Lima trudelt aus. Es wird Zeit zu gehen, ich habe die letzten beiden Wochen zu viel Deutsch gesprochen. Dennoch hat es sich richtig gelohnt und ich bin mir sicher, dass Fabian und ich uns wiedersehen werden. Vieleicht schaue ich noch bei dem Schulprojekt von Jakob in Huamachuco vorbeit, aber das wird sich zeigen.
Bekomme gegen alle Verheissungen saemtlicher Taxifahrer trotz Semana Santa ein Ticket gen Norden. Die Busfahrt nach Trujillo ist toll – die Peruaner schaffen es ohne Sauerstoff in einem Raum zu ueberleben. Mir geht es dabei denkbar schlecht. Aber da so eine Fahrt endlich ist, sitze ich bald gluecklich bei Schokokuchen, Fruchtsaft und Kaffee im Mercado Central in Trujillo und wenig spaeter im Micro nach Huanchaco, dem Bade- und Surfort an der Kueste. Auch hier ist noch alles Wueste. Es ist schoen wieder das Fauchen des Pazifik zu hoeren. Die schroffen Wuestenberge an der Kueste sind immer im Nebel verhuellt, nur die Spitzen gucken heraus. Die Kakteen zwischen den Haeusern wiegen in der leichten Briese und die Surfer schwimmen wie Treibgut vor der Kueste hin und her – immer wartend auf DIE Welle. Schlage mein Zelt im Naylamp auf und mache es mir fuer zwei Tage bei Kaffee und Honigcrackern an der Kueste gemuetlich. Fahre noch zu zwei Pyramiden in der Naehe von Trujillo, Huaca del Sol y del Luna, die von der Moche Kultur zeitlich kurz nach der Nazca Kultur erbaut worden sind. Mein Anti-Inka Programm setzt sich also fort – es ist ein Spiel und irgendwie mein Dickkopf gegen diesen absurden Tourismushype um ein paar alte Steine rund um Cuzco. Zum Abschied vom Meeresrauschen esse ich noch einmal Ceviche welches hier viel schaerfer ist als in Chile und mit Kartoffeln und anderen Sachen serviert wird, die ich noch nicht identifiziert habe. Es ist eine Art Andensushi bei dem der Fisch fast roh mit Zitrone zubereitet wird und dazu gibt es je nach Region alles moegliche.
In diesem Moment steht fuer mich fest, dass ich schnell durch Ecuador reisen werde um zum Schluss noch am Strand im Norden von Kolumbien und Venezuela meine Haengematte aufspannen. Doch erstmal will ich in den Dschungel. Nehme einen Bus nach Cajamarca. 10 Stunden fuer 300 Kilometer – jetzt bin ich in dem anderen, viel interessanteren Peru angekommen. Die ersten Stunden passiert der Bus den Wuestenstreifen an der Kueste, dann geht es hoch in die gruenen Berge, denn Cajamarca liegt wieder ueber 2000 Meter. Dort angekommen werde ich ein wenig enttaeuscht, die Stadt ist nicht das was ich mir vorgestellt habe. Sie ist ein wenig langweilig, ich kann nichts spezielles entdecken. Darum renne ich gleich zu den Jungs von Movil Tours, die mich schon auf der Strasse angequatscht haben und kaufe ein Ticket ueber Celendin nach Chachapoyas – veranschlagt sind 12 Stunden fuer rund 300 Kilometer. In Cajamarca tragen die Indios ploetzlich grosse beige-bastende Cowboyhuete. Ueberall gibt es Kaese, Jughurt und allerlei Milchprodukte aus der Region zu kaufen. Ungewoehnlich, denn bis jetzt schien Gloria den Joghurtmarkt fest in der Hand zu haben.
