Kosmonaut im Farbsternregen

Ausgedrueckte Eindruecke

Gravitationskraefte Mai 15, 2009

Einsortiert unter: Dies und Das,Eindruecke — Sebastian @ 2:01 vormittags
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IMG_9843Eine Reise ueber ein Kontinent ist immer eine Reise durch die Natur, oder was von ihr noch uebrig ist, aber in aller erster Linie eine Reise durch die Lebensumstaende der Menschen, die die Natur dafuer geisseln. Das Gruen in Sued Amerika ist, falls nicht gerade eine Wueste anstatt dessen selbstzufrieden in der Landschaft liegt, noch fast ueberall praesent, und wohl unter anderem deshalb auch die Menschen in einer signifikant anderen Art und Weise als ich es aus Europa gewohnt bin, oder besser, Europa es mir angewoehnt hat. Zumeist praegt hier die Natur noch den Menschen und nicht im umgekehrten Wege.
Nach unzaehligen Generationen kriegerischer Auseinandersetzungen bestimmen politische Grenzen wirtschaftliche und soziale Schicksaale – Luiz Inacio Lula da Silvas Vision eines Pan-Suedamerikanisches Staatenbund gegen die Nord Amerikanische politische, oekonomische und kulturelle Hegemonie scheint in weiter Ferne. Die Laender koennen sich ein friedliches Neben- und miteinander oekonomisch noch nicht leisten. Die Machtapperate sind zu zersetzt von Korruption und Guenstlingswirtschaft, als dass ein politischer Prozess oekonomisch, oder anders herum, auf den Weg gebracht werden koennte.
Die Menschen stellen sich hier andere Fragen. Viele Chilenen und Argentinier die ich getroffen habe suchen nach ihrer eigenen Philosophie, losgeloest von der allgegenwertigkeit Europaeischer Geschichte – einer neuen Sued Amerikanischen. Sie wollen frei sein und sind es oft. Einige die ich getroffen habe leben ihre Version von Freiheit so unverkrampft und weit ab von gesellschaftlichen stereotypen Bildern, man denke nur an das des Hippies, dass es mir das Herz erwaermt. Mit der Grenzueberquerung von Chile nach Bolivien bin ich in den zweiten Teil meiner Reise eingetreten. Alles hat sich umgekehrt, die Menschen sich veraendert, die Lebensumstaende verschlechtert. Das Leben ist so schwer wie einfach in Bolivien und Peru. Es ist runtergekocht auf die Grundbeduerfnisse - Essen, ein Dach ueber dem Kopf, Familie – oder anders, es konnte nie aufgekocht werden. Viele Menschen in diesen beiden Laendern, die nicht an absoluter Armut leben, sich also ernaehren koennen und eine kleine Huette haben und sich irgendwo die Haende wundarbeiten oder augenscheinlich nichts tun, erscheinen mir gluecklich. Das Lebens stellt keine Fragen, es ist einspurig, man muss nur aufpassen und die Kurven richtig nehmen. Viele einfache Maenner sind Ueberlebenskuenstler fuer sich und ihre Familie, und doch hat die aus oekonomischen Rahmenbedingungen Bildung nie ihren Horizont erweitert. Das genuegt hier, keiner verlangt von ihnen mehr. Intellektuell sind oft kleine Jungen geblieben, das Bildungssystem transportiert keine Inititative, es transportiert Imitation. Und da der Sued Amerikanische Charakter ein anderer als der Chinesische ist, kommt ein ziemliches Schlamassel dabei heraus.

Je aermer die Laender werden, umso mehr sind all die Touristen wieder unter sich. Laengere Gespraeche mit den Einheimischen werden seltener, solche mit tieferem Sinn verschwinden fast ganz. So sehe ich die liebe und herzensgute Menschen vor der Einfalt kapitulieren, sich dabei schlecht fuehlen und wieder anderen Reisenden zuwenden um wieder Gespraeche fuehren zu koennen die sie ausfuellen - Leben kehrt in die Gesichter zurueck. Der Schritt weg vom Reisetourismus, wirklich rein in die Gesellschaft, scheint mir fuer mich fast unmoeglich. Im Sueden hingegen sitzen Reisende mit Chilenen und Argentiniern gleichberechtigt gegenueber. Sie reden miteinander, fuellen sich auf, sind gespannt aufeinander. Geld spielt fast immer trotz der relativen Armut in vielen Gebieten nie eine Rolle und so helfen viele Reisende wo sie nur koennen – leben zusammen mit den Einheimischen. Ich will zurueck in den Argentinisch-Chilenischen Sommer! Das alles ist hier in Bolivien und Peru fast undenkbar. Die Konstellation des armen locals und der reichen Reisenden wird so gut wie nie komplett aufgebrochen. Der erstere sieht in letzter Konsequenz aus der Not oder aus Gewohnheit heraus die schier unendliche Kreditkarte des Menschen von irgendwo anders her. Sie haben keine Ahnung von dem Leben jenseits eines sehr kleinen Horizontes, selbst Gebildete. Das uebersteigert und verzerrt das Bild des Reisenden, jenes was er sich selber gibt und jenes, welches ihm von den Einheimischen gegeben wird - und beide umwabern einander bis zur kompletten Unkenntlichkeit – wird zur trennenden Mauer. Mir scheint, aus diesem Grund gibt es hier selten ein Miteinander von Reisenden und Einheimischen, es gibt ein Fuereinander – keine Frage, aber das erstere gehoert fuer mich essentiell zu einer gesunden Sozialstruktur dazu. So werde ich in Ollaguee wieder zum Fremden, die Rolle die ich im Sueden so genossen habe abgelegen zu koennen.

So will ich wieder zurueck. Habe gerade genug von beknackten Pop “te amo” Texten, habe genug von der Ahnungslosigkeit, von den vielen kleinen Luegen, von dem religioesen Fanatismus. Ich freu mich gerade riesig auf zielloses irren in einer Gesellschaft die so abstrakte und ueberfluessige Fragen wie die nach dem Sinn des Lebens stellt. Zurueck in eine Gesellschaft die abstrakt lebt und schafft, abstrakt denkt und sich dabei oft selbst verliert, weil sie alles hat, und all das in ihrer Musik zum Ausdruck bringt. Ich will zurueck in eine Umgebung die mir es erlaubt mich selbst zu verlieren, und das nicht nur physisch im Dschungel. Ich will zurueck in eine Umgebung in der meine Gedanken sich im Kreis drehen, immer wirre Windungen nehmen bis ich am Ende manchmal nicht mehr weiss ob das alles einen Sinn ergibt oder ich mich in ihnen verloren habe. Ich will zurueck in eine Gesellschaft, die sich anderen Fanatismen hingibt als “dios es mi amor“, “dios, te amo” oder “dios es amor“. Ich will zurueck in eine Gesellschaft, die mich ueberfordert, verwirrt und dadurch wach und am Leben haelt.
Und ich will zurueck in eine Gesellschaft, die mir all dies hier ermoeglicht, ich will die Moeglichkeit haben, jederzeit zurueckkehren zu koennen, in all die kleinen Paradise hier, die ich aber wohl nur als solche wahrnehme, wenn ich die Chance habe an den Ort zurueck zu gehen, an dem ich wieder von dem hier und jetzt traeumen kann, mein Fernweh wieder angestachelt wird – ich will nach Mexiko, Nepal, Indien, Australien, Neuseeland, Vietnam, und, und nach Patagonien. Ich geniesse die letzten Wochen hier unheimlich, ich geniesse Sued Amerika, jedes Land auf seine Weise, aber immer in dem Wissen, dass ich wieder mit dem Fahrrad von Friedrichshain auf der Oberbaumbruecke ueber die Spree fahren kann – meinem anderen Leben entgegen.

 

Tragende Klaenge März 29, 2009

Einsortiert unter: Dies und Das — Sebastian @ 1:48 vormittags
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Wie zu sehen und zu lesen bin ich dem Kontinent, nicht aber seiner Musik verfallen. Hier Musik, die mich bisher ueber den Kontinent, aber vor allem den Berg hoch getragen hat.

  1. Computerclub “Before the walls came down”
  2. Mono “You are there”
  3. Miyagi “Hydraulic son”
  4. The Black Angels “Passover”
  5. Brasstronaut “Old world lies”
  6. Radio Moscow “Brain cycles”
  7. Beyond the Wizard Sleeve “s.t.”
  8. The Doors “Waiting for the sun”
  9. Colour Haze “Ewige Blumenkraft”
  10. Dawn “Slaughtersun”
 

