Kosmonaut im Farbsternregen

Ausgedrueckte Eindruecke

Vom Pazifik durch die Wueste ueber die Berge in den Dschungel April 26, 2009

Einsortiert unter: Tagebuch — Sebastian @ 9:59 vormittags
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Lima trudelt aus. Es wird Zeit zu gehen, ich habe die letzten beiden Wochen zu viel Deutsch gesprochen. Dennoch hat es sich richtig gelohnt und ich bin mir sicher, dass Fabian und ich uns wiedersehen werden. Vieleicht schaue ich noch bei dem Schulprojekt von Jakob in Huamachuco vorbeit, aber das wird sich zeigen.

img_9235Bekomme gegen alle Verheissungen saemtlicher Taxifahrer trotz Semana Santa ein Ticket gen Norden. Die Busfahrt nach Trujillo ist toll – die Peruaner schaffen es ohne Sauerstoff in einem Raum zu ueberleben. Mir geht es dabei denkbar schlecht. Aber da so eine Fahrt endlich ist, sitze ich bald gluecklich bei Schokokuchen, Fruchtsaft und Kaffee im Mercado Central in Trujillo und wenig spaeter im Micro nach Huanchaco, dem Bade- und Surfort an der Kueste. Auch hier ist noch alles Wueste. Es ist schoen wieder das Fauchen des Pazifik zu hoeren. Die schroffen Wuestenberge an der Kueste sind immer im Nebel verhuellt, nur die Spitzen gucken heraus. Die Kakteen zwischen den Haeusern wiegen in der leichten Briese und die Surfer schwimmen wie Treibgut vor der Kueste hin und her – immer wartend auf DIE Welle. Schlage mein Zelt im Naylamp auf und mache es mir fuer zwei Tage bei Kaffee und Honigcrackern an der Kueste gemuetlich. Fahre noch zu zwei Pyramiden in der Naehe von Trujillo, Huaca del Sol y del Luna, die von der Moche Kultur zeitlich kurz nach der Nazca Kultur erbaut worden sind. Mein Anti-Inka Programm setzt sich also fort – es ist ein Spiel und irgendwie mein Dickkopf gegen diesen absurden Tourismushype um ein paar alte Steine rund um Cuzco. Zum Abschied vom Meeresrauschen esse ich noch einmal Ceviche welches hier viel schaerfer ist als in Chile und mit Kartoffeln und anderen Sachen serviert wird, die ich noch nicht identifiziert habe. Es ist eine Art Andensushi bei dem der Fisch fast roh mit Zitrone zubereitet wird und dazu gibt es je nach Region alles moegliche.
In diesem Moment steht fuer mich fest, dass ich schnell durch Ecuador reisen werde um zum Schluss noch am Strand im Norden von Kolumbien und Venezuela meine Haengematte aufspannen. Doch erstmal will ich in den Dschungel. Nehme einen Bus nach Cajamarca. 10 Stunden fuer 300 Kilometer – jetzt bin ich in dem anderen, viel interessanteren Peru angekommen. Die ersten Stunden passiert der Bus den Wuestenstreifen an der Kueste, dann geht es hoch in die gruenen Berge, denn Cajamarca liegt wieder ueber 2000 Meter. Dort angekommen werde ich ein wenig enttaeuscht, die Stadt ist nicht das was ich mir vorgestellt habe. Sie ist ein wenig langweilig, ich kann nichts spezielles entdecken. Darum renne ich gleich zu den Jungs von Movil Tours, die mich schon auf der Strasse angequatscht haben und kaufe ein Ticket ueber Celendin nach Chachapoyas – veranschlagt sind 12 Stunden fuer rund 300 Kilometer. In Cajamarca tragen die Indios ploetzlich grosse beige-bastende Cowboyhuete. Ueberall gibt es Kaese, Jughurt und allerlei Milchprodukte aus der Region zu kaufen. Ungewoehnlich, denn bis jetzt schien Gloria den Joghurtmarkt fest in der Hand zu haben.
img_9296Am naechsten Morgen um 6 Uhr geht es dann los, mache es mir in meinem Sitz bequem und versuche mich zu entspannen, denn die Strasse haelt alles, was ich bisher von Gebirgsstrassen in Peru gehoert habe – sie ist schmal, matschig und abwechelnd geht es rechts hoch und links runter, oder halt recht runter und links hoch. Versuche mich an dem Anblick von beaengstigender Tiefe gleich neben meinem Fenster zu gewoehnen – die Strasse ist nur selten zu sehen, die Raeder kriechen den Abhang entlang. Nach den ersten vier Stunden erreicht der Bus mit mir, der langsam anfaengt mit dem Sitz zu vereinen, Celendin – den ersten groesseren Ort auf der Strecke. Es steigen ein paar Leute aus und ein paar dazu. Unter ihnen sind zwei Spanische Feuerwehrmaenner aus Barcelona – Ricardo und Fernando, die mit ihrem Vater – Antonio – durch den Norden von Peru reisen. Interessant wird es, quatschen viel herum und mein Glueck mit den Leuten die ich treffe scheint nicht abzureissen. Es geht den Berg in unendlichen Schlaengellinien hoch und wieder runter. Ueberall stehen Kakteen aller Form und Groesse zwischen dem niedrigen Straeuchern und Bueschen – manche aehneln Baeumen und sind bis zu 8 Meter hoch. Der Boden ist weiterhin lehmig und manchmal wird meine neu-erworbene Entspannung bezueglich der Strasse arg auf die Probe gestellt. Wir passieren Balsas, einen kleinen Ort im Tal der komplett mit Bananenstauden und Papayabaeumen ueberwuchert ist, bevor es nach einem grossen braunen sich dahinwaelzenden Fluss wieder den Berg hoch geht. Gleich nach der Bruecke kommt uns schon ein Pickup entgegen, die Leute hinten auf der Ladeflaeche rufen uns zu, dass der Pass verschuettet ist. Ich kann es noch nicht glauben, alles gucken sich etwas fragend an, aber unsere beiden Fahrer fuehren ihr Kunststueck weiter fort und steuern zielsicher die immer duenner und hoeher werdende sich unendlich viele Male windende und schlaengelnde Strasse herauf. Sie ist wirklich gesperrt. Zwei Bagger sind gerade dabei den schmalen Grad irgendwie wieder freizuschaufeln – Steine stuerzen in die Tiefe, hallen in den Felswaenden wieder. Also machen wir es uns erstmal bequem. El Peru Avanza ist kraeftig am wirken, aber 17:00 soll Feierabend sein – also hoeren die Arbeiter 16:30 auf zu arbeiten und ruecken ab – El Peru Avanza, heute aber nicht nach Chachapoyas. So machen wir es uns auf der Strasse bequem, schicken ein Auto runter um etwas zu Essen zu kaufen und zuenden ein Feuer an. img_9331Unter den Sternen gibt es calletas und Papayas aus dem Dorf – mehr war nicht aufzutreiben. Schlafe mit Fernando und Ricardo in der sternenklaren Nacht auf der Strasse waehrend die aufgeregten Frauen im Bus uebernachten. Am naechsten Morgen tauchen die Bauarbeiter ueberraschend frueh auf, naive Hoffnung keimt auf, wird aber wenig spaeter wieder zerstoert. Die Jungs sind zwar da, koennen aber nix machen weil der Baggerfahrer mit dem Praesident der Amazonasregion erstmal wegfaehrt – Kontakte knuepfen. So stehen die Maennchen mit ihren orangen Jacken wie eine Perlenkette vor dem Schutthaufen auf der Strasse und doesen. Drei Stunden spaeter taucht der Fahrer wieder auf, hat Benzin und ein neues Rad fuer sein Fahrzeug mitgebracht. Der Praesident des Amazonas-Destriktes schreitet erhobenen Hauptes an uns vorbei, eine ganze Horde von krumm-rueckigen Typen hinterher. Einer laesst im Auftrag des Herrn Praesidenten drei Papayas bei den Gringos – was ein Schauspiel. Der Truck mit dem Rad wird wie von Zauberhand innerhalb einer Stunde auf der schmalen Passtrasse umgedreht – was fuer ein gigantischer Unsinn, denn zum Bagger kommen sie mit dem Ding wegen unseres Busses und einem anderen Laster soweiso nicht durch – Peru. Wenn man hier also eines lernt, dann ist es sich zu entspannen. In der Mitte des Tages passiert dann doch ein Wunder, frueher als erwartet geht es weiter. Wir muessen ein paar Mal aussteigen, weil die Strasse zu eng ist und es im Bus zu gefaehrlich gewesen waere. Da unsere Fahrer ihren rechten Aussenspiegel an einer Felskante in einer Kurve verlieren, kriechen wir ohne diesen ueber den 3900 Meter hohen Pass und stehen Stunden spaeter kurz vor Chachapoyas vor der naechsten zugeschuetteten Fahrbahn. Es ist schon dunkel und keiner hat Lust noch eine Nacht auf der Strasse zu verbringen, also rueber ueber den Lehmabgang, rein in ein Micro und ab nach Chachapoyas. So waren es fuer mich statt der angekuendigten 12 Stunden Fahrt fuer die rund 300 Kilometer von Cajamarca nach Chachapoyas epische 40, da koennen die Argentinier in Bolivien, die fuer die Strecke Villazon nach Potosi 27 anstatt der angekuendigten 10 gebracht haben, nicht mithalten.