Am naechsten Morgen um 6 Uhr geht es dann los, mache es mir in meinem Sitz bequem und versuche mich zu entspannen, denn die Strasse haelt alles, was ich bisher von Gebirgsstrassen in Peru gehoert habe – sie ist schmal, matschig und abwechelnd geht es rechts hoch und links runter, oder halt recht runter und links hoch. Versuche mich an dem Anblick von beaengstigender Tiefe gleich neben meinem Fenster zu gewoehnen – die Strasse ist nur selten zu sehen, die Raeder kriechen den Abhang entlang. Nach den ersten vier Stunden erreicht der Bus mit mir, der langsam anfaengt mit dem Sitz zu vereinen, Celendin – den ersten groesseren Ort auf der Strecke. Es steigen ein paar Leute aus und ein paar dazu. Unter ihnen sind zwei Spanische Feuerwehrmaenner aus Barcelona – Ricardo und Fernando, die mit ihrem Vater – Antonio – durch den Norden von Peru reisen. Interessant wird es, quatschen viel herum und mein Glueck mit den Leuten die ich treffe scheint nicht abzureissen. Es geht den Berg in unendlichen Schlaengellinien hoch und wieder runter. Ueberall stehen Kakteen aller Form und Groesse zwischen dem niedrigen Straeuchern und Bueschen – manche aehneln Baeumen und sind bis zu 8 Meter hoch. Der Boden ist weiterhin lehmig und manchmal wird meine neu-erworbene Entspannung bezueglich der Strasse arg auf die Probe gestellt. Wir passieren Balsas, einen kleinen Ort im Tal der komplett mit Bananenstauden und Papayabaeumen ueberwuchert ist, bevor es nach einem grossen braunen sich dahinwaelzenden Fluss wieder den Berg hoch geht. Gleich nach der Bruecke kommt uns schon ein Pickup entgegen, die Leute hinten auf der Ladeflaeche rufen uns zu, dass der Pass verschuettet ist. Ich kann es noch nicht glauben, alles gucken sich etwas fragend an, aber unsere beiden Fahrer fuehren ihr Kunststueck weiter fort und steuern zielsicher die immer duenner und hoeher werdende sich unendlich viele Male windende und schlaengelnde Strasse herauf. Sie ist wirklich gesperrt. Zwei Bagger sind gerade dabei den schmalen Grad irgendwie wieder freizuschaufeln – Steine stuerzen in die Tiefe, hallen in den Felswaenden wieder. Also machen wir es uns erstmal bequem. El Peru Avanza ist kraeftig am wirken, aber 17:00 soll Feierabend sein – also hoeren die Arbeiter 16:30 auf zu arbeiten und ruecken ab – El Peru Avanza, heute aber nicht nach Chachapoyas. So machen wir es uns auf der Strasse bequem, schicken ein Auto runter um etwas zu Essen zu kaufen und zuenden ein Feuer an.
Unter den Sternen gibt es calletas und Papayas aus dem Dorf – mehr war nicht aufzutreiben. Schlafe mit Fernando und Ricardo in der sternenklaren Nacht auf der Strasse waehrend die aufgeregten Frauen im Bus uebernachten. Am naechsten Morgen tauchen die Bauarbeiter ueberraschend frueh auf, naive Hoffnung keimt auf, wird aber wenig spaeter wieder zerstoert. Die Jungs sind zwar da, koennen aber nix machen weil der Baggerfahrer mit dem Praesident der Amazonasregion erstmal wegfaehrt – Kontakte knuepfen. So stehen die Maennchen mit ihren orangen Jacken wie eine Perlenkette vor dem Schutthaufen auf der Strasse und doesen. Drei Stunden spaeter taucht der Fahrer wieder auf, hat Benzin und ein neues Rad fuer sein Fahrzeug mitgebracht. Der Praesident des Amazonas-Destriktes schreitet erhobenen Hauptes an uns vorbei, eine ganze Horde von krumm-rueckigen Typen hinterher. Einer laesst im Auftrag des Herrn Praesidenten drei Papayas bei den Gringos – was ein Schauspiel. Der Truck mit dem Rad wird wie von Zauberhand innerhalb einer Stunde auf der schmalen Passtrasse umgedreht – was fuer ein gigantischer Unsinn, denn zum Bagger kommen sie mit dem Ding wegen unseres Busses und einem anderen Laster soweiso nicht durch – Peru. Wenn man hier also eines lernt, dann ist es sich zu entspannen. In der Mitte des Tages passiert dann doch ein Wunder, frueher als erwartet geht es weiter. Wir muessen ein paar Mal aussteigen, weil die Strasse zu eng ist und es im Bus zu gefaehrlich gewesen waere. Da unsere Fahrer ihren rechten Aussenspiegel an einer Felskante in einer Kurve verlieren, kriechen wir ohne diesen ueber den 3900 Meter hohen Pass und stehen Stunden spaeter kurz vor Chachapoyas vor der naechsten zugeschuetteten Fahrbahn. Es ist schon dunkel und keiner hat Lust noch eine Nacht auf der Strasse zu verbringen, also rueber ueber den Lehmabgang, rein in ein Micro und ab nach Chachapoyas. So waren es fuer mich statt der angekuendigten 12 Stunden Fahrt fuer die rund 300 Kilometer von Cajamarca nach Chachapoyas epische 40, da koennen die Argentinier in Bolivien, die fuer die Strecke Villazon nach Potosi 27 anstatt der angekuendigten 10 gebracht haben, nicht mithalten.
