Kosmonaut im Farbsternregen

Ausgedrueckte Eindruecke

Ein Reiter am Strand und eine Kokosnuss Juni 12, 2009

Einsortiert unter: Tagebuch — Sebastian @ 12:37 vormittags
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IMG_0227Bogota spuckt mich wieder aus. Ungreifbar, unerfahrbar, vor allem in so kurzer Zeit hat die Stadt auf mich keinen grossen Eindrueck gemacht. Die Touristen- und Studenteninsel Candelaria wirkt auf mich wie eine andere Welt zu dem was sich hinter der ersten grossen Strasse, die das Viertel mit dem Rest der Stadt verbindet, erstreckt.
So sitze ich im Bus zur Karibikkueste nach Santa Marta, wieder einmal sind sechzehn Stunden Fahrt zu ueberwinden. Leider bleibt der Bus wieder weit hinter der gewohnten Beinfreiheit zurueck und so falle ich am naechsten Morgen erleichtert unter leichten Rueckenschmerzen am Terminal in Santa Marta aus der Tuer auf die Steinplatten. Eine trockene, niederschmetternde Hitze schlaegt mir entgegen, so dass ich mir kurz unsicher bin, ob nicht doch wieder zurueck in den engen Bus will. Im Urwald in Peru war es das letzte Mal so heiss. Dort war es aber angenehmer, weil die Luft weniger trocken war. Hier bedrueckt die Hitze physisch, ich habe das Gefuehl, dass die Luft mich auf der Stelle austrocknet.
Wo nun aber hin? In Santa Marta bleiben ist unmoeglich, die Stadt ist heiss, staubig und nicht sehr anziehend. Nach Taganga, der Touristenhochburg ein paar Busminuten enfernt, zu fahren ist auch keine wirkliche Option denn dort wird mich nichts neues erwarten. Zum Parque Nacional Tayrona? Die Straende sollen dort toll sein, aber da es die einzige Stelle in der Naehe mit karibischen Straenden ist, sind Preise zu erwarten, die ich im Moment keine Lust habe zu bezahlen. Ausserdem kann ich nichts ueber die Essensversorgung abseits von Restaurants finden. Gucke also wieder auf die Karte und greife die Idee wieder auf in das Dorf oestlich des Nationalparks zu fahren, irgendwas muss doch in Palomino sein! Doch bevor ich in den Bus nach Osten steige, bekomme ich noch einen Tritt von einem Microbusfahrer. Nicht das ich mir nicht sicher waere, dass ich Santa Marta noch heute verlassen will. Ich musste noch in die Stadt um Geld zu holen, weil der Automat am Terminal nicht funktionierte. Der voellig schlecht gelaunte Typ berechnete mir meinen Rucksack extra obwohl der Bus in Zentrum nicht voll war und zum Abschluss schmiss er mich irgendwo raus, als wenn ich wuesste wo ich hinwollte “¿¡Centrum, aehh?!”. Fand aus dem Schlamassel aber wieder raus und jetzt sitz ich mit etwas mehr Pesos in einem schlecht klimatisierten sympathischen Rumpelbus nach Palomino.

