Kosmonaut im Farbsternregen

Ausgedrueckte Eindruecke

Vertikaler, horizontaler und diagonaler ZickZack April 2, 2009

Einsortiert unter: Tagebuch — Sebastian @ 12:51 vormittags
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img_89091Wenn ein bestimmter Austausch von Informationen wechselseitig ist, also der Wahrheitskanal durch die Menge an Informationen empirisch mit einer bestimmten tollerierbaren Fehlerwahrscheinlichkeit so verengt werden kann, dass der eine nicht aber der andere Zustand von mehr als einer Seite als wahr empfunden wird, dann ist es relativ schwierig, wenngleich doch nicht unmoeglich, Informationen zu manipulieren. Auf der anderen Seite ist es nicht schwer auch in Zeiten unendlich schneller Nachrichtenstroeme und spinnennetzartiger Nachrichtenkanaele die Menschen in eine Richtung zu lenken wenn die Information nur in eine Richtung, nicht aber in die andere fliesst, die Evaluierung des Wahrheitsgehaltes nicht vorgenommen werden kann. So geschehen ueber den Sicherheitszustand auf dem Camino del Choro, der von La Cumbre runter nach Coroico fuehrt. Reisefuehrer und Internet “zitieren” sich gegenseitig und so ist ueberhaupt nicht klar, wer auf Basis welches Ereignisses wann was geschrieben hat. So steht die Information im Raum, dass der Trek gefaehrlich ist und die Leute unfreundlich – man also im Himmels Willen nicht alleine dort herunterstolpern soll. LP spricht 2003 noch von vereinzelten Faellen, SHB 2008 schon davon, dass der Trek dafuer “bekannt” ist. Was soll man nun glauben? Im Netz findet man keine Infos, aber auch keine Berichte die dies bestaerken koennten.
So kann man also Tourismuspolitik machen. Entweder man moechte alle Touristen dazu bewegen sich einen loalen Bergfuehrer zu besorgen um die Wirtschaft anzukurbeln (wie in Sorata), egal wie einfach der Weg zu finden ist, oder man man Negativpolitik fuer andere Regionen indem man einfach schwer zu widerlegende Behauptungen in den Raum stellt. In Laendern wie Bolivien ist das recht einfach, weil der umgekehrte Nachrichtenfluss recht zaeh ist, so es also fuer die Touristen recht schwer ist empirisch einen Gegenbeweiss anzutreten.
Mich verunsichert das Gelaber auch da ich bisher hier nicht die besten Erfahrungen gemacht habe. Bin mir nicht sicher, ob ich gehen soll oder nicht. Aber irgendwie kann es nicht passieren, dass ich nicht gehe. img_8914Also kaufe ich Sonntag die ersten Sachen ein, gehe aber Montag noch nicht los weil ich immer noch krank bin. Abends quatsche ich noch mit dem Basken in meinem Zimmer und wenig spaeter steht Ivan, ein Spanier, vor meiner Tuer und es scheint, als ob ich Dienstag doch nicht alleine losstiefeln muss. Alles verlaueft etwas chaotisch weil Ivan kaum Sachen hat, aber am Dienstag gegen elf sitzen wir dann doch im barrio Villa Fatima in La Paz und schluerfen die letzte Huehnersuppe. Da tauchen noch drei andere aus dem El Carretero auf, Fabio und Luca – zwei Italiener und Johanna – eine Argentinierin. Ivan ueberredet sie, da sie sowieso runter nach Coroico wollen, mit uns mitzukommen. Die drei haben kaum Sachen, beschissene Schuhe und kein Essen. Ivan und ich rennen noch los um die letzten Sachen einzukaufen und eigentlich wollten Fabio und Luca dies auch machen. Doch als wir wieder am Minibus stehen ist von ihnen nichts zu sehen. Luca kommt viel zu spaet, ohne Essen – er war noch schnell im Internet. Das war nur der Anfang von dem, was noch kommen sollte. So segeln wir also ohne genug Essen den Pass hinauf und unsere Bolivianischen Mitfahrer kichern wie kleine Maedchen auf den ersten Sitzreihen ob unseres Chaos. Am obligatorischen Polizeicheckpoint springen Johanna, Luca und Fabio wieder aus dem Bus um bei den Cholitas noch ein paar Sachen einzukaufen. Mit ein paar Broetchen, fuenf Aepfeln und drei Bananen renne sie dem Bus hinterher, denn unser Fahrer ist leicht nervoes geworden und macht Druck. Dies soll also das Essen sein, fuer vier Tage in den Bergen, sechzig Kilometer den Berg runter.

