Jason und ich stellen die Zelte auf Camping “La Lomita”, derjenige der am dichtesten am Zentrum liegt – wenn schon Stadt, dann richtig! El Bolsón hat rund 40.000 Einwohner und war mal eine kleine Hippiekommune. Heute ist hier Hippietourismus angesagt, es gibt viel artesania Eiscréme, Schokolade, Marmelade, Honig und einen grossen Markt alle zwei bis drei Tage. Positiv gesehen fuellt das das Oertchen mit vielen Leuten, negativ gesehen bleibt von der Idee im Ortskern nicht mehr viel erhalten. Und trotzdem, die meisten Besucher sind Argentinier und Chilenen mit Rucksack und Doite-Zelten auf der Suche nach Ferien – es ist fast Februar. Der Ort liegt in einem Mikroklima was sogar den Anbau von Hopfen ermoeglichst. Was gibt es also? – teures artesania cerveza, klar! Im Umland liegen viele Farmen und die urspruengliche Idee scheint zumindestens dort im Sommer zu bluehen.
In rund einer Woche treffe ich mich mit Sophie, der Franzoesin, die ich am Aconcagua kennengelernt habe um mit ihr zum Flor de Luna Festival in der Naehe zu duesen. So verbringe ich die Tage schlendern im Ort, Asado machend auf dem Campingplatz.
Doch Jason der alte Trekking-Nerd kann seine Fuesse nicht still halten und schon wenig spaeter seh und fuehl ich mich mit vollem Rucksack den Sendero Hielo Azul in die Hoehe steigen – grosses Kino! Der erste Tag ist heiss, rund 1000 Hoehenmeter mit Zelt, Schlafsack, Kocher und Essen fuer mehrere Tage. Zum Glueck ist der Weg fast die ganze Zeit wahnsinnig steil, so dass es nur etwas mehr als zehn Kilometer Pfad durch den Wald ist. Meine Waden schmerzen die ersten zwei Stunden wie bloed doch dann schwingt sich mein Koerper in einen neuen Rythmus – ich spuehre nicht mehr viel, nur noch wie ich kopf-wackelnd die restlichen 600 Hoehenmeter hinter mir lasse und an der Baumgrenze angekommen in einem gigantischen amphitheateraehnlichen Bergkessel mein Zelt vom Ruecken nehme, aufstelle und mich reinlege. Und da waren sie wieder – die argentinischen Karten. Wir gehen mit einer ziemlichen guten Karte in der Hand zu Maedels des Refugios. Zuerst muss man sich immer ueberall registrieren, dann gibt es den Rest. Wir interessieren uns fuer einen Weg um den Gletscher der in einer ziemlich guten Karte eingezeichnet ist. Das erste Maedel hat keinen blassen Schimmer wo sie doch eigentlich als CONAF-Beauftragte fuer die Sicherheit verantwortlich ist. Eine andere sagt, dass dort kein Weg existiert wir aber einen anderen gehen koennen der in unsere Militaerkarte nicht eingezeichnet ist aber im LP beschrieben ist.
Ich frage mich wie die argentinischen Militaers damit navigieren wollen. Muss mich in dieser Hinsicht etwas entspannen. Die Sache ist nur die, dass wenn man sich schon ueberall registrieren muss und damit alles den Anschein hat, dass hier irgendeine Ordnung existiert, dann muss doch auch der Rest wenigstens ein bisschen funktionieren. Tut er aber nicht und so werde ich durch diese Schizophrenie immer wieder verwirrt. Einfacher waere es doch, wenn sich keiner kuemmert und keiner etwas weiss, dann koennen auch keine Erwartungen enttaeuscht werden. Alle kuemmern sich aber keiner weiss was – nicht so einfach. Der folgende Tag wird ohne Karte ohne Beschreibung einfach super. Wir gehen am Gletscher vorbei, nicht ohne uns einmal drunter zu stellen und ob des poroesen Eises Respekt zu bekommen und wieder wegzuhuepfen, und anschliessend weiter zwischen den Schotter- und Eisfeldern nach oben. Die Spitzen der Berge ueber dem Hielo Azul sind toll, der Ausblick auf die umliegenden Berge aber einfach gigantisch – das macht Lust auf die Nahuel Huapi Traverse bei Bariloche. Den kommenden Tag machen wir die letzten zwei Tagesdistancen auf einmal was mir mein Koerper in erzwungener Ruhe am Abend beantwortet – die Hitze laesst mich nicht mehr aufstehen. Jason kommt die folgenden Tage weiter nicht zur Ruhe, weiss nichts mit sich anzufangen und macht sich schliesslich auf den Weg nach Bariloche – ist mir am Ende auch ganz Recht – im Amerikanischen kommt mir ein bisschen zu viel das kleine Wort “I” vor. So sitze ich am Abend alleine vor meinem Zelt und bestaune die Sternendecke die sich hinter der Bergkette des Ortes aufbaeumt. Doch lange bleibe ich nicht alleine, die Nichte der Besitzerin des Platzes laedt mich in ihr Haus zum Abendessen ein.
Flor de Luna Festival, oder: Mit Schweiss tanzender Fuesse und Feuerwehrschlauchwasser durchtraenkter Boden riecht ueberall auf der Welt gleich.
