Eine Reise ueber ein Kontinent ist immer eine Reise durch die Natur, oder was von ihr noch uebrig ist, aber in aller erster Linie eine Reise durch die Lebensumstaende der Menschen, die die Natur dafuer geisseln. Das Gruen in Sued Amerika ist, falls nicht gerade eine Wueste anstatt dessen selbstzufrieden in der Landschaft liegt, noch fast ueberall praesent, und wohl unter anderem deshalb auch die Menschen in einer signifikant anderen Art und Weise als ich es aus Europa gewohnt bin, oder besser, Europa es mir angewoehnt hat. Zumeist praegt hier die Natur noch den Menschen und nicht im umgekehrten Wege.
Nach unzaehligen Generationen kriegerischer Auseinandersetzungen bestimmen politische Grenzen wirtschaftliche und soziale Schicksaale – Luiz Inacio Lula da Silvas Vision eines Pan-Suedamerikanisches Staatenbund gegen die Nord Amerikanische politische, oekonomische und kulturelle Hegemonie scheint in weiter Ferne. Die Laender koennen sich ein friedliches Neben- und miteinander oekonomisch noch nicht leisten. Die Machtapperate sind zu zersetzt von Korruption und Guenstlingswirtschaft, als dass ein politischer Prozess oekonomisch, oder anders herum, auf den Weg gebracht werden koennte.
Die Menschen stellen sich hier andere Fragen. Viele Chilenen und Argentinier die ich getroffen habe suchen nach ihrer eigenen Philosophie, losgeloest von der allgegenwertigkeit Europaeischer Geschichte – einer neuen Sued Amerikanischen. Sie wollen frei sein und sind es oft. Einige die ich getroffen habe leben ihre Version von Freiheit so unverkrampft und weit ab von gesellschaftlichen stereotypen Bildern, man denke nur an das des Hippies, dass es mir das Herz erwaermt. Mit der Grenzueberquerung von Chile nach Bolivien bin ich in den zweiten Teil meiner Reise eingetreten. Alles hat sich umgekehrt, die Menschen sich veraendert, die Lebensumstaende verschlechtert. Das Leben ist so schwer wie einfach in Bolivien und Peru. Es ist runtergekocht auf die Grundbeduerfnisse - Essen, ein Dach ueber dem Kopf, Familie – oder anders, es konnte nie aufgekocht werden. Viele Menschen in diesen beiden Laendern, die nicht an absoluter Armut leben, sich also ernaehren koennen und eine kleine Huette haben und sich irgendwo die Haende wundarbeiten oder augenscheinlich nichts tun, erscheinen mir gluecklich. Das Lebens stellt keine Fragen, es ist einspurig, man muss nur aufpassen und die Kurven richtig nehmen. Viele einfache Maenner sind Ueberlebenskuenstler fuer sich und ihre Familie, und doch hat die aus oekonomischen Rahmenbedingungen Bildung nie ihren Horizont erweitert. Das genuegt hier, keiner verlangt von ihnen mehr. Intellektuell sind oft kleine Jungen geblieben, das Bildungssystem transportiert keine Inititative, es transportiert Imitation. Und da der Sued Amerikanische Charakter ein anderer als der Chinesische ist, kommt ein ziemliches Schlamassel dabei heraus.
Je aermer die Laender werden, umso mehr sind all die Touristen wieder unter sich. Laengere Gespraeche mit den Einheimischen werden seltener, solche mit tieferem Sinn verschwinden fast ganz. So sehe ich die liebe und herzensgute Menschen vor der Einfalt kapitulieren, sich dabei schlecht fuehlen und wieder anderen Reisenden zuwenden um wieder Gespraeche fuehren zu koennen die sie ausfuellen - Leben kehrt in die Gesichter zurueck. Der Schritt weg vom Reisetourismus, wirklich rein in die Gesellschaft, scheint mir fuer mich fast unmoeglich. Im Sueden hingegen sitzen Reisende mit Chilenen und Argentiniern gleichberechtigt gegenueber. Sie reden miteinander, fuellen sich auf, sind gespannt aufeinander. Geld spielt fast immer trotz der relativen Armut in vielen Gebieten nie eine Rolle und so helfen viele Reisende wo sie nur koennen – leben zusammen mit den Einheimischen. Ich will zurueck in den Argentinisch-Chilenischen Sommer! Das alles ist hier in Bolivien und Peru fast undenkbar. Die Konstellation des armen locals und der reichen Reisenden wird so gut wie nie komplett aufgebrochen. Der erstere sieht in letzter Konsequenz aus der Not oder aus Gewohnheit heraus die schier unendliche Kreditkarte des Menschen von irgendwo anders her. Sie haben keine Ahnung von dem Leben jenseits eines sehr kleinen Horizontes, selbst Gebildete. Das uebersteigert und verzerrt das Bild des Reisenden, jenes was er sich selber gibt und jenes, welches ihm von den Einheimischen gegeben wird - und beide umwabern einander bis zur kompletten Unkenntlichkeit – wird zur trennenden Mauer. Mir scheint, aus diesem Grund gibt es hier selten ein Miteinander von Reisenden und Einheimischen, es gibt ein Fuereinander – keine Frage, aber das erstere gehoert fuer mich essentiell zu einer gesunden Sozialstruktur dazu. So werde ich in Ollaguee wieder zum Fremden, die Rolle die ich im Sueden so genossen habe abgelegen zu koennen.
So will ich wieder zurueck. Habe gerade genug von beknackten Pop “te amo” Texten, habe genug von der Ahnungslosigkeit, von den vielen kleinen Luegen, von dem religioesen Fanatismus. Ich freu mich gerade riesig auf zielloses irren in einer Gesellschaft die so abstrakte und ueberfluessige Fragen wie die nach dem Sinn des Lebens stellt. Zurueck in eine Gesellschaft die abstrakt lebt und schafft, abstrakt denkt und sich dabei oft selbst verliert, weil sie alles hat, und all das in ihrer Musik zum Ausdruck bringt. Ich will zurueck in eine Umgebung die mir es erlaubt mich selbst zu verlieren, und das nicht nur physisch im Dschungel. Ich will zurueck in eine Umgebung in der meine Gedanken sich im Kreis drehen, immer wirre Windungen nehmen bis ich am Ende manchmal nicht mehr weiss ob das alles einen Sinn ergibt oder ich mich in ihnen verloren habe. Ich will zurueck in eine Gesellschaft, die sich anderen Fanatismen hingibt als “dios es mi amor“, “dios, te amo” oder “dios es amor“. Ich will zurueck in eine Gesellschaft, die mich ueberfordert, verwirrt und dadurch wach und am Leben haelt.