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Nach einer Stunde seh ich das Ortsschild. Bin froh aus Santa Marta raus zu sein. Spring aus dem Bus, ziehe meinen Rucksack irgendwie hinter mir her und stehe inmitten der uebliche Strassenstaende fuer stoppene Trucker, Busse und Autos. Arepa, mit Hackfleisch gefuellte fritierte Kartoffeln, Steaks, Huenchen – all das kann der Pausierende hier in sich reinstopfen. Leider fehlt es an Salat und so gehe ich an die erste Eistruhe und kaufe mir erstmal ein industrieverpacktes Eis. Lecker! Hinter den Huetten des Dorfes erhebt sich die Sierra Nevada de Santa Marta. Grad kann ich nicht viel sehen, weil sich die Wolken an den Bergen stauen. Leider nur an ihnen und das reicht nicht die erschlagende Sonne von der Asphaltstrasse fernzuhalten. Egal. Quatsche einen Hippie auf einem Fahrrad an und frage ihn nach einer Finca am Wasser. Die Beschreibung ist etwas lose, aber so gross ist das Dorf ja nicht. Und so stiefel ich die Durchfahrtsstrasse entlang um wenig spaeter in das staubige, unasphaltierte, ruhige und froehlich in der Mittagshitze vor sich hin doesende Dorfleben einzutauchen. Hier an der Kueste gibt es viel mehr indigene und schwarze Bevoelkerung als in den Bergen. So schlitter ich langsam in eine ganz eigene Welt die anders ist als das was ich bisher kennengelernt habe. Nach ein paar Haueserbloecken geht es zwischen ein paar Feldern hindurch an den mit Kokosnusspalmen umsaeumten Strand. Endlich bewegt sich die Luft ein wenig und von rechts kommt der Indigene mit seiner roten froehlich vor sich hin schlackernden Hose, nacktem Oberkoerper, den ich schon zwischen den Feldern getroffen und nach dem Weg gefragt habe, wieder stolz auf seinem Pferd an mir vorbeigeritten. Wieder grinsen wir uns an, wechseln ein paar Worte und er verschwindet wenig spaeter in der milchigen, orangen Luft am Horizont. Beeindruckt stapfe ich weiter und finde auf einen witzigen gestenreichen Geheiss eines alten netten schwarzen Opas mit weissen krausen Haaren Casa de Rosa - der Campingplatz zu dem ich will.
IMG_0301Das es nicht moeglich bei der Hitze im Zelt zu uebernachten muss ich schon gleich nach der ersten Nacht in meinem feststellen, dass ich sorgsam in eine sichere Zone zwischen herabfallenden Kokosnuessen, heruntersegelnden Palmenblaettern und Ameisennestern plaziert habe. So draengt mich die Morgensonne aus meiner Behausung und ich fuehle mich wie nach zehn Berliner Pilsenern. Sammle eine grosse gruene Kokosnuss, die in der Nacht neben meinem ebenfalls gruenen Zelt gelandet ist mache mich an die vormittagsfuellende Aufgabe diese zu oeffnen. Es ist wirklich ein Sport so ohne Machete! Aber am Ende schaffe ich es auch durch den harten Kern, der bei den jungen Nuessen meist noch unerkenntlich ist. Diese jedoch hat schon kraeftig Kokosnussfleisch welches sich ueber die Zeit aus dem Wasser bildet. Toll! An Kokosnuessen mangelt es nicht, denn um mich herum wedeln unzaehlige Palmen herum und immer mal wieder faellt eine runter. Die Tage vergehen. Ich und das Dorf. Das Dorf und ich. Die Fischerboote tanzen auf den Wellen, Angler laufen am Strand hin und her. Trucks donnern die Hauptstrasse entlang, kann sie aber aus meiner Haengematte nicht hoeren. Busse donnern durch das Dorf, auch diese hoere ich nicht von meiner Slackline zwischen den Palmen – ich hoere Musik. Zwei kleine Eichoerchnchen, sie sind dunkelrot, krabbeln jeden Tag in den Palmenblaettern und an den -staemmen umher und hoch und runter. Die kleinen und auch ein paar grosse Eidechsen sonnen sich ueberall und rascheln davon wenn ich vorbeigeschlendert komme. Die grossen und kleinen