Kosmonaut im Farbsternregen

Ausgedrueckte Eindruecke

Mythisches März 23, 2009

Einsortiert unter: Tagebuch — Sebastian @ 4:27 vormittags
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img_8826Ich ziehe nachdem die beiden weg sind in ein anderes Zimmer, streune durch La Paz und beginne meine Vorbereitungen fuer die Wanderung von Copacabana zur Isla del Sol. Am Montag geht es dann los, lasse meine Wertsachen und ein paar andere im “El Carretero” und fahre mit dem Taxi zum Cementerio um von dort aus einen Bus in die gleiche Richtung wie auch schon nach Sorata zu nehmen. Wir setzen mit der Faehre auf die erste Insel ueber und ich stehe vor einem ueblichen Polizeiposten. Nur leider habe ich diesmal keinerlei Dokumente und zu wenig Geld dabei um den Polizisten zu bestechen. Zum Glueck gibt er sich mit meinem Internationalen Studentenausweiss zufrieden und wenig spaeter finde ich mich nach einer weiteren Stunde durch die Berge vorbei an den Inkaterassen in Copacabana wieder. Der Ort erschreckt mich – wo sind die Bolivianer geblieben? Unzaehlige Touristen flanieren durch die weisse Stadt, umso mehr Souvinierstaende verunstalten die Hauptstrasse runter zum See. Flitze schnell in ein Restaurant auf einem Hinterhof, esse, und mache mich auf den Weg nach Osten – raus aus dem Ort rund 17 Kilometer in Richtung Yampupata. Der Weg fuehrt mich immer am Ufer des blauen Sees entlang, passiere Titicachi und Sicuani in denen mich immer wieder kleine Kinder auf Geld, Suessigkeiten, meinen Walkman, Wasser und Unterkunft ansprechen. Die campesinos sprechen nicht mit mir, als ob die Kleinen von ihren Eltern geschickt und trainiert wurden, manche sind ziemlich gut – aber auch unheimlich frech und abgebrueht. Die Sonne faellt schon fast ins Wasser und die Lehmhuetten, Felder und Berge sind schon in ein warmes orange getaucht als ich nach vier Stunden in Yampupata ankomme. Von hier aus muss man mit dem Boot zur Isla del Sol uebersetzen. Es ist aber zu spaet und so frage ich die Leute im Dorf wo ich mein Zelt aufstellen darf. Zelten ist in Bolivien immer noch ueberall umsonst, da es noch keine Infrastrukturen gibt und die Leute kommen noch nicht auf die Idee dafuer Geld zu verlangen. Am Ende steht mein Zelt unten bei den Fischerbooten direkt am Wasser mit Blick auf die Insel. Die Sonne geht unter und die Sterne und der Mond auf. Immer wieder tauchen Fischer vor meinem Zelt auf und sind neugierig. Quatsche mit ihnen, die Leute sind feundlich und entspannt was ich von Bolivien leider bisher noch nicht gewohnt war. Als es dann doch zu kalt wird verkrieche ich mich im Zelt und versuche zu schlafen was nicht allzu gut funktioniert. Immer wieder wache ich auf, renne am Strand herum, beoachte die seltsamen Lichtblitze ueber dem See und hoere mit Schrecken den einzigen Esel im Dorf wie am Spiess kraehen – es ist wirklich laut, unwirklich. Die Blitze erinnern mich an diejenigen am Fusse des Aconcagua.

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Am naechsten Morgen sitzt natuerlich sofort ein Fischer vor meiner Tuer. Das Motorboot kostet 90 Bolis, ein Ruderboot, welches der Fischer selber rudert 20. Entscheide mich natuerlich fuer das letztere, gebe Martin 30 Bolis und rudere ihn rueber. Er erzaehlt mir viel ueber die Fischerei und den See und als ich ihn auf die Diebstaehle in Bolivien anspreche, sind es natuerlich immer die boesen Peruaner gewesen, die nur zum stehlen nach Bolivien kommen – es ist nicht das erste Mal, dass ich das hoere. 40 Minuten spaeter schmeisse ich meinen Ruecksack aus dem schaukelnden Ruderboot auf die Felsen und springe hinterher. Langsam dreht Martin um, wir verabschieden uns und ich schaue ihm lange hinterher wie er sich schnellst moeglich auf den Rueckweg macht um seinen Kartoffelacker zu bearbeiten. Da bin ich nun.

