Kosmonaut im Farbsternregen

Ausgedrueckte Eindruecke

Peru und der Streik Oktober 20, 2009

Gespeichert unter: Dies und Das — Sebastian @ 1:47
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Schon damals war klar, dass meine Erlebnisse im Peruanischen Urwald fuer mich spannend, fuer die lokale Bevoelkerung jedoch von ganz anderer Dimension war und leider noch ist. Sitze hier im herbstlichen Berlin und starre fassungslos auf die kleinen Nachrichtenbrocken die mich hier erreichen.

Monica Bruckmann „Peru zum Verkauf“ (Le Monde Diplomatique, September 2009)

Auch die Le Monde Diplomatique ist von der aktuellen Finanzkrise noch verschärften Printmedienkrise stark getroffen. Damit detailierte Informationen vom anderen Ende der Welt nicht immer weiter aus der öffentlichen Aufmerksamkeit geraten und es somit nicht immer zeitaufwendiger wird sich ueber Steuergeschenkstreitigkeiten in Zeiten hoher Staatsverschuldung hinaus zu informieren, den Griff „auf die andere Seite des Zeitungsständers“ beim nächsten Mal nicht vergessen! Peruanische Straßensperren sind weit weg, die zu Grunde liegenden gesellschaftspsychologischen Triebkräfte nicht. Ich erspare mir Beispiele.

 