blauen Krabben in den Gebueschen und die grauen Strandkrabben fliehen bei jeder Bewegung wieder zurueck in ihre Erdloecher – was fuer Feiglinge.IMG_0208 Der kleine Hund von Eugenio und Melina, die beiden, die den Platz von ihrer Finca auf dem Nachbargrundstueck verwalten, springt auch den ganzen Tag auf dem Platz mit seiner Hautkrankheit herum. Ich ekel mich vor ihm, armer Kerl. Jeden Morgen mache ich mir Kaffee, pfluecke zwei Karambole (Sternfrucht) von dem Baum im Garten, mache mir meinen geliebten Avocadobrei und Ruehrei und schiebe das ueber den ganzen Vormittag verteilt lesend ich mich hinein. Wenn ich dann eins, zwei mal in die Brandung der wirklich warmen, zu warmen, Karibik gesprungen bin, bleibt mir meist nichts anderes uebrig als, erst den Frosch aus dem Brunnen zu retten der dort jede Nacht auf’s neue hineinhuepft, und dann mir mindestens drei Eimer gruenliches Suesswasser ueber den Kopf zu schuetten. Der Erfrischungseffekt ist nur von kurzer, aber die kleinen nervtoetenden pickenden Sandfliegen bleiben dafuer um so laenger fern – es lohnt sich!
Das Dorfleben ist beruhigend. Die Polizei sitzt mit ihren gigantischen Maschinengewehren laecheln vor einem kleinen Laden, an dem ich immer vorbei muss, nachdem ich den Feldweg, and dem die einige Muellkippe des Dorfes ihr Unwesen treibt, ueberwunden habe. Die Willkuer die so grosse schwarze schiessende Dinger ausstrahlen ist schon beeindruckend, trotzdem fuehl ich mich sicher und suhle mich eher in der Absurditaet der Situation. Harmlos verteilen sie Trillerpfeifen an die Dorfbewohner in der Naehe des Strandes wohnen, weil es einen Diebstahl gegeben haben soll. Weniger absurd, sondern eher ernst ist der Grund warum die Jungs dort sitzen. Die FARC lungert noch irgendwo oben in der Sierra Nevada de Santa Marta herum. Aus diesem Grund in der Fluss im Westen des Dorfes auch voll von Contraguerilla in Tarnuniformen und Kampfstiefeln. Aber auch die sind nett, auch wenn sie nur 840.000 Pesos, was gerade ungefaher 380 Euro sind, verdienen. Die Instabilitaet dieser Unterbezahlung von Maennern mit grossen Schiesseisen floesst mir trotzdem Respekt ein. Zum Glueck bleiben sie in der Naehe ihres Flusses und patrolieren nicht noch am Strand entlang. Was patroliert, allerdings in einem respektablen Abstand zum Strand, ist ein Boot. Da aber auch dieses nicht naeher kommt ist die bizarre Idylle auf dem kleinen Flecken Strand nicht gestoert – jà.
IMG_0262Die Ruhe im Case de Rosa ist toll. Es gibt keine Elektrizitaet, kein fliessendes Wasser, kaum Leute. Manchmal kommen ein paar Indigene in Leinenhosen vorbei. Doch bin ich fast nie alleine. Am zweiten Tag taucht, Dirk, ein Belgier auf, und wir haben ein paar schoene Tage. Er wird wenig spaeter von Alejandro, einem grossen Italiener mit Vollbart und Julian, einem kleinen schmaechtigen Kolumbianer ohne Bart abgeloest. Als die beiden dann nach einem grossartigen Fisch-BBQ wieder losduesen besetzen Luna und Victor, zwei Spanier, und eine Kanadierin die Haengematten neben mir. Alles sind Menschen die neugierig auf diesen Ort irgendwo and der Strasse nach Venezuela sind was irgendwie zu garantieren scheint, dass es eine schoene Zeit ist.
Doch nach acht Naechten ist es dann auch fuer mich Zeit wieder aufzubrechen. Mein Flugzeug in Caracas wartet und ich moechte wenigstens noch ein wenig von Venezuela sehen. Stehe Montag mit den ersten Sonnenstrahlen auf und auf dem Weg ins Dorf sehe ich zum ersten Mal die hoechsten schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada, die sich innerhalb kuerzester Distanz vom Meeresspiegel bis auf 5775 Meter in den Himmel erstrecken.