img_9304Von Chachapoyas aus, was noch auf ueber 2000 Meter liegt, fahren wir zur Pre-Inka Festung Kuélap, in der mehr Steine verbaut sein sollen als in den Pyramiden von Gise, und gehen abends noch weg, Los Troncos heisst der Schuppen und scheint der angesagteste der Stadt zu sein. Jedenfalls haben das alle auf dem Plaza de Armas unendliche Male im Kreis laufende gesagt die wir gefragt haben. Aber wir sind in den Bergen, weit weg von groesseneren Staedten, auch wenn es die Hauptstadt des Destrikes ist. So sind nur Paare auf der Tanzflaeche und wir muessen uns erstmal damit begnuegen ein jarre Pisco-Sour nach dem naechsten zu trinken. Peru ist bei einigen, bei vielen Angelegenheiten speziell. Hier ist es nicht moeglich, dann eine Frau und ein Mann freundschaftlich zusammenleben. Wenn ich erzahle, dass ich mit einer Freundin in Berlin wohne ernte ich nur Augenblinzeln, Schulterklopfer und Grinzen. Auch wenn ich beteuer, dass es eine Freundin ist, geht das nicht in den Kopf der Peruaner rein – unmoeglich! Man(n) geht hier auch nicht einfach mit einer Freundin mal weg – unmoeglich! Junge Frauen und Maenner machen hier nichts anderes miteinander als ihrer konservativen Geschlechterrolle gerecht zu werden. So passiert es auch oft, dass Maenner die in einer Wohnung zusammenwohnen fuer schwul gehalten werden, wieso sollten sie sonst unter einem Dach leben?! Spaeter kommt der Abend noch ins Rollen, so dass wir am naechsten Tag auf der Wanderung von Pedro Ruiz aus zum Gocta, den dritt-hoechsten Wasserfaellen der Erde, ziemlich alt aussehen. Schoen ist es trotzdem und ich bekomme die groesste und hoechste Dusche meines Lebens.
In Perdo Ruiz staut sich alles. Der Pass nach Cajamarca ist wieder zu, Richtung Chiclayo an der Kueste gibt es auch Probleme. So bildet sich vor meinen Fenster eine grosse Schlange wartender LKWs deren Fahrer in aller Ruhe den wegen den Versorgungsengpaessen steigenden Benzinpreisen zugucken koennen.