img_8843Inkaschoepfermythos. In der Mythologie der Inka gibt es mehrere Legenden über die Entstehung der Inka. Die bekannteste stammt vom Chronisten Garcilaso Inca de la Vega. Ihr zufolge sollen der erste Inka Manco Cápac, der Sohn der Sonne, und seine Schwester Mama Ocllo vom Sonnengott Inti gesandt worden sein, um die Welt zu verbessern. Auf der Sonneninsel im Titicacasee, nach anderen Mythen in der Höhle Paritambo, gelangten sie in die Welt. Der Sonnengott gab ihnen einen goldenen Stab mit. Sie sollten ihren Wohnsitz dort gründen, wo es ihnen gelang, den Stab mit einem Schlag in die Erde zu treiben. Nach einer langen Wanderung fanden sie eine Stelle und gründeten dort um das Jahr 1200 die Stadt Qusqu (Cusco), die nach ihrem Verständnis der „Nabel der Welt“ war. Den mythischen Titicacasee, eine tiefblau oder silbern leuchtende Fläche von 8.000 km², in der mehrere Inseln liegen, u. a. die Mond- und die Sonneninsel, auf der der Ritualstein Titiqaqa liegt, betrachten die Quechua sprechenden Inka und die Aymará sprechenden Nachfahren des Volks von Tiahuanaco als heilig. Zwei Kulturen mit gemeinsamen Wurzeln: Das Wort „titi“ bedeutet in der Aymará-Sprache „Bergkatze“, „qaqa“ in Quechua „Felsen“. Es wird vermutet, dass die Inkas entgegen ihrem eigenen Schoepfermythos aus dem Amazonastiefland kommen. (Quelle: Wikipedia)

Die naechsten zwei Tage renne ich einmal um die Insel, im Westen kann man Peru sehen und im Osten taucht hin und wieder die Cordillera Real auf. Es ist aber total verrueckt. Gleich nach Ankunft laeuft mir ein Mann mit Hut und Ticketblock entgegen – 5 Bolivianos Eintritt, aber nur fuer den Suedteil. Der Nordteil ist eine andere Kommune, darum darf ich da nochmal loehnen. Zwischen den beiden Grenzkontrollposten gibt es eine neutrale Zone, wie bei Landesgrenzen. Ueberall auf der Insel lauern Cholitas oder Maenner mit Hueten die Geld oder Ticket wollen. So duerfen sich die Touristen jedes Mal erneut aergern. Viel einfacher waere es einen Eintritt vorab zu verlangen. Sogar die Kinder lachen, wenn man sie fragt, ob sie auch die Gebuehr zum Erhalt der Wege gezahlt haben, den auch die Einheimischen benutzen. Ueberall werben die Indios mit der Einheit der indigenen Voelker, aber nicht mal auf ihrer eigenen kleinen Insel bekomme sie es gebacken.
Ich habe irgendwo gelesen, dass man die Insel besuchen soll um zu sehen wie die Menschen vor 500 Jahren lebten. Mir scheint jedoch, dass man ueberall in Bolivien dies betrauern kann, nicht aber auf der Insel. Ueberall stehen Hostels, Restaurants, es gibt American Breakfast, aber zum Glueck auch noch trucha aus dem See. Die Touristen lassen sich gemuehtlich von Copacabana mit dem Boot herkutschieren. Dann kann man im Suedteil oder im Nordteil aussteigen und rumbewundern. Wenn man den Eintritt eines “Landes” nicht bezahlen will, bleibt man einfach auf dem Boot sitzen.
Es gibt kaum Ruinen, ich habe da mehr erwartet. Das bringt mich aber auf eine Idee. Ich kreiere meinen eigenen Mythos, schreibe LP an, mache einen Wikipediaeintrag und schwupp, kommen mindestens ein paar Japaner angewackelt. img_8856Und wenn das irgendwann auffliegt, dann vermarkte ich das halt – schaut mal was als Touriattraktion mal funktioniert hat – duerfte gut laufen nach meinen Erfahrungen hier. Denn nach einer Uebernachtung am Strand im Zelt unter dem Tempel der Sonne haelt das Boot noch an den Islas Flotanas, auf denen die Bolivianer letzte Woche noch schnell ein paar Strohhuetten hingestellt haben und jetzt 5 Bolis Eintritt verlangen. Zum Glueck bleiben fast alle auf dem Boot und wundern sich ueber diese Obscuritaet, doch zwei Japanerinnen zieht es doch vom Boot. So laesst es sich leben.
In Copacabana wieder angekommen, verabschiede ich mich von Edu, einem Argentinier mit dem ich den ganzen Tag gewandert bin und huepfe in den Bus zurueck nach La Paz. Der See ist schoen, der Rummel der um ihn gemacht wird nicht. Positiv ist jedoch, dass es den Bolivianern, die an der richtigen Stelle hier wohnen, durch den Tourismus richtig gut geht. Nur leider haben sie an mir fast nichts verdient, aber waren ja genug andere da.

 

 
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