Von Chachapoyas aus, was noch auf ueber 2000 Meter liegt, fahren wir zur Pre-Inka Festung Kuélap, in der mehr Steine verbaut sein sollen als in den Pyramiden von Gise, und gehen abends noch weg, Los Troncos heisst der Schuppen und scheint der angesagteste der Stadt zu sein. Jedenfalls haben das alle auf dem Plaza de Armas unendliche Male im Kreis laufende gesagt die wir gefragt haben. Aber wir sind in den Bergen, weit weg von groesseneren Staedten, auch wenn es die Hauptstadt des Destrikes ist. So sind nur Paare auf der Tanzflaeche und wir muessen uns erstmal damit begnuegen ein jarre Pisco-Sour nach dem naechsten zu trinken. Peru ist bei einigen, bei vielen Angelegenheiten speziell. Hier ist es nicht moeglich, dann eine Frau und ein Mann freundschaftlich zusammenleben. Wenn ich erzahle, dass ich mit einer Freundin in Berlin wohne ernte ich nur Augenblinzeln, Schulterklopfer und Grinzen. Auch wenn ich beteuer, dass es eine Freundin ist, geht das nicht in den Kopf der Peruaner rein – unmoeglich! Man(n) geht hier auch nicht einfach mit einer Freundin mal weg – unmoeglich! Junge Frauen und Maenner machen hier nichts anderes miteinander als ihrer konservativen Geschlechterrolle gerecht zu werden. So passiert es auch oft, dass Maenner die in einer Wohnung zusammenwohnen fuer schwul gehalten werden, wieso sollten sie sonst unter einem Dach leben?! Spaeter kommt der Abend noch ins Rollen, so dass wir am naechsten Tag auf der Wanderung von Pedro Ruiz aus zum Gocta, den dritt-hoechsten Wasserfaellen der Erde, ziemlich alt aussehen. Schoen ist es trotzdem und ich bekomme die groesste und hoechste Dusche meines Lebens.
In Perdo Ruiz staut sich alles. Der Pass nach Cajamarca ist wieder zu, Richtung Chiclayo an der Kueste gibt es auch Probleme. So bildet sich vor meinen Fenster eine grosse Schlange wartender LKWs deren Fahrer in aller Ruhe den wegen den Versorgungsengpaessen steigenden Benzinpreisen zugucken koennen.
Den Tag darauf findet sich ein Bus nach Tarapoto, dem wirtwschaftlichen Drehpunkt des noerdlichen Jungels. Die Verkehrmittel werden rarer. Tarapoto liegt auf 500 Meter, so geht es die meiste Zeit der acht Stunden bergab. Es wird waermer, die Wolken steigen hoeher und die Palmen werden zahlreicher. Ueberall neben der Strasse trocknen die Leute Mais, Café und irgendwelche nussartigen Kugeln. Gluecklicherweise ist es bewoelkt, aber als hin und wieder die Sonne aus den Wolken guckt kann ich mir eine ungefaehe Vorstellung machen, was noch auf mich zukommen wird. In Tarapoto angekommen muessen wir laut sprechen und das immer, denn sonst ist das eigene Wort bei dem hoellischen Laerm der Motortaxis nicht zu verstehen. Es gibt nur sie, fast keine Autos. Die Haeuser im Zentrum haben meist drei bis vier Stockwerke in denen der Schall sich wunderbar wohlfuehlt. Nachdem wir am Abend noch am Stadtrand bei einer Party waren kann ich auf dem Dach in meiner Haengematte wegen meinen motorisierten Freunden nur schwerlich schlafen. Die Hitze tut ihr uebriges.
