener hauptsaechlich damit, sich in ihrer weissen Stadt einfach nur wohl zu fuehlen und schon an einem Donnerstag Abend die Bars zum Beben zu bringen. Die Menschen aus Lima moegen die ausgeflippten und zielstrebigen Arequipaener immer noch nicht, denn im Pazifikkrieg vor ueber 130 Jahren hat die Stadt tatenlos zugesehen als die Chilenen aus dem Sueden kamen. So musste Lima alle Soldaten schicken die sich dann mit den Chilenen gepruegelt haben. Regen muss dabei hier keiner befuerchten, denn die Sonne scheint von Maerz bis Dezember. Trocken wird es auch nicht, denm die alten Inkabewaesserungsanlagen wurden restauriert und weitergenutzt. Und da natuerlich auch die stolzen Menschen in Arequipa nicht nur von ihren weissen Steinen, der Sonne und dem Wasser leben koennen haben sie sich das Erfolgsrezept schnellen relativen Wohlstandes von den Chilenen abgeschaut – Kupfer. Vorerst lasse ich mich von der Stadt, nicht aber von dem Leben in den Bann ziehen und verkrieche mich auf die Dachterasse meiner Unterkunft mit einem Buch, calletas mit Honig und einem Kaffeevorrat und traeume ueber das Daechermeer. Die meisten Bauten bestehen wohl wegen den Erdbeben aus nicht mehr als einem Stock. img_9091Das Leben der Stadt schwappt vor meiner Unterkunft vorbei, langsam vibrierend schieben sich die Taxis, Motortaxis und geschaeftigen Menschen zwischen den weissen Kolonialbauten hindurch. Alles ist unglaublich modern. Lerne ich Fabian in dem kleines Strassenrestaurant zehn Meter von meiner Haustuer entfernt kennen. Wir beide kommen von der Stadt nicht mehr los. Die Menschen hier sind selbstbewusst, eigenstaendig und unglaublich europaeisch. Wir versacken Abend fuer Abend in einem Irish Pub neben dem Plaza de Armas auf dem schon, wie auch in anderen Strassen, irgendwelche Osterprozessionen anfangen. Eine gigantische Kundgebung mit Heiligenfahnen und -altaeren laesst mich daran erinnern, dass auch Arequipa zu Peru gehoert, welches wie alle Laender die ich bisher besucht habe wahnsinnig glaeubig ist. Die grosse Osterprozession findet in Ayacucho statt, aber hier beenden die Menschen den Abend mit kandierten Aepfeln, die vieleicht den Suendenfall symbolisieren soll – ich weiss es nicht – jedenfalls waren nach dem Apfel die Bars wieder voll. Die Lust auf den Colca Canyon, einem der unendlich viel tiefer als der Grand Canyon ist, ist mir vergangen – ich habe im Moment keine Lust auf das Wandern. So verlassen Fabian und ich nach ein paar intensiven Tagen und einer wirklich abgefahrenen letzten Partynacht wehmuetig die Stadt Richtung Pisco, vorbei an den Nazca Linien, 750 Kilometer die Kueste entlang nach Norden.

In Pisco angekommen finden wir uns in einer zerstoerten Stadt wieder. Ein Erdbebahen hat im August 2007 ueber zwei Drittel der Stadt dem Erdboden gleich gemacht. Wo einst Kolonialbauten sich tummelten steht nur noch ein Papphaus oder ein haesslicher, schnell hochgezogener Zweckbau oder nichts. Als einziges steht noch die Kirche am Plaza de Armas und selbst die kann aus Sicherheitsgruenden nicht mehr genutzt werden. img_9174Lee hatte mir in La Paz schon davon erzaehlt, weil er einer von ein paar Westlern ist, der hier dafuer bezahlt hat arbeiten zu duerfen und die Stadt und die Menschen irgendwie retten zu koennen. Viele sind aber weggezogen – nach Ica, Nazca oder Lima. Die Anspannung der Menschen kriecht uns mit dem Gestank auf den Strassen in die Nasen. Verhandeln laesst sich hier richtig schlecht, die die geblieben sind, weichen kein Stueck zurueck. Alle versuchen zwischen den Truemmern auf den zersplitterten Buergersteigen ein neues Leben anzufangen. Die Motortaxis schleichen durch die Strassen, hier und da steht ein kleiner Imbisswagen aus dem eine nette Peruanerin guckt und die leckersten Fruchtsaft der Welt verkauft. Mit dem Saft in der Hand sehen und spuehren wir wie die Stadt erwacht. Der Markt wuselt wie ueblich, aber alles macht einen verzweifelten Eindruck. Die Haueser in Strandnaehe entstehen am schnellsten, doch leider erinnern sie neuen Wohnanlagen an Strukturen Brasilianischer Favelas, Reissbrettviertel in die Landbesetzer gesteckt und sesshaft gemacht werden sollen oder an die Trostlosigkeit des Luftwaffenstuetzpunktes nebenan.
Wir fahren zum Hafen El Choco um auf dei Islas Ballestas zu tuckern. Das Ganze entpuppt sicher aber als touristische Schmierenkomoedie. Enttaeuscht ziehen wir drei Stunden spaeter wieder ab, muede von den Versuchen ein Photo von den lustigen Pelikanen am Strand ohne die sie fuer Geld der Touristen fuetternden Peruaner zu bekommen. Die Inseln waren toll, nur leider nicht geniessbar, was nur zum sehr geringen Teil an dem bestialischen Gestank von Milliarden Seevoegeln und ein paar Robben und deren Scheisse lag, denn immerhin wurde Anfang des letzten Jahrhundert viel dessen von den Felsen gekratzt und als Duenger nach Europa exportiert. Wieder zurueck, steht die Entscheidung am naechsten Morgen unmittelbar nach Lima weiterzufahren.

Tausende Huehnerzuchtstaelle zur Linken am Meer kuendigen das Moloch mit ueber 8 Millionen Einwohnern schon sehr frueh an - wenig spaeter hat es uns verschluckt.

 

 
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