Kosmonaut im Farbsternregen

Ausgedrueckte Eindruecke

Los Tábanos y Chiloé Januar 27, 2009

Einsortiert unter: Tagebuch — Sebastian @ 11:05 nachmittags
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img_0426Nachdem ich in Puerto Montt noch schnell mein Ticket fuer das Schiff am 23.01. von Quellón nach Chaitén eingesackt habe steh ich nun in Ancud, dem zweiten grossen Ort auf Chiloé. Bunte kleine Holzhaeuser ueberall, hat was von Schweden. Auf dem Weg hier herunter wurden die Haueser kleiner, das Wetter kuehler und bewoelkter und die Leute aermer, nicht mehr viel uebrig von dem Glanz in und um Santiago und dem nagelneuen Lack auf den Haeusern in der Naehe von Pucón. Dicke Nebelschwaden ziehen ueber die Bucht und Fischer huschen umher, ich habe den Bus nach Pumallihué schoen verpasst. In die nahe Bucht will ich mich auch nicht legen, die Menschen schaun etwas mistrauischer auf den mit dem Grinsen und dem grossen Rucksack. So daller ich irgendeine Strasse aus dem Ort hinaus in der Hoffnung, dass es die richtige ist und halte nach einem netten Flecken auf den feuchten Wiesen Ausschau. Versuche nicht zu trampen, faehrt gerade sowieso kein Auto. Doch ploetzlich haelt doch eines und eine Frau springt heraus und winkt. ??!!. Also hin und rein in die Kutsche. Erklaere ihr, ihrer Mutter und den zwei Toechtern, dass ich auf dem Weg nach Pumallihué bin. Wie auch alle anderen in Ancud kennen sie den Ort nicht und ich wende die andere Taktik an: “¡Pinguinos!” – das funktioniert. Erst verstehe ich, dass sie mich nur ein paar Kilometer der insgesamt 28 bringen wollen, doch nach einem kurzen Plausch der beiden Frauen dreht die Alte sich um, laechelt mich an und erklaert mir, dass sie das Beste tun wollen, dass ich die Chilenen in bester Erinnerung behalte – und dabei hatte ich schon vorher zum Besten gegeben, dass ich die Chilenen netter finde als die Argentinier – also kein Problem! So rauschen wir den Schotterweg Richtung Pazifik, die Steine knallen an den Unterboden, doch den Maedels scheint es nichts auszumachen. 30 Minuten spaeter steh ich am Strand, es daemmert bereits, und ein paar Erinnerungsfotos spaeter frage ich Eduardo, einen Fischer, ob und wo ich hier zelten kann. Er schickt mich ans andere Ende des Strandes zum Restaurant “El Rincon”, die Frau dort mich dann wiederum den kompletten Weg zurueck, doch dann steht mein Zelt. Quatsche noch bis spaet in die Nacht mit zwei Mormonen, die das andere Zelt neben mir bewohnen und sich ruehrend kuemmern, mir sogar kurz bevor sie sich schlafen legen wollen noch einmal Holz aus den Straeuchern fischen um das Feuer erneut zu entfachen.