Versuch einer kosmonautischen Reise Februar 24, 2009

Einsortiert unter: Tagebuch — Sebastian @ 9:21 nachmittags
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Freitag schaffe ich mich endlich von El Bolsón zu loesen. Das Schicksal goennt mir kein Ticket von Bariloche nach Osorno, also sitze ich auf meinen restlichen 120 Pesos und ueberlege im morgendlichen Bus von El Bolsón nach Bariloche zwischen wieder drei Israelis was damit zu tun ist. In Bariloche angekommen gibt es nichts Eiligeres zu tun als einen Bus nach Villa St. Agostura zu finden, dem Ort der am dichtesten an der Grenze zu Chile liegt. Funktioniert auch ganz gut, nur in dem besagten Ort stehe ich mir an der Strasse die Beine in den Bauch – trampen ueber die Grenze ist schwierig, noch schwieriger wird es wenn da noch rund zehn andere Tramper stehen. Mein Einpersonenvorteil bringt mir auch nichts – so hole ich die Jonglierbaelle raus und vertreibe mir an der staubigen Strasse die Zeit und warte bis ich wieder Lust habe den gelangweilten wohlhabenden Autofahrern (denn nur die koennen sich ein Auto plus Urlaub jenseits der Grenze leisten) bittend ins Gesicht zu laecheln. Wie aus dem Nichts kommt ploetzlich ein bekanntes Gesicht vorbeigelaechelt – ein Maedel vom Flor de Luna Festival. Nach einer weiteren Zeit ohne Erfolg schlender ich zu ihr und ihrem Begleiter rueber und wir fangen an Kekse zu essen und Loecher in die Bergwipfel zu starren. Als ich den beiden von der Tankstelle die Strasse runter erzaehle machen sie sich auf um dort ihr Glueck zu versuchen: “Hasta mas tarde, quizas?!…”. Wenig spaeter halte ich wieder meinen Daumen in den Wind und ploetzlich haelt ein Auto, es sind die beiden von eben. Los geht die Fahrt, eine Stunde Wartezeit an der Argentinischen Grenze, eine weitere an der Chilenischen und ab geht die Fahrt durch Dunkel rein nach Chile, vorbei an den Waeldern, die ich in Argentinien so vermisst habe. Von diesem Augenblick ist klar, auch wenn mein Fuss noch immer schmerzt, ich werde den Camino Baños de Caulle um den Volcán Puyehue machen. Unsere Fahrerin ist Investmentberaterin und als Einzige hat sie den Zettel des Zolls nicht wahrheitsgemaess beantwortet. In Rauchschwaden duesen wir nach Entre Lagos und sie zeigt uns dort ein kleines Stueck Wiese an der Strasse auf dem wir uebernachten koennen!

sin-nombreAm naechsten Morgen geht es dann los. Ab nach Entre Lagos, stuerze in einen Supermarkt und kaufe alles ein was mir in die Finger geraet und halbwegs sinnvoll fuer eine Wanderung ist: Salami, Tuetensuppen, Honig, Broetchen, Schokolade, Tunfisch, Nudeln, Nuesse und so weiter, da ich wieder drei Chilenen fragend fuenf verschiedene Abfahrtszeiten fuer den Bus bekommen habe. Eigentlich wollte ich den Trek alleine machen, doch schon im Bus wird klar, das es nichts wird. Dieser ist so voll, dass ich neben dem Fahrer auf tausenden Taschen in der Windschutzscheibe sitze und mir die Sonne waehrend der rasanten Fahrt auf den Bauch scheinen lasse. Am Ende bleiben drei Israelis, es sollten viel mehr werden, und zwei Daenen uebrig. Wieder geht es ueber tausend Meter mit vollem Gepaeck den Berg hoch. Treffe auf den letzten Metern Jason wieder. Oben angekommen dauert das Kochen bis spaet in die Nacht. Ploetzlich hoer ich mich irgendwas schrein, renne um das Zelt der schlafenden Daenen und starre unglaeubig zum Himmel, der Zeigefinger meiner rechten Hand sticht Loecher in den sternenklaren Himmel: “Meteroid, aehh Asteroid aehh whatever…!”.sin-nombre2 Egal wie es hiess alle sahen es denn der komplette Berg ist hell erleuchtet und ein gigantischer Meteroid dringt in die Atmosphaere ein und zieht einen unendlichen Schweif aus Licht und Rauch hinter sich her. Vorne ist es ein kleiner schwarzer Punkt der von einem Feuerwirbel umgeben ist. Wenig spaeter ist er verglueht doch alle starren immer noch an die Stelle neben dem Vulkan an der nur noch ein Rauchfaden Zeugnis der Ereignisses ist. Entrueckt setzen sich langsam alle wieder auf die Holzbaenke und quasseln wild durcheinander. Die nunmehr schon acht Israelis sprechen nur noch Hebraeisch, nun versteh ich nichts mehr. Verzaubert lege ich mich wenig spaeter in mein Zelt und versinke in tiefem Schlaf.
img_82441Der naechste Tag ist wolkig und ich beeile mich mein Zelt einzupacken und mit Jogef, auch einem Israeli, auf den Vulkan zu klettern. Es wird immer stuermischer und oben angekommen fliegt uns das leichte Vulkangestein um die Ohren – Schmerzen. Ein Blick ueber den Kraterrand ist kaum moeglich, auch mit Sonnenbrillen verkriechen wir uns hinter kleinen Steinen, machen vorsichtige Schritte, denn jeder weite traegt mich einen Meter seitwaerts. Das Wetter erlaubt noch einen Blick ueber die kleine Wueste am Fusse des Vulkans, Sandduenen und erstarrte schwarze Lavafluesse praegen das Bild. Doch schnell wieder runter denn die Wolken fallen. Das Wetter laesst es nicht zu, dass wir zu den heissen Quellen weitergehen, so stolper ich mit meinem Rucksack wieder zurueck zum Refugio und verbringe die naechste Nacht am Ofen im Holzhaus. Das Wetter wird auch die naechsten Tage nicht sonderlich besser, trotzdem entscheiden ich mich mit Martin, einem Schweizer, und Charlotte und Ulrich, den beiden Daenen, einen tastenden Versuch durch den andauernden Nebel am Fusse des Vulkankegels zu wagen. Er glueckt, und nach fuenf Stunden kommen wir bei den nach faulen Eiern stickenden heissen Quellen an. Alles ist nur noch Wueste und ich stelle mein Zelt gekonnt zwischen die Pferdescheisse der cabagatas. Am naechsten Tag rennen wir diesmal ohne Rucksack vorbei an einem fast ausgetrockneten See an dessen Ufer man die schwimmenden Vulkansteinchen rascheln hoeren (“What the hell! – You are stones, you can not swim, did nobody tell you?”) kann zu den Mudpools. Zwei Israelis wollen es richtig wissen und machen uns mit schwefelschlammverkrusteten Schuhen darauf aufmerksam, dass man nicht zu dicht an die Geisiere heran darf, bekloppte Typen – zum Glueck sind sie nicht auf die Idee gekommen ihre Haende in das graue blubbernde Wasser zu stecken! Beim El Tatio im Norden sind schon welche umgekommen, weil sie ihre Nase zu dicht ueber den Kessel gehalten haben. Bei der Rueckkehr am Abend zu den Zelten sind auch die anderen Israelis gekommen und plantschen froehlich schnatternd in den Quellen. Der Himmel reisst doch noch einmal auf und ich klettere in meiner heiss geliebten Lava umher. Charlotte kann nicht aufhoeren sich ueber meine kindliche Begeisterung lustig zu machen. img_8212Es sind schoene Tage in den Bergen, auch wenn das Wetter uns nicht erlaubt den Vulkan noch einmal ohne umherfliegende Steine zu besteigen. Summend steige ich nach fuenf Naechten und sechs Tagen in den Bergen bei stroemendem Regen wieder ins Tal und trampe mit den anderen wieder zurueck nach Entre Lagos. Ein Tempo von 120km/h auf einer Pickupladeflaeche verursacht ne Menge Wind, darum heisst es runter in die Schafskoettel knien und Kopf einziehen. Von Entre Lagos nach Osorno wird es dann doch der Bus. Von Osorno geht es den gleichen Abend mit dem Bus zwoelf Stunden durch die Nacht direkt nach Santiago zurueck zu Matias Eltern. Dort verbringe ich organisierend und entspannend das Wochenende um dann weitere 1000 Kilometer nach Norden in die Atacamawueste zu fahren.

 

Bespannung, Spannung und Entspannung Februar 23, 2009

Einsortiert unter: Tagebuch — Sebastian @ 5:45 vormittags
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Jason und ich stellen die Zelte auf Camping “La Lomita”, derjenige der am dichtesten am Zentrum liegt – wenn schon Stadt, dann richtig! El Bolsón hat rund 40.000 Einwohner und war mal eine kleine Hippiekommune. Heute ist hier Hippietourismus angesagt, es gibt viel artesania Eiscréme, Schokolade, Marmelade, Honig und einen grossen Markt alle zwei bis drei Tage. Positiv gesehen fuellt das das Oertchen mit vielen Leuten, negativ gesehen bleibt von der Idee im Ortskern nicht mehr viel erhalten. Und trotzdem, die meisten Besucher sind Argentinier und Chilenen mit Rucksack und Doite-Zelten auf der Suche nach Ferien – es ist fast Februar. Der Ort liegt in einem Mikroklima was sogar den Anbau von Hopfen ermoeglichst. Was gibt es also? – teures artesania cerveza, klar! Im Umland liegen viele Farmen und die urspruengliche Idee scheint zumindestens dort im Sommer zu bluehen.
In rund einer Woche treffe ich mich mit Sophie, der Franzoesin, die ich am Aconcagua kennengelernt habe um mit ihr zum Flor de Luna Festival in der Naehe zu duesen. So verbringe ich die Tage schlendern im Ort, Asado machend auf dem Campingplatz.

