Kosmonaut im Farbsternregen

Ausgedrueckte Eindruecke

“I saved the Kiwi’s life by smashing his face into a pile of Vulcanic Ash” Februar 20, 2009

Abgelegt unter: Tagebuch — Sebastian @ 9:37 pm
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… Doch zu meiner Verwunderung bleibt es bei der versprochenen Fahrzeit. Das Meerwasser faerbt sich je dichter das Schiff an Chaitén tuckert in ein seltsames braun-blau-tuerkis-irgendwas. Gierig steh ich an der Reling und schaue ob der rauchende Vulkankrater zu sehen ist. Der Ort selber ist nur noch ein Schatten seiner selbst. img_05911Die Haelfte wurde von den Schlammassen des Flusses mitgerissen, die andere badet in neunzig Zentimeter Asche. Ueberall haengen Protestplakate, die Regierung will den Ort einstampfen, die Leute wollen den Wiederaufbau. Wir dallern von der Don Baldo und rennen ein wenig in der Aschewueste hin und her. Alles wirkt tot, bedrohlich und irgendwie weggetreten. Aschewolken haengen ueber den Haeusern, jede Bewegung wirbelt den weissen Staub auf – es dauert eine ganze Weile bis alles wieder zu Boden sinkt. Das atmen faellt schwer, mein Hals kratzt und die Nase fuehlt sich seltsam an, die Augen brennen. Ploetzlich reisst die Wolkendecke in Richtung der Berge ein wenig auf und der neue gefaehrlich rauchende Vulkankrater zeigt sich – Zeit zu fahren! Wir fahren in die nahe gelegenen Termas El Amarillo und verbringen dort eine verregnete Nacht. Bizarr ist es, mein Zelt steht auf der Vulkanasche, der Himmel oeffnet sich – so pendel ich vom trockenen Zelt – ueber die Asche – durch den Regen – in die heissen Pools der Quellen. Am naechsten Tag geht es weiter im Suzuki, rechts und links der Strasse ist weiterhin alles weiss und die Baeume grau, die Hoefe sind verlassen.img_0607 In Villa Santa Lucia huepfen wir aus dem Auto und rein in die einzige Teestube, die auch gleichzeitig als Touristeninformation dient – oder anders herum, keine Ahnung. Draussen regnet es weiter in Stroemen waehrend mich Michael und Juliana noch ein paar Tipps fuer Kolumbien geben. Dann duesen die beiden weiter die Carretera Austral nach Sueden, schade – waere gerne mitgefahren, aber mich zieht es nach Norden. So verbringe ich den Nachmittag vor der Tuer des Papphauses und schluerfe Tee, trampen hat keinen Sinn, es fahren kaum Autos und der Regen prasselt weiter auf das kleine Tal ein. Der einzige Bus Richtung Futaleufú kommt zweieinhalb Stunden zu spaet. Es geht los, Geschlengel durch die Berge, durch La Cabaña nach Osten, biegen in Puerto Ramirez links ab – von jetzt an geht es fuer mich nur noch gen Norden - immer der Sehnsucht des Reisens nach!