Es daemmert, waere nicht weiter aufregend, wenn sich nicht schon wieder das Zelt ueber mir biegen wuerde! Der Wind heult, die ersten Tropfen fallen, die ersten Sturmleinen ebenfalls – also wieder raus und Steine drauf um sie irgendwie in dem Strandsand zu fixieren. Natuerlich alles fast unmoeglich und wenig spaeter knallt mir eine Zeltwand ins Gesicht, draussen peitscht der Regen gegen das Zelt und mittlerweile auch rein. Fluche, moehle in meinen Sachen, versuche alle irgendwie so gut es geht in den Rucksack zu stopfen und mir meine Regenhose anzuziehen. Mache mir Sorgen das der Sturm das Zelt zerfetzt. Renne trotzdem raus, die Mormonen sind bereits weg, lasse das Zelt mit meinem Rucksack liegen und strauchel durch das Unwetter den Strand entlang Richtung “El Rincon”. Bin innerlich ruhig, die Erfahrung hat gezeigt, dass es kurz nach Regen immer wieder Sonne kommt. So passiert es auch, das Restaurant hat offen, bestelle mir einen Tee und zwei Empanadas de Machas con Queso und quatsche mit Mauricio, einem Fischer, waehrend meine Sachen weit verstreut im Raum auf den Stuehlen haengen und versuchen zu trocknen. Draussen schaukeln die Boote und spaerrlichen Haeusschen der Fischer weiter im Sturm, langsam doch verziehen sich die Wolken und die ersten Sonnenstrahlen fluten den Strand. Menschen kommen ueberall aus allen Winkeln, die jotes mit den schwarzen und roten Koepfen sind auch wieder da, gaviotas nehmen die Brandung wieder ein und ich renne nach drei Stunden mit einer Einladung zum Fischen zurueck und stelle mein Zelt wieder auf. Da sind sie, nach dem Regen mit der Sonne, gigantische Pferdebremsen, die tábanos – sie sind ueberall, schwirren orientierungslos um mich herum, landen, fliegen wieder los, stechen ein wenig, nerven gigantisch.pek Der Tag ist trotzdem schoen, gucke den Fischern zu wie sie Touristen wie Vieh in ihre Boote laden, ulkig – wie der Tourist das geniesst wie der letzte Depp behandelt zu werden nur damit seine Lederschuhe nicht feucht werden, in diesem Moment beschliesse ich nicht zu den Pinguinen zu fahren sondern warten werde bis sie zu mir kommen – machen dann am naechsten Tag auch drei – bestens! Stromer zwei Tage am Strand herum und bewundere das Treiben, traeume auf den Felsen und esse Empanadas im “El Rincon”, einen mercado gibts nicht. Beobachte einen dicken weissen Vogel auf einem Felsen im Wasser. Versuche ihn besser zu erkennen, laufe nervoes hin und her, er sieht mich nicht. Nehme einen Stein und will nach ihm werfen, vieleicht faellt mir kein anderer Weg ein mit ihm zu kommunizieren, besinne mich aber doch eines Besseren und lasse den Stein in der Gischt verschwinden – Menschen kommen hin und wieder auf seltsame Ideen! Viele lustige Tiere springen hier herum, am besten ist aber das Korallenriff, dass waehrend der Ebbe vom Wasser freigegeben wird.p Es ist gruen, kleine Pfuetzen und rote Muender die zu einer lautlosen Musik Wasserfontaenen ueberall in alle Richtungen bis zu zwanzig Zentimeter in die Hoehe spucken. Mittlerweile habe ich neue Zeltnachbarn, eine voellig verbloedete Familie, der Vater stellt bescheuerte Fragen und tut den ganzen Tag dumm, alle lachen – so ein Clown!, wie sehne ich mich nach den netten Mormonen zurueck. Am Ende wuerdige ich dem Treiben kein Blick mehr, aergere mich ein wenig, dass ich Mauricios Einladung zum Fischen verschlafe und mache mich mit ausreichend Empanandas ausgestattet auf den Weg nach Sueden, immer der Kueste entlang, ueber Duhatao nach Chepu.