Mein Venezuelanischer Impfpass Juni 23, 2009

Gespeichert unter: Tagebuch — Sebastian @ 11:59
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Auf dem Weg zur Venezuelanischen Grenze muss man an unzaehligen Militaerosten vorbei. Drei haben sogar einen Panzer im Strassengraben stehen. Kontrolliert werden wir aber nicht, die Soldaten schwanken muede an der Seitenlinie auf und ab. Richtung Riohacha wird die Landschaft trockner, die Sierra Nevada rechts verschwindet und wird durch endloses Buschland ersetzt aus dem ueberall baumhohe Kakteen luken. Ueberall gehen kleine Wege in dieses duerre Nirgendwo. Schwankende Schilder weisen darauf hin, dass hier und dort sich ein Dorf versteckt haelt. Indigene mit bunten langen duennen Kleidern tauchen hin und wieder auf. So habe ich mir die Savannen in Afrika vorgestellt.
IMG_0404In Maicao, der Grenzstadt, angekommen, setzt mich der Fahrer vor einem kleinen Laden an der chaotischen Hauptstrasse ab vor dem ein unscheinbares Schild steht „Transporte Maracaibo“. Ich tausche meine letzten Kolumbianiscen Pesos um, aerger mich, dass ich nicht noch mehr abgehoben habe was mir einigen Aerger in Venezuela mit dem Geldwechsel ersparen wuerde, und setze mich zu einer alten Frau in einen kleinen zur Strasse offenen Verschlag und warte auf den Bus. Ploetzlich rollt ein amerikanischer Gangsterschlitten aus den Siebziger Jahren, komplett getoente Scheiben, breite Reifen, windschnittig, kurzum der perfekte Strassenkreuzer, vor dem kleinen Laden vor. Ein dicker Typ mit grosser Sonnenbrille taucht aus der Fahrerseite auf und mein Rucksack beginnt in den Kofferraum zu wandern. Gucke bloed. Gucke noch bloeder diesen Typen an und bin verwirrt. Suche den anderen, der mir das Ticket verkauft hat. „No te preocupes!“ Doch das mach ich mir aber gerade in diesem Moment ganz entschieden! Der Grenzuebertritt nach Venezuela floesst mir sowieso schon Respekt ein und so dreht sich mir der Magen um, wenn ich das in diesem Gefaehrt und mit diese Gefaehrten machen soll, zwoelf Kilometer Niemalsland, Wueste, Grasland, Oelwiesen, Nichts. Die Oma steigt ein und da meine Anmerkung, dass ich doch einen Bus erwartet habe von der schwelenden Mittagshitze verschluckt werde, bleibt mir nichts anderes uebrig als auch in den Wagen zu steigen, oder einen gigantischen Gringoaufstand anzuzetteln mit dem Resultat die naechste Zeit weiter in diesem kleine Verschlag ohne Aussicht auf Besserung rumhaengen zu muessen. Entscheide mich fuer das erstere und begruesse zwei weitere Gangster und eine Gangsterbraut, die zusammengequenscht auf der Rueckbank des Schlittens mich etwas gleichgueltig durch ihre Sonnenbrillen angucken. Der mondgesichtige Fahrer steigt wieder ein und los geht die wilde Fahrt. Der Motor raunt, die Haube klappert, von 0 auf 100 in 5 Sekunden. So dampfe ich mit den Gangstern und der alten Frau in voller Fahrt Richtung Grenze. Keiner redet, mir ist mulmig, aber jetzt ist es zu spaet.
IMG_0399Am DAS Office, der Kolumbianische Migration, schickt mich der Fahrer raus, als einzigen, kein anderer steigt mit aus dem Wagen. Wenn er jetzt will, dann ist mein Rucksack weg. Gehe kurz im Kopf durch ob ich in diesem Fall alle wichtigen Sachen habe. Ja. Also los. Eine Krankenschwester empfaengt mich und macht mir klar, dass ich nach dem Stempel bei mir vorbeikommen soll. Den Stempel hab ich und sitze nun bei der Krankenschwester und muss wegen dem A/H1N1 Virus meine ganze Reisegeschichte zu Protokoll geben. Als sie aber merkt, dass das ein aussichtsloses Unterfangen werden wird kuerzt sie gluecklicherweise doch ab. Meine Gangster sind noch da. Erleichtert schwinge ich mich wieder neben die Oma auf den Vordersitz und weiter geht es zur Venezuelanischen Migration. Die Zeit stellt sich wieder fuer ein halbe Stunde vor und ich stehe vor einem zerfallenen kleinen Betonhaus vor dem zwei Frauen mit ein paar Zetteln auf Gartenstuehlen im Schatten sitzen. Gebe bei der einen meine Daten zu Protokoll und meine geplante Reiseroute. Sie gibt mir den Zettel in die Hand und fluestert mir zu, dass ich Caracas als Direktziel angeben soll, falls der Grenzbeamte hinter dem dunklen Gitterfenser fragen sollte. Mit einem gezwungenen Grinsen such ich die Augen der Figur um Dunkel. „VACUNACIONES?“ Erschrocken kram ich nach meinen Impfpaessen und reiche sie zu ihm hinein. Er versteht nichts. „FIEBRE AMARILLA?“ „Si, Senior!“ Bekomme mein Pass wieder und er schickt mich an der kleinen Huette vorbei zum Impfen. Eingeschuechtert ob der Willkuer schlinger ich zu einem kleinen Tisch vor einem alten Jeep und reiche den zwei Frauen meine Impfpaesse und gucke bloed. Sie zueckt unter Mithilfe eines aufgetauchten Mannes eine Spritze und injiziert mir, der ich immer noch Orientierung suche, irgendwas in den linken Arm. Ich glaube jetzt bin ich gegen A/H1N1 geimpft. Seltsameweise macht sie eine zweite Spritze fertig und eh ich irgendwas fragen kann hab ich sie im rechten Arm. Der Trupp gibt mir erleichtert ob der geglueckte Operation einen Impfpass mit Venezuelanischem Stempel und ich wanke wieder zu meinen Gangstern die jetzt grinsend an die dunkelrote Schuessel gelehnt auf mich warten. Jetzt habe ich drei Impfpaesse. Zwei gelbe und einen weissen. Einen allgemeinen, einen in dem meine Gelbfieberimpfung vermerkt ist und einen aus Venezuela der bescheinigt, dass ich gegen Toxoide Tetanico und Anti-Influenca geimpft bin. Ich glaube das Ministerio del Poder Popular para la Salud will nur mein bestes aber mein rechter Arm faengt ungemein an zu schmerzen. Ich denke, das zweite war eine weitere Tetanus Impfung – chévere!
