“Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?” (Erich Fromm Haben oder Sein, dtv 2007)
Freiheit und moderne Wirtschaft März 1, 2009
… ein paar Gedanken nach ein paar Seiten aus Erich Fromm “Die Furcht vor der Freiheit”
Die Betonung der individuellen Beziehung des Menschen zu Gott des Protestantismus bereitete die ueberwaltigende Dynamik der Verantwortung des Einzelnen im Kapitalismus vor. Sie ebnet als Reaktion auf tiefgreifende gesellschaftliche Veraenderungen den Weg und macht die Unterwerfung des Menschen (westlicher Natur) unter ihm selbst fremde Ziele moeglich.
Die Freiheit die der Kapitalismus den Menschen schenkte wurde gleichzeitig schichtuebergreifend zur Buerde. Strukturelle Eigenschaften der wirtschaftlichen Ordnung forcierte die Atomisierung des Individuums, betont Eigenverantwortung und nimmt den Menschen hinter der Arbeitsmaschinerie physisch und zu einem groesseren Ausmass psychologisch in die Mangel. Die Geschwindigkeit und Unuerberschaubarkeit der Prozesse endet auch in einer politischen Atomisierung welche eine weitaus groessere Gefahr fuer die kritische Demokratie und Freiheit darstellt als einzelne externe Freiheitseinschraenkungen. Internen Zwaengen ist im Alltag unendlich viel schwieriger zu begegnen als externen. Kapitalismus ist angetrieben von internen Zwaengen durch die zum Beispiel Sparverhalten die Modernisierung (in unserer alltaeglicher Bedeutung) in dem uns bekannten Ausmass erst moeglich machen. Der Mensch wird zum Sklaven seiner eigenen Verheissungen. Er wird selbst mit seinem Kapital oder seiner Arbeitskraft zur Ware. Das impliziert, dass der homo economicus seine eigene Wertschaetzung unterbewusst mehr und mehr an seine Produktionskapazitaeten knuepft, oder besser an den Marktwert seiner Produktion sei sie physischer, intellektueller oder anderer Natur. Das fuehrt dazu, dass der “moderne” Mensch sich in seiner zunehmenden externen Freiheit immer mehr intern isoliert fuehlt und dem nicht zu entfliehen weiss. So sind wir weit vom Kant’schen kategorischen Imperativ entfernt, ja drehen ihn sogar um. Der Mensch ist nicht mehr Selbstzweck von Handlungen sondern nur noch Mittel zum Zweck. Diese abstrakte Selbsteinstellung und Selbstwertschaetzung ist eine dem System inherente, nicht aber eine im Menschen. Die Freiheit alles tun zu koennen produziert in uns innere Zwaenge durch Orientierungslosigkeit welche den Einzelnen in ein Gefuehl atomisierter Bedeutung katapultieren und in Handlungsunwillen enden kann. Orientierungslosigkeit schafft ein Streben nach Sinn, Ordnung und Fuehrung was vor 75 Jahren schon einmal gehoerig gegen die Wand gegangen ist und in juengere Zeit dem Freiheitswillen wieder Angst einjagt und die Oeffentlichkeit hilflos erstarren laesst. Die Tendenz der zunehmende Kritiklosigkeit des Individuums (innerer Anpassungszwang durch Orientierungslosigkeit) ist dadurch begruendet, dass ein Auflehnen den eigenen Wert im gesellschaftlichen Produktionsprozess untergraben koennte und somit auch das eigene Selbstwertgefuehl. Wir streben nach Anerkennung durch Produktion und Individualitaet die nicht immer unbedingt unsere eigene ist. So muss also die zwanghafte Suche nach eigener Bedeutung durch Arbeit zwangslaeufig in einem endlosen Teufelskreislauf enden der ins Nichts laeuft. Er laesst das Individuum allein und verwirrt zurueck.