Und ich will zurueck in eine Gesellschaft, die mir all dies hier ermoeglicht, ich will die Moeglichkeit haben, jederzeit zurueckkehren zu koennen, in all die kleinen Paradise hier, die ich aber wohl nur als solche wahrnehme, wenn ich die Chance habe an den Ort zurueck zu gehen, an dem ich wieder von dem hier und jetzt traeumen kann, mein Fernweh wieder angestachelt wird – ich will nach Mexiko, Nepal, Indien, Australien, Neuseeland, Vietnam, und, und nach Patagonien. Ich geniesse die letzten Wochen hier unheimlich, ich geniesse Sued Amerika, jedes Land auf seine Weise, aber immer in dem Wissen, dass ich wieder mit dem Fahrrad von Friedrichshain auf der Oberbaumbruecke ueber die Spree fahren kann – meinem anderen Leben entgegen.
Naechsten Morgen 5:00 Uhr hoere ich zum Glueck den Wecker und renne zum Bus nach Ollaguee, steige in den falschen ein, bezahle nochmal die 5000 Pesos und lehne mich neben einem in Wolldecken eingehuellten alten Mann zurueck. Die Fahrt ist mit Worten nicht zu beschreiben, an Salzseen und deren kleinen Doerfern vorbei, Schluchten, weite braeunliche Felder, vicuñas und am Horizont Berge und Vulkane von 6000 Meter Hoehe. Versinke wieder in der Landschaft mit Musik, Mono’s “You are there” Album laesst mich in diesem Rumpelbus fliegen, die Weite der Landschaft, die nicht zu greifende Groesse jagt mir einen Schauer nach dem naechsten ueber den Ruecken und atemlos ob meiner Position irgendwo zwischen Chile und Bolivien starre ich aus dem Fenster. Der Holperweg fuehrt nach Ollaguee, einer kleinen verlassenen Bahnarbeiterstadt auf ueber 4000 Meter an der Grenze zu Bolivien. Die Chilenischen Grenzformalitaeten laufen ohne Probleme – doch dann kommt Bolivien! In Bolivien ist alles moeglich, Lektion eins.
Der Typ in seiner Huette hat noch nicht vergessen, dass die Chilenen den Bolivianern den Zugang zum Meer genommen haben. So hat hier jedes Land mit dem anderen so seine Spielereien, die im Gegensatz zu Europa hier aber offen zu Tage treten. Argentinien mag Chile nicht, Chile Argentinien nicht, Peru mag Chile nicht, Bolivien mag Chile nicht und Chile guckt wegen des Chaos in beiden Laendern etwas laechelnd auf die beiden hinab – zum Glueck denken die Menschen in den Laendern da etwas entspannter, auch wenn hier in Bolivien alles etwas anders zu sein scheint, ich bin gespannt.
Wir machen uns auf die Suche nach Moeglichkeiten die Touritouren auf den Salar zu umgehen. Tausende Fragen und am Abend gibt es die Supersonderangebote, doch nach zwei weiteren Agenturen wird klar, dass alle zu einer bestimmten Zeit den Preis um 20 Bolis senken – so ein Quatsch! Also entscheiden wir uns den Bus nach Colcha”K” zu nehmen, der nach Robertos Informationen direkt ueber den Salar nach Sueden faehrt. Preis ausgehandelt, und schon stehen wir naechsten Morgen im lokalen fuenf Sterne Bus nach Colcha”K”, es gab keine Sitzplaetze mehr. Das Gefaehrt rast mit 20km/h los und wir brauchen fuer die zwanzig Kilometer zur Rampe auf den Salar de Uyuni eine Ewigkeit. Kurzer Stopp an den artesania Staenden und dann faehrt diese Schaukel doch tatsaechlich auf den Salzsee – nichts ist mehr zu sehen, selbst mit Sonnenbrille faellt es schwer. Irgendwann, als wir in der Ferne das Salzhotel erahnen haelt der Fahrer fuer uns an und wir tappen mit den FlipFlops raus auf Salz – ins Nirgendwo. Ueberall weiss, renne barfuss um mein Wunde von El Bolsón zu heilen und bewundere das Wetterspiel, auf einer Seite ist alles schwarz, auf der anderen blauer Himmel. Der Bus verschwindet am Horizont und wir dallern los, irgendwie zu diesem dunklen Punkt am Horizont der sich wegen der Entfernung spiegelt und das Salzhotel sein soll. Ist es dann auch. Dort angekommen machen wir ein paar Bilder und quatschen mit den Leuten der Touren um eine Mitfahrgelegenheit zurueck nach Uyuni zu finden – doch nichts, alle fahren in die andere Richtung. Die dunkle Front aus Richtung der Berge kommt naeher und es faengt an zu stuermen und zu regnen – trampen auf dem Salzsee – es stellt sich als sehr schwierig heraus. Zwei Jeeps passieren das Hotel, aber ungefaehr 500 Meter entfernt. So rennen wir hin und her zwischen den Jeeps und bald geht nichts mehr, die Hoehe ist einfach zu schlauchend. Ploetzlich taucht ein grosser Bus am weissen Horizont auf der aehnlich dem mit dem wir gekommen waren zu sein scheint. Wir mobilisieren alle Kraefte und rennen wieder wild winkend und prustend ueber das Salz – doch nichts, der Fahrer faehrt vorbei, keine Ahnung ob der uns nicht gesehen hat oder es ihm egal war, dicht genug drann waren wir.
Aber in Bolivien ist alles moeglich, Lektion zwei. Es wird langsam kalt. Unendliche Momente spaeter taucht wieder ein Jeep auf, zwei, drei und sie zielen nach unserem Ermessen nach genau auf uns – Hoffnung. Nervoes laufen wir hin und fangen an die Fahrer zu bequatschen was wieder nicht viel hilft. Als aber die Touristen merken worum es geht und es geht alles glatt. Die verrueckten Kanadier, die wir schon in Uyuni an DEM Touristentreffpunkt ueberhaupt getroffen haben, dem Geldautomaten, springen aus dem zweiten Jeep, zuecken ihre Zigaretten und grinsen uns an, eine Schwerinerin die mir schon in San Pedro de Atacama ueber den Weg gelaufen ist huepft aus dem ersten und wilde Gespraeche starten. Am Ende nuetzt mir das erste Mal auf der Reise mein Englisch mehr als das Spanisch und Pamela und Roberto stehen daneben und laecheln, sie verstehen fast nichts. Verwirrt rennen die beiden mir hinterher, auch mal schoen, und ich setze Pamela in den ersten, Roberto in den zweiten und mich in den letzten Jeep – los ging die Fahrt Richtung Uyuni. Wir hatten Glueck, denn wegen des Wetters hatten sie die Touranbieter gebeten erst zur Isla del Pescado zu fahren und dann zum Hotel, nicht anders herum wie sonst ueblich, nur so konnten wir sie um diese Zeit erwischen, sonst waeren sie wahrscheinlich auch am Horizont an uns vorbei gerauscht.