IMG_0394Wir segeln weiter. Alle hundert Meter stoppt uns ein Militaerposten und grimmige Sonnenbrillensoldaten wollen Ausweise sehen, jedes Mal. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, denn alle haben ihr Ausweise in der Hand, ein Typ mit grosser schwarzer Sonnenbrille guckt ins Auto, und alle halten ihm auf Kommando ihre Ausweise unter die Nase und hoffen, dass die Sonnenbrille nickt. Nur die Oma macht sich mit Hilfe der Autoritaet und Anonymitaet des Alters immer wieder einen Spass und laesst sich vorgebend schlecht zu hoeren drei Mal auffordern. Ich komm an diesen Spass mit meinem Gringogesicht und der zerrissenen Understatement-Hose nicht ran und bin jedes Mal froh, wenn hier keiner den Inhalt meines Rucksacks genauer unter die Lupe nehmen will. Als die Posten weniger werden bin ich mir auch langsam sicher, dass ich in Maracaibo ankommen werde, denn diese Taxi-Amischlitten scheinen hier ein normales Langstreckenverkehrsmittel zu sein. Es wird immer heisser. Ein paar rosafarbende Flamingos haben sich von den Salzflaechen von der Oelindustrie in der Region noch nicht verscheuchen lassen. Ansonsten ist die Landschaft eher lebendsfeindlich. Trotzdem stehen ueberall Huetten. Der sichtbare Unterschied zwischen arm und reich tuermt sich hier in eine Fatalitaet, die ich bisher in Sued Amerika noch nicht gesehen habe. Gigantische benzinschluckende nagelneue Pickups brausen an Huetten vorbei, bei denen mir nicht ganz klar ist wovon die Bewohner dieser eigentlich leben, geschweige denn, was sie eigentlich ohne Wasser so essen. In Maracaibo steige ich in ein anderes por puesto Superauto und rausche weiter nach Coro, weitere 250 Kilometer die Landstrasse an der Karibikkueste liegen vor mir.
Der Eingangspolizeikontrollposten zum municipio Falcón haelt uns an. Nach einem kurzen typischen Abtasten duerfen wir weiterfahren. Leider fehlen jetzt einige Sachen aus der Tasche der armen Frau auf dem Ruecksitz, an meine sind sie zum Glueck nicht gegangen, die Buecher und Kabel, die aus der einzigen Tasche die sie geoeffnet haben gefallen sind waren wirklich zu uninteressant. Hoffend, dass nicht mehr allzu viele Posten folgen werden stecke ich einen Teil meines Geldes in den linken Schuh, nicht alles, denn sonst wuerde ich mir die berechtigte Frage gefallen lassen muessen warum ich denn so ohne Geld unterwegs bin. Es geht aber alles gut und um Sonnenuntergang suche ich am terminal terrestre von Coro nach einem Taxi. Die Venezuelaner sind bisher zu distanziert und die Stadt mir zu unuebersichtlich, als dass ich mich gerade in irgendeinen Bus zum Ferierabendverkehr mit meinem grossen Rucksack mich quetschen will. „¿Coro, qué tal?“, „Más o menos!“ Es ist der erste Taxifahrer, der so antwortet und nicht seine eigene Stadt in den Himmel hebt. Es erschreckt mich, Raubuerbfaelle, Morde in der letzen Zeit. Es ist meine erste Beruehrung mit der angekuendigten drastisch verschlechterten Sicherheitslage in Venezuela.
Im El Gallo angekommen suche ich erstmal was zu essen im nahegelengenden Supermarkt in der Altstadt. Das Angebot ist duerftig und die Preise hoch. Wenn man hier die Dollars und Euros nicht auf dem Schwarzmarkt, sondern offiziell tauschen oder von der Bank abheben wuerden, dann waere es teurer als in den meisten Laendern in Europa. Der Dollar hat einen festgelegten Wechelkurz zum Bolivar von derzeit 2.15 und der Euro von 2.30 waehrend man auf dem Schwarzmarkt fuer einen Dollar bis zu sieben und fuer einen Euro bis zu zehn Bolivar bekommt. IMG_0407Durch diesen Spass von Hugo Chávez erfaehrt Venezuela einen bluehenden Geldschwarzmarkt von denen die profitieren, die die Moeglichkeiten besitzen an ihm teilzunehmen. Das sind unter Garantie nicht die Leute in den Papphuetten an der Strasse nach Coro. Die Kriminalitaet steigt, forciert von Staatswegen. Nicht das die steigende Korruption der Polizei durch kronische Unterbezahlung schon reichen wuerde. Uh-Ah-Chávez hat aber noch andere Sachen fuer seine Waehler auf Lager. Das Benzin ist hoch subventioniert und kostet nur einen Bruchteil im Vergleich zu Trinkwasser. Ein Tank kann man hier fuer ein bis zwei Euro fuellen wahrend eine Flasche Trinkwasser einen Dollar bzw. ueber zwei Dollar, wenn man den offiziellen Wechselkurs nimmt, kostet. Der Staat foerdert indirekt Benzinschmuggel und Verschwendung. Er schenkt Menschen mit Land Haeusern was dazu fuehrt, dass Leute Land besetzen und dann schreien, dass sie haetten kein Haus. Sie bekommen dann eines und verkaufen es. Die besitzlosen Landbesetzer in den Brasilianischen Grosstaedten haetten ihr Freude. Dies sind nur Beispiele. Nicht, dass Papa-Chávez nicht auch viel gutes tut mit seiner Politik, seine Intention ich nicht in Frage stellen will, aber die gesellschaftliche Psyche ist fuer soetwas noch nicht reif. Wo ist sie das?
Ich diskutiere diese Sachen mit einem Mitglied der Regierung in Caracas in der posada. Hugo Rodriguez ist Idealist, Vollblutidealist. Wuerde gerne besser Spanisch koennen um in der Diskussion mit ihm noch weiter zu koennen. Es reicht aber fuer den Abend aus. Interessant ist es. Witzigerweise bedient er sich der gleich „Troepfchentheorie“ wie die liberalen Kapitalistem drueben in Europa und Amerika, wenn sie die Einmischung des Staates in den Markt zurueckdraengen wollen und ihre Loblieder auf den laissez-faire Kapitalismus singen. Dieses Schmunzeln ist vieleicht nicht angebracht, aber das Lehrbuchdenken macht mir schon Angst, zumal ich keinen Menschen treffe, der nicht auf die Chávez Politik schimpft. Es gibt sie, jedoch ist es tragischerweise nicht so sicher dorthin zu gehen, wo man sie mit Sicherheit treffen wuerde.

