Ich sitze bei Muesli mit Banane, Blaubeeren, Milch und Honig im 5ten Stock eines Hauses in der La Cumparsita, gleich neben der Deutschen Botschaft, der Amerikanischen Botschaft die nicht nach Freiheit sondern sibirischem Gefaengnis aussieht und der Mercosur Vertretung, mit Blick auf den Rio de la Plata, unter mir ein paar Palmen und ein paar Autos, die ohne Pause die Kuestenstrasse von Montevideo entlangfahren. Die Sonne scheint, aber der Wind fegt ueber das Wasser und spielt seine Musik in den Fensterrahmen von Rafaels Wohnung, meinem ersten CS Host in Sued Amerika. Es koennte nicht besser sein, eine riesige Wohnung, habe mein eigenes Zimmer, es gibt zwei Baeder, eine Haushaltshilfe, die sofort meine Sachen waschen moechte und mir beim Fruehstueck machen hilft, oder besser, ich darum kaempfen muss, dass ich auch etwas machen darf. Die stuermische Umarmung Uruguays nimmt kein Ende.
Von der Faehre am Dienstag Mittag von Buenos Aires kommend, schleiche ich etwas verstohlen an dem Einfuhrverbot fuer Lebensmittel vorbei und tue so, als ob ich das Schild nicht lesen kann, das impliziert problematischer Weise auch, dass ich die folgende englische Uebersetzung nicht verstehe und die erklaerenden Bildchen nicht deuten kann. Zum Glueck muss ich aber den Beamten das nicht erklaeren und komme im Gegensatz zu vielen anderen vor mir unkontrolliert aus dem improvisierten Hafengebaeude. Alle steigen in Busse, renne kreuz und quer, bis ich eine Strasse aus der Baustelle hinausfinde und tappel ins Dorf, der Himmel ist bewoelkt. Quatsche auf meinem Weg durch Colonia del Sacramento, dem alten Schauplatz spanisch-portugisischer Auseinandersetzungen, Christian, einen Amerikaner oder besser Sued-Kalifornier an und wir tingeln zusammen durch das schicke Erholungsminiaturstaedtchen vor Buenos Aires. Die Preise sind gepfeffert, Grund genug fuer einen Kaffee mitten auf dem historischen Markt des UNESCO Weltkulturerbes den Kocher anzuschmeissen und eine riesige Flamme zu entfachen, es steht noch alles.
Die Suche nach dem Camping Municipal del Real de San Carlos entlang des Strandes Richtung des naechsten Dorfes haelt Christian trotz Hostel-Gepaeckausstattung nicht durch und ich stiefel nach einer kurzen Konsultation von einer lokalen Gang, die mir laecheln erzaehlt, dass der Platz geschlossen sei, unbeirrt die Strasse weiter entlang, glaube ihnen nicht. Am Ende ist es auch besser so, der Campingplatz ist zwar wirklich geschlossen, kein Grund aber nicht am Strand zu uebernachten. Frage im Kiosk, der noch aus alten Campingzeiten uebrig zu sein scheint, ob dies moeglich sei, die alte Frau versteht mich nicht, ich sie wohl noch weniger. Zum Glueck hilft mir
Francisco, ein junger reisender Schmuckverkaeufer, von denen es hier in Suedamerika nur so wimmelt, weiter und geht mit mir zu einem angrenzenden Haus. Ein alter Mann taucht auf und faengt an zu erzaehlen, irgendwas ueber eine Reise nach Europa und Preise im benachtbarten Hotel ¡Es muy caro!, !Si, si¡. Der Monolog des Alten nimmt kein Ende, ohne das er die Frage beantwortet, Francisco tippelt nervoes von einem Bein auf das andere und grinst zu mir rueber. Schlussendlich schaffen wir es aber doch uns freundlich von dem alten Herrn zu verabschieden und uns seiner zu entziehen. Frage Francisco noch ein paar mal ¿…y, no es peligroso?. Eine Stunde spaeter steht das Zelt auf den Duenen, zwischen mehreren Palmen, einem puderweissen Sandstrand und einem irren Sonneruntergang der die vorgelagerten gruenen Inselchen bescheint, meine erste Nacht im Zelt in Suedamerika. Zwischen ein paar straeunenden Hunden versuche ich zu schlafen, alles ist etwas unheimlich, der Wind wird staerker und das Zelt flattert. Wie ich spaeter herausfinde, habe ich es mit der falschen Seite in den Wind gestellt.
Liege wach, die scharfe Duenenbepflanzung streichelt und schlaegt gegen mein Zelt, der Wind heult, Stimmen von ein paar naheliegenden Feuerstellen. Kauer zusammen, will, kann aber nicht schlafen, Angst steigt in mir hoch, Gewitter am Horizont, Blitze ueber dem Rio, wanderne Autolichter, einsetzender Regen, das Zelt knarrt. Zum zweiten Mal nach der Autoraststelle zwischen Antwerpen und Gent renne ich mit der Stirnlampe nachts in Unterhose um das Zelt, die Sturmleinen in der Hand.
Zugegeben, eine Herausforderung die kleinen Heringe im Strandsand so zu verbuddeln, dass sie irgendwie das Zelt halten, ich sie aber am naechsten Tag auch wiederfinde. Binnen Minuten sind sie komplett mit Sand bedeckt, der Himmel droht, blitzt, leuchtet, kreischt, das Meer faucht mich an, ich aber nicht zurueck sondern ziehe es vor mich wieder im Zelt zu verstecken. Der naechste Tag ist trotz einer kurzen Nacht wundervoll, Sonne, Haengematte, ein Kiosk, der mein Geld annimmt, denn von der alten Dame in ihrem silbernen Campinganhaenger habe ich am Vortag nur ein Flasche Wasser bekommen, weil sie meinen Schein nicht wechseln konnte. Abends muss ich denn doch mein Zelt umstellen, denn der Wind beginnt noch staerker zu wehen.
Donnerstag, Fruehstueck in der Haengematte, vor mir ein Kindergarten im Sandstrand. Ich lasse mir den Frieden auch nicht nehmen, nachdem mir drei Fahrer bei Trampversuchen laechelnd einen Vogel zeigen und nehme Nachmittags den Bus nach Montevideo um die Verabredung mit Rafael nicht zu verpassen. Nach 2h und 30min durch Palmenalleen, an Kuhweiden, Mais- und Getreidefeldern vorbei, begruessen mich Elendsbehausungen und Muell in Montevideo.