Pamela hatte das beste Auto erwischt – die Kanadier, bei mir geht es eher ruhig zu. Erfahre was es mir der Tour auf sich hat, die wir schon an der Grenze zu Bolivien mit ihrem gigantischen Truck gesehen hatten. Es ist moeglich acht Monate ueber den Kontinent zu fahren, man kann rauf und runter huepfen wo und wie man will und bezahlt dann nur die entsprechende Zeit. In Uyuni angekommen geben wir den Fahrern noch Trinkgeld und sind jeder fuer 25 Bolis anstatt der ueblichen 150 auf dem Salar gewesen – toll!
Montag Abend sitz ich also im Bus nach Chañaral, welch Unterschied in meinem Atacama VIP Bus zu der Schaukel von Osorno nach Santiago. Der Preis ist pro Kilometer sogar niedriger - verstehe wer will. Vieleicht weil ich mir vor dem einschlafen Rambo I anschaun muss und mit den Jungelscenario in Burma gleich weiche Knie fuer meine Plaene in Bolivien, Peru und Ecudaor bekomme – so ein Schwachsinn! Dann darf ich doch endlich schlafen und als ich Dienstag meine Augen oeffne saust der Bus durch die Wueste – alles trocken, Steine, Fels und Steinfelshuegel und hier und da mal ein paar Straeucher. Das Gebiet ist hauptsaechlich wegen den Kupferminen besiedelt welche zum grossen Teil fuer den Wohlstand im Land verantwortlich sind. Mittags um eins komm ich dann endlich in Chañaral an und stelle fest, dass ich mich nicht um mein Geld gekuemmert habe, es herrscht Ebbe und kein verdammter ATM in Sicht der meine VISA Karte mag. So kann ich mir den Parque Nacional Pan de Azucar wohl klemmen, kaufe mit dem restlichen Geld noch ein Ticket fuer die naechste Nacht nach Calama, also weiter nach Norden. Nach trampen ist mir nicht wirklich - zu wenig Wasser. Steige noch auf die nahegelegenen Huegel um bessere Aussicht ueber die Kuestenfelsen, den unendlichen Strand und die verstaubten Holz- und Lehmhuetten zu haben und darf von meinem Aussichtspunkt beobachten wie sich ein Typ mit Sonnenbrille an meinem Rucksack zu schaffen macht: “¡Ey chico!” – zerfetze mir meinen Flip-Flop beim Abstieg und kann mir irgendein Gestammel von dem Typen anhoeren. Zum Glueck hat der nicht viel geblickt sonst haetter er wohl sehen koennen, dass ich mit meinen Latschen keine Bergziege bin - jetzt haelt eine Sicherheitsnadel die linke Gummisohle zusammen.
Der Bus quaelt sich den Berg hoch und wieder runter – schoen langsam, unzaehlige Reifen am Strassenrand die von der Sonneneinstrahlung schon fast aufgeloest sind, lassen erahnen warum. Der Ort ist eine Oase mit rund 2000 Einwohnern, moeglich durch einen Fluss der vom Altiplano im Nordosten runterkommt. Ueber San Pedro tronen bis zu 6000 Meter hohe Gipfel und der Volcán Licancabur mit seinen 5950 Metern. Der Ort selber liegt auf rund 2500 Metern, aber die nahen Berge scheinen nur einen Katzensprung entfernt und hoechstens 2000 Meter hoeher als der Ort. Doch die duenne Luft laesst die Wahrnehmung verschwimmen. Fast jeden Nachmittag ziehen Wolken von der Kueste kommend ueber den Ort und setzen sich am Hochland fest, schaffen ein einzigartiges Szenario - die Lehmhuetten scheinen in der Abendsonne zu brennen doch ueber dem Ort haengen magisch die dunklen Wolken. Die Wueste selbst ist eine Unendlichkeit von Steinen, Lehm, Schotter- und Salzfeldern und ausserirdischen Fels- und Lehmformationen. Valle de la Luna und Valle de la Muerte sind zwei Beispiele verrueckter Dali’scher Landschaftsvisionen die hier auf ihre Wirklichkeit treffen.
Durch die Hoehe fuehlen sich vier Schlucke Wein an wie eine ganze Flasche und nach denen kann ich ich sie dann doch ueberzeugen, dass da grad kein Platz in meinem Zelt ist und sie verabschiedet sich mit einem gelallten “Fuck you!”. Keine Ahnung wie sie das meinte. Am naechsten Morgen leihe ich mir ein Fahrrad und radel durch die Wueste. Leider habe ich zu wenig Wasser mit und so wird eine Orange eines Chilenen die ich zufaellig im Nirgendwo treffe ein sehr willkommener Notnagel. Zwischendurch strampel ich dann auf einer Hochebene durch immer wechselne Felsformationen ueber den teilweise sandigen doch zum Glueck meist recht festen Lehmboden. Yawning Man auf den Ohren romantisiert meine Fahrt durch die Sonne zusaetzlich, Wassermensch ohne Wasser faehrt durch wasserlose leblose Landschaft mit einem Erzeugnis der Moderne auf den Ohren - bizarr. Nur als zum Schluss ich arg durstig werde und die letzten Kilometer auf der Strasse in 2800 Meter Hoehe sich schrecklich lang ziehen, wirken die klimpernden und verzerrten Wuestenriffs in die entgegengesetzte Richtung und ich wechsel schnell zu The Doors. Nach rund 45 Kilometer Wueste, inklusive einem kleinem orientierungslosen Seitentripp komme ich dann wieder in San Pedro an stuerze ausgetrocknet in die erste tienda – Apfelsaft! – so sind der Freiheit natuerliche Grenzen gesetzt. 