 

Ein Reiter am Strand und eine Kokosnuss Juni 12, 2009

Gespeichert unter: Tagebuch — Sebastian @ 12:37
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IMG_0227Bogota spuckt mich wieder aus. Ungreifbar, unerfahrbar, vor allem in so kurzer Zeit hat die Stadt auf mich keinen grossen Eindrueck gemacht. Die Touristen- und Studenteninsel Candelaria wirkt auf mich wie eine andere Welt zu dem was sich hinter der ersten grossen Strasse, die das Viertel mit dem Rest der Stadt verbindet, erstreckt.
So sitze ich im Bus zur Karibikkueste nach Santa Marta, wieder einmal sind sechzehn Stunden Fahrt zu ueberwinden. Leider bleibt der Bus wieder weit hinter der gewohnten Beinfreiheit zurueck und so falle ich am naechsten Morgen erleichtert unter leichten Rueckenschmerzen am Terminal in Santa Marta aus der Tuer auf die Steinplatten. Eine trockene, niederschmetternde Hitze schlaegt mir entgegen, so dass ich mir kurz unsicher bin, ob nicht doch wieder zurueck in den engen Bus will. Im Urwald in Peru war es das letzte Mal so heiss. Dort war es aber angenehmer, weil die Luft weniger trocken war. Hier bedrueckt die Hitze physisch, ich habe das Gefuehl, dass die Luft mich auf der Stelle austrocknet.
Wo nun aber hin? In Santa Marta bleiben ist unmoeglich, die Stadt ist heiss, staubig und nicht sehr anziehend. Nach Taganga, der Touristenhochburg ein paar Busminuten enfernt, zu fahren ist auch keine wirkliche Option denn dort wird mich nichts neues erwarten. Zum Parque Nacional Tayrona? Die Straende sollen dort toll sein, aber da es die einzige Stelle in der Naehe mit karibischen Straenden ist, sind Preise zu erwarten, die ich im Moment keine Lust habe zu bezahlen. Ausserdem kann ich nichts ueber die Essensversorgung abseits von Restaurants finden. Gucke also wieder auf die Karte und greife die Idee wieder auf in das Dorf oestlich des Nationalparks zu fahren, irgendwas muss doch in Palomino sein! Doch bevor ich in den Bus nach Osten steige, bekomme ich noch einen Tritt von einem Microbusfahrer. Nicht das ich mir nicht sicher waere, dass ich Santa Marta noch heute verlassen will. Ich musste noch in die Stadt um Geld zu holen, weil der Automat am Terminal nicht funktionierte. Der voellig schlecht gelaunte Typ berechnete mir meinen Rucksack extra obwohl der Bus in Zentrum nicht voll war und zum Abschluss schmiss er mich irgendwo raus, als wenn ich wuesste wo ich hinwollte „¿¡Centrum, aehh?!“. Fand aus dem Schlamassel aber wieder raus und jetzt sitz ich mit etwas mehr Pesos in einem schlecht klimatisierten sympathischen Rumpelbus nach Palomino.