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Der Anfangspunkt des El Choro liegt bei La Cumbre, dem hoechsten Punkt der Strasse runter in die Yungas, Startpunkt der Fahrradtouen die ehemals gefaehrlichste Strasse der Welt hinunter. Wir huepfen aus dem Bus, dicker Nebel und Regen heissen uns in der Cordillera Real willkommen. Mein Rucksack faellt zur Begruessung erstmal in den Strassengraben, der in Bolivien in der Hoehe meist mit Plastikmuell, Bananenschalen, Maisresten und Moosmatsch gefuellt ist – so auch dieser. Dann tasten wir uns durch den dichten Nebel auf einer matschigen Strasse 200 Meter weiter hoch auf den Pass. Alle hundert Meter muss man eine Pause machen, 4860 Meter merkt man dann doch schon – Rucksack und Beine sind schwer, der Atem kurz. Oben angekommen faengt der Inkapfad an. Die Jungs muessen schon Hubschrauber gehabt haben, anders ist nicht zu erklaeren wie sie diese Steine an den Abhang geklatscht haben, an dem es ohne diese nicht moeglich erscheint auch nur einen Fuss vor den anderen zu setzen ohne in die Tiefe zu schlittern. Der Weg fuehrt im Zickzack dicht gedraengt durch die Wolken und den Regen runter. Sehen kann ich nichts und die Finger sind so kalt, dass ich keinen Reissverschluss mehr aufbekomme. In der Ferne ist ein Fluss zu hoeren. Hin und wieder reissen die Wolken ein wenig auf und die gegenueberliegenden Berge tauchen als Schatten auf und lassen ein Gefuehl zu wo wir uns gerade befinden. Mitten im Nirgendwo kommen von hinten drei campesinos angelaufen, Ivan verteilt wie immer seine Cocablaetter. Die Bauern koennen sich nur mit Muellbeuteln vor dem Regen schuetzen, obwohl es die Haelfte des Jahres hier ziemlich feucht ist. Wir laufen ein wenig mit ihnen und verabreden uns mit Miguel, dem alten, am Friedhof im naechsten Dorf. img_8925In Chucura (3750 Meter) angekommen wartet Miguel schon und wir verbringen die Nacht in einer alten Lehmhuette mit zwei Betten aus Lamafell. Am Abend ruecken wir noch in dem Haus von ihm und seiner Frau Theresa zusammen und trocknen unsere Sachen. Die Huette ist klein, der Eingang noch kleiner, so dass ich mir die ersten drei Mal den Kopf stosse. Die beiden Bauern leben bescheiden, sehr bescheiden. Die beiden Betten stehen an den kurzen Seiten der Huette gegenueber, sie passen gerade so in die Nieschen. Das Dach ist mit Stroh bedeckt welches durch den fehlenden Rauchabzug im Inneren komplett schwarz ist. Die Feuerstelle ist genau gegenueber der Tuer an der langen Seite, zwischen den Betten. An allen Seiten sind kleine Regale gezimmert auf denen Toepfe, Flaschen und Stoffbuendel gestapelt sind. Der Boden ist aus ungebranntem Lehm. img_8970Wenn jemand krank wird muessen sie einen Tag nach La Paz wandern, den gleichen Weg, den wir noch den Tag runtergestolpert sind. Als ich das hoere lasse ich gleich meinen Vorrat an Paracetamol bei den beiden. Sie verkaufen Kartoffeln und irgendeine andere Wurzel in der Stadt. Die Fruechte werden mit Eseln und Pferden ueber den Pass transportiert. Wir wuerden gerne noch eine Zwiebel zu den Nudeln essen, doch das Fragen faellt mit dem Gedanken an die Arbeit die die beiden in diese eine der zehn auf dem Fussboden gesteckt haben schwer. So verbringen wir den Abend in der Huette teilen unser Essen und die Flasche Kohlberg Wein mit Theresa und Miguel und hoffen auf besseres Wetter.
Sonne gibt es dann auch am naechsten Morgen. Doch leider haelt das nicht lange. Ein paar Stunden weiter runter faengt es wieder an zu regnen. Die Landschaft ist mittlerweile gruener, ich gucke die tausenden Wasserfaelle von rechts und links schon kaum mehr an. Straeucher tauchen auf, hier und dort ein kleiner Vogel und die moosigen Steinmauern der Hochlandbauern weichen einer dichten Vegetation, Schmetterlinge wuseln durch das Unterholz. img_90453Der Pfad wird kleiner und der Rio Chucura, an dem wir die ganze Zeit entlang laufen breiter und wilder. In Choro machen wir eine kleine Pause und bewundern die auftauchenden Blumen. Nach der Bruecke dieser Ansammlung von maximal zehn Haeusern