img_9377Den Tag darauf findet sich ein Bus nach Tarapoto, dem wirtwschaftlichen Drehpunkt des noerdlichen Jungels. Die Verkehrmittel werden rarer. Tarapoto liegt auf 500 Meter, so geht es die meiste Zeit der acht Stunden bergab. Es wird waermer, die Wolken steigen hoeher und die Palmen werden zahlreicher. Ueberall neben der Strasse trocknen die Leute Mais, Café und irgendwelche nussartigen Kugeln. Gluecklicherweise ist es bewoelkt, aber als hin und wieder die Sonne aus den Wolken guckt kann ich mir eine ungefaehe Vorstellung machen, was noch auf mich zukommen wird. In Tarapoto angekommen muessen wir laut sprechen und das immer, denn sonst ist das eigene Wort bei dem hoellischen Laerm der Motortaxis nicht zu verstehen. Es gibt nur sie, fast keine Autos. Die Haeuser im Zentrum haben meist drei bis vier Stockwerke in denen der Schall sich wunderbar wohlfuehlt. Nachdem wir am Abend noch am Stadtrand bei einer Party waren kann ich auf dem Dach in meiner Haengematte wegen meinen motorisierten Freunden nur schwerlich schlafen. Die Hitze tut ihr uebriges.
Ob und wie wir nach Yurimaguas kommen bleibt zu meiner Verwunderung relativ unklar. Immer wieder geht das Geruecht herum, dass die Strasse gesperrt sei. Gedanken an die Reise von Cajamarca nach Chachapoyas werden wach. Bauern aus dem Umland laufen demonstrierend durch die Stadt, doch kein Einheimischer vermag uns auf die Verbindung der Demonstranten und der gesperrten Strasse zu offenbaren – Peru. Also organisiert uns die frivole Frau aus dem alojamiento ein Taxi bis zur Sperrung. Dort wollen wir dann umsteigen. Auf der Fahrt bekomm ich dann zu hoeren worum es sich wirklich handelt. Die Indigenen der Region sind in Streik getreten weil Praesident Garcia Land, was ihrer Meinung nach ihnen gehoert, an auslaendische Landwirtschaftsunternehmen verkaufen will – ihm fehlt wohl Geld. Frage mich, wen das in Lima wohl wirklich interessieren mag, wenn ein paar Bauern am Rande des Dschungels streiken. Es gibt dann hoechstens weniger Kokosnuesse. Am ersten Streikposten angekommen duerfen wir zum Glueck passieren und muessen in ein Motortaxi umsteigen. Rucksaecke hinten rangeschnallt und los geht die Fahrt. Mittlerweile sind wir noch tiefer und die Hitze ist brachial. Im Hintergrund sind die letzten Zuege der Anden im dicken Nebel verhuellt und tragen die Erinnerung kuehlerer Tage in den Bergen. Es ist wie im Traum, die Palmen sausen an uns vorbei, Moskitos summen, img_9396die Sonne steht tief, tunkt alles in ein warmes Licht. Stecke meinen Kopf so weit wie moeglich in den Fahrtwind – es ist wunderbar. Dieses Gefuehl hat mir auf der Reise bisher gefehlt, bin an einem Ort angekommen der meines Fernwehs Ursprung zu sein scheint. Das Motortaxi rast durch die Kurven und ich tauche schwungvoll ein in eine Welt, in der ich noch nie war, die mich verzaubert, umarmt und in ihrer vollen Schoenheit begruesst. An den naechten vier Streikposten kommen wir auch vorbei, manchmal eine Gebuehr bezahlend, jedes Mal das kleine Stueckchen zwischen den Dorfern mit dem Motortaxi flitzend. Ploetzlich wollen uns unsere Fahrer nicht weiterbringen weil sie meinen, dass sie die naechste Kurve nicht passieren koennen. Es sei ein anderes Dorf sagen sie. Mehr bekomme ich aus den beiden nicht heraus – Peru. Also Rucksack wieder auf den Ruecken und ab durch den Dschungel, eine Abkuerzung die zum Glueck kurz vor 30 de Agosto, dem naechsten Dorf, wieder auf die Strasse fuehrt. Dort wollen uns die Einheimischen aber nicht mehr durchlassen. Es gibt kein Transport sagen sie, wir sind vorher an mindestens drei Motortaxis vorbeimarschiert. Also heisst es entspannen. Zu Essen gibt es in dem Dorf reichlich. Ganze zwei kleine Tueten Kekse, eine Flasche Wasser und eine Cola koennen wir auftreiben. Da sich hier gar nichts bewegt geht es erstmal ab zum Fussball mit den Einheimischen. Die Sonne geht langsam unter, streichelt den Nebel hinten an den Bergen und laesst die Wolken in verschiedener Hoehe in allen vorstellbaren Orangetoenen erleuchten. Die unzaehligen Insekten zirpen aus den Graesern, nur uebertoent von einer Ansage eines Lautsprechers, dass um zehn Uhr eine Versammlung abgehalten werden soll. Zwei Stunden spaeter kommt zum Glueck doch noch ein Laster auf den wir aufspringen koennen, der eine Genehmigung hat die Posten zu passieren. Rund 50 Leute sind schon auf der Ladeflaeche, aber ein wenig Platz ist noch und so gelangen wir am spaeten Abend, zum Glueck von Antonio – der mit seinen 54 Jahren dieser Odyssee der letzten Tage nichts mehr abendteuerisches abgewinnen kann, nach Yurimaguas, dem Abfahrtsort der Boote nach Iquitos.