 

Dinge die scheinbar nichts miteinander gemein haben Juni 9, 2009

Einsortiert unter: Eindruecke,Tagebuch,Zitate — Sebastian @ 8:01 nachmittags
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“In Colombia two worlds exist. One is of beauty and privilige. It is inhabited by the classes who enjoy a healthy income and a sense of security. It is a bright world of modern cities, beaches, carnivals, restaurants and nicht clubs. Another world coexists, a world in shadow inhabited by the campasinos, displaced and combatants; one of poverty, violence, fear, repression and invisibility.” (Jason P. Hove Colombia – Between the lines, 2008)

sartIch schneie in dieses Land, sehe gruene Huegel, bunte Haeuser, Theater, Kunst; denn sicherheitshalber bleibe ich in den Bergen, geniesse die erste Welt ohne die zweit kennen zu lernen. Eigne mir ein verzerrtes Bild eines Kolumbiens an, welches in seiner Unvollstaendigkeit falsch ist. Ich will nicht im Strassengraben liegen mich vor dem Feuergefecht zwischen der FARC und den Regierungstruppen versteckend. Ich will aber auch nicht so tun als ob diese Moeglichkeit nicht existiert und all denen mit einer touristischen Parallelwelt unrecht tun, vergessen, all diejenigen die vieleicht jetzt grade wieder ihr zu Hause unter Zwang verlassen muessen.

Kolumbianisches Schicksaal. Komme gerade vom Plaza Bolívar zurueck, einem der grossen zentralen Plaetze in der Hauptstadt. Ueberall standen Bilder von Menschen, die laut der Ausstellung irgendwo in den Muehlen der Justiz physisch verschwunden sind. Das Datum, wann diese Menschen das letzte Mal gesehen wurden variiert, reicht jedoch bis zu diesem Jahr. Die Tauben flogen. Alles scheint normal – es gab keine grosse Aufregung – Kolumbianischer Alltag.

