Bogota spuckt mich wieder aus. Ungreifbar, unerfahrbar, vor allem in so kurzer Zeit hat die Stadt auf mich keinen grossen Eindrueck gemacht. Die Touristen- und Studenteninsel Candelaria wirkt auf mich wie eine andere Welt zu dem was sich hinter der ersten grossen Strasse, die das Viertel mit dem Rest der Stadt verbindet, erstreckt.
So sitze ich im Bus zur Karibikkueste nach Santa Marta, wieder einmal sind sechzehn Stunden Fahrt zu ueberwinden. Leider bleibt der Bus wieder weit hinter der gewohnten Beinfreiheit zurueck und so falle ich am naechsten Morgen erleichtert unter leichten Rueckenschmerzen am Terminal in Santa Marta aus der Tuer auf die Steinplatten. Eine trockene, niederschmetternde Hitze schlaegt mir entgegen, so dass ich mir kurz unsicher bin, ob nicht doch wieder zurueck in den engen Bus will. Im Urwald in Peru war es das letzte Mal so heiss. Dort war es aber angenehmer, weil die Luft weniger trocken war. Hier bedrueckt die Hitze physisch, ich habe das Gefuehl, dass die Luft mich auf der Stelle austrocknet.
Wo nun aber hin? In Santa Marta bleiben ist unmoeglich, die Stadt ist heiss, staubig und nicht sehr anziehend. Nach Taganga, der Touristenhochburg ein paar Busminuten enfernt, zu fahren ist auch keine wirkliche Option denn dort wird mich nichts neues erwarten. Zum Parque Nacional Tayrona? Die Straende sollen dort toll sein, aber da es die einzige Stelle in der Naehe mit karibischen Straenden ist, sind Preise zu erwarten, die ich im Moment keine Lust habe zu bezahlen. Ausserdem kann ich nichts ueber die Essensversorgung abseits von Restaurants finden. Gucke also wieder auf die Karte und greife die Idee wieder auf in das Dorf oestlich des Nationalparks zu fahren, irgendwas muss doch in Palomino sein! Doch bevor ich in den Bus nach Osten steige, bekomme ich noch einen Tritt von einem Microbusfahrer. Nicht das ich mir nicht sicher waere, dass ich Santa Marta noch heute verlassen will. Ich musste noch in die Stadt um Geld zu holen, weil der Automat am Terminal nicht funktionierte. Der voellig schlecht gelaunte Typ berechnete mir meinen Rucksack extra obwohl der Bus in Zentrum nicht voll war und zum Abschluss schmiss er mich irgendwo raus, als wenn ich wuesste wo ich hinwollte “¿¡Centrum, aehh?!”. Fand aus dem Schlamassel aber wieder raus und jetzt sitz ich mit etwas mehr Pesos in einem schlecht klimatisierten sympathischen Rumpelbus nach Palomino.

Nach einer Stunde seh ich das Ortsschild. Bin froh aus Santa Marta raus zu sein. Spring aus dem Bus, ziehe meinen Rucksack irgendwie hinter mir her und stehe inmitten der uebliche Strassenstaende fuer stoppene Trucker, Busse und Autos. Arepa, mit Hackfleisch gefuellte fritierte Kartoffeln, Steaks, Huenchen – all das kann der Pausierende hier in sich reinstopfen. Leider fehlt es an Salat und so gehe ich an die erste Eistruhe und kaufe mir erstmal ein industrieverpacktes Eis. Lecker! Hinter den Huetten des Dorfes erhebt sich die Sierra Nevada de Santa Marta. Grad kann ich nicht viel sehen, weil sich die Wolken an den Bergen stauen. Leider nur an ihnen und das reicht nicht die erschlagende Sonne von der Asphaltstrasse fernzuhalten. Egal. Quatsche einen Hippie auf einem Fahrrad an und frage ihn nach einer Finca am Wasser. Die Beschreibung ist etwas lose, aber so gross ist das Dorf ja nicht. Und so stiefel ich die Durchfahrtsstrasse entlang um wenig spaeter in das staubige, unasphaltierte, ruhige und froehlich in der Mittagshitze vor sich hin doesende Dorfleben einzutauchen. Hier an der Kueste gibt es viel mehr indigene und schwarze Bevoelkerung als in den Bergen. So schlitter ich langsam in eine ganz eigene Welt die anders ist als das was ich bisher kennengelernt habe. Nach ein paar Haueserbloecken geht es zwischen ein paar Feldern hindurch an den mit Kokosnusspalmen umsaeumten Strand. Endlich bewegt sich die Luft ein wenig und von rechts kommt der Indigene mit seiner roten froehlich vor sich hin schlackernden Hose, nacktem Oberkoerper, den ich schon zwischen den Feldern getroffen und nach dem Weg gefragt habe, wieder stolz auf seinem Pferd an mir vorbeigeritten. Wieder grinsen wir uns an, wechseln ein paar Worte und er verschwindet wenig spaeter in der milchigen, orangen Luft am Horizont. Beeindruckt stapfe ich weiter und finde auf einen witzigen gestenreichen Geheiss eines alten netten schwarzen Opas mit weissen krausen Haaren Casa de Rosa - der Campingplatz zu dem ich will.