7f8p7810Doch Jason der alte Trekking-Nerd kann seine Fuesse nicht still halten und schon wenig spaeter seh und fuehl ich mich mit vollem Rucksack den Sendero Hielo Azul in die Hoehe steigen – grosses Kino! Der erste Tag ist heiss, rund 1000 Hoehenmeter mit Zelt, Schlafsack, Kocher und Essen fuer mehrere Tage. Zum Glueck ist der Weg fast die ganze Zeit wahnsinnig steil, so dass es nur etwas mehr als zehn Kilometer Pfad durch den Wald ist. Meine Waden schmerzen die ersten zwei Stunden wie bloed doch dann schwingt sich mein Koerper in einen neuen Rythmus – ich spuehre nicht mehr viel, nur noch wie ich kopf-wackelnd die restlichen 600 Hoehenmeter hinter mir lasse und an der Baumgrenze angekommen in einem gigantischen amphitheateraehnlichen Bergkessel mein Zelt vom Ruecken nehme, aufstelle und mich reinlege. Und da waren sie wieder – die argentinischen Karten. Wir gehen mit einer ziemlichen guten Karte in der Hand zu Maedels des Refugios. Zuerst muss man sich immer ueberall registrieren, dann gibt es den Rest. Wir interessieren uns fuer einen Weg um den Gletscher der in einer ziemlich guten Karte eingezeichnet ist. Das erste Maedel hat keinen blassen Schimmer wo sie doch eigentlich als CONAF-Beauftragte fuer die Sicherheit verantwortlich ist. Eine andere sagt, dass dort kein Weg existiert wir aber einen anderen gehen koennen der in unsere Militaerkarte nicht eingezeichnet ist aber im LP beschrieben ist.img_7867 Ich frage mich wie die argentinischen Militaers damit navigieren wollen. Muss mich in dieser Hinsicht etwas entspannen. Die Sache ist nur die, dass wenn man sich schon ueberall registrieren muss und damit alles den Anschein hat, dass hier irgendeine Ordnung existiert, dann muss doch auch der Rest wenigstens ein bisschen funktionieren. Tut er aber nicht und so werde ich durch diese Schizophrenie immer wieder verwirrt. Einfacher waere es doch, wenn sich keiner kuemmert und keiner etwas weiss, dann koennen auch keine Erwartungen enttaeuscht werden. Alle kuemmern sich aber keiner weiss was – nicht so einfach. Der folgende Tag wird ohne Karte ohne Beschreibung einfach super. Wir gehen am Gletscher vorbei, nicht ohne uns einmal drunter zu stellen und ob des poroesen Eises Respekt zu bekommen und wieder wegzuhuepfen, und anschliessend weiter zwischen den Schotter- und Eisfeldern nach oben. Die Spitzen der Berge ueber dem Hielo Azul sind toll, der Ausblick auf die umliegenden Berge aber einfach gigantisch – das macht Lust auf die Nahuel Huapi Traverse bei Bariloche. Den kommenden Tag machen wir die letzten zwei Tagesdistancen auf einmal was mir mein Koerper in erzwungener Ruhe am Abend beantwortet – die Hitze laesst mich nicht mehr aufstehen. Jason kommt die folgenden Tage weiter nicht zur Ruhe, weiss nichts mit sich anzufangen und macht sich schliesslich auf den Weg nach Bariloche – ist mir am Ende auch ganz Recht – im Amerikanischen kommt mir ein bisschen zu viel das kleine Wort “I” vor. So sitze ich am Abend alleine vor meinem Zelt und bestaune die Sternendecke die sich hinter der Bergkette des Ortes aufbaeumt. Doch lange bleibe ich nicht alleine, die Nichte der Besitzerin des Platzes laedt mich in ihr Haus zum Abendessen ein.

img_80723Flor de Luna Festival, oder: Mit Schweiss tanzender Fuesse und Feuerwehrschlauchwasser durchtraenkter Boden riecht ueberall auf der Welt gleich.
Am Donnerstag treff ich Sophie, witziges Gefuehl Menschen auf Reisen wiederzutreffen. Wir verbringen noch eine Nacht auf dem Zeltplatz und machen uns am naechsten Tag voll bepackt auf den Weg ueber El Hoyo nach El Desemboque am Lago Puelo zum Moonflower Festival. Grinzend stehen wir an der Strasse und versuchen ein Auto zu bekommen: “¡¿Hippieciudad!? – ¡¡Hippieciudad!!”. Lauter Pickups fahren vorbei, keiner haelt, manche habe Kuehe oder Schafe geladen, lachend tanzen wir am Strassenrand hin und her und lassen auch den Bus sausen, der extra wegen uns anhaelt und uns mitnehmen will – da geht es um’s Prinzip, muss doch moeglich sein hier ein Auto zu bekommen. Dann haelt doch eines und wir kommen bis El Hoyo.img_7897 Dort angekommen geht es eine der vielen Schotterstrassen Richtung See. Hier haben wir mehr Glueck, ein Pickup haelt sofort und wir duesen wild jubelnd an den anderen Festivalbesuchern vorbei die etwas verdutzt uns hinterher schaun und weiter ihr Gepaeck den unendlichen Weg langschleppen, viele Autos fahren hier wirklich nicht. Die Hitze brennt und die einzige Schwierigkeit ist es nicht einen der vielen Brombeerstrauchaeste ins Gesicht zu bekommen. Drei Kilometer vor dem See werden wir dann abgesetzt, fangen an zu laufen, werden aber gleich wieder von einem Lieferwagen mitgenommen. Dicht gedraengt sitzen wir in den Rucksaecken und von der Fahrerkabine wabern die ersten Festivalduefte nach hinten. Das Gelaende ist malerisch. Stellen unser Zelt direkt an den See. Es gibt einen Strand, blaues Wasser, genug Feuerholz, eine Pista Central, ein Chillium, die uebliche Fressmeile, einen friedlich wackelnden Fluss, grosse Berge zu beiden Seiten. Hier kann ich es locker bis Dienstag aushalten. Mach ich auch, durchtanzte Nachmittage, verliere mich in den Hoehen der patagonischen Berge, Sonne, Vollmond, laechelnde Menschen die sich zur Abwechslung nicht komplett ins Jenseits katapultieren – all das macht das Fest fuer mich aus. Angenehm ist auch, dass nicht alles so hochgepimpt ist, die Leute wirken entspannt, kaum Egozentrik, aber auch hier drucken die Oekohippies ihre Oekofestivalflyer auf Hochglanzpapier – verrueckte Welt. Fast waere das Festival in Flammen aufgegangen als Samstag Nacht das angeschwemmte Treibholz am Seeufer in Flammen steht und die Baeume beleuchtet. Leimg_8106ute rennen vor meinem Zelt vorbei, mit Plastikflaschen und Toepfen bewaffnet ueberraschgt mich der Sinn fuer kollektives Handeln und wenig spaeter steh ich mit meinen weissen Hosen im nun sumpfigen Seeufer und schoepfe Wasser in alle Arten von Gefaessen – Menschenketten, Durcheinander – aber zum Schluss rettet die Technosonnenwasserpumpe den Loescheinsatz, wenn die nicht gewesen waere haetten wir es wahrscheinlich nicht geschafft – suerte! So kann ich mir auch am Sonntag Nachmittag den mit Wassertropfen durchmischten Staub und dem Hagel der Baesse um die Ohren wehen lassen. Die Menschen ruecken zusammen. Am Sonntag Abend gibt es ein Zeremonie am See – Lagerfeuer, Gesaenge und anschliessend gibt es einen Umzug zur Pista Central. Die Sonne geht unter und auf der anderen Seite geht der Vollmond auf, das ganze Festival jubelt und tanzt vor Begeisterung.
Doch leider ist der Rausch am Dienstag zu Ende und wir sehen uns morgens wieder mit hartem oekonomischen Kalkuel konfrontiert. 15 Pesos bis nach El Hoyo, da weiss jemand das 15 Kilometer Rueckweg nach fuenf Tagen Festival einfach nicht drinn sind – der Typ vor seinem schaebigen alten Ford grinzt uns an und beobachtet was wir wohl tun werden. Mit ihm mitfahren geht gar nicht! So maschieren wir los in der Hoffnung, dass irgendwo aus dem Gebuesch ein leeren Auto erscheint, denn alle die vom Gelaende losfahren sind restlos ueberfuellt, und das sind zudem auch nicht viele. Nach einem Kilometer Schwerstarbeit haben wir tatsaechlich Glueck und erwischen ein Pickup direkt bis auf dem Markt in El Bolsón, yeah!! Gespielt und wieder gewonnen, nicht zum ersten Mal – habe kein Angst und du kannst nicht verlieren!

img_8112In El Bolsón angekommen verbringe ich noch drei Tage mit Alice, Kirgen, Uri, Sophie, Nahuel und zwei anderen Maedels im “Casita”. Asado steht die erste Nacht auf dem Speiseplan, 700 Gramm Fleisch fuer jeden, Salat und Kartoffeln. Die zweite Nacht verbringen wir damit Pizzen ueber dem Feuer zu machen, es wird ziemlich spaet und zu viele Korken werden gezogen. Ich versacke langsam in dem Nest, habe kaum Lust weiterzuziehen. Bringe meine Stiefel erneut zur Reperatur und geniesse die streichelnden Sonnenstrahlen kurz vor Sonnenuntegang, esse Humus Joghurt, Honig und streife durch die Strassen und bestaune die unvergleichlichen Autos auf Argentiniens Strassen.