Am Donnerstag treff ich Sophie, witziges Gefuehl Menschen auf Reisen wiederzutreffen. Wir verbringen noch eine Nacht auf dem Zeltplatz und machen uns am naechsten Tag voll bepackt auf den Weg ueber El Hoyo nach El Desemboque am Lago Puelo zum Moonflower Festival. Grinzend stehen wir an der Strasse und versuchen ein Auto zu bekommen: “¡¿Hippieciudad!? – ¡¡Hippieciudad!!”. Lauter Pickups fahren vorbei, keiner haelt, manche habe Kuehe oder Schafe geladen, lachend tanzen wir am Strassenrand hin und her und lassen auch den Bus sausen, der extra wegen uns anhaelt und uns mitnehmen will – da geht es um’s Prinzip, muss doch moeglich sein hier ein Auto zu bekommen. Dann haelt doch eines und wir kommen bis El Hoyo.
Dort angekommen geht es eine der vielen Schotterstrassen Richtung See. Hier haben wir mehr Glueck, ein Pickup haelt sofort und wir duesen wild jubelnd an den anderen Festivalbesuchern vorbei die etwas verdutzt uns hinterher schaun und weiter ihr Gepaeck den unendlichen Weg langschleppen, viele Autos fahren hier wirklich nicht. Die Hitze brennt und die einzige Schwierigkeit ist es nicht einen der vielen Brombeerstrauchaeste ins Gesicht zu bekommen. Drei Kilometer vor dem See werden wir dann abgesetzt, fangen an zu laufen, werden aber gleich wieder von einem Lieferwagen mitgenommen. Dicht gedraengt sitzen wir in den Rucksaecken und von der Fahrerkabine wabern die ersten Festivalduefte nach hinten. Das Gelaende ist malerisch. Stellen unser Zelt direkt an den See. Es gibt einen Strand, blaues Wasser, genug Feuerholz, eine Pista Central, ein Chillium, die uebliche Fressmeile, einen friedlich wackelnden Fluss, grosse Berge zu beiden Seiten. Hier kann ich es locker bis Dienstag aushalten. Mach ich auch, durchtanzte Nachmittage, verliere mich in den Hoehen der patagonischen Berge, Sonne, Vollmond, laechelnde Menschen die sich zur Abwechslung nicht komplett ins Jenseits katapultieren – all das macht das Fest fuer mich aus. Angenehm ist auch, dass nicht alles so hochgepimpt ist, die Leute wirken entspannt, kaum Egozentrik, aber auch hier drucken die Oekohippies ihre Oekofestivalflyer auf Hochglanzpapier – verrueckte Welt. Fast waere das Festival in Flammen aufgegangen als Samstag Nacht das angeschwemmte Treibholz am Seeufer in Flammen steht und die Baeume beleuchtet. Le
ute rennen vor meinem Zelt vorbei, mit Plastikflaschen und Toepfen bewaffnet ueberraschgt mich der Sinn fuer kollektives Handeln und wenig spaeter steh ich mit meinen weissen Hosen im nun sumpfigen Seeufer und schoepfe Wasser in alle Arten von Gefaessen – Menschenketten, Durcheinander – aber zum Schluss rettet die Technosonnenwasserpumpe den Loescheinsatz, wenn die nicht gewesen waere haetten wir es wahrscheinlich nicht geschafft – suerte! So kann ich mir auch am Sonntag Nachmittag den mit Wassertropfen durchmischten Staub und dem Hagel der Baesse um die Ohren wehen lassen. Die Menschen ruecken zusammen. Am Sonntag Abend gibt es ein Zeremonie am See – Lagerfeuer, Gesaenge und anschliessend gibt es einen Umzug zur Pista Central. Die Sonne geht unter und auf der anderen Seite geht der Vollmond auf, das ganze Festival jubelt und tanzt vor Begeisterung.
Doch leider ist der Rausch am Dienstag zu Ende und wir sehen uns morgens wieder mit hartem oekonomischen Kalkuel konfrontiert. 15 Pesos bis nach El Hoyo, da weiss jemand das 15 Kilometer Rueckweg nach fuenf Tagen Festival einfach nicht drinn sind – der Typ vor seinem schaebigen alten Ford grinzt uns an und beobachtet was wir wohl tun werden. Mit ihm mitfahren geht gar nicht! So maschieren wir los in der Hoffnung, dass irgendwo aus dem Gebuesch ein leeren Auto erscheint, denn alle die vom Gelaende losfahren sind restlos ueberfuellt, und das sind zudem auch nicht viele. Nach einem Kilometer Schwerstarbeit haben wir tatsaechlich Glueck und erwischen ein Pickup direkt bis auf dem Markt in El Bolsón, yeah!! Gespielt und wieder gewonnen, nicht zum ersten Mal – habe kein Angst und du kannst nicht verlieren!
In El Bolsón angekommen verbringe ich noch drei Tage mit Alice, Kirgen, Uri, Sophie, Nahuel und zwei anderen Maedels im “Casita”. Asado steht die erste Nacht auf dem Speiseplan, 700 Gramm Fleisch fuer jeden, Salat und Kartoffeln. Die zweite Nacht verbringen wir damit Pizzen ueber dem Feuer zu machen, es wird ziemlich spaet und zu viele Korken werden gezogen. Ich versacke langsam in dem Nest, habe kaum Lust weiterzuziehen. Bringe meine Stiefel erneut zur Reperatur und geniesse die streichelnden Sonnenstrahlen kurz vor Sonnenuntegang, esse Humus Joghurt, Honig und streife durch die Strassen und bestaune die unvergleichlichen Autos auf Argentiniens Strassen.