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Naehrboden fuer Wachstum und Bodenlose Orientierungslosigkeit April 13, 2009

Einsortiert unter: Dies und Das,Eindruecke,Tagebuch — Sebastian @ 10:46 nachmittags
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img_9188Lima ist unuebersichtlich, dezentral, vielseitig und laesst mich nicht hilf- oder orientierungslos sondern eher ohne Meinung zurueck, was irgendwie noch schlimmer ist. Ich habe eine ueberquirlende Stadt erwartet und bekomme ein Haeusermeer welches dahinschwappert. Vieleicht liegt das an den Bushaltestellen – ja, kein Witz! – als Beispiel des Bemuehens der Stadtvaeter dieses Bollwerk unter Kontrolle zu bekommen. In den Tagen sehe ich viel, aber nicht genug um mir ein Bild zu machen. In den Vierteln am Wasser geht alles relativ geordnet vor, keine Strassenstaende wegen denen man nicht mehr vorwaerts kommt, keine bruellenden Busbegleiter, kein Hupchaos - vielmehr wuselt alles friedlich vor sich hin. Das mag in den Vororten ganz anders aussehen.
Wir ziehen einmal von Miraflores nach Barranco um, weil das Hostel wirklich oede ist. Eine Party am Parque Kennedy im Loki hat uns den Rest gegeben - so viele von sich und ihrer Umgebung gelangweilte Touristen hab ich bisher noch nicht gesehen. Was ich bisher gelernt habe ist, wenn die Leute nach langen Schweigepausen anfangen von sich und den Nachbarn krampfhaft grinzend Photos fuer Facebook zu schiessen, sollte man die Beine in die Hand nehmen und fliehen. Dabei war es ganz witzig. Ich habe Duncan wiedergetroffen der sich beim Ultimate Frisbee in Buenos Aires den Arm gebrochen hatte. So spiele ich fuer ihn beim Billiard die zweite Hand. Aber auch mit neuem Bett kommt die Stadt fuer uns nicht richtig ins Rollen. Touristen nutzen Lima nur als Startpunkt fuer Peru und die Einheimischen die wir treffen sind weit von der Laessigkeit der Arequipaener entfernt. Da sind sie wieder, die machohaften jungen Peruanischen Maenner in den Bars die eher den Eindruck machen als seien sie Karrikaturen ihres eigenen Geschlechterbildes, nicht aber selbstbewusste lockere Grosstaedter die da gerade mal ne ziemlich schicke Peruanerin versuchen zu ueberzeugen. Die meisten Peruanischen Maedels sind wie auch schon teilweise in Arequipa einfach langweilig. Das liegt nicht an ihnen selbst, sondern eher an dem sozial-oekonomischen Entwicklungsstandes des Landes welches mir immer wieder zurueck ins Bewusstsein gesprungen kommt, wenn wir Abends unterwegs sind und es nicht moeglich ist auch nur kurz mit einer Peruanerin auf der Tanzflaeche zu flirten. Sofort haengt sie an mir drann und ich muss mich aus ihrem Wuergegriff bedingungloser Selbstaufgabe wieder befreien. Fabian ergeht es nicht anders und so sind es dann oft Touristen mit denen wir in laengere Gespraeche am Abend geraten da die sich meist nicht sofort ausgezogen vor uns hinlegen obwohl wir noch auf der Tanzflaeche sind und eigentlich noch keine zwei Worte miteinander gesprochen haben. Das ist schade, aber die harte Realitaet.
img_9197Im Kaminu in Barranco, Luco – der Besitzer - ist gerade schon wieder betrunken, sind am Morgen wieder die Wolken wie Watteballen das kleine Tal vom Meer hochgekrochen gekommen. Die alten, meiste nicht renovierten Haeuser wurden episch sanft vernebelt waehrend der blaue Himmel durch das schwehlende Weiss immer noch zu sehen und die starke Sonne immer noch zu spuehren ist. Wir haben den ganzen Tag auf dem Dachterasse verbracht und gerade Jakob, einen Freund von Fabian, aus Miraflores abgeholt. Oben an der alten Kirche laufen die Leute vorbei und wir sitzen in der Abendsonne bei einem Rucksack Bier alleine an der Bar. Das Hostel ist fast leer, nur Ralf [Name geaendert], ein 42 Jahre alter Schwabe, taucht als wir gerade auf dem Weg in eine Bar sind ploetzlich noch auf.

Labyrinthe. Wege durch Labyrinthe sind schwierig, interessant und oft ein Herausforderung dir wir bewaeltigen oder an der wir scheitern koennen. Wenn die Waende des Irrweges elastisch sind, also nachgeben und ihre Form veraendern und zusaetzlich sich wie zufaellig verschieben, dann kann es sein, dass man den Ausgang nie findet. So finden sich die Menschen auf den Wegen ihres Lebens in einem solchen Labyrinth wieder. Wir koennen anderen folgen und trotz des Irrens eine schoene gemeinsame Zeit haben. Doch liegt der eigene Pfad nicht notwendiger Weise auf dem der demokratischen Wahrheit, die mit anderen zusammen gefunden wurde. Gruppen, also auch ganze Gesellschaften, koennen durch bewusstes oder zufaelliges falsches Verhalten einen Weg einschlagen der fuer alle nachteilig, eine andere Option in der Gruppendynamik aber nicht moeglich ist. So besteht die Moeglichkeit des kollektiven Verlaufens.
Wenn sich eine ganze Gruppe verlaufen kann, ist das ohne weiteres auch fuer Individuen moeglich. Das Bezugssystem ist hier ein anderes. Die interpretative Sicht des Weges der Gruppe ist nun nicht mehr vorhanden, das Individuum ist voellig auf sich alleine gestellt. Die Waende des Labyrinthes erscheinen klarer oder werden immer weniger sichtbar. Alles zerfliesst, daran kann das Individuum an Orientierung gewinnen oder sie komplett verlieren und damit auch sich selbst. Der einzelne wird es viel schneller merken, dass er sich verlaufen hat denn das Bezugssystem der Gruppe ist nicht vorhanden. Die unmittelbare Konfrontation mit dem eigenen Weg, mit dem eigenen Selbst kann heilend sein oder zur eigenen Zerstoerung fuehren.

