Auf dem Weg zur Venezuelanischen Grenze muss man an unzaehligen Militaerosten vorbei. Drei haben sogar einen Panzer im Strassengraben stehen. Kontrolliert werden wir aber nicht, die Soldaten schwanken muede an der Seitenlinie auf und ab. Richtung Riohacha wird die Landschaft trockner, die Sierra Nevada rechts verschwindet und wird durch endloses Buschland ersetzt aus dem ueberall baumhohe Kakteen luken. Ueberall gehen kleine Wege in dieses duerre Nirgendwo. Schwankende Schilder weisen darauf hin, dass hier und dort sich ein Dorf versteckt haelt. Indigene mit bunten langen duennen Kleidern tauchen hin und wieder auf. So habe ich mir die Savannen in Afrika vorgestellt.
In Maicao, der Grenzstadt, angekommen, setzt mich der Fahrer vor einem kleinen Laden an der chaotischen Hauptstrasse ab vor dem ein unscheinbares Schild steht “Transporte Maracaibo”. Ich tausche meine letzten Kolumbianiscen Pesos um, aerger mich, dass ich nicht noch mehr abgehoben habe was mir einigen Aerger in Venezuela mit dem Geldwechsel ersparen wuerde, und setze mich zu einer alten Frau in einen kleinen zur Strasse offenen Verschlag und warte auf den Bus. Ploetzlich rollt ein amerikanischer Gangsterschlitten aus den Siebziger Jahren, komplett getoente Scheiben, breite Reifen, windschnittig, kurzum der perfekte Strassenkreuzer, vor dem kleinen Laden vor. Ein dicker Typ mit grosser Sonnenbrille taucht aus der Fahrerseite auf und mein Rucksack beginnt in den Kofferraum zu wandern. Gucke bloed. Gucke noch bloeder diesen Typen an und bin verwirrt. Suche den anderen, der mir das Ticket verkauft hat. “No te preocupes!” Doch das mach ich mir aber gerade in diesem Moment ganz entschieden! Der Grenzuebertritt nach Venezuela floesst mir sowieso schon Respekt ein und so dreht sich mir der Magen um, wenn ich das in diesem Gefaehrt und mit diese Gefaehrten machen soll, zwoelf Kilometer Niemalsland, Wueste, Grasland, Oelwiesen, Nichts. Die Oma steigt ein und da meine Anmerkung, dass ich doch einen Bus erwartet habe von der schwelenden Mittagshitze verschluckt werde, bleibt mir nichts anderes uebrig als auch in den Wagen zu steigen, oder einen gigantischen Gringoaufstand anzuzetteln mit dem Resultat die naechste Zeit weiter in diesem kleine Verschlag ohne Aussicht auf Besserung rumhaengen zu muessen. Entscheide mich fuer das erstere und begruesse zwei weitere Gangster und eine Gangsterbraut, die zusammengequenscht auf der Rueckbank des Schlittens mich etwas gleichgueltig durch ihre Sonnenbrillen angucken. Der mondgesichtige Fahrer steigt wieder ein und los geht die wilde Fahrt. Der Motor raunt, die Haube klappert, von 0 auf 100 in 5 Sekunden. So dampfe ich mit den Gangstern und der alten Frau in voller Fahrt Richtung Grenze. Keiner redet, mir ist mulmig, aber jetzt ist es zu spaet.
Am DAS Office, der Kolumbianische Migration, schickt mich der Fahrer raus, als einzigen, kein anderer steigt mit aus dem Wagen. Wenn er jetzt will, dann ist mein Rucksack weg. Gehe kurz im Kopf durch ob ich in diesem Fall alle wichtigen Sachen habe. Ja. Also los. Eine Krankenschwester empfaengt mich und macht mir klar, dass ich nach dem Stempel bei mir vorbeikommen soll. Den Stempel hab ich und sitze nun bei der Krankenschwester und muss wegen dem A/H1N1 Virus meine ganze Reisegeschichte zu Protokoll geben. Als sie aber merkt, dass das ein aussichtsloses Unterfangen werden wird kuerzt sie gluecklicherweise doch ab. Meine Gangster sind noch da. Erleichtert schwinge ich mich wieder neben die Oma auf den Vordersitz und weiter geht es zur Venezuelanischen Migration. Die Zeit stellt sich wieder fuer ein halbe Stunde vor und ich stehe vor einem zerfallenen kleinen Betonhaus vor dem zwei Frauen mit ein paar Zetteln auf Gartenstuehlen im Schatten sitzen. Gebe bei der einen meine Daten zu Protokoll und meine geplante Reiseroute. Sie gibt mir den Zettel in die Hand und fluestert mir zu, dass ich Caracas als Direktziel angeben soll, falls der Grenzbeamte hinter dem dunklen Gitterfenser fragen sollte. Mit einem gezwungenen Grinsen such ich die Augen der Figur um Dunkel. “VACUNACIONES?” Erschrocken kram ich nach meinen Impfpaessen und reiche sie zu ihm hinein. Er versteht nichts. “FIEBRE AMARILLA?” “Si, Senior!” Bekomme mein Pass wieder und er schickt mich an der kleinen Huette vorbei zum Impfen. Eingeschuechtert ob der Willkuer schlinger ich zu einem kleinen Tisch vor einem alten Jeep und reiche den zwei Frauen meine Impfpaesse und gucke bloed. Sie zueckt unter Mithilfe eines aufgetauchten Mannes eine Spritze und injiziert mir, der ich immer noch Orientierung suche, irgendwas in den linken Arm. Ich glaube jetzt bin ich gegen A/H1N1 geimpft. Seltsameweise macht sie eine zweite Spritze fertig und eh ich irgendwas fragen kann hab ich sie im rechten Arm. Der Trupp gibt mir erleichtert ob der geglueckte Operation einen Impfpass mit Venezuelanischem Stempel und ich wanke wieder zu meinen Gangstern die jetzt grinsend an die dunkelrote Schuessel gelehnt auf mich warten. Jetzt habe ich drei Impfpaesse. Zwei gelbe und einen weissen. Einen allgemeinen, einen in dem meine Gelbfieberimpfung vermerkt ist und einen aus Venezuela der bescheinigt, dass ich gegen Toxoide Tetanico und Anti-Influenca geimpft bin. Ich glaube das Ministerio del Poder Popular para la Salud will nur mein bestes aber mein rechter Arm faengt ungemein an zu schmerzen. Ich denke, das zweite war eine weitere Tetanus Impfung – chévere!