Darum muessen wir lernen uns von inneren Fesseln zu befreien, dem aeusseren imaginaeren Netz gesellschaftlicher Erwartungen (welche wir auch immer subjektiv wahrnehmen) zu entschluepfen. Wir muessen lernen auf uns zu hoeren, wir muessen lieben lernen. Liebe als Prozess, nicht als Zustand. Selbstliebe macht Naechstenliebe moeglich. Naechstenliebe ohne Selbstliebe ist Selbstaufgabe. Selbstliebe ohne Naechstenliebe ist keine Liebe sondern krankhafter Zwang der in einer endlosen nicht zu erfuellenden Suche einer Befriedigung durch krampfhaft auf’s Selbst fixierte Handlungsmuster beschrieben werden kann und das Individuum in zwanghafte Vergleiche draengt die niemals in Zufriedenheit enden koennen. Doch davon lebt der uns bekannte Kapitalismus. So kann die Nichtakzeptanz des Individuums im Wettbewerbsprozess des Kapitalismus Grund fuer fehlende Liebesfaehigkeit der Menschen und zunehmende Frustration und eine dynamische Flucht in Zwangsmechanismen sein.
Aber wollen wir ein Kuba, ein Venezuela, ein Bolivien, ein China? Jeder Ruf nach diesem System ist meiner Meinung nach ein blinder Schrei nach Sinn, Ordnung und Abgabe von Verantwortung. Ist es nicht besser, wenn wir mehr Zeit darauf verwenden zu verstehen was der Kapitalismus mit uns macht, weniger Arbeiten um zu konsumieren was uns als Menschen schadet (auch dies erfordert Zeit zum Verstaendnis), und als Antwort ihm Schranken zu setzen? Ich denke eindeutig ¡SI!
Und so bleibt die Zeit als fuer uns wertvollstes Gut, welches wir aber mit dem Zins auch schon geschafft haben zu kapitalisieren und somit handelbar zu machen. An diesem Punkt mache ich leider mangels anschliessender Ideen zur Loesung Schluss und verstehe dies als Anregung. Aber wurden nicht schon unendlich viele Anregungen in diese Richtung im Laufe unserer Geschichte gegeben? Darum sollten wir uns mehr Zeit nehmen sie zu verstehen um dem Kapitalismus einen menschlicheren Nutzen zu entlocken und lernen gluecklich zu sein.
Ist Faehigkeit zur Rast Freiheit, und ist erzwungene Rast Unfreiheit? Februar 21, 2009
Wenn selbst Kerouacs Held Sal Paradise in “Unterwegs” an der Freiheit scheitert, wie kann der Mensch sie dann erreichen – oder besser: Was ist Freiheit? “Unterwegs” lebt nicht davon eine Anleitung zur Freitheit zur sein sondern zieht Kraft vom Willen zur Freiheit als Weg zu ihr. Sal in staendiger Unrast, reist vom Westen nach Osten, vom Osten nach Westen – ist Vorbild und Hoffnung einer neuen Generation und scheitert doch an seinem eigenen Anspruch. Der Daumen ist mehr Not als Tugend, zu oft nimmt er traurig den Bus. Er wirkt hilf- und orientierungslos in seiner Suche, zweifelt an sich selbst, ist unzufrieden mit seinem Weg – er klagt ihn nicht finden zu koennen. So hastet er der Freiheit, dem Wahnsinn dem Chaos in Person Dean Moriatys hinterher, schliesst am Scheideweg sogar bedingungslose Freundschaft mit ihm, scheitert am Ende aber doch und laesst seinen Traum auf dem Weg zu einem Duke Ellington Konzert auf der Strasse stehen. Dean ist ein Geist, ein Ziel das keiner in Kerouac’s Werk erreicht. In diesem Sinne wird zum Ende immer unklarer ob diese Person um mehr als ein Wunschtraum existent ist. Sie verkoerpert auch die Konsequenz bedingungsloser Freiheit des Menschen die am Ende dann doch keine mehr ist, es sei denn, der Mensch wuerde seine eigene Natur verraten. So hinterlaesst Dean ein wuestes Feld von Trauer, Verzweiflung, Sehnsuch, Unrast aber auch gottaehnlicher Sinnbildung von der sich die anderen Figuren, teils resignierend, abwenden. In diesem Sinne kann man “Unterwegs” als Bestaerkung der Gedanken Erich Fromms in “Die Furcht vor der Freiheit” verstehen.
So bleibt, dass die Moeglichkeit der Wahl zusammen mit der Faehigkeit zur Rast Freiheit bedeuten kann und die Unmoeglichkeit der Wahl oder Unrast ein Gefuehl der Unfreiheit nach sich zieht.