 

“I saved the Kiwi’s life by smashing his face into a pile of Vulcanic Ash” Februar 20, 2009

Einsortiert unter: Tagebuch — Sebastian @ 9:37 nachmittags
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… Doch zu meiner Verwunderung bleibt es bei der versprochenen Fahrzeit. Das Meerwasser faerbt sich je dichter das Schiff an Chaitén tuckert in ein seltsames braun-blau-tuerkis-irgendwas. Gierig steh ich an der Reling und schaue ob der rauchende Vulkankrater zu sehen ist. Der Ort selber ist nur noch ein Schatten seiner selbst. img_05911Die Haelfte wurde von den Schlammassen des Flusses mitgerissen, die andere badet in neunzig Zentimeter Asche. Ueberall haengen Protestplakate, die Regierung will den Ort einstampfen, die Leute wollen den Wiederaufbau. Wir dallern von der Don Baldo und rennen ein wenig in der Aschewueste hin und her. Alles wirkt tot, bedrohlich und irgendwie weggetreten. Aschewolken haengen ueber den Haeusern, jede Bewegung wirbelt den weissen Staub auf – es dauert eine ganze Weile bis alles wieder zu Boden sinkt. Das atmen faellt schwer, mein Hals kratzt und die Nase fuehlt sich seltsam an, die Augen brennen. Ploetzlich reisst die Wolkendecke in Richtung der Berge ein wenig auf und der neue gefaehrlich rauchende Vulkankrater zeigt sich – Zeit zu fahren! Wir fahren in die nahe gelegenen Termas El Amarillo und verbringen dort eine verregnete Nacht. Bizarr ist es, mein Zelt steht auf der Vulkanasche, der Himmel oeffnet sich – so pendel ich vom trockenen Zelt – ueber die Asche – durch den Regen – in die heissen Pools der Quellen. Am naechsten Tag geht es weiter im Suzuki, rechts und links der Strasse ist weiterhin alles weiss und die Baeume grau, die Hoefe sind verlassen.img_0607 In Villa Santa Lucia huepfen wir aus dem Auto und rein in die einzige Teestube, die auch gleichzeitig als Touristeninformation dient – oder anders herum, keine Ahnung. Draussen regnet es weiter in Stroemen waehrend mich Michael und Juliana noch ein paar Tipps fuer Kolumbien geben. Dann duesen die beiden weiter die Carretera Austral nach Sueden, schade – waere gerne mitgefahren, aber mich zieht es nach Norden. So verbringe ich den Nachmittag vor der Tuer des Papphauses und schluerfe Tee, trampen hat keinen Sinn, es fahren kaum Autos und der Regen prasselt weiter auf das kleine Tal ein. Der einzige Bus Richtung Futaleufú kommt zweieinhalb Stunden zu spaet. Es geht los, Geschlengel durch die Berge, durch La Cabaña nach Osten, biegen in Puerto Ramirez links ab – von jetzt an geht es fuer mich nur noch gen Norden - immer der Sehnsucht des Reisens nach!

Nach einer wilden Fahrt wieder hoch in die Berge renne ich mit ein paar anderen durch Futaleufú und suchen nach einer Unterkunft. Schlussendlich geht es dann auf den Campingplatz neben dem tuerkisen Rio Futaleufú – auch hier ist der Boden noch weiss vor Asche. img_0660Vier Tage der Entspannung – Lagerfeuer, endlose Abende im Rauschen des Flusses – sechs Alleinreisende fuer einen kurzen Moment zusammen – es ist eine irre Mischung. Sam – ein Brite wie er im Buche steht, Jason und Duncan – zwei Amis und Andrea – eine durchgeknallte Deutsche und Marie eine Stewardess als Weltenbuerger. Die Abende werden laenger, Literaturdiskussionen, Filme, Photographie, Sinn, Unsinn, Lachkraempfe auf Chilenischen TetraPack Wein. Nach einer missglueckten verkaterten Wanderung auf der uns die Forstarbeiter zum Glueck am Ende mit ihrem Pickup gerettet haben und einer verrueckten Nacht mit einem Konzert im Lokalstadion vor der Bergkulisse nach der Jason nass im Zelt aufwacht und ich Duncan morgens noch bei den anderen Chilenen antreffe und ihn erinner, dass unser Bus ueber die Grenze in einer Stunde faehrt, ist es Zeit wieder die Zelte abzubrechen und weiterzureisen. Erst recht als ich einen Konterpisco trinkend hoere, dass ein Neuseelaender sich komplett besoffen mit den Chilenen wegen eines Maedels angelegt hat und Duncan ihn gerade noch mit einem Fusstritt retten konnte – anderfalls haetten die ebenfalls betrunkenen Chilenen den Tyen wohl zerlegt. Zur Kroenung dieses Morgens passen wir nicht mehr in den Bus und stehen mit unseren Tickets etwas verdattert in der Morgensonne. Eine wilde Diskussion beginnt mit der Betreiberin in der keiner auch nur annaehrend einen klaren Kopf behalten kann – wie gesagt, es ist Zeit zu gehen! Schlussendlich sitzen wir doch in einem Pickup auf dem Weg zur Grenze und ich kann es kaum erwarten die argentinische Seite zu sehen. Andrea und Sam sind weiter nach Sueden, die Carretera Austral entlang – so sind wir noch noch vier.

“Was ist das fuer ein Gefuehl, wenn man wegfaehrt und die Menschen die man zuruecklaesst, auf der weiten Ebene immer kleiner werden, bis man sie als winzige Punkte verschwinden sieht? Zu gross ist die Welt, die sich ueber uns woelbt – das ist Abschied. Vor uns aber lag das naechste verrueckte Abendteuer unter dem Himmel.” (Jack Kerouac)

Der Grenzuebergang ist ueberraschend einfach und wenig spaeter bekommen wir es in Esquel fertig den Bus zum Parque Nacional Los Alerces zu verpassen. Duncan nimmt das letzte Busticket nach El Bolsón und Jason und ich dallern nach Trevelin und bekommen dort zum Glueck sofort ein Auto vierzig Kilometer die Schotterpiste entlang. Durch die Fenster der Ladeflaeche kann man links die gruenen Berge mit den kahlen Spitzen, rechts Pampa – trockende Graslandschaft und fast vegetationslose Berge sehen. Am Eingang des Nationalparks bezahlen wir wieder den ueblichen happigen Auslaenderzuschlag und versuchen mit einer alten Karte einen freien Campingplatz zu finden. Karten sind nicht so die Sache der Chilenen und Argentinier – wenn es keine Militaerkarten sind halte ich oft wirre Kritzelzeichnungen oder verzerrte JPGs in der Hand ohne die man meist besser drann ist.img_7683 Die Kroenung war bisher eine Wanderkarte in Futaleufú die aus einem weissen Blatt, zwei eingezeichneten Bergspitzen, einer blauen Linie die aller Wahrscheinlichkeit nach den Fluss darstellen sollte und einer gruenen gestrichelten Linie irgendwo dazwischen hindurch bestand – entsprechend gross war die Verwirrung, gibt ja schliesslich nicht nur zwei Gipfel in so einem Gebirge. Wir finden dann doch noch einen, muessen aber ins benachbarten Bezahlcamping huepfen um zu duschen, das komplette Waschhaus ist geschlossen. Die Guardaparque macht uns zu allem Uebel noch darauf aufmerksam, dass wir nicht am Ufer des Sees campen koennen, sondern in die dafuer vorgesehenen Stellen hinter der Uferbepflanzung umziehen sollen. Dumm nur, dass es dort so eng und staubig ist, dass jeder freiwillig auf des grossraeumigen Bezahlcamping umzieht. So bleibt es bei einer Tageswanderung auf den naechsten Gipfel, durch “Bambuswaelder ohne Koalas”, auf dem immer noch Unmengen an Asche aus Chaitén zu finden ist, und wir brechen nach einer verregneten Nacht die Zelte wieder ab und machen uns auf den Weg nach El Bolsón.

(Der dampfende Kessel ist die letzten Tage wieder explodiert, war also eine gute Entscheidung aus Chaitén schnell weiterzuziehen. 20.01.2009)

 

Feliz Navidad … Januar 5, 2009

Einsortiert unter: Eindruecke,Tagebuch — Sebastian @ 7:23 vormittags
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Cordoba, auch hier versuchen wie in Buenos Aires Bolivianer mit Muetzen die Stimmung weit ausgedehnter Hochebenen in engen und vollen Einkausmeilen zu verbreiten und mit der Sehnsucht der Menschen Geld zu verdienen. Ansonsten ist es eine “Stadt”, es gibt Haeuser, Strassen, Autos, Hupen, Kirchen, Muelltrennungspferdekutschen in der Daemmerung und gigantische Taxiwarteschlangen da das oeffentlicher Verkehrsystem schlecht ist. Alles Geld geht hierfuer nach Buenos Aires damit der Hexenkessel nicht explodiert. Verpasse Maximiliano, meinen CS Host, da der Bus 2h Verspaetung hat, war aber halb so schlimm, so konnte ich im Bus noch etwas Spanisch lernen und schlussendlich sass ich dann doch bei ihm im Auto und wir duesen in irgendeine Ecke der Stadt. Er wohnt mit deinen Eltern und seiner Schwester und einer kleinen gelben Ente zusammen und ich jetzt mit in seinem Zimmer, schoen eng und gemuetlich. Versuche gleich Lene zu erreichen, klappt auch super und wie durch ein Wunder sitzen wir wenig spaeter mit Linn vor der Kathedrale. Freitag Abend, Graduierten-Party irgendwo in einem gemieteten Club in der Stadt, fuehle mich komisch, irgendwie deplaziert, alleine und haltlos bis mich irgendwann eine Gruppe von interessierten besoffenen Maedels aus meiner Lethargie reissen. Doch als sie mich frueh am Morgen dann auf die Tanzflaeche, auf der ganz hingebungsvoll zu Raggaeton gefeiert wurde, schleifen wollen, bin ich sehr froh als Maximiliano wieder auftauchte und ich mich entscheide lieber hingebungsvoll nach einem Taxi suche als zu tanzen. Raggaeton ist “in” hier, keine Ahnung warum, es klingt nach Matrix, ausgelutscht, wenig spannungsreich, so sehr ich es auch nach ein paar Bier versuche die Musik nicht ganz beschissen zu finden, es gelingt mir nicht. 00081Den naechsten Tag geht’s raus, vorbei an Alta Gracia wohin Ché Guevara wegen seines Asthmas vor seiner Studienjahre geflohen ist, in die Berge nach La Estancia zu einer schoene Finka mit Pool neben einem See in den Bergen. Tausende luciérnagas lassen den Sternenhimmel des Nachts ueber den See tanzen. Im leichten, kuehlenden Regen fahren wir am kommenden Tag zurueck in die Stadt wo die Strassen ueberschwemmt sind und wir eine Zeit ohne Strom sind.