Wir segeln weiter. Alle hundert Meter stoppt uns ein Militaerposten und grimmige Sonnenbrillensoldaten wollen Ausweise sehen, jedes Mal. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, denn alle haben ihr Ausweise in der Hand, ein Typ mit grosser schwarzer Sonnenbrille guckt ins Auto, und alle halten ihm auf Kommando ihre Ausweise unter die Nase und hoffen, dass die Sonnenbrille nickt. Nur die Oma macht sich mit Hilfe der Autoritaet und Anonymitaet des Alters immer wieder einen Spass und laesst sich vorgebend schlecht zu hoeren drei Mal auffordern. Ich komm an diesen Spass mit meinem Gringogesicht und der zerrissenen Understatement-Hose nicht ran und bin jedes Mal froh, wenn hier keiner den Inhalt meines Rucksacks genauer unter die Lupe nehmen will. Als die Posten weniger werden bin ich mir auch langsam sicher, dass ich in Maracaibo ankommen werde, denn diese Taxi-Amischlitten scheinen hier ein normales Langstreckenverkehrsmittel zu sein. Es wird immer heisser. Ein paar rosafarbende Flamingos haben sich von den Salzflaechen von der Oelindustrie in der Region noch nicht verscheuchen lassen. Ansonsten ist die Landschaft eher lebendsfeindlich. Trotzdem stehen ueberall Huetten. Der sichtbare Unterschied zwischen arm und reich tuermt sich hier in eine Fatalitaet, die ich bisher in Sued Amerika noch nicht gesehen habe. Gigantische benzinschluckende nagelneue Pickups brausen an Huetten vorbei, bei denen mir nicht ganz klar ist wovon die Bewohner dieser eigentlich leben, geschweige denn, was sie eigentlich ohne Wasser so essen. In Maracaibo steige ich in ein anderes por puesto Superauto und rausche weiter nach Coro, weitere 250 Kilometer die Landstrasse an der Karibikkueste liegen vor mir.
Der Eingangspolizeikontrollposten zum municipio Falcón haelt uns an. Nach einem kurzen typischen Abtasten duerfen wir weiterfahren. Leider fehlen jetzt einige Sachen aus der Tasche der armen Frau auf dem Ruecksitz, an meine sind sie zum Glueck nicht gegangen, die Buecher und Kabel, die aus der einzigen Tasche die sie geoeffnet haben gefallen sind waren wirklich zu uninteressant. Hoffend, dass nicht mehr allzu viele Posten folgen werden stecke ich einen Teil meines Geldes in den linken Schuh, nicht alles, denn sonst wuerde ich mir die berechtigte Frage gefallen lassen muessen warum ich denn so ohne Geld unterwegs bin. Es geht aber alles gut und um Sonnenuntergang suche ich am terminal terrestre von Coro nach einem Taxi. Die Venezuelaner sind bisher zu distanziert und die Stadt mir zu unuebersichtlich, als dass ich mich gerade in irgendeinen Bus zum Ferierabendverkehr mit meinem grossen Rucksack mich quetschen will. “¿Coro, qué tal?”, “Más o menos!” Es ist der erste Taxifahrer, der so antwortet und nicht seine eigene Stadt in den Himmel hebt. Es erschreckt mich, Raubuerbfaelle, Morde in der letzen Zeit. Es ist meine erste Beruehrung mit der angekuendigten drastisch verschlechterten Sicherheitslage in Venezuela.
Im El Gallo angekommen suche ich erstmal was zu essen im nahegelengenden Supermarkt in der Altstadt. Das Angebot ist duerftig und die Preise hoch. Wenn man hier die Dollars und Euros nicht auf dem Schwarzmarkt, sondern offiziell tauschen oder von der Bank abheben wuerden, dann waere es teurer als in den meisten Laendern in Europa. Der Dollar hat einen festgelegten Wechelkurz zum Bolivar von derzeit 2.15 und der Euro von 2.30 waehrend man auf dem Schwarzmarkt fuer einen Dollar bis zu sieben und fuer einen Euro bis zu zehn Bolivar bekommt.
Durch diesen Spass von Hugo Chávez erfaehrt Venezuela einen bluehenden Geldschwarzmarkt von denen die profitieren, die die Moeglichkeiten besitzen an ihm teilzunehmen. Das sind unter Garantie nicht die Leute in den Papphuetten an der Strasse nach Coro. Die Kriminalitaet steigt, forciert von Staatswegen. Nicht das die steigende Korruption der Polizei durch kronische Unterbezahlung schon reichen wuerde. Uh-Ah-Chávez hat aber noch andere Sachen fuer seine Waehler auf Lager. Das Benzin ist hoch subventioniert und kostet nur einen Bruchteil im Vergleich zu Trinkwasser. Ein Tank kann man hier fuer ein bis zwei Euro fuellen wahrend eine Flasche Trinkwasser einen Dollar bzw. ueber zwei Dollar, wenn man den offiziellen Wechselkurs nimmt, kostet. Der Staat foerdert indirekt Benzinschmuggel und Verschwendung. Er schenkt Menschen mit Land Haeusern was dazu fuehrt, dass Leute Land besetzen und dann schreien, dass sie haetten kein Haus. Sie bekommen dann eines und verkaufen es. Die besitzlosen Landbesetzer in den Brasilianischen Grosstaedten haetten ihr Freude. Dies sind nur Beispiele. Nicht, dass Papa-Chávez nicht auch viel gutes tut mit seiner Politik, seine Intention ich nicht in Frage stellen will, aber die gesellschaftliche Psyche ist fuer soetwas noch nicht reif. Wo ist sie das?
Ich diskutiere diese Sachen mit einem Mitglied der Regierung in Caracas in der posada. Hugo Rodriguez ist Idealist, Vollblutidealist. Wuerde gerne besser Spanisch koennen um in der Diskussion mit ihm noch weiter zu koennen. Es reicht aber fuer den Abend aus. Interessant ist es. Witzigerweise bedient er sich der gleich “Troepfchentheorie” wie die liberalen Kapitalistem drueben in Europa und Amerika, wenn sie die Einmischung des Staates in den Markt zurueckdraengen wollen und ihre Loblieder auf den laissez-faire Kapitalismus singen. Dieses Schmunzeln ist vieleicht nicht angebracht, aber das Lehrbuchdenken macht mir schon Angst, zumal ich keinen Menschen treffe, der nicht auf die Chávez Politik schimpft. Es gibt sie, jedoch ist es tragischerweise nicht so sicher dorthin zu gehen, wo man sie mit Sicherheit treffen wuerde.
Mein Venezuelanischer Impfpass Juni 23, 2009
Ein Reiter am Strand und eine Kokosnuss Juni 12, 2009
Bogota spuckt mich wieder aus. Ungreifbar, unerfahrbar, vor allem in so kurzer Zeit hat die Stadt auf mich keinen grossen Eindrueck gemacht. Die Touristen- und Studenteninsel Candelaria wirkt auf mich wie eine andere Welt zu dem was sich hinter der ersten grossen Strasse, die das Viertel mit dem Rest der Stadt verbindet, erstreckt.
So sitze ich im Bus zur Karibikkueste nach Santa Marta, wieder einmal sind sechzehn Stunden Fahrt zu ueberwinden. Leider bleibt der Bus wieder weit hinter der gewohnten Beinfreiheit zurueck und so falle ich am naechsten Morgen erleichtert unter leichten Rueckenschmerzen am Terminal in Santa Marta aus der Tuer auf die Steinplatten. Eine trockene, niederschmetternde Hitze schlaegt mir entgegen, so dass ich mir kurz unsicher bin, ob nicht doch wieder zurueck in den engen Bus will. Im Urwald in Peru war es das letzte Mal so heiss. Dort war es aber angenehmer, weil die Luft weniger trocken war. Hier bedrueckt die Hitze physisch, ich habe das Gefuehl, dass die Luft mich auf der Stelle austrocknet.