Halte mich weit abseits und quatsche mit einer Muenchnerin, die ich oben in den Pools getroffen habe. Es ist nur peinlich und ich sehe mich in meiner Haltung gegenueber solch Touren bestaerkt – wie im Zoo – ich hasse es! Auf dem Weg nach San Pedro nehmen wir noch eine alte Indiodame trampender Weise mit und sind nun zu viert auf dem Ruecksitz und ich kann noch kurz im uralten Kaktuswald in der Naehe von Guatin einen riesigen cordón umarmen. Zurueck in San Pedro weiss ich nicht, was mir jetzt mehr gebracht hat, die Tagestour oder meine Nadelarbeit am Vortag. Tendiere doch stark zum Letzteren.
Am naechsten Morgen geht es dann los. Ab nach Entre Lagos, stuerze in einen Supermarkt und kaufe alles ein was mir in die Finger geraet und halbwegs sinnvoll fuer eine Wanderung ist: Salami, Tuetensuppen, Honig, Broetchen, Schokolade, Tunfisch, Nudeln, Nuesse und so weiter, da ich wieder drei Chilenen fragend fuenf verschiedene Abfahrtszeiten fuer den Bus bekommen habe. Eigentlich wollte ich den Trek alleine machen, doch schon im Bus wird klar, das es nichts wird. Dieser ist so voll, dass ich neben dem Fahrer auf tausenden Taschen in der Windschutzscheibe sitze und mir die Sonne waehrend der rasanten Fahrt auf den Bauch scheinen lasse. Am Ende bleiben drei Israelis, es sollten viel mehr werden, und zwei Daenen uebrig. Wieder geht es ueber tausend Meter mit vollem Gepaeck den Berg hoch. Treffe auf den letzten Metern Jason wieder. Oben angekommen dauert das Kochen bis spaet in die Nacht. Ploetzlich hoer ich mich irgendwas schrein, renne um das Zelt der schlafenden Daenen und starre unglaeubig zum Himmel, der Zeigefinger meiner rechten Hand sticht Loecher in den sternenklaren Himmel: “Meteroid, aehh Asteroid aehh whatever…!”.
Egal wie es hiess alle sahen es denn der komplette Berg ist hell erleuchtet und ein gigantischer Meteroid dringt in die Atmosphaere ein und zieht einen unendlichen Schweif aus Licht und Rauch hinter sich her. Vorne ist es ein kleiner schwarzer Punkt der von einem Feuerwirbel umgeben ist. Wenig spaeter ist er verglueht doch alle starren immer noch an die Stelle neben dem Vulkan an der nur noch ein Rauchfaden Zeugnis der Ereignisses ist. Entrueckt setzen sich langsam alle wieder auf die Holzbaenke und quasseln wild durcheinander. Die nunmehr schon acht Israelis sprechen nur noch Hebraeisch, nun versteh ich nichts mehr. Verzaubert lege ich mich wenig spaeter in mein Zelt und versinke in tiefem Schlaf.
Der naechste Tag ist wolkig und ich beeile mich mein Zelt einzupacken und mit Jogef, auch einem Israeli, auf den Vulkan zu klettern. Es wird immer stuermischer und oben angekommen fliegt uns das leichte Vulkangestein um die Ohren – Schmerzen. Ein Blick ueber den Kraterrand ist kaum moeglich, auch mit Sonnenbrillen verkriechen wir uns hinter kleinen Steinen, machen vorsichtige Schritte, denn jeder weite traegt mich einen Meter seitwaerts. Das Wetter erlaubt noch einen Blick ueber die kleine Wueste am Fusse des Vulkans, Sandduenen und erstarrte schwarze Lavafluesse praegen das Bild. Doch schnell wieder runter denn die Wolken fallen. Das Wetter laesst es nicht zu, dass wir zu den heissen Quellen weitergehen, so stolper ich mit meinem Rucksack wieder zurueck zum Refugio und verbringe die naechste Nacht am Ofen im Holzhaus. Das Wetter wird auch die naechsten Tage nicht sonderlich besser, trotzdem entscheiden ich mich mit Martin, einem Schweizer, und Charlotte und Ulrich, den beiden Daenen, einen tastenden Versuch durch den andauernden Nebel am Fusse des Vulkankegels zu wagen. Er glueckt, und nach fuenf Stunden kommen wir bei den nach faulen Eiern stickenden heissen Quellen an. Alles ist nur noch Wueste und ich stelle mein Zelt gekonnt zwischen die Pferdescheisse der cabagatas. Am naechsten Tag rennen wir diesmal ohne Rucksack vorbei an einem fast ausgetrockneten See an dessen Ufer man die schwimmenden Vulkansteinchen rascheln hoeren (“What the hell! – You are stones, you can not swim, did nobody tell you?”) kann zu den Mudpools. Zwei Israelis wollen es richtig wissen und machen uns mit schwefelschlammverkrusteten Schuhen darauf aufmerksam, dass man nicht zu dicht an die Geisiere heran darf, bekloppte Typen – zum Glueck sind sie nicht auf die Idee gekommen ihre Haende in das graue blubbernde Wasser zu stecken! Beim El Tatio im Norden sind schon welche umgekommen, weil sie ihre Nase zu dicht ueber den Kessel gehalten haben. Bei der Rueckkehr am Abend zu den Zelten sind auch die anderen Israelis gekommen und plantschen froehlich schnatternd in den Quellen. Der Himmel reisst doch noch einmal auf und ich klettere in meiner heiss geliebten Lava umher. Charlotte kann nicht aufhoeren sich ueber meine kindliche Begeisterung lustig zu machen.
Es sind schoene Tage in den Bergen, auch wenn das Wetter uns nicht erlaubt den Vulkan noch einmal ohne umherfliegende Steine zu besteigen. Summend steige ich nach fuenf Naechten und sechs Tagen in den Bergen bei stroemendem Regen wieder ins Tal und trampe mit den anderen wieder zurueck nach Entre Lagos. Ein Tempo von 120km/h auf einer Pickupladeflaeche verursacht ne Menge Wind, darum heisst es runter in die Schafskoettel knien und Kopf einziehen. Von Entre Lagos nach Osorno wird es dann doch der Bus. Von Osorno geht es den gleichen Abend mit dem Bus zwoelf Stunden durch die Nacht direkt nach Santiago zurueck zu Matias Eltern. Dort verbringe ich organisierend und entspannend das Wochenende um dann weitere 1000 Kilometer nach Norden in die Atacamawueste zu fahren.