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Nach einer Stunde seh ich das Ortsschild. Bin froh aus Santa Marta raus zu sein. Spring aus dem Bus, ziehe meinen Rucksack irgendwie hinter mir her und stehe inmitten der uebliche Strassenstaende fuer stoppene Trucker, Busse und Autos. Arepa, mit Hackfleisch gefuellte fritierte Kartoffeln, Steaks, Huenchen – all das kann der Pausierende hier in sich reinstopfen. Leider fehlt es an Salat und so gehe ich an die erste Eistruhe und kaufe mir erstmal ein industrieverpacktes Eis. Lecker! Hinter den Huetten des Dorfes erhebt sich die Sierra Nevada de Santa Marta. Grad kann ich nicht viel sehen, weil sich die Wolken an den Bergen stauen. Leider nur an ihnen und das reicht nicht die erschlagende Sonne von der Asphaltstrasse fernzuhalten. Egal. Quatsche einen Hippie auf einem Fahrrad an und frage ihn nach einer Finca am Wasser. Die Beschreibung ist etwas lose, aber so gross ist das Dorf ja nicht. Und so stiefel ich die Durchfahrtsstrasse entlang um wenig spaeter in das staubige, unasphaltierte, ruhige und froehlich in der Mittagshitze vor sich hin doesende Dorfleben einzutauchen. Hier an der Kueste gibt es viel mehr indigene und schwarze Bevoelkerung als in den Bergen. So schlitter ich langsam in eine ganz eigene Welt die anders ist als das was ich bisher kennengelernt habe. Nach ein paar Haueserbloecken geht es zwischen ein paar Feldern hindurch an den mit Kokosnusspalmen umsaeumten Strand. Endlich bewegt sich die Luft ein wenig und von rechts kommt der Indigene mit seiner roten froehlich vor sich hin schlackernden Hose, nacktem Oberkoerper, den ich schon zwischen den Feldern getroffen und nach dem Weg gefragt habe, wieder stolz auf seinem Pferd an mir vorbeigeritten. Wieder grinsen wir uns an, wechseln ein paar Worte und er verschwindet wenig spaeter in der milchigen, orangen Luft am Horizont. Beeindruckt stapfe ich weiter und finde auf einen witzigen gestenreichen Geheiss eines alten netten schwarzen Opas mit weissen krausen Haaren Casa de Rosa - der Campingplatz zu dem ich will.
IMG_0301Das es nicht moeglich bei der Hitze im Zelt zu uebernachten muss ich schon gleich nach der ersten Nacht in meinem feststellen, dass ich sorgsam in eine sichere Zone zwischen herabfallenden Kokosnuessen, heruntersegelnden Palmenblaettern und Ameisennestern plaziert habe. So draengt mich die Morgensonne aus meiner Behausung und ich fuehle mich wie nach zehn Berliner Pilsenern. Sammle eine grosse gruene Kokosnuss, die in der Nacht neben meinem ebenfalls gruenen Zelt gelandet ist mache mich an die vormittagsfuellende Aufgabe diese zu oeffnen. Es ist wirklich ein Sport so ohne Machete! Aber am Ende schaffe ich es auch durch den harten Kern, der bei den jungen Nuessen meist noch unerkenntlich ist. Diese jedoch hat schon kraeftig Kokosnussfleisch welches sich ueber die Zeit aus dem Wasser bildet. Toll! An Kokosnuessen mangelt es nicht, denn um mich herum wedeln unzaehlige Palmen herum und immer mal wieder faellt eine runter. Die Tage vergehen. Ich und das Dorf. Das Dorf und ich. Die Fischerboote tanzen auf den Wellen, Angler laufen am Strand hin und her. Trucks donnern die Hauptstrasse entlang, kann sie aber aus meiner Haengematte nicht hoeren. Busse donnern durch das Dorf, auch diese hoere ich nicht von meiner Slackline zwischen den Palmen – ich hoere Musik. Zwei kleine Eichoerchnchen, sie sind dunkelrot, krabbeln jeden Tag in den Palmenblaettern und an den -staemmen umher und hoch und runter. Die kleinen und auch ein paar grosse Eidechsen sonnen sich ueberall und rascheln davon wenn ich vorbeigeschlendert komme. Die grossen und kleinen blauen Krabben in den Gebueschen und die grauen Strandkrabben fliehen bei jeder Bewegung wieder zurueck in ihre Erdloecher – was fuer Feiglinge.IMG_0208 Der kleine Hund von Eugenio und Melina, die beiden, die den Platz von ihrer Finca auf dem Nachbargrundstueck verwalten, springt auch den ganzen Tag auf dem Platz mit seiner Hautkrankheit herum. Ich ekel mich vor ihm, armer Kerl. Jeden Morgen mache ich mir Kaffee, pfluecke zwei Karambole (Sternfrucht) von dem Baum im Garten, mache mir meinen geliebten Avocadobrei und Ruehrei und schiebe das ueber den ganzen Vormittag verteilt lesend ich mich hinein. Wenn ich dann eins, zwei mal in die Brandung der wirklich warmen, zu warmen, Karibik gesprungen bin, bleibt mir meist nichts anderes uebrig als, erst den Frosch aus dem Brunnen zu retten der dort jede Nacht auf’s neue hineinhuepft, und dann mir mindestens drei Eimer gruenliches Suesswasser ueber den Kopf zu schuetten. Der Erfrischungseffekt ist nur von kurzer, aber die kleinen nervtoetenden pickenden Sandfliegen bleiben dafuer um so laenger fern – es lohnt sich!
Das Dorfleben ist beruhigend. Die Polizei sitzt mit ihren gigantischen Maschinengewehren laecheln vor einem kleinen Laden, an dem ich immer vorbei muss, nachdem ich den Feldweg, and dem die einige Muellkippe des Dorfes ihr Unwesen treibt, ueberwunden habe. Die Willkuer die so grosse schwarze schiessende Dinger ausstrahlen ist schon beeindruckend, trotzdem fuehl ich mich sicher und suhle mich eher in der Absurditaet der Situation. Harmlos verteilen sie Trillerpfeifen an die Dorfbewohner in der Naehe des Strandes wohnen, weil es einen Diebstahl gegeben haben soll. Weniger absurd, sondern eher ernst ist der Grund warum die Jungs dort sitzen. Die FARC lungert noch irgendwo oben in der Sierra Nevada de Santa Marta herum. Aus diesem Grund in der Fluss im Westen des Dorfes auch voll von Contraguerilla in Tarnuniformen und Kampfstiefeln. Aber auch die sind nett, auch wenn sie nur 840.000 Pesos, was gerade ungefaher 380 Euro sind, verdienen. Die Instabilitaet dieser Unterbezahlung von Maennern mit grossen Schiesseisen floesst mir trotzdem Respekt ein. Zum Glueck bleiben sie in der Naehe ihres Flusses und patrolieren nicht noch am Strand entlang. Was patroliert, allerdings in einem respektablen Abstand zum Strand, ist ein Boot. Da aber auch dieses nicht naeher kommt ist die bizarre Idylle auf dem kleinen Flecken Strand nicht gestoert – jà.
IMG_0262Die Ruhe im Case de Rosa ist toll. Es gibt keine Elektrizitaet, kein fliessendes Wasser, kaum Leute. Manchmal kommen ein paar Indigene in Leinenhosen vorbei. Doch bin ich fast nie alleine. Am zweiten Tag taucht, Dirk, ein Belgier auf, und wir haben ein paar schoene Tage. Er wird wenig spaeter von Alejandro, einem grossen Italiener mit Vollbart und Julian, einem kleinen schmaechtigen Kolumbianer ohne Bart abgeloest. Als die beiden dann nach einem grossartigen Fisch-BBQ wieder losduesen besetzen Luna und Victor, zwei Spanier, und eine Kanadierin die Haengematten neben mir. Alles sind Menschen die neugierig auf diesen Ort irgendwo and der Strasse nach Venezuela sind was irgendwie zu garantieren scheint, dass es eine schoene Zeit ist.
Doch nach acht Naechten ist es dann auch fuer mich Zeit wieder aufzubrechen. Mein Flugzeug in Caracas wartet und ich moechte wenigstens noch ein wenig von Venezuela sehen. Stehe Montag mit den ersten Sonnenstrahlen auf und auf dem Weg ins Dorf sehe ich zum ersten Mal die hoechsten schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada, die sich innerhalb kuerzester Distanz vom Meeresspiegel bis auf 5775 Meter in den Himmel erstrecken.