Este es el Show. So heisst eine Fernsehshow in Argentinien die hier fast jeder zu gucken scheint, sie bietet alles und nichts. Hier gibt es kein oeffentliches Fernsehen, jedenfalls sagt das Maximiliano, mein CS Host in Cordoba, irgendwie seltsam. So gibt es Sendungen ueber die Show, Nachrichten ueber die Sendung und die Show und Magazine ueber alles zusammen und noch viel mehr. Der Moderator mit Winnetou-Frisur ist recht einflussreich und viele der auftretenden Models sind danach Stars. Ein Teil der Show laeuft ungefaehr so ab: Irgendein Model in superknappem Kostuem kommt auf die Buehne gesprungen, der Moderator faengt wie wild an zu kreischen, ist ausser sich, steigert sich voll und ganz in seine animalische Geschlechterrolle, schwingt das Mikrofon durch die Luft und kuendigt bruellend den naechsten Tanz an. Dann kommt der Taenzer auf die Buehne, nimmt sich gleich dem immer laechelnden Freiwild an und stolziert zu irgendeinem Cumbia-Dance Verschnitt um sein Opfer herum. Das Gesicht des Jaegers wird fast niemals in Grossaufnahme gezeigt, vieleicht mal durch Zufall, wenn es gerade mal hinter dem Hintern der Taenzerin auftaucht. So konzentriert sich der Kameramann auf die Hueften der Taenzerin, vorzugsweise culo in Grossaufnahme den die Tante auch artig vor der Linse hin und her schwingt. Ab und zu kommen dann die Haende des Typen, der natuerlich fein katholisch komplett bekleidet ist, ins Bild gesaust und landen irgendwo klatschend auf der Huefte oder auf dem Hintern. Das geht ne knappe Minute so, nicht laenger, denn es warten wartet ja noch mehr Fleisch hinter der Buehne. Der Moderator roehrt weiterhin wie ein Hirsch ins Mikrofon und kommt wenn die Musik verschwindet wie ein Tier auf sein Opfer zugesaust, das immer noch brav in die Kamera laechelt. Er kniet sich hin, Softpornoklaenge werden eingespielt, jedes Mal die gleichen, und schneidet im Zeitlupentempo mit einer Nagelschehre den letzten duennen Stoffetzen vor dem Slip der Taenzerin weg. Wenn er das dann endlich geschafft hat, wedelt er triumphierend den Stoffsteifen durch die Luft und starrt wild mit seinem glasigen Blick in die Kamera, die Tante wedelt ihren Arsch vor der Linse hin und her. Anschliessend evaluiert Ton, Bild in Grossaufnahme, das Publikum und der Moderator gleichzeitig die Qualitaet des erlegten Tieres, das Model hat seltsamer Weise immer noch nicht aufgehoert zu grinsen. Dann gibt es einen kleinen Catwalk ueber die Buehne der dann auch die letzten Zweifel an der Fruchtbarkeit des Objektes verstimmen lassen sollen. Sie verschwindet von der Buehne und die naechste springt ins Bild. Wenn es ein ganz besonderer Stoffetzen ist, wird eine Waescheleine von oben herabgelassen und der Skalp mit einer wunderschoenen Plastikwaescheklammer neben einer bunten Reihe frueherer Trophaen unter Trompetenklaengen befestigt und wieder unter die Hallendecke gezogen. Wenn es mal keinen Cumbia-Dance, keine Softpornomusik und keine Trompeten gibt, dann scheint sich 9-Life die musikalische Untermalung von der Show abgeschaut zu haben, oder anders herum, ist aber auch egal, klingt gleich. Wenn sie das dann gefuehlte 20 Mal gemacht haben, kommen zwei Typen auf die Buehne, machen einen auf Dumm und Duemmer und bieten ihren gewollten musikalischen Ekel-Trash zwischen den Haesschen auf der Buehne dar, diese grinsen und klatschen natuerlich immer noch, sportliche Hoechstleistung. Manchmal, wenn die Kamera etwas zu schnell und unerwartet schwenkt, sieht der aufmerksame Zuschauer, dass sie auch mal das Barbiepuppengesicht ablegen und hilfe- oder sinnsuchend durch die Gegend blicken. Dieser Ritus flimmert fast jeden Abend ueber die Mattscheibe. Das ganze scheint so tief in die oeffentliche Aufmerksamkeit der Leute eingedrungen zu sein, dass der Moderator und aufgespritzte Alt-Models sich trauen politischen Ambitionen zu hegen, eine ganze Menge Stimmen haben sie bekommen, wenn auch gluecklicherweise nicht genug. Rafael meinte, dass die Argentinier diesen bizarren Hang zu Showpolitikern und politischer Kultur von den Italienern uebernommen haben. Das lass ich mal so im Raum stehen.

Am Montag Abend geht es mit Lene, Linn und ihrem Freund los nach Mendoza.img_0022 Rund 10h Bus und eine Stunde Zeitverschiebung spaeter stehen wir am 19.12. im Fahrstuhl zum Appartement im 7ten Stock in der Calle Lavalle im Stadtzentrum. Der Ausblick ist leicht “russisch” (Lene) doch die ueber die Stadt wachenden Anden entschaedigen fuer die mit Alufolie beklebten Daechern im Vordergrund. Die Sonnenuntergaenge ueber den Bergen in den naechsten Tagen sind wunderbar, Mendoza dagegen eher durchschnittlich, eine Stadt mit ein paar mehr Baeumen als Cordoba. Weihnachten ist nur durch die tausenden Menschen in der Innenstadt, die Heilig Abend wie vom Erdboden verschluckt werden und Lene und mich mit einer zirpenden Grille und ein paar blutruenstigen Hunden und ihrem eigenen Besitzer alleine lassen, sichtbar. Unser erstes Asado wird etwas zu trocken, liegt vieleicht auch am fehlenden Grill, wer weiss. Weihnachtsanrufe, Stadtspaziergaenge, in Mendoza bleibt die Zeit stehen. Erst als wir nach Potrerillos fahren und Lene und ich zum ersten Mal in ein gelbes Gummiboot steigen und den rio Mendoza zwischen haushohen zusammengepressten Sandschichten und unter einem einsetzenden Gewitter hinunterrauschen wache ich wieder auf.