Wo nun aber hin? In Santa Marta bleiben ist unmoeglich, die Stadt ist heiss, staubig und nicht sehr anziehend. Nach Taganga, der Touristenhochburg ein paar Busminuten enfernt, zu fahren ist auch keine wirkliche Option denn dort wird mich nichts neues erwarten. Zum Parque Nacional Tayrona? Die Straende sollen dort toll sein, aber da es die einzige Stelle in der Naehe mit karibischen Straenden ist, sind Preise zu erwarten, die ich im Moment keine Lust habe zu bezahlen. Ausserdem kann ich nichts ueber die Essensversorgung abseits von Restaurants finden. Gucke also wieder auf die Karte und greife die Idee wieder auf in das Dorf oestlich des Nationalparks zu fahren, irgendwas muss doch in Palomino sein! Doch bevor ich in den Bus nach Osten steige, bekomme ich noch einen Tritt von einem Microbusfahrer. Nicht das ich mir nicht sicher waere, dass ich Santa Marta noch heute verlassen will. Ich musste noch in die Stadt um Geld zu holen, weil der Automat am Terminal nicht funktionierte. Der voellig schlecht gelaunte Typ berechnete mir meinen Rucksack extra obwohl der Bus in Zentrum nicht voll war und zum Abschluss schmiss er mich irgendwo raus, als wenn ich wuesste wo ich hinwollte “¿¡Centrum, aehh?!”. Fand aus dem Schlamassel aber wieder raus und jetzt sitz ich mit etwas mehr Pesos in einem schlecht klimatisierten sympathischen Rumpelbus nach Palomino.

Nach einer Stunde seh ich das Ortsschild. Bin froh aus Santa Marta raus zu sein. Spring aus dem Bus, ziehe meinen Rucksack irgendwie hinter mir her und stehe inmitten der uebliche Strassenstaende fuer stoppene Trucker, Busse und Autos. Arepa, mit Hackfleisch gefuellte fritierte Kartoffeln, Steaks, Huenchen – all das kann der Pausierende hier in sich reinstopfen. Leider fehlt es an Salat und so gehe ich an die erste Eistruhe und kaufe mir erstmal ein industrieverpacktes Eis. Lecker! Hinter den Huetten des Dorfes erhebt sich die Sierra Nevada de Santa Marta. Grad kann ich nicht viel sehen, weil sich die Wolken an den Bergen stauen. Leider nur an ihnen und das reicht nicht die erschlagende Sonne von der Asphaltstrasse fernzuhalten. Egal. Quatsche einen Hippie auf einem Fahrrad an und frage ihn nach einer Finca am Wasser. Die Beschreibung ist etwas lose, aber so gross ist das Dorf ja nicht. Und so stiefel ich die Durchfahrtsstrasse entlang um wenig spaeter in das staubige, unasphaltierte, ruhige und froehlich in der Mittagshitze vor sich hin doesende Dorfleben einzutauchen. Hier an der Kueste gibt es viel mehr indigene und schwarze Bevoelkerung als in den Bergen. So schlitter ich langsam in eine ganz eigene Welt die anders ist als das was ich bisher kennengelernt habe. Nach ein paar Haueserbloecken geht es zwischen ein paar Feldern hindurch an den mit Kokosnusspalmen umsaeumten Strand. Endlich bewegt sich die Luft ein wenig und von rechts kommt der Indigene mit seiner roten froehlich vor sich hin schlackernden Hose, nacktem Oberkoerper, den ich schon zwischen den Feldern getroffen und nach dem Weg gefragt habe, wieder stolz auf seinem Pferd an mir vorbeigeritten. Wieder grinsen wir uns an, wechseln ein paar Worte und er verschwindet wenig spaeter in der milchigen, orangen Luft am Horizont. Beeindruckt stapfe ich weiter und finde auf einen witzigen gestenreichen Geheiss eines alten netten schwarzen Opas mit weissen krausen Haaren Casa de Rosa - der Campingplatz zu dem ich will.
Das es nicht moeglich bei der Hitze im Zelt zu uebernachten muss ich schon gleich nach der ersten Nacht in meinem feststellen, dass ich sorgsam in eine sichere Zone zwischen herabfallenden Kokosnuessen, heruntersegelnden Palmenblaettern und Ameisennestern plaziert habe. So draengt mich die Morgensonne aus meiner Behausung und ich fuehle mich wie nach zehn Berliner Pilsenern. Sammle eine grosse gruene Kokosnuss, die in der Nacht neben meinem ebenfalls gruenen Zelt gelandet ist mache mich an die vormittagsfuellende Aufgabe diese zu oeffnen. Es ist wirklich ein Sport so ohne Machete! Aber am Ende schaffe ich es auch durch den harten Kern, der bei den jungen Nuessen meist noch unerkenntlich ist. Diese jedoch hat schon kraeftig Kokosnussfleisch welches sich ueber die Zeit aus dem Wasser bildet. Toll! An Kokosnuessen mangelt es nicht, denn um mich herum wedeln unzaehlige Palmen herum und immer mal wieder faellt eine runter. Die Tage vergehen. Ich und das Dorf. Das Dorf und ich. Die Fischerboote tanzen auf den Wellen, Angler laufen am Strand hin und her. Trucks donnern die Hauptstrasse entlang, kann sie aber aus meiner Haengematte nicht hoeren. Busse donnern durch das Dorf, auch diese hoere ich nicht von meiner Slackline zwischen den Palmen – ich hoere Musik. Zwei kleine Eichoerchnchen, sie sind dunkelrot, krabbeln jeden Tag in den Palmenblaettern und an den -staemmen umher und hoch und runter. Die kleinen und auch ein paar grosse Eidechsen sonnen sich ueberall und rascheln davon wenn ich vorbeigeschlendert komme. Die grossen und kleinen blauen Krabben in den Gebueschen und die grauen Strandkrabben fliehen bei jeder Bewegung wieder zurueck in ihre Erdloecher – was fuer Feiglinge.
Der kleine Hund von Eugenio und Melina, die beiden, die den Platz von ihrer Finca auf dem Nachbargrundstueck verwalten, springt auch den ganzen Tag auf dem Platz mit seiner Hautkrankheit herum. Ich ekel mich vor ihm, armer Kerl. Jeden Morgen mache ich mir Kaffee, pfluecke zwei Karambole (Sternfrucht) von dem Baum im Garten, mache mir meinen geliebten Avocadobrei und Ruehrei und schiebe das ueber den ganzen Vormittag verteilt lesend ich mich hinein. Wenn ich dann eins, zwei mal in die Brandung der wirklich warmen, zu warmen, Karibik gesprungen bin, bleibt mir meist nichts anderes uebrig als, erst den Frosch aus dem Brunnen zu retten der dort jede Nacht auf’s neue hineinhuepft, und dann mir mindestens drei Eimer gruenliches Suesswasser ueber den Kopf zu schuetten. Der Erfrischungseffekt ist nur von kurzer, aber die kleinen nervtoetenden pickenden Sandfliegen bleiben dafuer um so laenger fern – es lohnt sich!