Die Haelfte wurde von den Schlammassen des Flusses mitgerissen, die andere badet in neunzig Zentimeter Asche. Ueberall haengen Protestplakate, die Regierung will den Ort einstampfen, die Leute wollen den Wiederaufbau. Wir dallern von der Don Baldo und rennen ein wenig in der Aschewueste hin und her. Alles wirkt tot, bedrohlich und irgendwie weggetreten. Aschewolken haengen ueber den Haeusern, jede Bewegung wirbelt den weissen Staub auf – es dauert eine ganze Weile bis alles wieder zu Boden sinkt. Das atmen faellt schwer, mein Hals kratzt und die Nase fuehlt sich seltsam an, die Augen brennen. Ploetzlich reisst die Wolkendecke in Richtung der Berge ein wenig auf und der neue gefaehrlich rauchende Vulkankrater zeigt sich – Zeit zu fahren! Wir fahren in die nahe gelegenen Termas El Amarillo und verbringen dort eine verregnete Nacht. Bizarr ist es, mein Zelt steht auf der Vulkanasche, der Himmel oeffnet sich – so pendel ich vom trockenen Zelt – ueber die Asche – durch den Regen – in die heissen Pools der Quellen. Am naechsten Tag geht es weiter im Suzuki, rechts und links der Strasse ist weiterhin alles weiss und die Baeume grau, die Hoefe sind verlassen.
In Villa Santa Lucia huepfen wir aus dem Auto und rein in die einzige Teestube, die auch gleichzeitig als Touristeninformation dient – oder anders herum, keine Ahnung. Draussen regnet es weiter in Stroemen waehrend mich Michael und Juliana noch ein paar Tipps fuer Kolumbien geben. Dann duesen die beiden weiter die Carretera Austral nach Sueden, schade – waere gerne mitgefahren, aber mich zieht es nach Norden. So verbringe ich den Nachmittag vor der Tuer des Papphauses und schluerfe Tee, trampen hat keinen Sinn, es fahren kaum Autos und der Regen prasselt weiter auf das kleine Tal ein. Der einzige Bus Richtung Futaleufú kommt zweieinhalb Stunden zu spaet. Es geht los, Geschlengel durch die Berge, durch La Cabaña nach Osten, biegen in Puerto Ramirez links ab – von jetzt an geht es fuer mich nur noch gen Norden - immer der Sehnsucht des Reisens nach!
Vier Tage der Entspannung – Lagerfeuer, endlose Abende im Rauschen des Flusses – sechs Alleinreisende fuer einen kurzen Moment zusammen – es ist eine irre Mischung. Sam – ein Brite wie er im Buche steht, Jason und Duncan – zwei Amis und Andrea – eine durchgeknallte Deutsche und Marie eine Stewardess als Weltenbuerger. Die Abende werden laenger, Literaturdiskussionen, Filme, Photographie, Sinn, Unsinn, Lachkraempfe auf Chilenischen TetraPack Wein. Nach einer missglueckten verkaterten Wanderung auf der uns die Forstarbeiter zum Glueck am Ende mit ihrem Pickup gerettet haben und einer verrueckten Nacht mit einem Konzert im Lokalstadion vor der Bergkulisse nach der Jason nass im Zelt aufwacht und ich Duncan morgens noch bei den anderen Chilenen antreffe und ihn erinner, dass unser Bus ueber die Grenze in einer Stunde faehrt, ist es Zeit wieder die Zelte abzubrechen und weiterzureisen. Erst recht als ich einen Konterpisco trinkend hoere, dass ein Neuseelaender sich komplett besoffen mit den Chilenen wegen eines Maedels angelegt hat und Duncan ihn gerade noch mit einem Fusstritt retten konnte – anderfalls haetten die ebenfalls betrunkenen Chilenen den Tyen wohl zerlegt. Zur Kroenung dieses Morgens passen wir nicht mehr in den Bus und stehen mit unseren Tickets etwas verdattert in der Morgensonne. Eine wilde Diskussion beginnt mit der Betreiberin in der keiner auch nur annaehrend einen klaren Kopf behalten kann – wie gesagt, es ist Zeit zu gehen! Schlussendlich sitzen wir doch in einem Pickup auf dem Weg zur Grenze und ich kann es kaum erwarten die argentinische Seite zu sehen. Andrea und Sam sind weiter nach Sueden, die Carretera Austral entlang – so sind wir noch noch vier.
Die Kroenung war bisher eine Wanderkarte in Futaleufú die aus einem weissen Blatt, zwei eingezeichneten Bergspitzen, einer blauen Linie die aller Wahrscheinlichkeit nach den Fluss darstellen sollte und einer gruenen gestrichelten Linie irgendwo dazwischen hindurch bestand – entsprechend gross war die Verwirrung, gibt ja schliesslich nicht nur zwei Gipfel in so einem Gebirge. Wir finden dann doch noch einen, muessen aber ins benachbarten Bezahlcamping huepfen um zu duschen, das komplette Waschhaus ist geschlossen. Die Guardaparque macht uns zu allem Uebel noch darauf aufmerksam, dass wir nicht am Ufer des Sees campen koennen, sondern in die dafuer vorgesehenen Stellen hinter der Uferbepflanzung umziehen sollen. Dumm nur, dass es dort so eng und staubig ist, dass jeder freiwillig auf des grossraeumigen Bezahlcamping umzieht. So bleibt es bei einer Tageswanderung auf den naechsten Gipfel, durch “Bambuswaelder ohne Koalas”, auf dem immer noch Unmengen an Asche aus Chaitén zu finden ist, und wir brechen nach einer verregneten Nacht die Zelte wieder ab und machen uns auf den Weg nach El Bolsón.