Wachstum. Der Prozess des Wachtums oder des Niedergangs umgibt uns wie die Zeit in der sie stattfinden. Konstanz ist unnatuerlich. Manche Prozesse nehmen wir als konstant war, doch auch sie schwingen um einen Zustand. Stabilitaet ist temporaer und nicht notwendig. Kuenstlich aufrecht erhaltene Stabilitaet macht krank und fuehrt ueber kurz oder lang durch die unterdrueckten Dynamiken zu unkontrollierten Resultaten die von Zeitpunkten des Ausbruchs abhaengig sind. Wenn Stabiliaet gewuenscht ist dann kann sie gesund nur ueber den Gordischen Knoten der endogenen Lenkung der beteiligten Kraefte erreicht werden.
Fuer den Menschen ist Angst heute nicht mehr wie frueher ein Schutzmechanismus sondern eine Geissel die uns verkrampfen laesst. Angst fuehrt zu Selbstentfremdung und -isolation. Gleichzeitig setzt Angst aber auch heute wie frueher Produktivkraefte frei, nur dass sie heute in einer Gesellschaft die den Menschen sich selbst entfremded und Wege so vielseitig wie unklar sind und folglich in unbewusst erarbeiteteter Selbstzerstoerung enden kann.
So kann die Angst uns auf Pfade treiben, von deren Existenz wir selber, selbst wenn wir uns auf einem befinden, nicht wissen. Ex ante gibt es ihn fuer uns nicht, ex post gibt es tausende Erklaerungen die den Pfad rechtfertigen sollen, uns auch sinnvoll erscheinen, aber von aussen seltsam wirken.

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Er rennt ziwschen den Betten herum, in der linken Hand eine halbleere Bierflasche, in der rechten diverse Zettel. Seine Augen wirren ziellos in der Luft umher, er grinzt nervoes und redet ohne Pause. Er hat sein Flug nach Iquitos verpasst und bedeuert die ganze Zeit, dass als er die Fluege gebucht hat nuechtern war, jetzt aber leider schon drei Tage durchgefeiert hat. Jakob ruft fuer ihn trotzdem an um den Flug vieleicht noch retten zu koennen. Ralf bekommt mit seiner Kokainbirne das wirklich nicht mehr gebacken. Der Flug ist wie er nicht mehr zu retten. Er ist seit drei Tagen in einem Puff, die Frauen kosten nur 50 Sol und dort kennen ihn alle, beteuert er jedenfalls. Ich glaube ihm sofort. Als mit seinem Flug nix mehr zu machen ist und wir innerhalb kuerzester Zeit jeden Respekt vor dem Maennchen verloren haben, will er wieder los und uns mitnehmen – ist ja sowieso jetzt alles egal. Wir merken an, dass wir eher vorhatten in eine Bar zu gehen, in der es Frauen umsonst gibt, dass sei doch viel spannender. Ja ja, so sei er frueher auch gewesen, aber jetzt… . Er will Taxifahrt und am Ende die erste Frau fuer uns bezahlen wenn wir doch nur mitkommen wuerden. Es ist traurig zu sehen, wie er sich nach Gesellschaft sehnt. Wir lehnen trotzdem ab und ueberreden ihn mit uns doch in die Bar zu gehen, dort koennte er uns doch anstatt Taxifahrten und Frauen Getraenke ausgeben. Wir fuehren ihn zur teuersten Bar in der Naehe. Es ist ein altes allein stehendes Kolonialgebaeude mit einem Waechter und zwei koeniglichen Treppen, die uns in ein gediegenes Ambiente mit tausenden Barkeepern und schoenen Toiletten fuehrt. Auf eine verschwindet unser Goenner gleich – nachladen. Wir bestellen vier Pisco-Sour und setzen uns auf eine grosses Holzfensterbrett welches zwei der Raeume teilt. Ueberall rennen aufgeblasene junge wohlhabende Peruaner auf der Suche nach der Frau das Abends herum. Die Maedels muessen teilweise aufpassen, dass sie vor Selbstbewusstsein nicht ueber die Schwelle neben uns Stolpern. Der Pisco ist super, nie habe ich einen besseren getrunken. Er wird irgendwie mit Limone und Ei geschaeumt - glaub ich. Unser Goenner kommt von der Toilette zurueckgepeilt und faengt gleich wieder an zu reden. Nach ein paar spitzen Fragen fuehlt er sich gezwungen zu rechtfertigen, merkt es aber nicht. Die Frauen wuerden ihrem Job ja sowieso nachgehen. Dieses atomistische Selbstverstaendis charakterisiert meiner Meinung nach viele Probleme in unserer Gesellschaft. Wuerden wir die Umwelt verschmutzen, weil es die anderen ja sowieso tun und es auf eine Plastiktuete mehr oder weniger nicht ankommt? Er erzaehlt weiter, Jakob kann diesen Dreck langsam nicht mehr mit anhoeren und dreht sich angeekelt von so viel menschlicher Leere zur Seite. Fabian und ich quatschen weiter auf ihn ein. Seine Frauen sind 19, 20 oder 21, die aelteren mag er nicht, da kommt er nicht ran - sagt er. Doch unter 18 – auf keinen Fall. Er tut so, als sei es fuer ihn moralish verwerflich, so ist es aber doch nur die gesetzliche Grenze die ihm zu diesem Urteil verhilft. Die Kolumbianerinnen und Frauen aus dem Jungel in der Naehe von Iquitos seien die besten. Ich kann nicht aufhoeren auf seine zwei Kinder und seine Frau in Deutschland mit ihm anzustossen. Doch irgendwann muss ich doch kurz auf Klo und durchatmen sonst haette ich mich wohl bei so viel Armseeligkeit vor Lachen an meinem Pisco verschluckt. Frage ihn noch, ob es immer neue dort geben wuerde. Ja klar! Und wo sind die anderen dann geblieben? Ralf versteht die Frage nicht und nickt eifrig als ich mutmasse, dass sie vieleicht irgendwo in einem Limaer Vorort jetzt Turnschuhe zusammenkleben.
Irgendwann ist dann doch Schluss und wir schicken ihn ins Hostel zum Schlafen. Eine Stunde will er schlafen, dann wieder los in die Stadt. Am naechsten Morgen sehe ich ihn auf der Terasse in einem Liegestuhl schlafen. Der Puff hatte leider zu – “scheiss Ostern, ueberall auf der Welt das gleiche, kenn ich schon!” Wenig spaeter kommt er stolz mit neuen Zetteln die Treppe hoch – heute Abend geht es nach Iquitos.