Der Konflikt wird auch als ’55 Jahre alter Buergerkrieg’ bezeichnet da sich die Revolutionary Armed Forces of Colombia (FARC) in der Periode La Violencia, die zwischen 1948 und 1958 eingeordnet wird, gebildet hat. Seit dem hat das Land etwa 200.000 Tote und rund 3.000.000 zwangsumgesiedelte Buerger zu beklagen. Das ist die weltweit zweitgroesste Population zwangsumgesiedelter Menschen nach dem Sudan, Afrika. Es werden immer noch jedes Jahr tausende getoetet und unzaehliger ihrer Heimt beraubt. Die UN charakterisiert den Kolumbianischen Konflikt als die weltweit am wenigsten dokumentierte humanitaere Krise.
Seit der Unabhaengigkeit erschuetterten mehrere Buergerkriege das Land. 1899-1902 der Krieg der Tausend Tage, in dem Kleinbauerland gewaltsam durch Grossgrundbesitzer im Zuge des Kaffeeboomes enteignet wurde – geschaetzte 100.000 Tote. 1928 das Massaker von Ciéngaga/Santa Marta als Resultat eines Arbeitskampfes der Arbeiter auf den Bananenplantagen der United Fruit Company. 1948-1952 La Violencia, der Buergerkrieg zwischen konservativen und Liberalen ausgelöst durch die Ermordung des liberalen Präsidentschaftskandidaten Jorge Eliécer Gaitán und seine angekündigte Agrarreform und den darauf folgenden blutigen Unruhen in der Hauptstadt. Die Gewalt setzte sich in den folgenden Jahren in ländlicheren Gebieten fort. 1960-1970 der Smaragskrieg und seit 1983 der Drogenkrieg und Gründung von paramilitärischen Einheiten, welche die Beseitigung oppositioneller Gruppen verfolgen.
Die Parteien sind die Polizei und das Militaer, die Autodefensas Unidas de Colombia (AUC), ein Dachverband paramilitärischer Gruppierungen unterschiedlichen Ursprungs und die Guerillagruppen ELN und FARC. Die Ejército de Liberación Nacional (ELN) formierte sich 1964, motiviert von der Kubanischen Revolution, aus einer Gruppe Intelektueller der Mittelschicht. Am 27.05.67 attackiert das Kolmbianische Militaer mit US Unterstuetzung die Region Marquetalia, Tolina, nachdem Bauern vor Regierungsrepressionen in den 40ern und 50ern, La Violencia, dorthin geflohen waren. Aus einer kleinen Gruppe bewaffneter Bauern, die die Marquetalia Angriffe ueberlebt haben, bildete sich die FARC, die Guerillagruppen Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – Ejército del Pueblo (FARC-EP). Die Drogenmafia ist keine eigenständige Partei in diesem Konflikt, ist aber mit einer oder mehreren dieser Parteien verbündet, bzw. hat sie ganz oder teilweise zersetzt, da die Aktivitäten der Guerilleros und der Paramilitärs seit Anfang der 1980er Jahre verstärkt durch den Anbau und den Verkauf von Drogen, insbesondere Kokain, finanziert werden.
Der Konflik gewann an Dynamik weil in den 80ern und 90ern verschoben gross-angelegte Aktionen des Amerikanischen ‘War-on-Drugs’ der AUC Grossteile der Coca Produktion aus Bolivien und Peru und den Sueden von Kolumbien, in den FARC kontrollierten Putamayo Gebiet. Die Rebellengruppen erhoben Steuern auf die Produktion und den Transport von Coca was ihnen aus der finanziellen Defensive half.