Das Dorfleben ist beruhigend. Die Polizei sitzt mit ihren gigantischen Maschinengewehren laecheln vor einem kleinen Laden, an dem ich immer vorbei muss, nachdem ich den Feldweg, and dem die einige Muellkippe des Dorfes ihr Unwesen treibt, ueberwunden habe. Die Willkuer die so grosse schwarze schiessende Dinger ausstrahlen ist schon beeindruckend, trotzdem fuehl ich mich sicher und suhle mich eher in der Absurditaet der Situation. Harmlos verteilen sie Trillerpfeifen an die Dorfbewohner in der Naehe des Strandes wohnen, weil es einen Diebstahl gegeben haben soll. Weniger absurd, sondern eher ernst ist der Grund warum die Jungs dort sitzen. Die FARC lungert noch irgendwo oben in der Sierra Nevada de Santa Marta herum. Aus diesem Grund in der Fluss im Westen des Dorfes auch voll von Contraguerilla in Tarnuniformen und Kampfstiefeln. Aber auch die sind nett, auch wenn sie nur 840.000 Pesos, was gerade ungefaher 380 Euro sind, verdienen. Die Instabilitaet dieser Unterbezahlung von Maennern mit grossen Schiesseisen floesst mir trotzdem Respekt ein. Zum Glueck bleiben sie in der Naehe ihres Flusses und patrolieren nicht noch am Strand entlang. Was patroliert, allerdings in einem respektablen Abstand zum Strand, ist ein Boot. Da aber auch dieses nicht naeher kommt ist die bizarre Idylle auf dem kleinen Flecken Strand nicht gestoert – jà.
Die Ruhe im Case de Rosa ist toll. Es gibt keine Elektrizitaet, kein fliessendes Wasser, kaum Leute. Manchmal kommen ein paar Indigene in Leinenhosen vorbei. Doch bin ich fast nie alleine. Am zweiten Tag taucht, Dirk, ein Belgier auf, und wir haben ein paar schoene Tage. Er wird wenig spaeter von Alejandro, einem grossen Italiener mit Vollbart und Julian, einem kleinen schmaechtigen Kolumbianer ohne Bart abgeloest. Als die beiden dann nach einem grossartigen Fisch-BBQ wieder losduesen besetzen Luna und Victor, zwei Spanier, und eine Kanadierin die Haengematten neben mir. Alles sind Menschen die neugierig auf diesen Ort irgendwo and der Strasse nach Venezuela sind was irgendwie zu garantieren scheint, dass es eine schoene Zeit ist.
Doch nach acht Naechten ist es dann auch fuer mich Zeit wieder aufzubrechen. Mein Flugzeug in Caracas wartet und ich moechte wenigstens noch ein wenig von Venezuela sehen. Stehe Montag mit den ersten Sonnenstrahlen auf und auf dem Weg ins Dorf sehe ich zum ersten Mal die hoechsten schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada, die sich innerhalb kuerzester Distanz vom Meeresspiegel bis auf 5775 Meter in den Himmel erstrecken.
Dinge die scheinbar nichts miteinander gemein haben Juni 9, 2009
“In Colombia two worlds exist. One is of beauty and privilige. It is inhabited by the classes who enjoy a healthy income and a sense of security. It is a bright world of modern cities, beaches, carnivals, restaurants and nicht clubs. Another world coexists, a world in shadow inhabited by the campasinos, displaced and combatants; one of poverty, violence, fear, repression and invisibility.” (Jason P. Hove Colombia – Between the lines, 2008)
Ich schneie in dieses Land, sehe gruene Huegel, bunte Haeuser, Theater, Kunst; denn sicherheitshalber bleibe ich in den Bergen, geniesse die erste Welt ohne die zweit kennen zu lernen. Eigne mir ein verzerrtes Bild eines Kolumbiens an, welches in seiner Unvollstaendigkeit falsch ist. Ich will nicht im Strassengraben liegen mich vor dem Feuergefecht zwischen der FARC und den Regierungstruppen versteckend. Ich will aber auch nicht so tun als ob diese Moeglichkeit nicht existiert und all denen mit einer touristischen Parallelwelt unrecht tun, vergessen, all diejenigen die vieleicht jetzt grade wieder ihr zu Hause unter Zwang verlassen muessen.
Kolumbianisches Schicksaal. Komme gerade vom Plaza Bolívar zurueck, einem der grossen zentralen Plaetze in der Hauptstadt. Ueberall standen Bilder von Menschen, die laut der Ausstellung irgendwo in den Muehlen der Justiz physisch verschwunden sind. Das Datum, wann diese Menschen das letzte Mal gesehen wurden variiert, reicht jedoch bis zu diesem Jahr. Die Tauben flogen. Alles scheint normal – es gab keine grosse Aufregung – Kolumbianischer Alltag.
Der Konflikt wird auch als ’55 Jahre alter Buergerkrieg’ bezeichnet da sich die Revolutionary Armed Forces of Colombia (FARC) in der Periode La Violencia, die zwischen 1948 und 1958 eingeordnet wird, gebildet hat. Seit dem hat das Land etwa 200.000 Tote und rund 3.000.000 zwangsumgesiedelte Buerger zu beklagen. Das ist die weltweit zweitgroesste Population zwangsumgesiedelter Menschen nach dem Sudan, Afrika. Es werden immer noch jedes Jahr tausende getoetet und unzaehliger ihrer Heimt beraubt. Die UN charakterisiert den Kolumbianischen Konflikt als die weltweit am wenigsten dokumentierte humanitaere Krise.
Seit der Unabhaengigkeit erschuetterten mehrere Buergerkriege das Land. 1899-1902 der Krieg der Tausend Tage, in dem Kleinbauerland gewaltsam durch Grossgrundbesitzer im Zuge des Kaffeeboomes enteignet wurde – geschaetzte 100.000 Tote. 1928 das Massaker von Ciéngaga/Santa Marta als Resultat eines Arbeitskampfes der Arbeiter auf den Bananenplantagen der United Fruit Company. 1948-1952 La Violencia, der Buergerkrieg zwischen konservativen und Liberalen ausgelöst durch die Ermordung des liberalen Präsidentschaftskandidaten Jorge Eliécer Gaitán und seine angekündigte Agrarreform und den darauf folgenden blutigen Unruhen in der Hauptstadt. Die Gewalt setzte sich in den folgenden Jahren in ländlicheren Gebieten fort. 1960-1970 der Smaragskrieg und seit 1983 der Drogenkrieg und Gründung von paramilitärischen Einheiten, welche die Beseitigung oppositioneller Gruppen verfolgen.