Keine Ahnung wie weit das ist, die Leute in Puñihuil haben mir nur Zeitangaben gemacht, fuenf Stunden, keiner wusste von welchem Punkt ueberhaupt. Die ersten vier Stunden geht es einen Schotterweg entlang, immer direkt fuer die liebe Sonne sichtbar, hoch-runter, immer drei bis zehn tábanos um mich herum, die scheinen sicher stellen zu wollen, dass ich mich nicht von der Insel herrunterverlaufe. Es ist anstregend, fuchtel hin und wieder mit den Armen in der Luft herum in der Hoffnung den einen oder anderen zu erwischen – rein psychologisch wichtig. Doch es fordert manchmal mehr Kraft diese Biester zu erwischen als den Rucksack zu schleppen, werde unkonzentriert vor Anstrengung, schlage bei den Versuchen mich zu befreien manchmal fast selber. So schleppe ich mich von Bach zu Bach bis nach Duhatao und kaufe bei einem etwas wortstutzigen Bauern eine Pepsi. Dann weiter, den Flusslauf entlang bis zum Meer, ein gigantisches flaches Delta empfaengt mich, die Wellen schwappern 500 Meter ins Land hinein. Schmeisse meinen Rucksack auf die Steine und besuche ein Maedel auf einem verlassenen Campingplatz. Sie scheint fuer den Geistertanz verantwortlich, verkauft artesania queso, Riegel und selbstgestrickte Muetzen und Socken – im Sommer. Ich sage ihr, dass mir ihre gestrickten Sachen gefallen – sie laechelt. Eigentlich finde ich die Wollsachen nicht wirklich schoen, aber mein Inneres will etwas nettes sagen, sie tut mir ein wenig Leid, und in diesem Sinne find ich das Zeug auch wirklich gut. Quatsch noch ein wenig mit ihr, kaufe ihr alle Schokoriegel und ein wenig Kaese ab und streife den sendero weiter der jetzt zu einem kleinen Trampelpfad Richtung Kueste wird, immer hoeher, immer spektakulaerer. Renne schneller, wie im Rausch, der Rucksack faengt an zu schmerzen, meine Beine werden langsam taub. Ganz oben auf den Klippen fuehrt ploetzlich der Weg runter, rein in das tosende Wasser – werde etwas manisch, verrueckt, chaotisch, mein Geist dreht frei – vor Anstrengung, Sprachlosigkeit ob dieser maechtigen Kraft zusammentreffender Wellen und vulkanischen Klippen – springe herum, schreie – bin gluecklich! Springe durch die Hoehlen, kletter zur naechsten Bucht und fuehle mich frei, so nahe der menschlichen Natur. Doch die Sonne draengt. Laufe weiter bis ich, etwas schwindelig vor Anstrengung und Kraftlosigkeit, ganz oben auf einem Felsen in die Bucht von Chepu gucken kann – sagenhaft – ein endloser Strand, Wellen die bis zum Land zehn Mal brechen, eine schwelende Gischtwolke ueber dem Szenario. snIch schreie vor Glueck dem Paradis entgegen, laufe schneller ueber die letzten beiden Steigungen und falle mehr oder weniger 300m wieder runter durch die Farne auf den Meeresspiegel. Die Wellen bilden eine unueberwindbare Wand. Die Duenen sind endlos und die Sonne geht hinter einem kuchenaehnlichen Felsdrops unter – die letzten Strahlen fluten durch einen der vielen Tunnel.
Suche nach einem Platz zum Schlafen, nicht wieder den romantischen Platz mit endlosem Ausblick. Entscheide mich fuer eine der beiden grossen Hoehlen in den Felswaenden. Ein etwas seltsam anmutender Holzspeer haengt von der Decke, in der anderen war die Asche noch heiss. Mache mir noch einen Tee und schluepfe in meinen Schlafsack. Doch es wird schlaflos. Die Wellen donnern, das Echo in der Hoehle und der Wand ueber mir, es ist dunkel, es beginnt wieder zu winden. Die autoreifengrossen Blaetter der umliegenden Straecher rascheln, das Wasser steigt erneut. Das erste Mal, dass ich Angst bekomme, der Speer von der Hoehlendecke rueckt naeher, das Wasser droehnt, Sturm kommt auf und treibt die Spritzer der umschlagenden Wellen bis in die Hoehle an mein Zelt. Auf einer Seite reissen sich die Heringe wieder aus dem Strandsand, also wieder raus in Unterhose. Versuche alle Leinen mit Steinen zu beschweren – mich gruselt vor dem was ich unter den Steinen finden koennte, bilde mir Schritte ein, eine Person die die Urwaldblaetter zur Seite biegt – durch sie springt. Es faellt mir schwer ruhig zu bleiben, Filme geistern durch den Kopf, die Sagen und Mythen der Insel sind ploezlich wieder da. Liege angsterfuellt bis in die fruehen Morgenstunden zusammengekauert im Zelt, kann mein Geist nicht davon abhalten zu horchen und zu spinnen – der Verstand hat keine Chance mehr. Irgendwann fallen mir dann doch erschoepft die Augen zu.