Mit einem Rucksack voll Essen renne ich am Freitag Morgen zum Busbahnhof um nach Puente del Inca, einem kleinen Dorf mitten auf dem Andenpass auf 2720m, zu fahren. Neben mich setzt sich sofort ein Thueringer, ueberhaupt ist der ganze lokale Bus img_0051voller Touristen, da der Ort der Ausgangspunkt fuer Blicke zum, Trekings hin und Klettertouren auf den Aconcagua ist, dem mit 6962m hoechsten Berg ausserhalb des Himalayas. Zudem stellt sich heraus, dass auch zahlreiche Tagestouristen die bunte natuerliche Bruecke ueber den rio Las Cuevas fotographieren und dann die restlichen 3h, bis der Bus wieder 4-5h zurueck nach Mendoza faehrt, durch den lokalen artesanía mercado stoebern. Entscheide mich das auf spaeter zu verschieben und renne die Gebirgsstrasse ein paar Meter den Berg Richtung Aconcagua hoch um ein Platz zum Zelten zu finden. Treffe Sophie wieder, die ich ueber meinen Sitznachbarn im Bus schon kurz kennengelernt hatte und wir kaempfen uns gemeinsam durch die sandige Abkuerzung zum Eingang des Nationalparks. Meine Regenhaube fuer den Rucksack ist zu klein und haelt dem einsetzenden starken Wind und ein paar kuehlen kruemeligen Schneeflocken nicht stand. Nicht nur deshalb, sondern auch weil ich jeden Kilometer bergauf in dem tiefen staubigen Sand eine Pause machen muss, geistern meine Gedanken in diesem Augenblick durch meinen Rucksack und sortieren aus, schmeissen weg, auf 2800m ist er einfach zu schwer. Abends gibt es denn Salat mit Balsamicoessig unter dem sternenreichsten Himmel, den ich je gesehen habe. img_0100Richtung Mendoza blitzt und explodiert das Tal, es ist nicht zu erkennen warum. Die Nacht wird kalt und der naechste Tag wolkenlos. Ich streife den Tag durch die staubige Hitze, entlang der alten Bahnschiene, ueber die alte Eisenbahnbruecke, hinein in den Nationalpark den Aconcagua, wieder ins Dorf, hoch runter, finde einen alten verrosteten Bus mitten auf einer Wiese und hole mir wieder einen Sonnenbrand. Ich erkundige mich an dem Tag noch nach Bussen ueber die nahe gelegende Grenze nach Chile, die Preise sind gepfeffert, teurer als vom 200km entfernten Mendoza am Fusse der Anden, $95, da hat wer in der Oekonomiestunde nicht geschlafen. So ist klar, dass ich mich am naechsten Morgen an die Gebirgsstrasse stellen werde. Wache frueh auf, befreie die Ameisen wieder von dem Stoffhaus mitten in ihren unzahligen Strassen und mache mich auf den Weg. Meine Laune ist bestens, die Black Angels und Computerclub begleiten mich abwechselnd auf meinem Weg zur Strasse. Mit der Musik wechselt auch die Wahrnehmung der 4000m hohen schneelosen Giganten um mich, mal schwer und kraftvoll, respekteinfloessend oder herrschend, mal leicht, in ihrer Kraft fast abhebend und schwebend. Die Groesse laesst mich ein wenig schwindelig fuehlen, der Unterschied der Entfernungen, die surrealen Perspektiven, die sich beim Gehen bewegende Landschaft und die fixen Steingiganten im Hintergrund bringt meine normale Wahrnehmung durcheinander. img_0121Stunden vergehen, keiner nimmt mich mit, immerhin reagieren die Leute positiv, es sind aber alle Autos voll, wohl nur Familienausfluege so kurz vor Jahreswechsel. Grinse weiterin in die Sonne und Stackwaddy’s “Roadrunner” laesst mich auf Karl Mays Sam Hawkins warten und leichtfuessig vom einem auf den anderen Fuss huepfen. Die Sonne faellt wieder auf mich herab und ich entscheide mich schweren Herzens doch zum Bus den Berg wieder runter nach Puente del Inca zu stiefeln da ich Matías geschrieben hatte spaetenstens am 29.12. in Santiago zu sein. Habe auch gerade wenig Lust einen weiteren Tag in dieser Sonnennaehe zu verbringen, Schatten sind wahnsinnig kurz wenn das Licht senkrecht von oben kommt. Die Lastwagen kommen im Zeitlupentempo mir entgegen gekrochen und nach 3km stehe ich wenig spaeter im Kiosko Aconcagua und erfahre, dass es heute keine freien Plaetze mehr nach Santiago gibt, verdammt! Trotz blauem Himmel verdunkelt sich mein Gemueht, bin genervt und will raus aus dieser Einoede, nur noch weg. Zurueck nach Mendoza? – Keine wirkliche Option. Hier noch eine Nacht im Zelt? – Keine Lust den Berg wieder hochzukriechen und das Ding nochmal aufzustellen, zumal ich auch kein Essen mehr habe und der kleine Laden touristenkompatible Tankstellenpreise hat. In dem alten Bus ala “Into the Wild” uebernachten? – Hm, der steht ein bisschen schief und ein paar dunkle Wolken ueber den Bergen in Richtung Chile sehen mich schon Nachts von Regentropfen wachgekuesst werden. Oder vieleicht in dem kleinen verlassenen UN-Gebaeude unten am Fluss? – Auch nicht wirklich, es ist klein und staubig. Darum setze ich mich erstmal in den Schatten und schaue einem anderen Trupp zu wie sie verzweifelt versuchen ein Auto zu bekommen. Frage ein paar Leute, die sich die bunte Bruecke anschaun, ob sie mich nach Chile mitnehmen koennen, ohne Erfolg. Hin und her, bin unruhig und versuche mich fuer irgendeine der Optionen zu begeistern. Frage kurzer Hand den Trampertrupp und sitze wenig spaeter im Bus zum naechsten Dorf, Mario und die beiden Maedels aus Mendoza hatten den grummligen Fahrer bequatscht uns umsonst mitzunehmen. Las Cuevas, 3200m, zwei Kilometer vor dem Grenztunnel, dort ist erstmal Schluss. Verlassene Haeuser und kantige Berge bestimmen die Szenerie, kaum Autos, schlecht fuer uns, wir brauchen aber eines um durch den Tunnel zu kommen. Versuchen eines direkt vor dem Tunnel zu bekommen, kein Erfolg. Irgendwann wird es denn Grenzbeamten zu bunt, sie werden nervoes als mir Mario erklaert, ich muesse an aller erster Stelle die Autofahrer fragen, weil sie vor mir weniger Angst haetten, die Verhaeltnisse sind hier umgekehrt. Ein ernster Blick, “¡Pasaportes!”, der Soldat quetscht sich in ein Kontrollhaeuschen und durchstoebert unsere Paesse, zuerst findet er meinen Einreisestempel nicht, ganz schlecht. Da ich aber doch einen habe sitze ich wenig spaeter mit den anderen in einem Gepaeckwagen und unser Fahrer Sebastián macht uns auf dden Grenzstein im Fels aufmerksam -  Chile!!! Auf der anderen Seit sind die Berge noch schroffer, stampfen wieder los, diesmal den Berg abwaerts. img_0125Ein Typ in einem Pickup nimmt uns ein paar Meter mit, dann stehen wir in der Grenzschlange, angekuendigte 7h Wartezeit. Kein Ahnung wieviele es wirklich sind, denn wir entscheiden uns zu Fuss weiter zu gehen. Wenig spaeter haben wir es geschafft die Beamten an der Grenze aus ihrem buerokratischen Trott zu bringen. Fussgaenger? – So etwas gibt es hier nicht, Zettelstaffellauf, tausende Stempel, hin und her, ich kapier nach ner Zeit nix mehr sondern stolper mit meinem Pass in der Hand nur noch hinter Mario her der versucht irgendwie durch diesen buereaukratischen Wust zu kommen. Das Durcheinander ersparrt uns gluecklicher Weise die Gepaeckkontrolle, denn die anderen haben Rucksaecke voller Essen dabei um den relativ teueren Lebensmittelpreisen auf ihrer Silvesterreise nach Valparaíso aus dem Weg zu gehen. So sehen wir nur den streng-vaeterlichen Blick einer Grenzbeamtin als sie einen Ampfel aus einem Ruecksack einer Frau zieht und ihn drohend der armen Dame ins Gesicht haelt. Die anderen bemuehen sich ununterbrochen um eine Weiterfahrgelegenheit fuer mich da unsere Wege sich 70km nach der Grenze trenne wuerden. Schlussendlich sitze ich neben Barbera, einer Heilpraktikerin, in einem roten Golf und fahre eine der gefaehrlichsten Serpentinen Sued Amerikas wieder ins Tal runter, hole mir noch ein paar Reisetipps, eine Adresse in einem ecopueblo im Sueden, und sitze dank meiner genialen Fahrerin wenig spaeter, frisch ausgestattet mit Chilenischen Pesos im Bus von Los Andes nach Santiago, mit den Argentinischen waere ich hier nicht weit gekommen, die Laender moegen sich nicht allzu sehr.

Kakteen, leicht deutsche Verhaeltnisse Strassenverhaeltnisse, unzaehlige Autohaeuser, Weinstoecke und unertraegliche Hitze begruessen mich in Chile. Matías hat mir gluecklicherweise seine Nummer geschickt, so schliesse ich wenig spaeter erstmals in Santiago de Chile meine Augen, kurz vor Jahreswechsel, Bardo Pond “Be a Fish”, starre an die Decke, schliesse wieder die Augen und bin komplett ueberwaeltigt ob des Gluecks und der Gefuehle die mich die letzten 3 Tage begleitet haben. Kaltes, warmes, saures Kribbeln kriecht meinen Ruecken hinauf, durch den Nacken, direkt an der Schaedeldecke entlang zieht es sich in meinem Gesicht zusammen, eine Traene rinnt ueber meine Wangen, verfaengt sich hinter dem linken Ohrlaeppchen und ich schlafe in einer Wolke der Glueckseeligkeit ein.

 

¡Buena Suerte Buenos Aires! Dezember 9, 2008

Einsortiert unter: Eindruecke,Tagebuch — Sebastian @ 8:06 nachmittags
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ichbaJetzt kommt wieder mehr Bewegung in die Sache. Pablo kommt mit dem magischen Paket in der Hand zu mir an den Fruehstueckstisch. Entscheide mich sofort zum Faehrschalter zu rennen um ein Ticket nach Colonia del Sacramento, Uruguay, zu kaufen. Montag frueh soll es dann soweit sein. Doch erstmal erklaert mir die nette Dame am Schalter in fliessendem Spanisch, und nichts anderem, dass ich ohne pasaporte kein Ticket bekomme. Mir bleibt also nichts anderes uebrig als mir den Weg zurueck zu dem geheiligten Dokument zu bahnen, durch Abgaswolken, Menschenmengen und ueber viel zu enge Buergersteige, die meisten sind gerade mal so breit, dass zwei Menschen angenehm aneinander vorbeisausen koennen, ein staedteplanerisches Wunderwerk. Weiche auf die Strasse aus, ein Taxi streift mich, die Autofahrer kennen hier kein Erbarmen, kehre also geschlagen wieder auf den Buergersteig zurueck. Beim zweiten Versuch klappt es dann, nur dass ich Abends leicht verstoert feststelle, dass ich es fuer Dienstag anstatt Montag gekauft habe, hm.

Langsam habe ich genug von der Stadt. Das Wetter hat sich die letzten Tage wieder gebessert, sprich, es liegt wieder eine unbezwingbare Hitzeglocke ueber der Stadt. Mein Hals ist trocken und mein Koerper schreit nach frischer Luft. Buenos Aires ist alles, Fuelle, Enge, Hektig, Traegeheit, Breite, und von alle dem ein bisschen zu viel. Die oekonomische Armut erschlaegt nicht, jedoch ist sie sichtbar. Ein kleiner Junge rennt dem Anschein nach alleine bettelnd durch die Metro, die Menschen wuerdigen ihn keines Blickes, duerfte den meisten auch nicht schwer fallen, denn das Tragen von Sonnenbrillen in der U-Bahn ist hier grosse Mode, leicht befremdlich wirkt das auf mich. Meine Augen suchen immer noch das hoch-gepriesene Buenos Aires des Fernwehs der globalen Touristenmeuten. Es ist eine Grosstadt wie viele andere, es ist kein Moloch, aber auch keine Insel der Kontemplation. Vieleicht kann man das von einer Stadt solchen Ausmasses auch nicht erwarten, aber da es fuer mein Empfinden an jeglicher greifbarer Besonderheit fehlt, bin ich froh und dankbar jetzt losziehen zu koennen. Jugendliche, die Sexhotlineflyer an Telefonzellen klemmen, sie mir ins Gesicht halten, japanische Metroverhaeltnisse zum Feierabend, zu viele Busse, Autos, motos, wenig Wasser, zu wenig Parks aber auch der Kampf der Frauen um Selbstbestimmung, Bildungsdemonstrationen, Karnevall in der Calle Defensa, angenehme Stimmung auf den Strassen nach Einbruch der Dunkelheit, all das lasse ich jetzt hier. Ich bin dankbar fuer die Gastfreundschaft, die Geschaeftigkeit, die Normalitaet die mir der Aufenthalt geboten hat. Doch mein Herz giert nach frischer Luft, Ruhe, Platz und Wegen abseits des vorgezeichneten quaelenden Schachbrettmusters der Hauptstadt.