 

Dinge die scheinbar nichts miteinander gemein haben Juni 9, 2009

Gespeichert unter: Eindruecke, Tagebuch, Zitate — Sebastian @ 8:01
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„In Colombia two worlds exist. One is of beauty and privilige. It is inhabited by the classes who enjoy a healthy income and a sense of security. It is a bright world of modern cities, beaches, carnivals, restaurants and nicht clubs. Another world coexists, a world in shadow inhabited by the campasinos, displaced and combatants; one of poverty, violence, fear, repression and invisibility.“ (Jason P. Hove Colombia – Between the lines, 2008)

sartIch schneie in dieses Land, sehe gruene Huegel, bunte Haeuser, Theater, Kunst; denn sicherheitshalber bleibe ich in den Bergen, geniesse die erste Welt ohne die zweit kennen zu lernen. Eigne mir ein verzerrtes Bild eines Kolumbiens an, welches in seiner Unvollstaendigkeit falsch ist. Ich will nicht im Strassengraben liegen mich vor dem Feuergefecht zwischen der FARC und den Regierungstruppen versteckend. Ich will aber auch nicht so tun als ob diese Moeglichkeit nicht existiert und all denen mit einer touristischen Parallelwelt unrecht tun, vergessen, all diejenigen die vieleicht jetzt grade wieder ihr zu Hause unter Zwang verlassen muessen.