Ob und wie wir nach Yurimaguas kommen bleibt zu meiner Verwunderung relativ unklar. Immer wieder geht das Geruecht herum, dass die Strasse gesperrt sei. Gedanken an die Reise von Cajamarca nach Chachapoyas werden wach. Bauern aus dem Umland laufen demonstrierend durch die Stadt, doch kein Einheimischer vermag uns auf die Verbindung der Demonstranten und der gesperrten Strasse zu offenbaren – Peru. Also organisiert uns die frivole Frau aus dem alojamiento ein Taxi bis zur Sperrung. Dort wollen wir dann umsteigen. Auf der Fahrt bekomm ich dann zu hoeren worum es sich wirklich handelt. Die Indigenen der Region sind in Streik getreten weil Praesident Garcia Land, was ihrer Meinung nach ihnen gehoert, an auslaendische Landwirtschaftsunternehmen verkaufen will – ihm fehlt wohl Geld. Frage mich, wen das in Lima wohl wirklich interessieren mag, wenn ein paar Bauern am Rande des Dschungels streiken. Es gibt dann hoechstens weniger Kokosnuesse. Am ersten Streikposten angekommen duerfen wir zum Glueck passieren und muessen in ein Motortaxi umsteigen. Rucksaecke hinten rangeschnallt und los geht die Fahrt. Mittlerweile sind wir noch tiefer und die Hitze ist brachial. Im Hintergrund sind die letzten Zuege der Anden im dicken Nebel verhuellt und tragen die Erinnerung kuehlerer Tage in den Bergen. Es ist wie im Traum, die Palmen sausen an uns vorbei, Moskitos summen,
die Sonne steht tief, tunkt alles in ein warmes Licht. Stecke meinen Kopf so weit wie moeglich in den Fahrtwind – es ist wunderbar. Dieses Gefuehl hat mir auf der Reise bisher gefehlt, bin an einem Ort angekommen der meines Fernwehs Ursprung zu sein scheint. Das Motortaxi rast durch die Kurven und ich tauche schwungvoll ein in eine Welt, in der ich noch nie war, die mich verzaubert, umarmt und in ihrer vollen Schoenheit begruesst. An den naechten vier Streikposten kommen wir auch vorbei, manchmal eine Gebuehr bezahlend, jedes Mal das kleine Stueckchen zwischen den Dorfern mit dem Motortaxi flitzend. Ploetzlich wollen uns unsere Fahrer nicht weiterbringen weil sie meinen, dass sie die naechste Kurve nicht passieren koennen. Es sei ein anderes Dorf sagen sie. Mehr bekomme ich aus den beiden nicht heraus – Peru. Also Rucksack wieder auf den Ruecken und ab durch den Dschungel, eine Abkuerzung die zum Glueck kurz vor 30 de Agosto, dem naechsten Dorf, wieder auf die Strasse fuehrt. Dort wollen uns die Einheimischen aber nicht mehr durchlassen. Es gibt kein Transport sagen sie, wir sind vorher an mindestens drei Motortaxis vorbeimarschiert. Also heisst es entspannen. Zu Essen gibt es in dem Dorf reichlich. Ganze zwei kleine Tueten Kekse, eine Flasche Wasser und eine Cola koennen wir auftreiben. Da sich hier gar nichts bewegt geht es erstmal ab zum Fussball mit den Einheimischen. Die Sonne geht langsam unter, streichelt den Nebel hinten an den Bergen und laesst die Wolken in verschiedener Hoehe in allen vorstellbaren Orangetoenen erleuchten. Die unzaehligen Insekten zirpen aus den Graesern, nur uebertoent von einer Ansage eines Lautsprechers, dass um zehn Uhr eine Versammlung abgehalten werden soll. Zwei Stunden spaeter kommt zum Glueck doch noch ein Laster auf den wir aufspringen koennen, der eine Genehmigung hat die Posten zu passieren. Rund 50 Leute sind schon auf der Ladeflaeche, aber ein wenig Platz ist noch und so gelangen wir am spaeten Abend, zum Glueck von Antonio – der mit seinen 54 Jahren dieser Odyssee der letzten Tage nichts mehr abendteuerisches abgewinnen kann, nach Yurimaguas, dem Abfahrtsort der Boote nach Iquitos.