img_9196Er ist nicht die erste verwirrte Gestalt die ich bisher getroffen habe. Da war die Amerikanerin Mitte 50 aus Houston, die das gleiche wie Ralf in Lima macht - nur halt umsonst – und nur eine Stunde vor ihm auf dem Dach auftauchte. Ueberall wuerde sie schon rausgeschmissen, posaunt sie stolz in unser Fruehstueck hinein, weil es Nachts wohl oft zu laut zuging. Ich wollte die Details echt nicht wissen. Da war der Weihnachtsmann in Arequipa, den ich auch schon in La Paz getroffen habe. Gerade war er auf der Suche nach einem leeren Pass um sich einen neuen drucken zu lassen – fuer den Nordpol selbstverstaendlich. Er wollte mir nicht sagen aus welchem Land er kommt – also ausser dem Nordpol. Nordpol! Aber 27 Laender hat er schon bereist, kann aber keine andere Sprache ausser Englisch. Also bestimmt ein Ami. Da waren die Geister in Sorata in Bolivien. Europaeisch aussehende Dauertouristen, die der Kleidung nach zu urteilen schon 20 Jahre im Dorf leben. Die Zaehne haben sich der Farbe des Lehmbodens angepasst. Immer wieder sehe ich sie zwischen den Haeusern hin und her schlurfen. Verloren wirken sie, nicht gluecklich aber vieleicht ein wenig zufrieden. Da ist der Deutsche, den ich in Buenos Aires getroffen habe, das Gras schmeckt ihm hier nicht, darum ist er zu Kokain uebergegangen.

So haengt die Orientierungsfaehigkeit in aller erster Linie von der Faehigkeit ab, sich in sich selbst zu orientieren. Fehlt diese Grundlage, ist es ein leichtes sich in grossen Staedten, kleinen Doerfern mit nur einer Strasse oder anderen Strukturen zu verlieren. Innere Orientierung macht es moeglich sich in allen denkbaren Mustern menschlicher Kultur und Struktur zu bewegen, sei sie auf den ersten Blick unuebersichtlich oder nicht. Innerer Halt macht das Bilden mentaler Karten, Formen menschlichen abstrakten Denkens zur Orientierung moeglich. Ist die Grundlage vorhanden, haengt es vom Individuum selbst ab, seiner Charakterstruktur, seiner Sozialisation, seines aktuellen Umfeldes und vieler anderer zufalliger oder determinierter Faktoren ob er auf der Dorfstrasse oder im Grosstadtjungel innere Orientierung findet oder sie durch eine einzigartige interne Umsetzung externe Einfluesse verliert.

Und hier noch ein paar Nachrichten. Der Papst ruft wie jedes Jahr zum Osterfest zum Frieden und zur Versoehnung auf. In Bangkok gehen die Menschen gegen die Regierung auf die Strassen und das Militaer steht unentschlossen dazwischen. Eine verwirrte Frau spingt im Berliner Zoo zu den Eisbaeren und wird verletzt. Christliche Pilger aus aller Welt strömen nach Jerusalem - Saleh Abou-Tin verleiht Kreuze an sie und zeigt ihnen, wie sie den Leidensweg Jesu beschreiten können. Muss Klitschko sich vor Poldi fuerchten? Die Suedchinesische Provinz Guangdong steckt in einer Wirtschaftskrise denn es werden weltweit nicht mehr so viel Nutzlosigkeiten konsumiert. Muentefering empfielt eine neue Verfassung fuer Deutschland. Berlin – 20 Grad. Obama hat sein Wahlkampfversprechen bei seinen Toechtern eingeloest – der stubenreine Portugisische Wasserhund Bo zieht ins Weisse Haus ein. Der Peruanische Ex-Praesident Alberto Fujimori wird in Lima wegen Menschenrechtsverletzungen zu 25 Jahren Haft verurteilt (Trotzdem gibt es Peruaner die ihn fuer den besten Praesidenten Perus halten und koennen die Schockgesichter der Deutschen wegen Hitler nicht verstehen.). Fische verschwinden aus den Weltmeeren. CIA schliesst alle geheimen Kerker. Wegen gekuerzter Fangquoten sind die Kuestenfischer in Mecklenburg Vorpommern stinksauer. Japanisches Kaiserpaar feiert Hochzeitstag.