Kolumbianisches Schicksaal. Komme gerade vom Plaza Bolívar zurueck, einem der grossen zentralen Plaetze in der Hauptstadt. Ueberall standen Bilder von Menschen, die laut der Ausstellung irgendwo in den Muehlen der Justiz physisch verschwunden sind. Das Datum, wann diese Menschen das letzte Mal gesehen wurden variiert, reicht jedoch bis zu diesem Jahr. Die Tauben flogen. Alles scheint normal – es gab keine grosse Aufregung – Kolumbianischer Alltag.

Der Konflikt wird auch als ‘55 Jahre alter Buergerkrieg’ bezeichnet da sich die Revolutionary Armed Forces of Colombia (FARC) in der Periode La Violencia, die zwischen 1948 und 1958 eingeordnet wird, gebildet hat. Seit dem hat das Land etwa 200.000 Tote und rund 3.000.000 zwangsumgesiedelte Buerger zu beklagen. Das ist die weltweit zweitgroesste Population zwangsumgesiedelter Menschen nach dem Sudan, Afrika. Es werden immer noch jedes Jahr tausende getoetet und unzaehliger ihrer Heimt beraubt. Die UN charakterisiert den Kolumbianischen Konflikt als die weltweit am wenigsten dokumentierte humanitaere Krise.
Seit der Unabhaengigkeit erschuetterten mehrere Buergerkriege das Land. 1899-1902 der Krieg der Tausend Tage, in dem Kleinbauerland gewaltsam durch Grossgrundbesitzer im Zuge des Kaffeeboomes enteignet wurde – geschaetzte 100.000 Tote. 1928 das Massaker von Ciéngaga/Santa Marta als Resultat eines Arbeitskampfes der Arbeiter auf den Bananenplantagen der United Fruit Company. 1948-1952 La Violencia, der Buergerkrieg zwischen konservativen und Liberalen ausgelöst durch die Ermordung des liberalen Präsidentschaftskandidaten Jorge Eliécer Gaitán und seine angekündigte Agrarreform und den darauf folgenden blutigen Unruhen in der Hauptstadt. Die Gewalt setzte sich in den folgenden Jahren in ländlicheren Gebieten fort. 1960-1970 der Smaragskrieg und seit 1983 der Drogenkrieg und Gründung von paramilitärischen Einheiten, welche die Beseitigung oppositioneller Gruppen verfolgen.
Die Parteien sind die Polizei und das Militaer, die Autodefensas Unidas de Colombia (AUC), ein Dachverband paramilitärischer Gruppierungen unterschiedlichen Ursprungs und die Guerillagruppen ELN und FARC. Die Ejército de Liberación Nacional (ELN) formierte sich 1964, motiviert von der Kubanischen Revolution, aus einer Gruppe Intelektueller der Mittelschicht. Am 27.05.67 attackiert das Kolmbianische Militaer mit US Unterstuetzung die Region Marquetalia, Tolina, nachdem Bauern vor Regierungsrepressionen in den 40ern und 50ern, La Violencia, dorthin geflohen waren. Aus einer kleinen Gruppe bewaffneter Bauern, die die Marquetalia Angriffe ueberlebt haben, bildete sich die FARC, die Guerillagruppen Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – Ejército del Pueblo (FARC-EP). Die Drogenmafia ist keine eigenständige Partei in diesem Konflikt, ist aber mit einer oder mehreren dieser Parteien verbündet, bzw. hat sie ganz oder teilweise zersetzt, da die Aktivitäten der Guerilleros und der Paramilitärs seit Anfang der 1980er Jahre verstärkt durch den Anbau und den Verkauf von Drogen, insbesondere Kokain, finanziert werden.
Der Konflik gewann an Dynamik weil in den 80ern und 90ern verschoben gross-angelegte Aktionen des Amerikanischen ‘War-on-Drugs’ der AUC Grossteile der Coca Produktion aus Bolivien und Peru und den Sueden von Kolumbien, in den FARC kontrollierten Putamayo Gebiet. Die Rebellengruppen erhoben Steuern auf die Produktion und den Transport von Coca was ihnen aus der finanziellen Defensive half.
Die linksgerichteten Guerillagruppen kämpfen gegen das kolumbianische Militär. Die rechtsgerichteten Paramilitärs stehen im Konflikt mit den Guerillagruppen. Beide Parteien verüben jedoch auch Anschläge auf die Zivilbevölkerung und verletzen die Menschenrechte. Es wird davon ausgegangen, dass etwa 20.000 Menschen auf Seiten der Guerilleros und – selbst nach ihrer vermeintlichen Demobilisierung – circa 8.000 bis 9.000 Menschen auf Seiten der Paramilitärs kämpfen. Die Guerillagruppen sind in Kolumbien stark vertreten und kontrollieren Teile des Landes. Nach eigenen Aussagen handelte es sich dabei Anfang des Jahrzehnts um die Hälfte des Territoriums, mittlerweile ist ihre territoriale Kontrolle aber deutlich gesunken. Insbesondere in den Grenzgebieten zu Ecuador, Venezuela und Panama sind die Guerilleros stark vertreten, in diesen Gegenden wird auch besonders viel Koka angebaut. Die kolumbianische Regierung behauptet, dass die Guerilla durch Venezuela und Ecuador geduldet, bzw. unterstützt wird, was die jeweiligen Regierungen jedoch zurückweisen. Die Paramilitärs werden von Teilen des kolumbianischen Militärs geduldet, wenn nicht sogar unterstützt. Nachgewiesen wurde auch eine direkte Unterstützung durch transnationale Unternehmen, darunter Chiquita. Da die Betroffenen kein Interesse hatten, diese Verbindungen offenzulegen, gibt es hier viele Mutmaßungen. Seit 2002 haben die in der AUC zusammengeschlossenen Gruppierungen ihre Entwaffnung angekündigt. Im Gegenzug können sie mit einem reduzierten Strafmaß rechnen. Auch die Paramilitärs finanzieren sich zum großen Teil aus dem Kokaanbau und dem Handel mit Kokain. Viele Drogenbarone haben sich in die paramilitärischen Strukturen eingekauft beziehungsweise sich zu diesen bekannt, um die den Paramilitärs gewährte Strafminderung genießen zu können und einer Auslieferung an die USA zu entgehen. Obwohl die Demobilisierung im April 2006 offiziell abgeschlossen wurde, gibt es weiterhin paramilitärische Gruppen in Kolumbien. Der UN-Menschenrechtskommissar für Kolumbien geht sogar davon aus, dass die Demobilisierung nicht zu einer verringerten Präsenz der Paramilitärs geführt habe. Der Paramilitarismus hat das Parlament, die Polizei und die Streitkräfte unterwandert. Paramilitärs behaupten, sie hätten 35 % der Parlamentarier gekauft. Neun Parlamentarier müssen sich wegen ihrer Verbindungen zu Paramilitärs vor Gericht verantworten. Die Anschuldigungen lauten auf Konspiration, Erpressung, Entführung in besonders schweren Fällen und Geldwäsche. Weitere 32 Politiker sollen eine Übereinkunft mit Paramilitärs getroffen haben. Die USA unterstützen die kolumbianische Regierung mit Waffenlieferungen, Hubschraubern, Piloten und Ausbildern. Dies geschieht mit dem offiziellen Ziel, den Drogenanbau und die Drogenkriminalität zu bekämpfen. Insbesondere die Guerillagruppen, die sich selbst als linksgerichtet bezeichnen, werden von den USA als Narcoterroristas („Drogenterroristen“) bezeichnet, um den kriminellen Charakter der Organisationen in den Vordergrund zu stellen. Eine zentrale Rolle im bewaffneten Konflikt in Kolumbien spielt der sog. Plan Colombia der kolumbianischen Regierung aus dem Jahre 1999, der es der Armee ermöglicht, im Inneren in polizeilichen Aufgabenbereichen aktiv zu werden. Die USA unterstützen den Plan Colombia mit mehreren Milliarden Dollar Militärhilfe finanziell, personell und mit Rüstungslieferungen. Ein Teil der personellen Unterstützung wird durch private Sicherheits- und Militärunternehmen geleistet. Bedeutender Bestandteil des Plan Colombia ist die Vernichtung von Drogenanbaufeldern durch Besprühung mit Pflanzenvernichtungsmitteln im Rahmen der Bekämpfung des Drogenhandels. Auch wird gemutmasst, dass die USA ein Interesse an regionalem Einfluss haben, da Kolumbien mitunter eines der groessten Trinkwasserreservate der Welt ist. (Quellen: Jason P. Hove Colombia – Between the lines, 2008, Wikipedia, www.colombiajournal.org)