Lima ist unuebersichtlich, dezentral, vielseitig und laesst mich nicht hilf- oder orientierungslos sondern eher ohne Meinung zurueck, was irgendwie noch schlimmer ist. Ich habe eine ueberquirlende Stadt erwartet und bekomme ein Haeusermeer welches dahinschwappert. Vieleicht liegt das an den Bushaltestellen – ja, kein Witz! – als Beispiel des Bemuehens der Stadtvaeter dieses Bollwerk unter Kontrolle zu bekommen. In den Tagen sehe ich viel, aber nicht genug um mir ein Bild zu machen. In den Vierteln am Wasser geht alles relativ geordnet vor, keine Strassenstaende wegen denen man nicht mehr vorwaerts kommt, keine bruellenden Busbegleiter, kein Hupchaos - vielmehr wuselt alles friedlich vor sich hin. Das mag in den Vororten ganz anders aussehen.
Im Kaminu in Barranco, Luco – der Besitzer - ist gerade schon wieder betrunken, sind am Morgen wieder die Wolken wie Watteballen das kleine Tal vom Meer hochgekrochen gekommen. Die alten, meiste nicht renovierten Haeuser wurden episch sanft vernebelt waehrend der blaue Himmel durch das schwehlende Weiss immer noch zu sehen und die starke Sonne immer noch zu spuehren ist. Wir haben den ganzen Tag auf dem Dachterasse verbracht und gerade Jakob, einen Freund von Fabian, aus Miraflores abgeholt. Oben an der alten Kirche laufen die Leute vorbei und wir sitzen in der Abendsonne bei einem Rucksack Bier alleine an der Bar. Das Hostel ist fast leer, nur Ralf [Name geaendert], ein 42 Jahre alter Schwabe, taucht als wir gerade auf dem Weg in eine Bar sind ploetzlich noch auf.
Er ist nicht die erste verwirrte Gestalt die ich bisher getroffen habe. Da war die Amerikanerin Mitte 50 aus Houston, die das gleiche wie Ralf in Lima macht - nur halt umsonst – und nur eine Stunde vor ihm auf dem Dach auftauchte. Ueberall wuerde sie schon rausgeschmissen, posaunt sie stolz in unser Fruehstueck hinein, weil es Nachts wohl oft zu laut zuging. Ich wollte die Details echt nicht wissen. Da war der Weihnachtsmann in Arequipa, den ich auch schon in La Paz getroffen habe. Gerade war er auf der Suche nach einem leeren Pass um sich einen neuen drucken zu lassen – fuer den Nordpol selbstverstaendlich. Er wollte mir nicht sagen aus welchem Land er kommt – also ausser dem Nordpol. Nordpol! Aber 27 Laender hat er schon bereist, kann aber keine andere Sprache ausser Englisch. Also bestimmt ein Ami. Da waren die Geister in Sorata in Bolivien. Europaeisch aussehende Dauertouristen, die der Kleidung nach zu urteilen schon 20 Jahre im Dorf leben. Die Zaehne haben sich der Farbe des Lehmbodens angepasst. Immer wieder sehe ich sie zwischen den Haeusern hin und her schlurfen. Verloren wirken sie, nicht gluecklich aber vieleicht ein wenig zufrieden. Da ist der Deutsche, den ich in Buenos Aires getroffen habe, das Gras schmeckt ihm hier nicht, darum ist er zu Kokain uebergegangen.