Die letzten Tage in der Stadt sind aber trotzdem schoen. Lerne ein Hipster-Mexikaner kennen, quatschen die ganze Nacht ueber Kerouac und Ginsberg. Er haut sich dann irgendwann ins Bett, ich setz mich noch auf den Balkon, beobachte das naechtliche Treiben. Hoere Musik und schluerfe bittersuessen Mate aus einer getrockneten Frucht. Ab und zu rauscht ein Taxi vorbei, manchmal ein Bus der die Fensterscheiben zum klirren bringt. Ansonsten ist die Stadt ruhig. Der Himmel ist leicht bewoelkt, die Wolken ziehen ueber mich hinweg und strahlen eine wunderbare img_9546Kraft aus. Declan de Barra stimmt gerade “Beautiful one” in meinen Kopfhoerern an, es beginnt zu regnen, die dicke Tropfen sausen durch meine Kleidung. Sehe die Strippen vom Himmel fallen, manchmal trifft ein Tropfen eine Schnur der Strassenbeleuchtung und zerbarst in alle Richtungen. Zwei Insekten haben sich unter das gelbe Licht in Sicherheit gebracht. Der Regen wird staerker, ein goldener alter Ford aus den 60iger Jahren haelt unter mir, Gestalten springen raus, hiefen hektisch alle moeglichen Sachen in die Tangoschule neben dem Hostel, versuchen sie vor dem Regen zu schuetzen. Ein Typ auf einem Motorrad rauscht vorbei, sein weisses Hemd flackert im Wind, kamikaze-gleich ignoriert er die Querstrassen. Ein Polizeiauto hetzt hinter ihm her, der goldene Ford faehrt wieder los. Mit der Sirene verschwindet ploetzlich auch der Regen wieder. Der Song klingt aus und ich krieche unter mein Lacken. Es ist Montag, die Hitze ist weiterhin nicht zu ertragen, trotzdem spannimg_9559e ich mit Jorge und Juan das erste Mal mein Seil zwischen zwei Palmen im Parque Lezama. Papi ruft in in einer Tour “¡Oh mijo, es muy difícil!“, grinzt dabei wild um sich und versucht es ein weiteres Mal. Abends versuche ich noch die letzten Sachen aus meiner Box wegzufuttern und weiss bis zum Ende nicht, wo ich das halbe Kilo Mate Tee in meinem Rucksack unterbringen soll. Schlussendlich passt es dann doch alles, irgendwie.

Aufgefallen ist mir noch, dass Argentinier die komische Eigenschaft besitzen beim Telefonieren die movils sich direkt vors Gesicht zu halten, als wenn sie beim Telefonieren aus ihnen lesen moechten. Manche haben dabei den Lautsprecher an, andere wiederum quetschen wenn sie die Stimme des Gespraechspartners vermuten, das Telefon ganz europaeisch ans Ohr. Selbst Taxifahrer froehnen diesem Ritus, auch wenn sie zum Glueck der Passagiere das Ding schraeg halten. Wenn das Gespraech beendet ist, sind sie jedoch alle gleich, ihr movil verschwindet in entsetzlich haesslichen kleinen Ledertaschen aller couleur, die an den Luderguerteln seitwaerts gedreht befestigt sind.

Mit diesen Eindruecken und Gedanken sitze ich auf dem Schiff nach Colonia del Sacramento, Uruguay, und traeume dem braunen, schwappernden Wasser unter mir bis ueber den Horizont hinaus hinterher.

 

¡Hay muchos paraguas! Dezember 4, 2008

Einsortiert unter: Eindruecke — Sebastian @ 6:23 nachmittags
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La catarsis de Buenos Aires
So die sengende Hitze der Stadt die letzten Tage eine Buerde auferlegte,
eine Frage stellte nach Moeglichkeit, Sinn und Zweck ihrer selbst,
so reinigt der einsetzende Regen Koerper und Seele
und bejat die Frage nach Leben
in diesem Labyrinth aus Strassen, Haeusern, Tunneln und Bruecken.

Das Wetter ist umgeschlagen und ist zu den eher typischen 20 Grad dieser Jahreszeit zurueckgekehrt. Die angenehme Kuehle kam mit dem einsetzenden Regen.

Ich bin gerade auf dem Weg zu einem lokalen Markt in San Telmo auf dem Plaza Dorrego. Eigentlich zieht es mich dorthin, weil ich den Wechsel, die Reaktion des Strassenlebens auf den zu erwartenden Regen beobachten will, denn von Westen ziehen einige dunkle Wolken den Horizont herauf. Kurz streife ich ueber den Markt, gelbe Blueten tanzen mit einsetzendem Wind um die aufgestellten Stuehle und Tische der angrenzenden Cafés. Der Kaffee schmeckt scheusslich, doch entgegen meiner Erwartungen entpuppt sich der gemahlene aus dem lokalen supermercado als aehnlich abendteuerlich, als wenn man in eine Tasse ein bisschen zu wenig Instantpulver tut. Quatsche kurz mit einem Tucumanen, ein schoene Frau streift laechelnd vorbei, Grund genug fuer sein feuriges Herz mir sofort alle moeglichen Synonyme fuer “schoen” zu lehren die da sind linda, hermosa, bonita, bella und aquesta. Als ich cariñosa vorschlage winkt er laechelnd ab und deutet auf sein Herz, recht hat er! Streife weiter und halte meine Arme in die ersten Tropfen. Ploetzlich oeffnen sich die Wolken, springe schnell unter einen Balkon der eingrenzenden Kolonialbauten und stelle fest die richtige Seite gewaehlt zu haben, denn der aufkommende Sturm fegt aus der Gasse hinter mir den Regen ueber den Platz. Es donnert, Voegel fliegen schreiend aus den Baeumen und taumeln orientierungslos durch die Luft. Ein gigantischer Blitz, noch ein Donner von einer Kraft wie ich sie zuletzt im Talkessel Bergens erlebt habe. Der Himmel scheint der Stadt auf den Kopf zu fallen. Die Haendler laufen wie wild hin und her, der Guertelverkaeufer bringt seine unzaehligen Schlangen auf dem Arm in Sicherheit, Tische stuerzen ein, Damen in Hackenschuhen stolpern kreuz und quer durch den Regen, eine aeltere stuerzt mir vor die Fuesse, helfe ihr auf und beobachte weiter das chaotische Treiben. Wild mit den Armen durch die Luft fuchtelnd versuchen die Damen und Herren die letzten Taxis zu bekommen. Der Regen ist mittlerweile so stark, dass es nahezu unmoeglich ist von der einen auf die andere Strassenseite zu kommen ohne komplett nass zu werden. Reissende Stroeme bilden sich, Taxis sind trotzdem nicht in Sicht, zum ersten Mal sind sie Mangelware und in den suchenden Augen der Touristen beginnt sich Ratlosigkeit breit zu machen. Die Haendler versammeln sich scherzend und groelend unter den Quilmes Sonnenschirmen auf der Mitte des Platzes. Die Szenerie ist derart abstrus, dass sie mich an ein Interview mit einer armen schwarzen Frau kurz nach Einsetzen der Finanzkrise in einem Vorort von New Orleans erinnert die mit Stolz ins Mikrofon rief, dass sie Armut gewohnt ist und weiss wie sie sich durchzukaempfen hat, es jetzt aber mit Spannung beobachtet, wie sich diejenigen schlagen werden, die es nicht gelernt haben, weil sie es nie mussten. Derart hilflos wirken die Damen in den Hackenschuhen und die Herren in gebuegelten Hemden. Neben mir kaut ein schwarzer Haendler seinen Reis mit Gemuese, andere springen herbei, machen sich zusammen ueber das Mahl her und beobachten entzueckt das Treiben.

Staedte zeichnen sich durch unbaendigen Wechsel und lebhafte Dynamik aus. Ihre Bewohner sind oft wahre Ueberlebenskuenstler, Meister der Strasse, des Trubels, die der laendlichen Gebiete haben ihre ganz eigenen, ganz besonderen Faehigkeiten. Wie in Madrid taucht ploetzlich auch hier aus dem Nichts eine indigene Frau auf die ohne Pause froehlich ¡Hay muchos paraguas! wirbt. Sie lacht und scherzt mit den Haendlern, alle scheinen sich zu kennen, denn ihr Geschaeftseifer wird sogar von ihren Freunden belacht und gefeiert. Kurz stelle ich mir eine seltsame Frage, die aber zugleich beantwortet wird, als die gute Frau als Reaktion auf ein sich anbahnendes Geschaeft wie wild zwischen ihren Bekannten hin und her flitzt um sich Wechselgeld zu besorgen, fest umschlungen haelt sie die uebrigen Schirme und die anfaengliche Lockerheit ist aus ihren Gesichtszuegen gewichen.

Nach einer Stunde nehme ich meine Schuhe in die Hand und platsche durch die Fuetzen zurueck zum Hostel, habe genug gesehen.