Die Parteien sind die Polizei und das Militaer, die Autodefensas Unidas de Colombia (AUC), ein Dachverband paramilitärischer Gruppierungen unterschiedlichen Ursprungs und die Guerillagruppen ELN und FARC. Die Ejército de Liberación Nacional (ELN) formierte sich 1964, motiviert von der Kubanischen Revolution, aus einer Gruppe Intelektueller der Mittelschicht. Am 27.05.67 attackiert das Kolmbianische Militaer mit US Unterstuetzung die Region Marquetalia, Tolina, nachdem Bauern vor Regierungsrepressionen in den 40ern und 50ern, La Violencia, dorthin geflohen waren. Aus einer kleinen Gruppe bewaffneter Bauern, die die Marquetalia Angriffe ueberlebt haben, bildete sich die FARC, die Guerillagruppen Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – Ejército del Pueblo (FARC-EP). Die Drogenmafia ist keine eigenständige Partei in diesem Konflikt, ist aber mit einer oder mehreren dieser Parteien verbündet, bzw. hat sie ganz oder teilweise zersetzt, da die Aktivitäten der Guerilleros und der Paramilitärs seit Anfang der 1980er Jahre verstärkt durch den Anbau und den Verkauf von Drogen, insbesondere Kokain, finanziert werden.
Der Konflik gewann an Dynamik weil in den 80ern und 90ern verschoben gross-angelegte Aktionen des Amerikanischen ‘War-on-Drugs’ der AUC Grossteile der Coca Produktion aus Bolivien und Peru und den Sueden von Kolumbien, in den FARC kontrollierten Putamayo Gebiet. Die Rebellengruppen erhoben Steuern auf die Produktion und den Transport von Coca was ihnen aus der finanziellen Defensive half.
Die linksgerichteten Guerillagruppen kämpfen gegen das kolumbianische Militär. Die rechtsgerichteten Paramilitärs stehen im Konflikt mit den Guerillagruppen. Beide Parteien verüben jedoch auch Anschläge auf die Zivilbevölkerung und verletzen die Menschenrechte. Es wird davon ausgegangen, dass etwa 20.000 Menschen auf Seiten der Guerilleros und – selbst nach ihrer vermeintlichen Demobilisierung – circa 8.000 bis 9.000 Menschen auf Seiten der Paramilitärs kämpfen. Die Guerillagruppen sind in Kolumbien stark vertreten und kontrollieren Teile des Landes. Nach eigenen Aussagen handelte es sich dabei Anfang des Jahrzehnts um die Hälfte des Territoriums, mittlerweile ist ihre territoriale Kontrolle aber deutlich gesunken. Insbesondere in den Grenzgebieten zu Ecuador, Venezuela und Panama sind die Guerilleros stark vertreten, in diesen Gegenden wird auch besonders viel Koka angebaut. Die kolumbianische Regierung behauptet, dass die Guerilla durch Venezuela und Ecuador geduldet, bzw. unterstützt wird, was die jeweiligen Regierungen jedoch zurückweisen. Die Paramilitärs werden von Teilen des kolumbianischen Militärs geduldet, wenn nicht sogar unterstützt. Nachgewiesen wurde auch eine direkte Unterstützung durch transnationale Unternehmen, darunter Chiquita. Da die Betroffenen kein Interesse hatten, diese Verbindungen offenzulegen, gibt es hier viele Mutmaßungen. Seit 2002 haben die in der AUC zusammengeschlossenen Gruppierungen ihre Entwaffnung angekündigt. Im Gegenzug können sie mit einem reduzierten Strafmaß rechnen. Auch die Paramilitärs finanzieren sich zum großen Teil aus dem Kokaanbau und dem Handel mit Kokain. Viele Drogenbarone haben sich in die paramilitärischen Strukturen eingekauft beziehungsweise sich zu diesen bekannt, um die den Paramilitärs gewährte Strafminderung genießen zu können und einer Auslieferung an die USA zu entgehen. Obwohl die Demobilisierung im April 2006 offiziell abgeschlossen wurde, gibt es weiterhin paramilitärische Gruppen in Kolumbien. Der UN-Menschenrechtskommissar für Kolumbien geht sogar davon aus, dass die Demobilisierung nicht zu einer verringerten Präsenz der Paramilitärs geführt habe. Der Paramilitarismus hat das Parlament, die Polizei und die Streitkräfte unterwandert. Paramilitärs behaupten, sie hätten 35 % der Parlamentarier gekauft. Neun Parlamentarier müssen sich wegen ihrer Verbindungen zu Paramilitärs vor Gericht verantworten. Die Anschuldigungen lauten auf Konspiration, Erpressung, Entführung in besonders schweren Fällen und Geldwäsche. Weitere 32 Politiker sollen eine Übereinkunft mit Paramilitärs getroffen haben. Die USA unterstützen die kolumbianische Regierung mit Waffenlieferungen, Hubschraubern, Piloten und Ausbildern. Dies geschieht mit dem offiziellen Ziel, den Drogenanbau und die Drogenkriminalität zu bekämpfen. Insbesondere die Guerillagruppen, die sich selbst als linksgerichtet bezeichnen, werden von den USA als Narcoterroristas („Drogenterroristen“) bezeichnet, um den kriminellen Charakter der Organisationen in den Vordergrund zu stellen. Eine zentrale Rolle im bewaffneten Konflikt in Kolumbien spielt der sog. Plan Colombia der kolumbianischen Regierung aus dem Jahre 1999, der es der Armee ermöglicht, im Inneren in polizeilichen Aufgabenbereichen aktiv zu werden. Die USA unterstützen den Plan Colombia mit mehreren Milliarden Dollar Militärhilfe finanziell, personell und mit Rüstungslieferungen. Ein Teil der personellen Unterstützung wird durch private Sicherheits- und Militärunternehmen geleistet. Bedeutender Bestandteil des Plan Colombia ist die Vernichtung von Drogenanbaufeldern durch Besprühung mit Pflanzenvernichtungsmitteln im Rahmen der Bekämpfung des Drogenhandels. Auch wird gemutmasst, dass die USA ein Interesse an regionalem Einfluss haben, da Kolumbien mitunter eines der groessten Trinkwasserreservate der Welt ist. (Quellen: Jason P. Hove Colombia – Between the lines, 2008, Wikipedia, www.colombiajournal.org)
Das Durcheinander ist real. So treffe ich Reisende, die in Cali von zwei Typen auf Motorraedern und mit Pistolen dazu aufgefordert werden mit zum Geldautomaten zu kommen, die bei ihrer Ankunft in Medellin Zeuge eines Auftragsmordes mit einem Messer neben ihnen werden oder die zwei Leichen im Strassengraben entdecken wo es keine Spurt von einem Verkehrsunfall gibt. Die Situation ist lange nicht mehr so schlimm wie zu Zeiten von Pablo Escobar in den 80ern, in denen Menschen jeden Tag verschwanden, es nur sechs Stunden Strom am Tag gab, die Anarchie das Land fast zu Grunde richtete, aber die Nachbeben erschuettern weiter das Land.