Die linksgerichteten Guerillagruppen kämpfen gegen das kolumbianische Militär. Die rechtsgerichteten Paramilitärs stehen im Konflikt mit den Guerillagruppen. Beide Parteien verüben jedoch auch Anschläge auf die Zivilbevölkerung und verletzen die Menschenrechte. Es wird davon ausgegangen, dass etwa 20.000 Menschen auf Seiten der Guerilleros und – selbst nach ihrer vermeintlichen Demobilisierung – circa 8.000 bis 9.000 Menschen auf Seiten der Paramilitärs kämpfen. Die Guerillagruppen sind in Kolumbien stark vertreten und kontrollieren Teile des Landes. Nach eigenen Aussagen handelte es sich dabei Anfang des Jahrzehnts um die Hälfte des Territoriums, mittlerweile ist ihre territoriale Kontrolle aber deutlich gesunken. Insbesondere in den Grenzgebieten zu Ecuador, Venezuela und Panama sind die Guerilleros stark vertreten, in diesen Gegenden wird auch besonders viel Koka angebaut. Die kolumbianische Regierung behauptet, dass die Guerilla durch Venezuela und Ecuador geduldet, bzw. unterstützt wird, was die jeweiligen Regierungen jedoch zurückweisen. Die Paramilitärs werden von Teilen des kolumbianischen Militärs geduldet, wenn nicht sogar unterstützt. Nachgewiesen wurde auch eine direkte Unterstützung durch transnationale Unternehmen, darunter Chiquita. Da die Betroffenen kein Interesse hatten, diese Verbindungen offenzulegen, gibt es hier viele Mutmaßungen. Seit 2002 haben die in der AUC zusammengeschlossenen Gruppierungen ihre Entwaffnung angekündigt. Im Gegenzug können sie mit einem reduzierten Strafmaß rechnen. Auch die Paramilitärs finanzieren sich zum großen Teil aus dem Kokaanbau und dem Handel mit Kokain. Viele Drogenbarone haben sich in die paramilitärischen Strukturen eingekauft beziehungsweise sich zu diesen bekannt, um die den Paramilitärs gewährte Strafminderung genießen zu können und einer Auslieferung an die USA zu entgehen. Obwohl die Demobilisierung im April 2006 offiziell abgeschlossen wurde, gibt es weiterhin paramilitärische Gruppen in Kolumbien. Der UN-Menschenrechtskommissar für Kolumbien geht sogar davon aus, dass die Demobilisierung nicht zu einer verringerten Präsenz der Paramilitärs geführt habe. Der Paramilitarismus hat das Parlament, die Polizei und die Streitkräfte unterwandert. Paramilitärs behaupten, sie hätten 35 % der Parlamentarier gekauft. Neun Parlamentarier müssen sich wegen ihrer Verbindungen zu Paramilitärs vor Gericht verantworten. Die Anschuldigungen lauten auf Konspiration, Erpressung, Entführung in besonders schweren Fällen und Geldwäsche. Weitere 32 Politiker sollen eine Übereinkunft mit Paramilitärs getroffen haben. Die USA unterstützen die kolumbianische Regierung mit Waffenlieferungen, Hubschraubern, Piloten und Ausbildern. Dies geschieht mit dem offiziellen Ziel, den Drogenanbau und die Drogenkriminalität zu bekämpfen. Insbesondere die Guerillagruppen, die sich selbst als linksgerichtet bezeichnen, werden von den USA als Narcoterroristas („Drogenterroristen“) bezeichnet, um den kriminellen Charakter der Organisationen in den Vordergrund zu stellen. Eine zentrale Rolle im bewaffneten Konflikt in Kolumbien spielt der sog. Plan Colombia der kolumbianischen Regierung aus dem Jahre 1999, der es der Armee ermöglicht, im Inneren in polizeilichen Aufgabenbereichen aktiv zu werden. Die USA unterstützen den Plan Colombia mit mehreren Milliarden Dollar Militärhilfe finanziell, personell und mit Rüstungslieferungen. Ein Teil der personellen Unterstützung wird durch private Sicherheits- und Militärunternehmen geleistet. Bedeutender Bestandteil des Plan Colombia ist die Vernichtung von Drogenanbaufeldern durch Besprühung mit Pflanzenvernichtungsmitteln im Rahmen der Bekämpfung des Drogenhandels. Auch wird gemutmasst, dass die USA ein Interesse an regionalem Einfluss haben, da Kolumbien mitunter eines der groessten Trinkwasserreservate der Welt ist. (Quellen: Jason P. Hove Colombia – Between the lines, 2008, Wikipedia, www.colombiajournal.org)