 

¡Hay muchos helados! Dezember 3, 2008

Einsortiert unter: Eindruecke — Sebastian @ 12:38 vormittags
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Buenos Aires kommt mir nicht wirklich eigen vor. Ok, es ist gross, und das nicht zu knapp, es ist laut, es ist eng, gruen, bunt und voll. Wohl nicht umsonst wird es wohl die europaeischste Stadt Sued Amerikas genannt. Es hat etwas von Madrid, nur muss man sich es noch viel chaotischer vorstellen ohne jedoch playacharismatische Duefte zu riechen. Der einzige Duft, der die Stadt fuer mich gerade praegt, ist der Dieselruss der colectivos. Optisch ist es jedoch durchaus reizvoll. Alles scheint bunt zusammengewuerfelt zu sein und irgendwie zusammen zu passen. Jedes Haus hat seinen eigenen Buergersteig der mehr oder weniger ganz ist und wenn die Loecher allzu gross sind ebnen Holz- oder Pappstege den Weg. Alte Kolonialbauten stehen neben neuen Zweckbauten, die letzteren sind jedoch meist um einiges hoeher. In Haeuserluecken wohnen zahlreiche ueberdachte estacionamientos die nicht selten einen so wunderbar passenden Namen wie playa tragen. Vor diesen versuchen wie wild von der Strasse gezeichnete Figuren Kunden fuer die Parkplaetze zu gewinnen. Im Hintergrund wirkt immer ein ziemlich wichtig aussehender amigo, der mit allem moeglichen behaengt seinen Status durch eine gigantische Sonnenbrille sicherstellt. Da es hier jedoch mehr Autos als Einwohner zu geben scheint, ist es wohl ein lukratives Geschaeft. Zur Rushhour sind die Strassenschluchten hilflos verstopft, fast nichts geht mehr. Fussgaenger huepfen durch die Karosseen um auf die andere Seite zu gelangen. Da die Stadt streng geometrisch aufgebaut ist, blickt man in endlose Strassentunnel voll bunter Schilder, Klimaanlagen, Antennen, Strassenbeleuchtungen und Antennen. Fuer jedes Gesuch scheint es eine Strasse zu geben, gebrauchte Buecher, gebrauchter Schmuck und Uhren, Autoradios, Schuhe, Kopiergeschaefte, Tangoschuhe, Tangokleider und Tangounterricht. Nur manchmal ist diese Ordnung leicht ironisch von einem Strassenkringel unterbrochen. Die meisten duerfen nur in eine Richtung befahren werden, auch wenn sie aus 5 Spuren bestehen, so muss der passionierte Autofahrer wie durch ein Labyrinth von Parallelstrasse zu Parallelstrasse wechseln um ans Ziel zu kommen. Die avenidas sind gigantisch.

Plaza de la Republica. Mitten auf der Kreuzung der Av. 9 de Julio, einer gigantischen Strasse quer durch die Innenstadt, und der Av. de Mayo steht ein haushoher Obilisk. Die erstere hat 2+7 Spuren in jede Richtung, machen also alles in allem 18 (!) Spuren, die je nach Laune der Fahrer auch mal mehr werden. Ueberall hupt es. Bruetende Hitze. Ich sitze mitten auf der Kreuzung und bewundere das Treiben. Wenn man ueber die Strasse will, muss man im ersten Durchgang bis auf den Platz des Obilisken, dann im zweiten schafft man es auf den engen Buergersteig der gegenueberliegenden Seite. Die Ampeln sind anthazit-orange, ebenso wie das Heer der Taxis, das sich ohne Rast and die Fussgaengerueberwege schiebt, bei jedem Zeichen der Ampel wild zuckt und bei erloesendem Gruen weiterdonnert. Schuetze denjenigen, der noch nicht in den letzten 15 Sekunden Countdown von der Fahrbahn gekommen ist. Waehrend der Rotphase huepfen Indios mit gelben Quietscheentchenschwimmreifen, wild schwingend, durch die nervoese Automeute. Andere wiederum positionieren sich mit Werbetafeln wie Schuelerlotsen zwischen die Blechlawine und die Ameisenstrasse der Fussgaenger. Irgendwo gehen in der hitzigen Unruhe die Rufe eines Eisverkaeufers unter “¡Hay muchos helados!”. Zwischen den beiden Plaza de la RepublicaSpurbuendeln jeder Richtung stehen grosse gruene Baeume. Es ist Fruehling, zum Glueck, denn sonst wuerde auch der mit Straeuchern bepflanzte Mittelstreifen nicht im gleichen Masse seine Aufgabe erfuellen koennen. Zu beiden Seiten der Strasse steht ein Gewirr von unterschiedlich hohen, zumeist haesslichen 60iger und 70iger Jahre Bauten auf deren Daechern gigantische Werbetafeln tronen, Mercedes Benz, Fresita, Bahia, Sharp, Samsung, Terminator, die den Eindruck machen, entweder das sie tragende Haus parasitaer unter sich zu zerquetschen oder hilflos nach vorne auf die Strasse zu kippen. Ueber mir weht eine gigantische Argentinische Flagge, vor dem Burger King blueht ein Baum leuchtend lila. Es geht alles seinen gewohnten Gang. Gut so?

 

!Bienvenido a Buenos Aires! Dezember 1, 2008

Einsortiert unter: Tagebuch — Sebastian @ 3:35 vormittags
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Das Flugzeug hebt ab, es ist Montag Abend, 24.11, 22.30 Uhr, kurz lassen sich meine Gedanken von dem Flugzeugunglueck am Flughafen von Madrid Ende August einnehmen, dann verlieren sie sich in den unendlichen Weiten von dem was ich hinter mir lasse und dem was vor mir liegt. Die Unsicherheit von den ersten Reisetagen weicht unbaendiger Spannung. Die 12h im Flugzeug sind kurz, unter mir fliesst Brasilien vorbei, unendliche Regenwaelder, Fluesse und Felder. Uruguay, der Rio de la Plata, dann taucht eine gigantische Stadt auf, die mich doch sehr an SimCity erinnert. Wenige hohe Haeuser luken wie Legoknoepfe aus dem Haeusermeer. Waehrend des Fluges lerne ich eine nette alte Damen kennen ueber deren Schoss es fuer mich zur Toilette geht. Andrea wohnt die Haelfte des Jahres auf Ibiza, die andere in Buenos Aires. Sie hilft mir bei meinen ersten Schritten auf dem neuen Kontinent. Das Flugzeug landet nachdem wir die Stadt hinter uns gelassen haben. Ein ausgetrockneter Grasguertel umgibt sie. Wie ein gigantischer Parasit scheint die Stadt alles Leben um sie herum aufzufressen um sich an dem selbigen zu erhalten. Aus dem Flughafengebaeude tretend kippe ich vor Hitze fast wieder rueckwaerts in die Glastuer. Der braeunliche Dunstschleider, den man schon aus der Luft sehen konnte, entpuppt sich als schwehlender, wabernder, dicker Hitzebrei durch den ich nun versuche mich mir mit der Nase vorraus einen Weg zu bahnen. Wie Watte umschliesst die traege Luft meinen Koerper. Erst im klimatisierten Bus erlange ich den Atem wieder, Polstergestank verdraengt die russenden Abgase des Flughafens. Andrea nimmt mich mit dem Taxi nach San Telmo mit und setzt mich in ein Internetcafé in dem ich feststellen muss, dass meine CS-Bemuehungen erneut ins Leere gelaufen sind. ¡Pues así es!

Puerto Limón Hostel. Der alte Ventilator rauscht, dreht sich hin und her. Hinter ihm ein grinsender Ché in einem vergangenen Fensterrahmen. Aus dem Radio plaerrt ein Gewinnspiel und aus dem Fernseher die stummen Bilder eines Nachrichtensenders. Vor dem Tor rauschen die colectivos vorbei waehrend Marie, die Putzfrau, wie eine leise, unsichtbare Fee durch den Innenhof und die Zimmer schwebt. ¡Sebastian, el agua! Ich sitze allein vor meinen Spanischlehrbuechern an dem langen in Eisenrahmen gefassten einfachen Holztisch auf roten Kunstlederpolstern im ersten ueberdachten Hof. An der Wand vor mir schwingen bunte alte Fenster, mit und ohne Glas, leise im Wind. Ueber mir ziehen kleine Wolken vor Puerto Limón Hosteldem strahlenden blauen Himmel hinter dem Plastikdach vorbei. Die Waende sind in beige-gelb Toenen gehalten. Eine befensterte braune schwere Holztuer trennt den ersten Hof von dem zweiten dessen Steinfliesenmuster sich deutlich von den hellbraunen Laminatfliesen im ersten unterscheidet. Ein offener Aussenkamin draengt sich vor einem strahlend-gruenen schattenspendenen Baum mit lilafarbenden Blueten an die linke Wand. Ranken umspielen die Fenster der 2er Appartements. Jeden Abend sonnen sich zwei kleine hellgreuene Eidechsen im Schein der Lampen an der Wand gegenueber dem Baum. In den Zimmer drehen die Deckenventilatoren um die Wette und bringen die dicke Luft in Bewegung. Von meinem Zimmer, dass ich im Moment nur mit Papi teile, einem kolumbianischen Klamottenhaendler mit ausgereifter Affinitaet zu allen chicas dieser Welt. Seine Worte sagen mir nicht viel, da er nur Spanisch spricht, und das hoellisch schnell, jedoch verstehen wir uns bestens. Ein bunter Typ, der zum Verkaufsgespraech in unserem Zimmer 6 gern Musik aus seinem movil dudeln laesst, 6 mal am Tag duschen geht und von sich in der dritten Person spricht. Die Tuer unseres Balkons zur Strasse steht immer offen, Nachmittags draengen die Sonnenstrahlen an dem bunten Teppich vorbei der an das Tuergitter geheftet ist, des Abends der dreckige orange Schein der Strassenbeleuchtung die mit Hilfe von einem spinnennetzartigen Geflecht aus Schnueren direkt ueber dem Asphalt befestigt ist. Das Licht ist ein anderes, die Temperaturen scheinen sich kaum zu unterscheiden.

So falle ich im Moment in die Tage, ausgedehntes Fruehstueck, Spanischlehrbuch, Streifzuege durch die Stadt, Neruda und argentinische BBQs. Wartend auf meine Kamera aus Berlin bin ich mir sicher, dass ich aufbrechen werde wenn sie eintrifft. Ob sie einen Weg durch das Spinnennetz der lokalen Post findet, ich weiss es nicht…

 

 
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