Verwaltung von Resourcen. In einer isolierten Parallelwelt tummeln sich die meisten Touristen. Die Geschwindigkeit meiner Reise in den letzten Tagen hat mich muede gemacht, nicht koerperlich sondern geistig da alles zu schnell an mir vorbeigerauscht ist ohne eine Chance Menschen und Umgebung zu fuehlen. So fuehle ich mich in Bogota wie nach einer Flugzeuglandung, versetzt an einen Ort, der raeumlich noch zeitlich nicht in Verbindung mit dem steht wo ich vorher war. Diese psychische Muedigkeit hat mich in ein Hostal getrieben, welches einfach zu finden ist, ich weiss was mich erwartet und auch sonst keine Ueberraschungen zu erwarten sind, kurz, ich hab mal in meinen Reisefuehrer geschaut und bin zum billigsten dort aufgefuehrten gegangen. Platypus Hotel Bogota. Das Haus ist schoen, die Mitarbeiter sind nett, aber ich komme mir vor wie auf einem Bahnhof. Jeden Tag kommen neue und gehen Leute. Im ersten kleinen Innenhof muss man oft ueber neue Ruecksaecke steigen. Es wuselt und bewegt sich ueberall, dauernt klingelt die Tuer, der Aufenthaltsraum ist oft voll. Bin nervoes und fuehl mich nicht richtig angekommen. Kann mich kaum auf Sachen konzentrieren, fuehlen, und das liegt nicht an dem Gratis-Kaffee in der Kueche. Je nach Hostal trifft man auf unterschiedliche Menschen. So wird die Wahl einer Unterkunft immer auch eine Wahl der Menschen die einen umgeben, so bescheuert das auch klingen mag. Hier sind all diejenigen versammelt, die nach Reisefuehrer reisen – heisst nicht nur ‘mit’ sondern ‘nach’ einem. Das fuehrt dazu, dass die ganze Welt reisefuehrerstudierrend versucht Zeit, Geld und Erlebnisse und somit auch Sozialprestige zu maximieren. Sie reisen nach Plan, nach einem ausgekluegelten Mechanismus – Panama, Flug, Kolumbien, runter nach Bolivien, Flug Brasilien, wieder zurueck nach Mexiko City und wenn dann doch das Geld alle ist nach Hause. Brainstorming – was gibt es genau wo zu sehen, lohnt es sich? Es werden Erlebnisse ausgetauscht welcher meistens ein Austausch von Reisestationen, und deren Problemen dorthin und wieder weg zu kommen, ist. Reise fuer den Erlebnislebenslauf – sie reisen wie sie arbeiten – Optimierung, Wettbewerb, Kapitalisierung von Zeit, Leben, Lebenszeit. Bentham und Smith haetten ihre Freude gehabt. Finde kaum ein Platz mit meinem Buch und meinem Kaffee. Ueberall sitzen die Leute mit ihren Laptops, schauen sich Karten von Bogota an, die zur Not, wenn mal Internet mal ausfallen sollte, auch noch auf Papier an der Wand haengen. Ob das jemand bemerkt hat?
Im Platypus sind zu viele ‘Haben-Reisende’ um mich wirklich wohl zu fuehlen, fast keine ‘Sein-Reisende’. Ich will ein aktives Sein-Denken entwickeln, das ist das Ziel meiner Reise. Da ich in Deutschland sozialisiert bin, in der westlichen Welt, sehe ich kaum Wege in dieses Sein-Sein, weg von dem Haben-Sein, zu stossen ohne wenigstens ein wenig zu haben um darueber das ‘sein’ zu lernen, meine Haben-Beduerfnisse zu befriedigen, sie zu durchschauen und sie darueber weniger maechtig in und gegenueber meinem ‘Ich’ zu machen. Ich will das Urbild meines eigenen Ichs fuer mich sichtbarer machen, naher an ihm handeln und leben. Ich gehe weiter auf meinem Weg mich im Selbst greifbarer zu machen, ein bewusstes Sein zu entwickeln um ueber meine Haben-Wuensche bewusster entscheiden zu koennen, zu wissen ob sie zutraeglich fuer mein Sein sind oder ob ich Sein aufgeben muss um sie zu haben. Ich kann meine eigene Sozialisation nicht rueckgaengig machen, will es auch nicht, aber ich will sie bewusster leben und sie in Frage stellen koennen.
So starte ich erneut nach ein paar Tagen in Bogota voller Kurzweil um mehr Ruhe zu finden, Ideen und Gefuehle zu meinem eigenen Herzen, in meiner Seele, in eine Form zu bringen, die sie fuer mich anwendbarer machen, mich selber verstehen laesst, in die Lage versetzen laesst ein aktives Wollen zu entwickeln, welches mein eignes ist, fern von gesellschaftlichen Zielnormen, oeffentlichen Meinungen und Lebensvorstellungen.

Raserei mit Zwischenstop Mai 28, 2009
“There are layers of realities before us, behind us, around us, and in us, and we stay in a layer no matter how far we travel until the spirit admires our courage and grace and allows us to sprout into another zone of experience.” (Martín Prechtel Secrets of the talking jaguar, Thorsons 2002)
Der letzte Abend in Huanchaco laesst sich selbst fast nicht der letzte sein. Ab geht es mit Joey, Mary, Cathrine und Magret ins Chillout, der Bar von William, einem alten Englaender mit weissem Bart, in der ich Ravi wiederfinde. Wichtig, weil er noch meine Sonnenbrille hat. Die taucht leider nicht mehr auf, dafuer ein ganzer Tisch voll Trujillo Bier und Rum und leckeren Burgern. William rennt die ganze Zeit wie angestochen durch die wenigen Tische und laesst ueberall Sprueche fallen die mich aus dem Lachen nicht mehr rauskommen lassen “You are tired? Get your ass out of here, on the other side of the street is a police car, they know how to solve that!” Er macht aus sich gerne ein Mysterium, schafft er! Die Zeit rennt und so falle ich fast zu spaet in mein Taxi, rase durch die vernebelten orangen Strassenbeleuchtung hindurch und will eigentlich wieder zurueck. Schoener Abschied, Williams “Everybody who leaves Huanchaco gets one kilo of cocaine” klingelt immer noch in meinen Ohren und so versacke ich mit einem Laecheln hinter meinem Panoramafenster im Bus Richtung Piura.
Meine Zeit im Land der bauchstreichelnden Machomaennern neigt sich dem Ende zu. Fahre durch die Nacht nach Piura, steige sofort in den naechsten Bus und bin drei Stunden spaeter in Máncora, dem Sommerferienziel der Argentinier und Chilenen und obligatorischen Stop auf dem Gringotrail. So sieht es hier auch aus und ich bin innerhalb von Sekunden froh so lange in Huanchaco geblieben zu sein. Verkruemel mich den Tag in eine Oekobar, esse pan à la Alemania und lese. Am Abend geht es dann weiter, ueber Nacht von Máncora nach Guayquil, Ecudaor, morgens gleich weiter weitere neun Stunden nach Quito und von dort drei weitere Stunden in den Abend hinein nach Otavalo. Ich fliege durch Zeit und Raum waehrend das Leben um mich herum weiter geht. Leute steigen hinzu und wieder aus und ich starre aus dem Fenster in die Welt hinein, aus der ich mich fuer zwei Tage tunnelartiger rastloser Raserei verabschiedet habe. Tauche uebermuedet aus meinem Buss spaet Abends in Otavalo wieder ins Leben ein, suche und finde ein Bett uns schlafe, lange, sehr lange.