Das es nicht moeglich bei der Hitze im Zelt zu uebernachten muss ich schon gleich nach der ersten Nacht in meinem feststellen, dass ich sorgsam in eine sichere Zone zwischen herabfallenden Kokosnuessen, heruntersegelnden Palmenblaettern und Ameisennestern plaziert habe. So draengt mich die Morgensonne aus meiner Behausung und ich fuehle mich wie nach zehn Berliner Pilsenern. Sammle eine grosse gruene Kokosnuss, die in der Nacht neben meinem ebenfalls gruenen Zelt gelandet ist mache mich an die vormittagsfuellende Aufgabe diese zu oeffnen. Es ist wirklich ein Sport so ohne Machete! Aber am Ende schaffe ich es auch durch den harten Kern, der bei den jungen Nuessen meist noch unerkenntlich ist. Diese jedoch hat schon kraeftig Kokosnussfleisch welches sich ueber die Zeit aus dem Wasser bildet. Toll! An Kokosnuessen mangelt es nicht, denn um mich herum wedeln unzaehlige Palmen herum und immer mal wieder faellt eine runter. Die Tage vergehen. Ich und das Dorf. Das Dorf und ich. Die Fischerboote tanzen auf den Wellen, Angler laufen am Strand hin und her. Trucks donnern die Hauptstrasse entlang, kann sie aber aus meiner Haengematte nicht hoeren. Busse donnern durch das Dorf, auch diese hoere ich nicht von meiner Slackline zwischen den Palmen – ich hoere Musik. Zwei kleine Eichoerchnchen, sie sind dunkelrot, krabbeln jeden Tag in den Palmenblaettern und an den -staemmen umher und hoch und runter. Die kleinen und auch ein paar grosse Eidechsen sonnen sich ueberall und rascheln davon wenn ich vorbeigeschlendert komme. Die grossen und kleinen blauen Krabben in den Gebueschen und die grauen Strandkrabben fliehen bei jeder Bewegung wieder zurueck in ihre Erdloecher – was fuer Feiglinge.
Der kleine Hund von Eugenio und Melina, die beiden, die den Platz von ihrer Finca auf dem Nachbargrundstueck verwalten, springt auch den ganzen Tag auf dem Platz mit seiner Hautkrankheit herum. Ich ekel mich vor ihm, armer Kerl. Jeden Morgen mache ich mir Kaffee, pfluecke zwei Karambole (Sternfrucht) von dem Baum im Garten, mache mir meinen geliebten Avocadobrei und Ruehrei und schiebe das ueber den ganzen Vormittag verteilt lesend ich mich hinein. Wenn ich dann eins, zwei mal in die Brandung der wirklich warmen, zu warmen, Karibik gesprungen bin, bleibt mir meist nichts anderes uebrig als, erst den Frosch aus dem Brunnen zu retten der dort jede Nacht auf’s neue hineinhuepft, und dann mir mindestens drei Eimer gruenliches Suesswasser ueber den Kopf zu schuetten. Der Erfrischungseffekt ist nur von kurzer, aber die kleinen nervtoetenden pickenden Sandfliegen bleiben dafuer um so laenger fern – es lohnt sich!