Morgens will ich nur noch weg, packe meine Sachen und streune den Strand entlang Richtung Flussdelta des Rio Butalcure und treffe dort die beiden Mormonen aus Puñihuil wieder die Versuchen mit auf Ananaskonservenbuechsen gerollter Sehne und einem Harken zu angeln. Wird natuerlich nichts und ich fahr mit den beiden zurueck nach Ancud, nehme einen direkten Bus nach Castro, des Hauptortes auf Chiloé, und dann gleich weiter von dort an die Westkueste nach Cucao. Der Bus haelt in Huillinco wegen einer Beerdigung. Denke, dass der Fahrer aus Respekt vor der Prozession nicht an der Kirche vorbeiknattert und lehne mich entspannt zurueck, die Sonne geht bereits unter und meine einzige Sorge gilt einem gratis Schlafplatz der immer schwer in der Dunkelheit zu finden ist weil man sich dauernd in Zaeunen wiedefindet. Kurze Zeit spaeter merke ich aber, dass der Fahrer nur die ganzen Gaeste einsacken will und bin etwas genervt. img_0529Bei Anbruch der Dunkelheit geht es dann weiter und ich muss mich mit zwei Chilenen in Cucao einen dunklen Weg in die schier endlosen Duenen entlangstasten. Schlussendlich stehen die Zelte, in der Ferne begleitet mich das Rauschen der Wellen in meine Traeume.
Die naechsten Tage verbringe ich auf dem Zeltplatz am Lago Huillinco um etwas zu entspannen. Lagerfeuer mit sechs Maedels, warme Dusche und eine gerade Flaeche fuer mein Zelt – es ist toll! Die Nachbarn wechseln, verbringe zwei Abende mit einem supernetten chilenischen Paar und quatsche mit einem Deutschen der durch Chile und Argentinien mit dem Motorrad duest. Der Ort ist mittlerweile fast jeden Abend in dicken Nebel gehuellt. Er umstreicht die spaerrlichen Holzhaeschen, daemmt den Laerm der hin und wieder vorbeischlendernden Autos, fast jede Geraeuschquelle scheint in sich in sich selber zu verschlucken – eine fantastische Suppe!
Am Mittwoch, dem vorletzten Abend, tauchen Michael, ein etwas verrueckter aber wunderbarer Schweizer, und Juliana neben mir auf. Wir verbringen die letzte Zeit auf der Insel miteinander, treffen uns Donnerstag unten in Quellón am Hafen wieder nachdem ich den etwas abstrakten Preis von einem Zimmer in einem Hotel von 12.000 Pesos auf 4.000 runtergehandelt habe, da ich wenig Lust darauf habe mitten in der Nacht aus dem Zelt zu kriechen um die Faehre um acht Uhr morgens am Freitag nach Chaitén zu bekommen. img_055721Die bescheuerten Europaeer stehen dann am Freitag auch neunzig Minuten vor angekuendigter Abfahrt am Hafen und stellen fest, dass das Schiff entgegen allen Ankuendigungen erst vier Stunden spaeter sich auf den Weg machen soll. Mehr als fuenf Stunden spaeter werden dann endlich der Anker eingeholt und ich krabbel aus Michaels Suzuki an Deck der Don Baldo, suche mir ein Platz zwischen den fast leeren blauen Sitzreihen der Faehre, verabschiede mich von den tábanos die mich auch die letzten Tage pausenlos begleitet haben und versuche zu schlafen – ich glaube nun nicht mehr an die angekuendigten fuenf Stunden Fahrzeit.

 

 
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