Otavalo soll einen der buntesten und groessten artesania Maerkte in Sued Amerika haben. Gross und bunt ist er. All die Haengematten, Pullover, Teppiche und Ponchos die ich auf meinem Weg von Argentinien, Chile ueber Bolivien und Peru bisher gesehen habe scheinen hier her zu kommen. Ueberall sind bunte Staende und Geschaefte. Andere wiederrum verdienen hier ihr Geld mit dem Export der bunten Sachen was ich bisher noch nie gesehen habe. Melonengrosse Spindeln mit Garn werden ueberall angeboten. Auch hier kleckern die Menschen nicht mit der Masse des Angebotes was interessant zu beobachten ist, denn in Europa geschieht eher das Gegenteil. In Berlin wird der Preis durch reale oder vorgegaukelte Einzigartigkeit der Produkte hochgehalten. In Gesellschaften relativer Armut ist das genau anders herum. Interessant wird es, wenn Reisende aus Europa auf diesen Ueberfluss treffen. Er suggeriert eine Art Beliebigkeit waehrend von den lokalen Verkaeufern eher das Gegenteil bewirkt werden soll. Hier werden Haengematten und Teppiche, Armreifen und Ohrringe wie Fruechte angeboten wo sie doch psychologisch aus westlicher Perspektive betrachtet nicht zusammengeworfen werden sollte. So schleichen die Europaeer und Amerikaner mit ihren vollen Geldbeuteln durch die Staende, bloss nicht irgendetwas interessant findend, denn sonst beisst der Verkaeufer sofort an und man geraet in Erklaerungsnotstand warum man dies und jenes trotz des guten Preises nicht kaufen moechte. Die Konkurenz ist hart. Mir scheint es bestuende die Moeglichkeit sich hier hervorzuheben, denn alle Materialien sind vorhanden, es bedarf nur einer Idee. Ohne Frage, es gibt viele schoene Sachen, doch es kommt mir vor wie ein Zustand, nicht wie eine Suche. Wie auch schon in Bolivien und Peru mangelt es hier in Ecuador den wenig gereisten Menschen an neuen Ideen die das Interesse der offenen Geldbeutel anzieht. So ziehen die Touristen weiter, kaufen hier und dort was, aber eben nicht genug. Die schoensten Sachen und besten Ideen haben auch hier wieder die Argentinischen artesanias, was vermutlich an ihrer kulturellen Naehe zu den Europaeern aber auch an ihrer Moeglichkeit liegt besser auf die Geschmaecker ihrer Kundschaft einzugehen, weil sie schon einmal ueber die Landesgrenzen geschaut haben. Die Ecuadorianer verlieren ihre Wurzeln nicht, wenn sie aufhoeren wuerden gigantische Lamas auf einen Grossteil ihrer Produkte zu verewigen, gewinnen aber mit Sicherheit ein paar neue Kunden. Denn ohne Frage ist es auch ein lokaler Markt, aber die Menschen machen wie fast ueberall auch hier das Geld mit den Touristen. So wuerde ein Zweigleisigkeit den Ecuadorianern helfen genug Geld mit den Sachen zu machen um weiter ihren Stolz in ihrer eigenen Kultur weiterleben zu koennen, deine eine gewissen Verzweiflung ob der starken Konkurenz ist zu spuehren.
Ecuador ist nicht nur geographisch ein Schritt Richtung Nord Amerika. Der Dollar ist die offizielle Waehrung, nur ein wenig Ecuadorianischen Wechselgeld schwirrt noch herum. Hier, im dicht-besiedelsten Land Sued Amerikas, gibt es ploetzlich wieder Privatautos. Ich habe das Gefuehl, dass die Menschen hier zwei Identitaeten leben, die Amerikanische und ihre Indigene. Beides scheint nicht im Zorn zueinander zu stehen. Ecuadorianer sind wieder signifikant kleiner als Peruaner. Manche sogar so klein, dass ich mir manchmal nicht sicher bin, ob sich nicht doch noch um Kinder handelt. Ein Teil rennt in traditioneller Kleidung durch die Strassen, ein groesserer aber mit Basecap, schicker Sonnenbrille, Jeans und Sweater. Die Trachten der Frauen sind kleident, traditionell, weit weg vom westlichen urbanen Modegeschmack, stehen entfernt im Verhaeltnis zu den Trachten in den Peruanischen und Bolivianischen Anden. Die Trachten der Maenner sind wirklich schoen – weisse Faltenhosen, Jackets, Huete – mit denen koennte man ohne Probleme in den Grossstaedten der Welt hin und her laufen. Ist natuerlich kein Masstab, bin aber entzueckt ob der Schoenheit der Kleider. Ecuadoriansche Augen sind offen, voller Herzlichkeit, mit einem gesunden Stolz und der es total angenehm macht hier durch die Strassen zu wandern und mit den Leuten zu quatschen.
Sie sind entspannt und ich spuehre, dass ich nicht ein unbekannter Wanderer aus fernen unbekannten Laendern bin. Kleine Gesten werden verstanden, ich verstehe die Ecuadorianer. Alles laeuft entspannt und locker ab ohne verkrampfte Freundlichkeiten, ohne ueberschwappendes Interesse, ohne sinnlose Fragen zu stellen. Angenehm und einladend. Der stolze Ecuadorianer traegt lange Haare, die stolze Ecuadorianerin ihre Schoenheit und das Ecuadorianische Kleinkind seine gigantischen pechschwarzen Aeuglein zur Schau. Das Strassenbild ist auch dadurch veraendert, dass es hier im Gegensatz zu Bolivien und Peru wieder Bettler gibt. Die einzige Erklaerung die mir dazu einfaellt ist, dass hier wieder genug Geld in der Gesellschaft sein muss, dass es sich lohnt, denn Bettler koennen allein vom Tourismus nicht leben. Eine andere Erklaerung kann in einer unterschiedlichen Organisationsstruktur der Gesellschaft liegen. Es gibt wieder musikalische Vielfaelltigkeit und erstaunliche Naehe zu westlichen Geschmaeckern. Bassdroenende Hip Hop Gefaehrte schleichen durch die Strassen. Indigene Klaenge werden mit Beats verfeinert, oder zerstoert, je nach dem wie man es sieht. Alles wirkt ungeheuer sympathisch und locker. Sicher ist es das nicht immer, aber die Sued Amerikanische Nuance an Lebensgefuehl gemischt mit ein wenig mehr oekonomischer Potenz fuehrt zu einer interessanten und anziehenden Mischung. Die Menschen vertrauen sich hier mehr. Muss man sich Vertrauen leisten koennen? Nicht alle Fenster sind mehr vergittert, meist nur noch die erste Etage und selbst die ist oft freundlicher und einladender als bei den suedlichen Nachbarn. Die Leute verkaufen ihre Sachen nicht mehr durch Gitterstaebe, Sachen liegen offen herum. Das ganze Strassenbild wirkt freundlicher und offener. Das muss ich mir spaeter noch genauer anschaun und erleben - aber erstmal will ich weiter nach Kolumbien.