Nachdem ich in Puerto Montt noch schnell mein Ticket fuer das Schiff am 23.01. von Quellón nach Chaitén eingesackt habe steh ich nun in Ancud, dem zweiten grossen Ort auf Chiloé. Bunte kleine Holzhaeuser ueberall, hat was von Schweden. Auf dem Weg hier herunter wurden die Haueser kleiner, das Wetter kuehler und bewoelkter und die Leute aermer, nicht mehr viel uebrig von dem Glanz in und um Santiago und dem nagelneuen Lack auf den Haeusern in der Naehe von Pucón. Dicke Nebelschwaden ziehen ueber die Bucht und Fischer huschen umher, ich habe den Bus nach Pumallihué schoen verpasst. In die nahe Bucht will ich mich auch nicht legen, die Menschen schaun etwas mistrauischer auf den mit dem Grinsen und dem grossen Rucksack. So daller ich irgendeine Strasse aus dem Ort hinaus in der Hoffnung, dass es die richtige ist und halte nach einem netten Flecken auf den feuchten Wiesen Ausschau. Versuche nicht zu trampen, faehrt gerade sowieso kein Auto. Doch ploetzlich haelt doch eines und eine Frau springt heraus und winkt. ??!!. Also hin und rein in die Kutsche. Erklaere ihr, ihrer Mutter und den zwei Toechtern, dass ich auf dem Weg nach Pumallihué bin. Wie auch alle anderen in Ancud kennen sie den Ort nicht und ich wende die andere Taktik an: “¡Pinguinos!” – das funktioniert. Erst verstehe ich, dass sie mich nur ein paar Kilometer der insgesamt 28 bringen wollen, doch nach einem kurzen Plausch der beiden Frauen dreht die Alte sich um, laechelt mich an und erklaert mir, dass sie das Beste tun wollen, dass ich die Chilenen in bester Erinnerung behalte – und dabei hatte ich schon vorher zum Besten gegeben, dass ich die Chilenen netter finde als die Argentinier – also kein Problem! So rauschen wir den Schotterweg Richtung Pazifik, die Steine knallen an den Unterboden, doch den Maedels scheint es nichts auszumachen. 30 Minuten spaeter steh ich am Strand, es daemmert bereits, und ein paar Erinnerungsfotos spaeter frage ich Eduardo, einen Fischer, ob und wo ich hier zelten kann. Er schickt mich ans andere Ende des Strandes zum Restaurant “El Rincon”, die Frau dort mich dann wiederum den kompletten Weg zurueck, doch dann steht mein Zelt. Quatsche noch bis spaet in die Nacht mit zwei Mormonen, die das andere Zelt neben mir bewohnen und sich ruehrend kuemmern, mir sogar kurz bevor sie sich schlafen legen wollen noch einmal Holz aus den Straeuchern fischen um das Feuer erneut zu entfachen.
Der Tag ist trotzdem schoen, gucke den Fischern zu wie sie Touristen wie Vieh in ihre Boote laden, ulkig – wie der Tourist das geniesst wie der letzte Depp behandelt zu werden nur damit seine Lederschuhe nicht feucht werden, in diesem Moment beschliesse ich nicht zu den Pinguinen zu fahren sondern warten werde bis sie zu mir kommen – machen dann am naechsten Tag auch drei – bestens! Stromer zwei Tage am Strand herum und bewundere das Treiben, traeume auf den Felsen und esse Empanadas im “El Rincon”, einen mercado gibts nicht. Beobachte einen dicken weissen Vogel auf einem Felsen im Wasser. Versuche ihn besser zu erkennen, laufe nervoes hin und her, er sieht mich nicht. Nehme einen Stein und will nach ihm werfen, vieleicht faellt mir kein anderer Weg ein mit ihm zu kommunizieren, besinne mich aber doch eines Besseren und lasse den Stein in der Gischt verschwinden – Menschen kommen hin und wieder auf seltsame Ideen! Viele lustige Tiere springen hier herum, am besten ist aber das Korallenriff, dass waehrend der Ebbe vom Wasser freigegeben wird.
Es ist gruen, kleine Pfuetzen und rote Muender die zu einer lautlosen Musik Wasserfontaenen ueberall in alle Richtungen bis zu zwanzig Zentimeter in die Hoehe spucken. Mittlerweile habe ich neue Zeltnachbarn, eine voellig verbloedete Familie, der Vater stellt bescheuerte Fragen und tut den ganzen Tag dumm, alle lachen – so ein Clown!, wie sehne ich mich nach den netten Mormonen zurueck. Am Ende wuerdige ich dem Treiben kein Blick mehr, aergere mich ein wenig, dass ich Mauricios Einladung zum Fischen verschlafe und mache mich mit ausreichend Empanandas ausgestattet auf den Weg nach Sueden, immer der Kueste entlang, ueber Duhatao nach Chepu.
Ich schreie vor Glueck dem Paradis entgegen, laufe schneller ueber die letzten beiden Steigungen und falle mehr oder weniger 300m wieder runter durch die Farne auf den Meeresspiegel. Die Wellen bilden eine unueberwindbare Wand. Die Duenen sind endlos und die Sonne geht hinter einem kuchenaehnlichen Felsdrops unter – die letzten Strahlen fluten durch einen der vielen Tunnel.
Bei Anbruch der Dunkelheit geht es dann weiter und ich muss mich mit zwei Chilenen in Cucao einen dunklen Weg in die schier endlosen Duenen entlangstasten. Schlussendlich stehen die Zelte, in der Ferne begleitet mich das Rauschen der Wellen in meine Traeume.
Die bescheuerten Europaeer stehen dann am Freitag auch neunzig Minuten vor angekuendigter Abfahrt am Hafen und stellen fest, dass das Schiff entgegen allen Ankuendigungen erst vier Stunden spaeter sich auf den Weg machen soll. Mehr als fuenf Stunden spaeter werden dann endlich der Anker eingeholt und ich krabbel aus Michaels Suzuki an Deck der Don Baldo, suche mir ein Platz zwischen den fast leeren blauen Sitzreihen der Faehre, verabschiede mich von den tábanos die mich auch die letzten Tage pausenlos begleitet haben und versuche zu schlafen – ich glaube nun nicht mehr an die angekuendigten fuenf Stunden Fahrzeit.
Die Zypresse der Guaitecas hemmt meinen Schritt … Es ist eine senkrechte Welt: ein Volk von Voegeln, Massen von Blaettern … Ich stosse an einen Stein, durchwuehle die entdeckte Hoehlung, eine riesige, rotbehaarte Spinne blickt mich an mit starren Augen, reglos, gross wie ein Krebs … Ein goldener Laufkaefer entsendet seinen giften Hauch gegen mich, waehrend wie ein Blitz sein strahlender Regenbogen verschwindet … Weiter laufe ich in einem Wald aus Farnen, die viel hoeher sind als ich: sechzig Traenen fallen aus ihren gruenen kalten Augen auf mein Gesicht, und noch lange zittern ihre Faecher hinter mir … Ein morscher Stamm: welch ein Schatz! … Schwarze und blaue Pilze haben ihm Ohren angehaengt, rote Schmarotzerpflanzen haben ihn mir Robinen besaet, andere traege Pflanzen haben ihm ihre Baerte geliehen, und blitzschnell schiesst aus seinen morschen Eingeweiden eine Schlange hervor wie ein Geist, als entweiche dem toten Stamm die Seele … Weiter entfernt hat sich ein jeder Baum von seinesgleichen getrennt … Sie ragen auf dem Teppich des verschwiegenen Urwalds, und eines jeden Laubwerk, linear, kraus, astreich, lanzenfoermig, besitzt seinen eigenen Stil, wie von einer Schere mit unendlichen Bewegungen geschnitten … Ein Steilhang; unten gleitet durchscheinendes Wasser ueber Granit und Jaspis … Rein wie eine Zitrone, fliegt ein Falter taenzelnd zwischen Wasser und Licht … Neben mir gruessen mit gelben Koepfchen unendliche Pantoffelblueten … Hoch oben, wie Pulsadertropfen des zauberischen Urwalds, schwingen die roten Schlingpflanzen … Die rote Schlingpflanze (Lapageria Rósea) ist die Blume des Bluts, die weisse Schlingpflanze ist die Blume des Schnees … Mit einem Zittern der Blaetter durchbrach die Geschwindigkeit eines Fuchses die Stille, doch die Stille ist das Gesetz des Blaetterreichs … Nur der ferne Schrei eines verstoerten Tiers … Der durchdringende Zwischenruf eines verborgenen Vogels … Die Pflanzenwelt murmelt nur, bis ein Gewitter alle irdische Musik zum Toenen bringt.