 

Bebendes Peru April 11, 2009

Einsortiert unter: Eindruecke,Tagebuch — Sebastian @ 9:17 nachmittags
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img_9094Ich treffe im rumpelnden Bus Richtung Bolivianischer Grenze Jamil wieder. Wir erzaehlen kurz und schon habe ich meinen Platz an einen stummen Gringo verloren der wohl anders als ich eine Platzreservierung hat. Werde es aber nicht erfahren, da mein Rucksack jetzt eine Bank weiter liegt – so eine Flachzange. Vor der Grenze passieren wir wieder die obligatorischen Kontrolle der Polizei. Kontrollieren tun sie nichts, trotzdem muessen alle aussteigen und eine Weile zu Fuss neben dem Bus an einigen Verkaufsstaenden vorbeischlendern. Demonstration der Macht ist wichtig – und das scheint hier jede der unzaehligen Polizeieinheiten unabhaengig voneinander zu machen! An der Grenze muss ich als einziger den Bus wechseln da der Bus weiter nach Cusco, also zum Machu Picchu, faehrt.
Habe mich entschlossen die alten Steine auf dem Berg fuer viel Geld auszulassen. Das ganze Gesabbel um den Ort ging mir die letzten Wochen schon gewaltig auf den Wecker. Sicher ist ist es schoen, aber den Berg fuer gigantisch viel Geld hochzulaufen macht fuer mich nicht viel Sinn. Ich denke, dass sich die Geschichte mit diesem Ort ein wenig verselbststaendigt hat. Pablo Neruda hat ein gigantisches Gedicht geschrieben, tausende Reisende zwingen die folgenden auch dort hoch: “Did you do Machu Picchu?”. So werde ich wohl zu dem Hundertstel der Peru-Reisenden gehoeren die nicht da hoch sind. Irgendwie fuehle ich mich durch diese Entscheidung erleichtert.
Bekomme meinen Ausreisestempel und schleppe mein Buendel ueber die Grenzbruecke auf der mich schon unzaehlige dreiraedrige Motortaxis und ein paar bettelnde Kinder erwarten - renne an der kompletten Einreiseschlange vorbei, Stempel, und schwinge mich auf eines dieser lustigen Gefaehrte denn mein Bus scheint schon nervoes zu warten wie mir Miguel, der Fahrtbegleiter des Bolivianischen Busses, mitteilt. Die Frau am Fahrkartenschalter ruft mir noch witzelnd irgendetwas hinterher und bevor ich etwas realisieren kann steh ich vor den wild auf mich einquasselnden Typen des Peruanischen Busses. img_9088Verstehe vorerst nur die Haelfte, denn auch hier sprechen die Menschen wieder ein wenig anders. Witzelnd sich nach mir erkundigend schmeisst der eine meinen Rucksack in den Rumpf des Busses und eine Peruanerin begleitet mich lachend – wegen der mir wohl ziemlich deutlich ins Gesicht stehenden Verwirrung ob der ueberwaeltigenden Offenheit und Freundlichkeit die mir entgegenschlaegt, in den Bus – das hatte ich nicht erwartet!
Kurz vor Puno wird es ploetzlich unruhig, die Menschen rennen hin und her und scheinen irgendwelche Sachen ueberall im Bus zu verteilen. Dieser haelt und drei freundlich guckende Zollbeamten betreten den Bus und wuehlen ueberall umher – ziehen Schuhe, Shampoo und Decken aus allerlei Verstecken und nehmen sie unter den zuckenden Schultern der Passagiere mit nach Draussen. Einige bekommen ihr Sachen wenig spaeter wieder. Der Bus setzt sich wieder in Bewegung und so auch all diejenigen die irgendwo etwas im Bus versteckt haben, und das sind fast alle. Kurz vor Puno bricht dann ein Streit neben mir los weil eine Peruanerin behauptet sie haette die geschmuggelten Schuhe der Bolivianischen Cholita nicht gesehen. Auch ihr Sohn greift mit ein: “¡Ella no tiene!” – und zerrt am Arm der wuetend-verzweifelten Bolivianerin. Am Ende zieht sie dann doch ein Paar Sportschuhe zwischen den Beinen der Peruanerin hervor, damit war die Sachen erledigt. Unter dem Getoese von Transformers und einem abgefilmten Polarabenteuerfilm tuckert der Bus den Berg runter Richtung Arequipa. Mein Ruecken schmerzt und zu allem Uebel taucht kurz vor Ende der Fahrt ein Typ im Bus auf der der nervoes wartenden Menge Nahrungsergaenzungsmittel und Zahnreinigungspulver verkaufen will. Er ist nicht einmal witzig dabei und zieht das unter dem Vorwand unzaehliger nicht vorhandener Fragen eine Stunde durch. Wir umrunden zum Schluss die beiden Vulkane, Misti und Chachani, und tauchen unter dem Gequassel eines Enzyklopadieverkaeufers in das Lichtermeer ein. Fuehle mich unsicher, die Sonne taucht unter und ich habe noch keine Unterkunft in der cuidad blanca die auf 2335 Meter mich bis jetzt  sich aufgesaugt, mir aber noch keine Moeglichkeit der Orientierung gegeben hat. img_9099