Das Dorfleben ist beruhigend. Die Polizei sitzt mit ihren gigantischen Maschinengewehren laecheln vor einem kleinen Laden, an dem ich immer vorbei muss, nachdem ich den Feldweg, and dem die einige Muellkippe des Dorfes ihr Unwesen treibt, ueberwunden habe. Die Willkuer die so grosse schwarze schiessende Dinger ausstrahlen ist schon beeindruckend, trotzdem fuehl ich mich sicher und suhle mich eher in der Absurditaet der Situation. Harmlos verteilen sie Trillerpfeifen an die Dorfbewohner in der Naehe des Strandes wohnen, weil es einen Diebstahl gegeben haben soll. Weniger absurd, sondern eher ernst ist der Grund warum die Jungs dort sitzen. Die FARC lungert noch irgendwo oben in der Sierra Nevada de Santa Marta herum. Aus diesem Grund in der Fluss im Westen des Dorfes auch voll von Contraguerilla in Tarnuniformen und Kampfstiefeln. Aber auch die sind nett, auch wenn sie nur 840.000 Pesos, was gerade ungefaher 380 Euro sind, verdienen. Die Instabilitaet dieser Unterbezahlung von Maennern mit grossen Schiesseisen floesst mir trotzdem Respekt ein. Zum Glueck bleiben sie in der Naehe ihres Flusses und patrolieren nicht noch am Strand entlang. Was patroliert, allerdings in einem respektablen Abstand zum Strand, ist ein Boot. Da aber auch dieses nicht naeher kommt ist die bizarre Idylle auf dem kleinen Flecken Strand nicht gestoert – jà.
Die Ruhe im Case de Rosa ist toll. Es gibt keine Elektrizitaet, kein fliessendes Wasser, kaum Leute. Manchmal kommen ein paar Indigene in Leinenhosen vorbei. Doch bin ich fast nie alleine. Am zweiten Tag taucht, Dirk, ein Belgier auf, und wir haben ein paar schoene Tage. Er wird wenig spaeter von Alejandro, einem grossen Italiener mit Vollbart und Julian, einem kleinen schmaechtigen Kolumbianer ohne Bart abgeloest. Als die beiden dann nach einem grossartigen Fisch-BBQ wieder losduesen besetzen Luna und Victor, zwei Spanier, und eine Kanadierin die Haengematten neben mir. Alles sind Menschen die neugierig auf diesen Ort irgendwo and der Strasse nach Venezuela sind was irgendwie zu garantieren scheint, dass es eine schoene Zeit ist.
Doch nach acht Naechten ist es dann auch fuer mich Zeit wieder aufzubrechen. Mein Flugzeug in Caracas wartet und ich moechte wenigstens noch ein wenig von Venezuela sehen. Stehe Montag mit den ersten Sonnenstrahlen auf und auf dem Weg ins Dorf sehe ich zum ersten Mal die hoechsten schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada, die sich innerhalb kuerzester Distanz vom Meeresspiegel bis auf 5775 Meter in den Himmel erstrecken.
Ich schneie in dieses Land, sehe gruene Huegel, bunte Haeuser, Theater, Kunst; denn sicherheitshalber bleibe ich in den Bergen, geniesse die erste Welt ohne die zweit kennen zu lernen. Eigne mir ein verzerrtes Bild eines Kolumbiens an, welches in seiner Unvollstaendigkeit falsch ist. Ich will nicht im Strassengraben liegen mich vor dem Feuergefecht zwischen der FARC und den Regierungstruppen versteckend. Ich will aber auch nicht so tun als ob diese Moeglichkeit nicht existiert und all denen mit einer touristischen Parallelwelt unrecht tun, vergessen, all diejenigen die vieleicht jetzt grade wieder ihr zu Hause unter Zwang verlassen muessen.