Nach einer wilden Fahrt wieder hoch in die Berge renne ich mit ein paar anderen durch Futaleufú und suchen nach einer Unterkunft. Schlussendlich geht es dann auf den Campingplatz neben dem tuerkisen Rio Futaleufú – auch hier ist der Boden noch weiss vor Asche. img_0660Vier Tage der Entspannung – Lagerfeuer, endlose Abende im Rauschen des Flusses – sechs Alleinreisende fuer einen kurzen Moment zusammen – es ist eine irre Mischung. Sam – ein Brite wie er im Buche steht, Jason und Duncan – zwei Amis und Andrea – eine durchgeknallte Deutsche und Marie eine Stewardess als Weltenbuerger. Die Abende werden laenger, Literaturdiskussionen, Filme, Photographie, Sinn, Unsinn, Lachkraempfe auf Chilenischen TetraPack Wein. Nach einer missglueckten verkaterten Wanderung auf der uns die Forstarbeiter zum Glueck am Ende mit ihrem Pickup gerettet haben und einer verrueckten Nacht mit einem Konzert im Lokalstadion vor der Bergkulisse nach der Jason nass im Zelt aufwacht und ich Duncan morgens noch bei den anderen Chilenen antreffe und ihn erinner, dass unser Bus ueber die Grenze in einer Stunde faehrt, ist es Zeit wieder die Zelte abzubrechen und weiterzureisen. Erst recht als ich einen Konterpisco trinkend hoere, dass ein Neuseelaender sich komplett besoffen mit den Chilenen wegen eines Maedels angelegt hat und Duncan ihn gerade noch mit einem Fusstritt retten konnte – anderfalls haetten die ebenfalls betrunkenen Chilenen den Tyen wohl zerlegt. Zur Kroenung dieses Morgens passen wir nicht mehr in den Bus und stehen mit unseren Tickets etwas verdattert in der Morgensonne. Eine wilde Diskussion beginnt mit der Betreiberin in der keiner auch nur annaehrend einen klaren Kopf behalten kann – wie gesagt, es ist Zeit zu gehen! Schlussendlich sitzen wir doch in einem Pickup auf dem Weg zur Grenze und ich kann es kaum erwarten die argentinische Seite zu sehen. Andrea und Sam sind weiter nach Sueden, die Carretera Austral entlang – so sind wir noch noch vier.

“Was ist das fuer ein Gefuehl, wenn man wegfaehrt und die Menschen die man zuruecklaesst, auf der weiten Ebene immer kleiner werden, bis man sie als winzige Punkte verschwinden sieht? Zu gross ist die Welt, die sich ueber uns woelbt – das ist Abschied. Vor uns aber lag das naechste verrueckte Abendteuer unter dem Himmel.” (Jack Kerouac)

Der Grenzuebergang ist ueberraschend einfach und wenig spaeter bekommen wir es in Esquel fertig den Bus zum Parque Nacional Los Alerces zu verpassen. Duncan nimmt das letzte Busticket nach El Bolsón und Jason und ich dallern nach Trevelin und bekommen dort zum Glueck sofort ein Auto vierzig Kilometer die Schotterpiste entlang. Durch die Fenster der Ladeflaeche kann man links die gruenen Berge mit den kahlen Spitzen, rechts Pampa – trockende Graslandschaft und fast vegetationslose Berge sehen. Am Eingang des Nationalparks bezahlen wir wieder den ueblichen happigen Auslaenderzuschlag und versuchen mit einer alten Karte einen freien Campingplatz zu finden. Karten sind nicht so die Sache der Chilenen und Argentinier – wenn es keine Militaerkarten sind halte ich oft wirre Kritzelzeichnungen oder verzerrte JPGs in der Hand ohne die man meist besser drann ist.img_7683 Die Kroenung war bisher eine Wanderkarte in Futaleufú die aus einem weissen Blatt, zwei eingezeichneten Bergspitzen, einer blauen Linie die aller Wahrscheinlichkeit nach den Fluss darstellen sollte und einer gruenen gestrichelten Linie irgendwo dazwischen hindurch bestand – entsprechend gross war die Verwirrung, gibt ja schliesslich nicht nur zwei Gipfel in so einem Gebirge. Wir finden dann doch noch einen, muessen aber ins benachbarten Bezahlcamping huepfen um zu duschen, das komplette Waschhaus ist geschlossen. Die Guardaparque macht uns zu allem Uebel noch darauf aufmerksam, dass wir nicht am Ufer des Sees campen koennen, sondern in die dafuer vorgesehenen Stellen hinter der Uferbepflanzung umziehen sollen. Dumm nur, dass es dort so eng und staubig ist, dass jeder freiwillig auf des grossraeumigen Bezahlcamping umzieht. So bleibt es bei einer Tageswanderung auf den naechsten Gipfel, durch “Bambuswaelder ohne Koalas”, auf dem immer noch Unmengen an Asche aus Chaitén zu finden ist, und wir brechen nach einer verregneten Nacht die Zelte wieder ab und machen uns auf den Weg nach El Bolsón.

(Der dampfende Kessel ist die letzten Tage wieder explodiert, war also eine gute Entscheidung aus Chaitén schnell weiterzuziehen. 20.01.2009)