Arequipa. Aber eigentlich konnte hier gar nichts schief gehen, denn es gibt hier einen Berliner Currywurst Imbiss der zum Glueck keine Wurst dafuer aber schlechte Empanadas verkauft. Als weitere Begruessung schmettert mir die Stadt am ersten Abend gleich ein kleines Erdbeben entgegen. Soll normal hier sein. Nicht so normal war das Erdbeben 2001 welches mitunter einen Turm der Kathedrale am obligatorischen Plaza de Armas zum Einsturz brachte. Der Turm steht wieder, ein Zeichen des mir ueberall entgegenspringenden Reichtums, den ich so nicht erwartet hatte. Die Stadt ist sogar so wohlhabend, dass es eine ausgepraegte Seperationsbewegung von Peru gibt, die aber bislang nicht erfolgreich ist. So beschaeftigen sich die Arequipaener hauptsaechlich damit, sich in ihrer weissen Stadt einfach nur wohl zu fuehlen und schon an einem Donnerstag Abend die Bars zum Beben zu bringen. Die Menschen aus Lima moegen die ausgeflippten und zielstrebigen Arequipaener immer noch nicht, denn im Pazifikkrieg vor ueber 130 Jahren hat die Stadt tatenlos zugesehen als die Chilenen aus dem Sueden kamen. So musste Lima alle Soldaten schicken die sich dann mit den Chilenen gepruegelt haben. Regen muss dabei hier keiner befuerchten, denn die Sonne scheint von Maerz bis Dezember. Trocken wird es auch nicht, denm die alten Inkabewaesserungsanlagen wurden restauriert und weitergenutzt. Und da natuerlich auch die stolzen Menschen in Arequipa nicht nur von ihren weissen Steinen, der Sonne und dem Wasser leben koennen haben sie sich das Erfolgsrezept schnellen relativen Wohlstandes von den Chilenen abgeschaut – Kupfer. Vorerst lasse ich mich von der Stadt, nicht aber von dem Leben in den Bann ziehen und verkrieche mich auf die Dachterasse meiner Unterkunft mit einem Buch, calletas mit Honig und einem Kaffeevorrat und traeume ueber das Daechermeer. Die meisten Bauten bestehen wohl wegen den Erdbeben aus nicht mehr als einem Stock. img_9091Das Leben der Stadt schwappt vor meiner Unterkunft vorbei, langsam vibrierend schieben sich die Taxis, Motortaxis und geschaeftigen Menschen zwischen den weissen Kolonialbauten hindurch. Alles ist unglaublich modern. Lerne ich Fabian in dem kleines Strassenrestaurant zehn Meter von meiner Haustuer entfernt kennen. Wir beide kommen von der Stadt nicht mehr los. Die Menschen hier sind selbstbewusst, eigenstaendig und unglaublich europaeisch. Wir versacken Abend fuer Abend in einem Irish Pub neben dem Plaza de Armas auf dem schon, wie auch in anderen Strassen, irgendwelche Osterprozessionen anfangen. Eine gigantische Kundgebung mit Heiligenfahnen und -altaeren laesst mich daran erinnern, dass auch Arequipa zu Peru gehoert, welches wie alle Laender die ich bisher besucht habe wahnsinnig glaeubig ist. Die grosse Osterprozession findet in Ayacucho statt, aber hier beenden die Menschen den Abend mit kandierten Aepfeln, die vieleicht den Suendenfall symbolisieren soll – ich weiss es nicht – jedenfalls waren nach dem Apfel die Bars wieder voll. Die Lust auf den Colca Canyon, einem der unendlich viel tiefer als der Grand Canyon ist, ist mir vergangen – ich habe im Moment keine Lust auf das Wandern. So verlassen Fabian und ich nach ein paar intensiven Tagen und einer wirklich abgefahrenen letzten Partynacht wehmuetig die Stadt Richtung Pisco, vorbei an den Nazca Linien, 750 Kilometer die Kueste entlang nach Norden.

In Pisco angekommen finden wir uns in einer zerstoerten Stadt wieder. Ein Erdbebahen hat im August 2007 ueber zwei Drittel der Stadt dem Erdboden gleich gemacht. Wo einst Kolonialbauten sich tummelten steht nur noch ein Papphaus oder ein haesslicher, schnell hochgezogener Zweckbau oder nichts. Als einziges steht noch die Kirche am Plaza de Armas und selbst die kann aus Sicherheitsgruenden nicht mehr genutzt werden. img_9174Lee hatte mir in La Paz schon davon erzaehlt, weil er einer von ein paar Westlern ist, der hier dafuer bezahlt hat arbeiten zu duerfen und die Stadt und die Menschen irgendwie retten zu koennen. Viele sind aber weggezogen – nach Ica, Nazca oder Lima. Die Anspannung der Menschen kriecht uns mit dem Gestank auf den Strassen in die Nasen. Verhandeln laesst sich hier richtig schlecht, die die geblieben sind, weichen kein Stueck zurueck. Alle versuchen zwischen den Truemmern auf den zersplitterten Buergersteigen ein neues Leben anzufangen. Die Motortaxis schleichen durch die Strassen, hier und da steht ein kleiner Imbisswagen aus dem eine nette Peruanerin guckt und die leckersten Fruchtsaft der Welt verkauft. Mit dem Saft in der Hand sehen und spuehren wir wie die Stadt erwacht. Der Markt wuselt wie ueblich, aber alles macht einen verzweifelten Eindruck. Die Haueser in Strandnaehe entstehen am schnellsten, doch leider erinnern sie neuen Wohnanlagen an Strukturen Brasilianischer Favelas, Reissbrettviertel in die Landbesetzer gesteckt und sesshaft gemacht werden sollen oder an die Trostlosigkeit des Luftwaffenstuetzpunktes nebenan.
Wir fahren zum Hafen El Choco um auf dei Islas Ballestas zu tuckern. Das Ganze entpuppt sicher aber als touristische Schmierenkomoedie. Enttaeuscht ziehen wir drei Stunden spaeter wieder ab, muede von den Versuchen ein Photo von den lustigen Pelikanen am Strand ohne die sie fuer Geld der Touristen fuetternden Peruaner zu bekommen. Die Inseln waren toll, nur leider nicht geniessbar, was nur zum sehr geringen Teil an dem bestialischen Gestank von Milliarden Seevoegeln und ein paar Robben und deren Scheisse lag, denn immerhin wurde Anfang des letzten Jahrhundert viel dessen von den Felsen gekratzt und als Duenger nach Europa exportiert. Wieder zurueck, steht die Entscheidung am naechsten Morgen unmittelbar nach Lima weiterzufahren.

Tausende Huehnerzuchtstaelle zur Linken am Meer kuendigen das Moloch mit ueber 8 Millionen Einwohnern schon sehr frueh an - wenig spaeter hat es uns verschluckt.

 

 
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