Montag Morgen, mein Wecker klingelt, wache auf, das magische Licht der Sonne strahlt schon hinter dem tronenden Cerro Imbabura von Otavalo hervor. Wolkenschwaden umspielen die Spitze und lassen ihn aussiehen wie eine leuchtende Torte mit Zuckerguss. Dies war die erste Nacht in der sich die fuer mich unsichtbaren Haehne zwischen den Steinwaenden in den Hinterhoefen kein Duell naechtlichen Kraehens geliefert haben. Nur ein zarter Schrei untermalt an diesem Morgen meinen Blick von meinem Fenster auf die bewaldeten Huegel in der Naehe, den bezaubernden Berg in der Ferne, beides von feuchtem fruchtbaren Morgennebel umschmeichelt. Ich kann den Tau riechen der auf den schattenhaften Baeumen liegt. Meine elektrische Dusche tropft immer noch. Doch diese Nacht habe ich sie kaum gehoert nachdem ich herausgefunden habe, dass wohl die Decke auf meinem Bett an den naechtlichen Niesattacken Schuld war und ich sie darauf hin bis zum Bauch runtergeschoben habe. Meinen Oberkoerper mit einem langen Rolli vor der naechtliche Kuehle von 2560 Meter ueber dem Meeresspiegel schuetzend bin ich durch die Nacht gesegelt, beseelt von dem Glueck des gestrigen Abends, der Ausgeglichenheit und Blitzen dieser Tage. Stolpere mit meiner blauen Kaffeetasse und einem Ei in der einen und dem gemahlenem Kaffee in der anderen Hand den hoelzernen Weg an den anderen Zimmern vorbei. Diesmal wird mein morgendliches Ritual von schraegen elektronisch vermischten Popsongs der 90er Jahre begleitet - um 6:30 Uhr am Montag frueh – die Hunde in der Nachbarschaft fangen an zu bellen. Immer noch eingenommen vom dem aufgehenden Licht und benommen vom Morgenduft in der Bergluft giesse ich den ersten wirklich guten Kaffee, den ich in Sued Amerika gefunden habe, Sorte Caracolillo aus Villa Rica und Chanchamayo in Peru, auf – Kaffeeduft erfuellt die morgendliche Frische. Zurueck im Zimmer wacht der suchende Wanderer in meinem Buch gerade irgendwo im Urwald zwischen Mexiko und Guatemala von tausenden grossen himmelblauen Schmetterlingen bedeckt in seiner Haengematte auf. Schluerfe meinen Kaffe, esse die letzten Scheiben meines eroberten pan integral aus Máncora mit Mozerella, packe meinen Rucksack und trete aus der Tuer hinaus auf die erwachende Strasse – Blick Richtung Kolumbien.
Der erste Bus fuehrt mich nach Ibarra. Eine Ecuadorianerin in schwarz-weisser Tracht und vielen duennen gold-farbenen Ketten setzt sich neben mich. Spuehre, wie sie mich ueber die leicht spiegelnde schwarze Scheibe vor uns mit ihren pech-schwarzen Augen neugierig beobachtet. Drehe meinen Kopf, schaue ihr in diesem Spiegel direkt in die Augen und laechel sie an – zwei Sekunden spaeter laechelt sie zurueck. In Ibarra angekommen steige ich um nach Tulcán, dem Grenzort an der Kolumbianischen Grenze. Schon stuerzen sich wieder die Geldwechsler auf mich “¿Cambio, cambio?”. Der Grenzuebergang ist trotz des Konfliktes unerwartet einfach. Treffe zwei Argentinier und einen Peruaner und wir fahren zusammen mit nem Taxi rein in den ersten Ort nach der Grenze – Ipiales. Der Taxifahrer raet uns davon ab hier auch nur ein Schritt zu Fuss zu gehen. Den Satz hoer ich nicht zum ersten Mal auf meiner Reise. Es nervt! Es produziert Angst und Unsicherheit ohne eigene Erfahrung. Es schraenkt ein und man macht sich auf die Suche nach dem naechsten Bus oder Taxi obwohl man auch die vier Blocks haette locker gehen koennen. Meine neuen Begleiter lassen sich davon stark beeinflussen und schon habe ich das Gefuehl mich ganz schnell wieder von ihnen trennen zu muessen um das beengende Gefuehl in Brust- und Magengegend loszuwerden. Unbestritten ist Europa oft sicherer, aber in einem Klima der Angst zu reisen macht wenig Sinn, dann kann man gleich zu Hause bleiben. Wenn man die Augen offen haelt und nicht hilflos in leere Strassen reinpeilt muss man schon grosses Pech haben. Und wenn doch etwas passiert ist es dann so. Besser als sich auf den eigenen Wege von wagen eingepflanzten Angstgefuehlen beeinflussen zu lassen. Wenig spaeter sitzen wir doch zusammen im Bus nach Putumayo, der Hauptstadt der Region Putumayo die besonders bekannt fuer die Auseinandersetzungen zwischen der FARC, den Kokabauern und dem Militaer der Regierung ist. In der Naehe der Panamerika ist es sicher aber rechts und links davon tobt der Konflikt. Die Anden werden wieder spektakulaerer. Die Farben sind waermer als in Ecuador, Schluchten, wilde Felsformationen. Nach acht Stunden Fahrt kommen wir am Abend im fast leeren terminal terrestre in Putumayo an. Entgegen allen Erwartungen bekomme ich doch noch einen Nachtbus weiter nach Bogota. Versuche es mir irgendwie auf zwei leeren Sitzen gemuehtlich zu machen, aber die Klamanlage laesst mich frieren und das unentwegt Schaukeln, Droehnen und Wackeln des Busses lassen mich kaum einschlafen. Und doch versinke ich irgendwann in der Nacht nach dem einem langweiligen Anaconda-Schocker in einen Daemmerschlaf.
Die ersten Morgenstrahlen kitzeln mich jedoch frueh wieder wach. Wir fahren gerade das Tal des Rio Magdalena entlang, dort wo sich die Anden gespaltet haben, den Weg den damals auch Símon Bolivar genommen hat, nur halt auf der neuen Asphaltstrasse. Mediteranes Flair, Bananenpalmen und farbige Finkas, warm leuchtende bewaldete Haenge, magische Wolkenformationen, mit all dem heisst mich Kolumbien willkommen. Doch dann geht es wieder den Berg hoch Richtung Hauptstadt. Endlich komme ich nach auch schon wieder 1000 Kilometern seit der Grenze in Bogota an und ich steige wieder ein in ein Leben ausserhalb von Bussen und deren Haltestellen – wunderbar erleichterndes Gefuehl!