Temuco ist eine Kleinstadt 670km suedlich von Santiago am Morgen, quatsche kurz mit den Tankstellenwaertern waehrend ich meine Benzinflasche fuer den Kocher wieder auffuelle. Suche ich mir einen Bus nach Pucón, der Touristenhochburg in den noerdlichen Seen, direkt am Fusse des 2840m hohen Vulcán Villarica. Dort angekommen springe ich erstmal in das glasklare Wasser des Lago Villarica, der Strand ist anthrazit und im Hintergrund tront der weisse Gipfel des Vukans. Auch hier suchen sich Schwule offensichtlich Parks mit vielen kleinen Bueschen, nicht anders kann ich mir erklaeren, dass immer wieder Paare verstohlen ohne zu gruessen hinter mit zwischen den Bueschen verschwinden. Egal, springe noch einmal ins Wasser und mache mich auf zurueck in den Ort, ueber die calle “Holzapfel”, vorbei an der cabaña-Siedlung “Seeblick” und kaufe ein richtiges Vollkornbrot (!) in der panadería “Rostock” und stolpere in den naechsten Bus Richtung Carburgua. Es geht vorbei an einem Hotel “Zum zwoelften Deutschen” den Berg hoch. Der Lago Cargurgua ist schoen, wenn auch der Strand voller Familien mit kleinen Kindern, droehnende Motorboote und posende Jugendliche auf Jetskis, einer setzt sein Gefaehrt wild bruellend auf die Bootrampe, grosse Aufregung folgt, dem Typen ist wohl nix passiert, wuerde mich mal interessieren ob er in Zukunft noch einmal mit den gleichen Brunftschreien ueber den See kachelt. Treffe José und ein paar Maedels, bekomme einen guten Tipp fuer El Bolson (Argentinien) und eine Einladung nach Chiloé. Wenig spaeter klettere ich 10m die Boeschung rauf und kuschel mich in den Schlafsack.
Naechster Morgen: “¿Quieres Kuchen?”-¡No, Gracias!” (pl.: Kuchens, Kuchenes), bin auf dem Weg zum Santuario El Cañi, verhandel mit dem Busfahrer fuer den Weg bis zur Kreuzung, den Rest versuch ich zu trampen. Die ersten 3km passiert nichts, nur Hitze, die Bandurrias picken unbeeindruckt weiter um die Rinder herum, dann nimmt mich Philippe, der ein Restaurant direkt neben dem Park hat, mit. Welch Glueck, denn in der Rezeption ist niemand, lasse also meine Sachen bei Phillipe und mache mich auf dem Weg auf den Berg, ohne eine Vorstellung, wie weit und wie hoch es wohl sein wird.
Ich gehe hoch, die Sonne langsam unter, treffe in Glueck ein Maedel mit einer Karte, ansonsten wuerd ich mich wohl verlaufen. Die Baeume werden hoeher, anders, das Dickicht dichter, das Wasser im Bach weniger. Die Umgebung wird bizarrer, Farne, bambusartige duennblaettrige Pflanzen, eine Reise zurueck durch die Zeit, ueber all zirpende Geraeusche, mit jedem Schritt flitzen die kleinen Eidechsen vom Pfad zurueck in die Buesche, es sind unzaehlige. Ich merke mein Koerper kaum noch, will nur noch an der Laguna Negra irgendwo oben ankommen. Geradeaus, links rechts, hoch, zum Glueck auch mal ein bisschen runter, laufe schneller und merke meinen Rucksack kaum noch. Die ersten Araukarien tauchen auf, bleibe staunend stehen, muss vor Erschoepfung ein wenig bloed grinsen und stampfe weiter. Endlich, das Herz - die Lagune! Schmeisse meine Sachen hin, und will gleich rauf auf den 1550m hohen Mirador der hinter dem Wasser in den Himmel ragt um die drei umliegenden Vulkane, den Lanín (3807m) auf der Argentinischen Seite, den Quetrupillán (2360m) und den Villarica im Sonnenuntergang zu sehen, jedoch macht mein Koerper diese letzten 200m nicht mehr mit und nach den ersten Metern schlapp.
Schleiche geschlagen zur Lagune zurueck und atme Luft aus vergangenen Zeiten, ein paar Eidechsen rennen herum, grosse matapiojos (Libellen) rasen ueber den See, gelb-orange mariposas fuehren ihren Paartanz im Abendlicht auf und eine urige schwarze Spinne guckt mich mistrauisch durch grosse fliegenartige Augen an – angekommen am Nabel der Welt. Am Ufer steht noch ein weiteres Zelt und ein Moskitonetz. Die untergehende Sonne taucht alles in ein sanftes orange und im Wald beginnt ein anderes Leben zu erwachen, die Geraeusche aendern sich langsam. Carpinteros (Spechte) beginnen an den uralten weissen Staemmen herumzuklopfen, von links und rechts, das Pochen klingt mystisch, nicht nur weil es in dem Bergkessel halt, sondern auch weil es ein anderes Instrument zu sein scheint – Klopfzeichen, ein Konzert. Ab und zu tauchen mir unbekannte Geraeusche auf, bin mir nicht sicher ob ich den Puma treffen will. Breite mein Nachtlager direkt am Seeufer aus und bin unfaehig der Szenerie laenger zu folgen, mein Koerper schlaeft ein. Am naechsten Morgen wache ich erschrocken auf, mein Kopf ist wahnsinnig kalt, Nebel zieht ueber das Wasser, es daemmert und mein Schlafsack ist nass von aussen. Der Ort wirkt so unberuehrt, dass ich sogar ein schlechtes Gewissen bekomme meine Kaffeetasse im Wasser auszuspuehlen. Es faellt mir schwer mich von dieser Stille zu trennen, doch meine Sachen liegen unten und spaeter wird keiner mehr im Restaurant sein. Renne noch auf den Mirador und danach den Berg wieder runter. Verpasse leider Philippe und quatsche anstatt dessen ne Weile mit einer Frau im Oekorestaurant – Corona, das einzige “Bier”, kostet 2000 Pesos, teuer, kaufe mir trotzdem eines, so laeuft also Oekotourismus ab – skurril! Anschliessend mach ich mich auf den Rueckweg – eine kurze Bustour, ein Baufahrzeug und ein Geschaeftsmann spaeter steh ich wieder am schwarzen Strand vom Lago Carburgua und falle rueckwaerts in den Sand. Unfaehig vor Muedigkeit das gleissende Licht des Mondes in mein Gemuet scheinen zu lassen nimmt sich mein Koerper seine Pause, ich kann mich nicht wehren.