Das Durcheinander ist real. So treffe ich Reisende, die in Cali von zwei Typen auf Motorraedern und mit Pistolen dazu aufgefordert werden mit zum Geldautomaten zu kommen, die bei ihrer Ankunft in Medellin Zeuge eines Auftragsmordes mit einem Messer neben ihnen werden oder die zwei Leichen im Strassengraben entdecken wo es keine Spurt von einem Verkehrsunfall gibt. Die Situation ist lange nicht mehr so schlimm wie zu Zeiten von Pablo Escobar in den 80ern, in denen Menschen jeden Tag verschwanden, es nur sechs Stunden Strom am Tag gab, die Anarchie das Land fast zu Grunde richtete, aber die Nachbeben erschuettern weiter das Land.

Verwaltung von Resourcen. In einer isolierten Parallelwelt tummeln sich die meisten Touristen. Die Geschwindigkeit meiner Reise in den letzten Tagen hat mich muede gemacht, nicht koerperlich sondern geistig da alles zu schnell an mir vorbeigerauscht ist ohne eine Chance Menschen und Umgebung zu fuehlen. So fuehle ich mich in Bogota wie nach einer Flugzeuglandung, versetzt an einen Ort, der raeumlich noch zeitlich nicht in Verbindung mit dem steht wo ich vorher war. Diese psychische Muedigkeit hat mich in ein Hostal getrieben, welches einfach zu finden ist, ich weiss was mich erwartet und auch sonst keine Ueberraschungen zu erwarten sind, kurz, ich hab mal in meinen Reisefuehrer geschaut und bin zum billigsten dort aufgefuehrten gegangen. Platypus Hotel Bogota. Das Haus ist schoen, die Mitarbeiter sind nett, aber ich komme mir vor wie auf einem Bahnhof. Jeden Tag kommen neue und gehen Leute. Im ersten kleinen Innenhof muss man oft ueber neue Ruecksaecke steigen. Es wuselt und bewegt sich ueberall, dauernt klingelt die Tuer, der Aufenthaltsraum ist oft voll. Bin nervoes und fuehl mich nicht richtig angekommen. Kann mich kaum auf Sachen konzentrieren, fuehlen, und das liegt nicht an dem Gratis-Kaffee in der Kueche. Je nach Hostal trifft man auf unterschiedliche Menschen. So wird die Wahl einer Unterkunft immer auch eine Wahl der Menschen die einen umgeben, so bescheuert das auch klingen mag. Hier sind all diejenigen versammelt, die nach Reisefuehrer reisen – heisst nicht nur ‘mit’ sondern ‘nach’ einem. Das fuehrt dazu, dass die ganze Welt reisefuehrerstudierrend versucht Zeit, Geld und Erlebnisse und somit auch Sozialprestige zu maximieren. Sie reisen nach Plan, nach einem ausgekluegelten Mechanismus – Panama, Flug, Kolumbien, runter nach Bolivien, Flug Brasilien, wieder zurueck nach Mexiko City und wenn dann doch das Geld alle ist nach Hause. Brainstorming – was gibt es genau wo zu sehen, lohnt es sich? Es werden Erlebnisse ausgetauscht welcher meistens ein Austausch von Reisestationen, und deren Problemen dorthin und wieder weg zu kommen, ist. Reise fuer den Erlebnislebenslauf – sie reisen wie sie arbeiten – Optimierung, Wettbewerb, Kapitalisierung von Zeit, Leben, Lebenszeit. Bentham und Smith haetten ihre Freude gehabt. Finde kaum ein Platz mit meinem Buch und meinem Kaffee. Ueberall sitzen die Leute mit ihren Laptops, schauen sich Karten von Bogota an, die zur Not, wenn mal Internet mal ausfallen sollte, auch noch auf Papier an der Wand haengen. Ob das jemand bemerkt hat?
Im Platypus sind zu viele ‘Haben-Reisende’ um mich wirklich wohl zu fuehlen, fast keine ‘Sein-Reisende’. Ich will ein aktives Sein-Denken entwickeln, das ist das Ziel meiner Reise. Da ich in Deutschland sozialisiert bin, in der westlichen Welt, sehe ich kaum Wege in dieses Sein-Sein, weg von dem Haben-Sein, zu stossen ohne wenigstens ein wenig zu haben um darueber das ‘sein’ zu lernen, meine Haben-Beduerfnisse zu befriedigen, sie zu durchschauen und sie darueber weniger maechtig in und gegenueber meinem ‘Ich’ zu machen. Ich will das Urbild meines eigenen Ichs fuer mich sichtbarer machen, naher an ihm handeln und leben. Ich gehe weiter auf meinem Weg mich im Selbst greifbarer zu machen, ein bewusstes Sein zu entwickeln um ueber meine Haben-Wuensche bewusster entscheiden zu koennen, zu wissen ob sie zutraeglich fuer mein Sein sind oder ob ich Sein aufgeben muss um sie zu haben. Ich kann meine eigene Sozialisation nicht rueckgaengig machen, will es auch nicht, aber ich will sie bewusster leben und sie in Frage stellen koennen.
So starte ich erneut nach ein paar Tagen in Bogota voller Kurzweil um mehr Ruhe zu finden, Ideen und Gefuehle zu meinem eigenen Herzen, in meiner Seele, in eine Form zu bringen, die sie fuer mich anwendbarer machen, mich selber verstehen laesst, in die Lage versetzen laesst ein aktives Wollen zu entwickeln, welches mein eignes ist, fern von gesellschaftlichen Zielnormen, oeffentlichen Meinungen und Lebensvorstellungen.

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