geht es wieder hoch und eine Stunde spaeter schauen wir wieder den Hang entlang streifend aus 100 bis 200 Meter Hoehe auf den Fluss herab. Der Regen wird staerker und wir erreichen kurz vor Einbruch der Dunkelheit Bella Vista, ein Dorf bestehend aus einem Haus und einer kleinen Wiese hinter der es wieder in die schier unendliche Tiefe geht – wir duerfen fuer ein paar Taler auf dieser uebernachten. Das Kochfeld ist diesmal besetzt, also packe ich meinen Kocher aus und es gibt wieder Nudeln. Die Jungs des Hausherrn gucken den Kocher an wie ein Raumschiff. Das haette ich nicht gedacht, immerhin kommen hier im Sommer Horden von Touristen vorbei. Wieder muessen die Sachen ueber der Feuerstelle getrocknet werden, diesmal brennt aber leider ein Schuh an und des Nachts schwimmen wir auf der Wiese komplett weg.
Leider hoert der Regen auch am dritten Tag nicht auf und wir stampfen weiter den Matschpfad entlang. Die Inkasteine werden weniger, der Weg tiefer und die Vegetation ist nun nicht mehr zu durchdringen. Bananenpflanzen tauchen auf, die Schmetterlinge werden bunter und alles riecht nun nicht mehr nach Hochgebirgsmoos sondern nach suesser Banane. img_9019Nach drei Stunden gibt es in San Francisco Reis mit Ei. Erstmals treffen wir auf andere Wanderer die wegen besserer Schuhe schneller sind. Der Weg fuehrt uns weiter das Tal entlang. An einer Mine vorbei muessen wir nun auch in jedes Seitental. Vom Eingang kann man jedes Mal den Pfad schon auf der anderen Seite des Tals sich den Berg entlangwinden sehen. Nur leider gibt es keine Bruecke und so werden oft aus einer geschaetzten halben Stunde Luftweg zwei Stunden runter in das Tal, durch den obligatorischen Wasserfall und ueber den Fluss und auf der anderen Seite im unendlichen ZickZack wieder 200 Meter hoch. Gegen fuenf sind wir in Casa Sandillani und nichts geht mehr. Wie jeden Abend schmerzt mein ganzer Koerper. Das uebliche Gewicht meines Rucksacks drueckt mit in dieser Hoehe tiefer in die Sohlen. Es sind noch 12 Kilometer bis nach Chairo und weitere 19 bis zur Strasse – heute jedoch nicht mehr. So schlafen wir in einer kleinen Huette auf dem Boden und registrieren uns pflichtgemaess bei einem ueber 80 Jahre alten Tamiji Hanamura, einem Japaner und eine Legende bei den Reisenden, der hier einen Japanischen Garten hat und Postkarten aus aller Welt sammelt. Als er hoert, dass ich urspruenglich aus Rostock komme, holt er einen Stadtfuehrer hervor, wohl aus der Mitte der Neunziger Jahre denn die Nikolaikirche hat schon einen Turm und neue Strassenbahnen gibt es auch schon, in dem ueberall kleinen Zettelchen mit der Uebersetzung ins Spanische geklebt sind.
img_90521Am vierten Tag geht es hinab auf 1400 Meter nach Chairo. Dort tauchen wir im Fluss unter. Alles riecht jetzt herber. Am Wegesrand sammel ich nach belieben pomelos, naranjas und paltas von den Baeumen. Gigantische blaue Falter, ein leuchtend oranger Vogel und leider auch tausende Moskitos sausen durch die Luft. Nach einer Mittagspause rennen wir noch die letzten Kilometer der insgesamt 57 die Strasse am Fluss entlang um auf die grosse, die von La Paz heruntergeschossen kommt, zu gelangen. Von dort aus geht es mit einem Taxi nach Coroico. Dort schlafen wir eine Nacht und fahren in drei Stunden am naechsten Tag den Berg wieder hoch nach La Paz.

Ich verlasse nach ein paar Tagen und einer schoenen Abschiedsfeier mit Lee und den anderen auf dem Dach des El Carretero La Paz Bolivien in Richtung Peru. Eigentlich waere ich schon schneller weitergezogen, wenn mich nur nicht die Neugier dazu bewegt haette, doch noch ein paar Tage laenger zu bleiben. Das Land hat mich fasziniert, aber am wenigsten beruehrt von all jenen die ich bisher durchstreift habe. Die Natur ist wunderbar, mit den Menschen konnte ich mich nie richtig anfreunden. So ist Bolivien das erste Land auf meiner Reise, in das ich wohl nicht zurueckkehren werde, es sei denn ich will unbedingt die lustigen Flusspferde in den Yungas sehen.

 

 
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