Bin ueberrascht ueber den ueberall praesenten Deutschen Touch, die ganze Familie, ausser Alejandro der Vater, spricht Deutsch, Kochbuecher auf Deutsch, Grimms Maerchen, Duden und Sprichwoerter. Das ganze Viertel ist gepraegt von der Naehe zu Deutschland, hier ein Aufkleber an einem Auto, dort ein Haufen Deutscher Produkte im Supermarkt, nicht selten verstehe ich alles was die Leute sprechen. Hier scheint es mehr Rothaarige zu geben als bei uns. Die Wohung liegt in einem der neuen Hochhaeuser fuer Besserverdienende in Las Condes in der Naehe der Anden. Wer es sich leisten kann zieht aus der unmittelbaren Zentrumsgegend. Neue Wohn- und Geschaeftshochhaeuser spriessen ueberall aus dem Boden, Hilton-Eingangsbereiche, Swimmingpools, Gelaendewagen, Banken, Hotels. Direkt vor der Tuer liegt die Deutsche “Rauchfreie” und die Arabische Schule. Das Gruen wird jeden Tag automatisch oder in Handarbeit gewaessert, eine Oase inmitten des trockenen Klimas des Tals. Wer hier wohnt hat es geschafft, die alten kleinen Plattenbauten verschwinden langsam, somit auch die Leute die jetzt noch in ihnen wohnen, und somit auch viele Jobperspektiven als Servicekraefte in den Konsumtempeln der pulsierenden Mittelschicht. Chile ist nicht Argentinien, alles schein besser organisiert, sicherer, ein bisschen teurer und der Nationalheld der Befreiung ist ein anderer. Ab jetzt ist es nicht mehr San Martín sondern Bernardo O’Higgins, der mich durch die Staedte und Landschaften begleitet, Strassen, Plaetze und Seen sind nach ihm benannt. Im Sueden gibt es einen See, der auf der Chilenischen Seite O’Higgins und auf der Argentinischen San Martín heisst. Der Tag der Befreiung ist jetzt nicht mehr der 25. Mai sondern der 21., die Orientierung faellt leicht.
Matás Mutter bemueht sich wie immer sehr um das Wohl aller. Er ist ein wenig unruhig, will mehr Party mit den Jungs, mir hingegen gefaellt es sehr gut, die Uhren ticken derzeit fuer mich anders. Zum Feuerwerk fahren wir rauf auf das Dach des 25 stoeckigen Hauses, ein traumhafter Blick, Berge, Haueser und neben uns ein alter Vulkan. Doch es gibt nicht viele Feuerwerke, die Party steigt in Valparaíso an der Kueste. Dahin fahren wir dann nach Mitternacht auch, Partycoche an die Kueste. Es ist eine komische Nacht fuer mich, fuehle mich noch nicht fit, koerperlich und sprachlich. Die Strassen sind voll, voll, voll, ganz Chile scheint hier herumzufeiern, kollektives Besaeufniss, Enge, stinkende Haeuserwaende, ueberall Muell, ueber den Ort von dem schon Pablo Neruda wegen seiner inspirierenden bunten Hangbebauuung geschwaermt hat fegt ein Tornado.
Bei Sonnenaufgang zieht er sich zurueck und hinterlaesst eine Sput der Verwuestung – arme Muellmaenner! Einige Zeit des Herumirrens, ein paar Bier und Maedels spaeter sind wir auf dem Weg zum nahe gelegenen Viña del Mar, der Bettenburg der Kueste. Spanisches Blut ist schon fast krankhaft vernarrt in die Weiblichkeit, keine darf unangequatscht passieren, es ist anstrengend – doch dei Jungs scheinen ihren Spass zu haben. Nach dem letzten Versuch in einer illegalen Bar doch noch die Nacht am Leben zu halten verstecken wir uns unter dem Sonnenschutz am Strand.
Die Familie hat ein grosses Stueck Land 220km suedoestlich von Santiago in der Naehe von Marchigüe, ein Farm mit Pferden und Landwirtschaft die ein paar Bauern erledigen waehrend Alejandro nebenbei noch freiberuflich als Ingenieur taetig ist und damit die letzten Verluste ausgleicht. Das Land ist ein Paradis, neue Stauseen in denen das Wasser von den Bergen ueber den Winter gesammelt wird um im Sommer bewaessern zu koennen, Boldostraeucher und natuerlich Klettpflanzen und stechende Buesche, daran werd ich mich wohl gewoehnen muessen. Das Haus ist ein Traum. Hansi, ein Onkel bereitet mein erstes Chilenisches Asado auf dem Grill zu. Wein, Salat, Fleisch, Musik, Boldotee, schummeriges Licht unter den bewachsenen Vordach, eine Palme, die wie eine Ananas aussieht, ein angenehm kuehler Wind und ein gigantischer Sternenhimmel transportieren mich in eine andere Welt. Renne mit Hut und einem Mapuche-Pocho durch den Garten und atme die Stimmung ein. Am naechsten Tag dallern wir nach Pichilemu, dem 50km enfernten antrazitfarbenen Strand.
Die Wellen sind hier noch kraeftiger als in Viña und floessen mir grossen Respekt ein, der Pazifik ist ein Monster, kalt, tief, unruhig und die Kraft ist schier unendlich! Nach einem Fischessen in dem Kuestenort lege ich mich auch die zweite Nacht wieder mit dem Poncho in die Haengematte im Garten, mein Blick verliert sich in den zwei Galaxien neben der Milchstrasse und ich schlafe seelig ein.