Ich treffe im rumpelnden Bus Richtung Bolivianischer Grenze Jamil wieder. Wir erzaehlen kurz und schon habe ich meinen Platz an einen stummen Gringo verloren der wohl anders als ich eine Platzreservierung hat. Werde es aber nicht erfahren, da mein Rucksack jetzt eine Bank weiter liegt – so eine Flachzange. Vor der Grenze passieren wir wieder die obligatorischen Kontrolle der Polizei. Kontrollieren tun sie nichts, trotzdem muessen alle aussteigen und eine Weile zu Fuss neben dem Bus an einigen Verkaufsstaenden vorbeischlendern. Demonstration der Macht ist wichtig – und das scheint hier jede der unzaehligen Polizeieinheiten unabhaengig voneinander zu machen! An der Grenze muss ich als einziger den Bus wechseln da der Bus weiter nach Cusco, also zum Machu Picchu, faehrt.
Verstehe vorerst nur die Haelfte, denn auch hier sprechen die Menschen wieder ein wenig anders. Witzelnd sich nach mir erkundigend schmeisst der eine meinen Rucksack in den Rumpf des Busses und eine Peruanerin begleitet mich lachend – wegen der mir wohl ziemlich deutlich ins Gesicht stehenden Verwirrung ob der ueberwaeltigenden Offenheit und Freundlichkeit die mir entgegenschlaegt, in den Bus – das hatte ich nicht erwartet!
Das Leben der Stadt schwappt vor meiner Unterkunft vorbei, langsam vibrierend schieben sich die Taxis, Motortaxis und geschaeftigen Menschen zwischen den weissen Kolonialbauten hindurch. Alles ist unglaublich modern. Lerne ich Fabian in dem kleines Strassenrestaurant zehn Meter von meiner Haustuer entfernt kennen. Wir beide kommen von der Stadt nicht mehr los. Die Menschen hier sind selbstbewusst, eigenstaendig und unglaublich europaeisch. Wir versacken Abend fuer Abend in einem Irish Pub neben dem Plaza de Armas auf dem schon, wie auch in anderen Strassen, irgendwelche Osterprozessionen anfangen. Eine gigantische Kundgebung mit Heiligenfahnen und -altaeren laesst mich daran erinnern, dass auch Arequipa zu Peru gehoert, welches wie alle Laender die ich bisher besucht habe wahnsinnig glaeubig ist. Die grosse Osterprozession findet in Ayacucho statt, aber hier beenden die Menschen den Abend mit kandierten Aepfeln, die vieleicht den Suendenfall symbolisieren soll – ich weiss es nicht – jedenfalls waren nach dem Apfel die Bars wieder voll. Die Lust auf den Colca Canyon, einem der unendlich viel tiefer als der Grand Canyon ist, ist mir vergangen – ich habe im Moment keine Lust auf das Wandern. So verlassen Fabian und ich nach ein paar intensiven Tagen und einer wirklich abgefahrenen letzten Partynacht wehmuetig die Stadt Richtung Pisco, vorbei an den Nazca Linien, 750 Kilometer die Kueste entlang nach Norden.
Lee hatte mir in La Paz schon davon erzaehlt, weil er einer von ein paar Westlern ist, der hier dafuer bezahlt hat arbeiten zu duerfen und die Stadt und die Menschen irgendwie retten zu koennen. Viele sind aber weggezogen – nach Ica, Nazca oder Lima. Die Anspannung der Menschen kriecht uns mit dem Gestank auf den Strassen in die Nasen. Verhandeln laesst sich hier richtig schlecht, die die geblieben sind, weichen kein Stueck zurueck. Alle versuchen zwischen den Truemmern auf den zersplitterten Buergersteigen ein neues Leben anzufangen. Die Motortaxis schleichen durch die Strassen, hier und da steht ein kleiner Imbisswagen aus dem eine nette Peruanerin guckt und die leckersten Fruchtsaft der Welt verkauft. Mit dem Saft in der Hand sehen und spuehren wir wie die Stadt erwacht. Der Markt wuselt wie ueblich, aber alles macht einen verzweifelten Eindruck. Die Haueser in Strandnaehe entstehen am schnellsten, doch leider erinnern sie neuen Wohnanlagen an Strukturen Brasilianischer Favelas, Reissbrettviertel in die Landbesetzer gesteckt und sesshaft gemacht werden sollen oder an die Trostlosigkeit des Luftwaffenstuetzpunktes nebenan.