Das Durcheinander ist real. So treffe ich Reisende, die in Cali von zwei Typen auf Motorraedern und mit Pistolen dazu aufgefordert werden mit zum Geldautomaten zu kommen, die bei ihrer Ankunft in Medellin Zeuge eines Auftragsmordes mit einem Messer neben ihnen werden oder die zwei Leichen im Strassengraben entdecken wo es keine Spurt von einem Verkehrsunfall gibt. Die Situation ist lange nicht mehr so schlimm wie zu Zeiten von Pablo Escobar in den 80ern, in denen Menschen jeden Tag verschwanden, es nur sechs Stunden Strom am Tag gab, die Anarchie das Land fast zu Grunde richtete, aber die Nachbeben erschuettern weiter das Land.

Verwaltung von Resourcen. In einer isolierten Parallelwelt tummeln sich die meisten Touristen. Die Geschwindigkeit meiner Reise in den letzten Tagen hat mich muede gemacht, nicht koerperlich sondern geistig da alles zu schnell an mir vorbeigerauscht ist ohne eine Chance Menschen und Umgebung zu fuehlen. So fuehle ich mich in Bogota wie nach einer Flugzeuglandung, versetzt an einen Ort, der raeumlich noch zeitlich nicht in Verbindung mit dem steht wo ich vorher war. Diese psychische Muedigkeit hat mich in ein Hostal getrieben, welches einfach zu finden ist, ich weiss was mich erwartet und auch sonst keine Ueberraschungen zu erwarten sind, kurz, ich hab mal in meinen Reisefuehrer geschaut und bin zum billigsten dort aufgefuehrten gegangen. Platypus Hotel Bogota. Das Haus ist schoen, die Mitarbeiter sind nett, aber ich komme mir vor wie auf einem Bahnhof. Jeden Tag kommen neue und gehen Leute. Im ersten kleinen Innenhof muss man oft ueber neue Ruecksaecke steigen. Es wuselt und bewegt sich ueberall, dauernt klingelt die Tuer, der Aufenthaltsraum ist oft voll. Bin nervoes und fuehl mich nicht richtig angekommen. Kann mich kaum auf Sachen konzentrieren, fuehlen, und das liegt nicht an dem Gratis-Kaffee in der Kueche. Je nach Hostal trifft man auf unterschiedliche Menschen. So wird die Wahl einer Unterkunft immer auch eine Wahl der Menschen die einen umgeben, so bescheuert das auch klingen mag. Hier sind all diejenigen versammelt, die nach Reisefuehrer reisen – heisst nicht nur ‘mit’ sondern ‘nach’ einem. Das fuehrt dazu, dass die ganze Welt reisefuehrerstudierrend versucht Zeit, Geld und Erlebnisse und somit auch Sozialprestige zu maximieren. Sie reisen nach Plan, nach einem ausgekluegelten Mechanismus – Panama, Flug, Kolumbien, runter nach Bolivien, Flug Brasilien, wieder zurueck nach Mexiko City und wenn dann doch das Geld alle ist nach Hause. Brainstorming – was gibt es genau wo zu sehen, lohnt es sich? Es werden Erlebnisse ausgetauscht welcher meistens ein Austausch von Reisestationen, und deren Problemen dorthin und wieder weg zu kommen, ist. Reise fuer den Erlebnislebenslauf – sie reisen wie sie arbeiten – Optimierung, Wettbewerb, Kapitalisierung von Zeit, Leben, Lebenszeit. Bentham und Smith haetten ihre Freude gehabt. Finde kaum ein Platz mit meinem Buch und meinem Kaffee. Ueberall sitzen die Leute mit ihren Laptops, schauen sich Karten von Bogota an, die zur Not, wenn mal Internet mal ausfallen sollte, auch noch auf Papier an der Wand haengen. Ob das jemand bemerkt hat?
Im Platypus sind zu viele ‘Haben-Reisende’ um mich wirklich wohl zu fuehlen, fast keine ‘Sein-Reisende’. Ich will ein aktives Sein-Denken entwickeln, das ist das Ziel meiner Reise. Da ich in Deutschland sozialisiert bin, in der westlichen Welt, sehe ich kaum Wege in dieses Sein-Sein, weg von dem Haben-Sein, zu stossen ohne wenigstens ein wenig zu haben um darueber das ’sein’ zu lernen, meine Haben-Beduerfnisse zu befriedigen, sie zu durchschauen und sie darueber weniger maechtig in und gegenueber meinem ‘Ich’ zu machen. Ich will das Urbild meines eigenen Ichs fuer mich sichtbarer machen, naher an ihm handeln und leben. Ich gehe weiter auf meinem Weg mich im Selbst greifbarer zu machen, ein bewusstes Sein zu entwickeln um ueber meine Haben-Wuensche bewusster entscheiden zu koennen, zu wissen ob sie zutraeglich fuer mein Sein sind oder ob ich Sein aufgeben muss um sie zu haben. Ich kann meine eigene Sozialisation nicht rueckgaengig machen, will es auch nicht, aber ich will sie bewusster leben und sie in Frage stellen koennen.
So starte ich erneut nach ein paar Tagen in Bogota voller Kurzweil um mehr Ruhe zu finden, Ideen und Gefuehle zu meinem eigenen Herzen, in meiner Seele, in eine Form zu bringen, die sie fuer mich anwendbarer machen, mich selber verstehen laesst, in die Lage versetzen laesst ein aktives Wollen zu entwickeln, welches mein eignes ist, fern von gesellschaftlichen Zielnormen, oeffentlichen Meinungen und Lebensvorstellungen.

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So nebenbei… Juni 6, 2009

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„Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?“ (Erich Fromm Haben oder Sein, dtv 2007)

 

Raserei mit Zwischenstop Mai 28, 2009

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„There are layers of realities before us, behind us, around us, and in us, and we stay in a layer no matter how far we travel until the spirit admires our courage and grace and allows us to sprout into another zone of experience.“ (Martín Prechtel Secrets of the talking jaguar, Thorsons 2002)

Der letzte Abend in Huanchaco laesst sich selbst fast nicht der letzte sein. Ab geht es mit Joey, Mary, Cathrine und Magret ins Chillout, der Bar von William, einem alten Englaender mit weissem Bart, in der ich Ravi wiederfinde. Wichtig, weil er noch meine Sonnenbrille hat. Die taucht leider nicht mehr auf, dafuer ein ganzer Tisch voll Trujillo Bier und Rum und leckeren Burgern. William rennt die ganze Zeit wie angestochen durch die wenigen Tische und laesst ueberall Sprueche fallen die mich aus dem Lachen nicht mehr rauskommen lassen „You are tired? Get your ass out of here, on the other side of the street is a police car, they know how to solve that!“ Er macht aus sich gerne ein Mysterium, schafft er! Die Zeit rennt und so falle ich fast zu spaet in mein Taxi, rase durch die vernebelten orangen Strassenbeleuchtung hindurch und will eigentlich wieder zurueck. Schoener Abschied, Williams „Everybody who leaves Huanchaco gets one kilo of cocaine“ klingelt immer noch in meinen Ohren und so versacke ich mit einem Laecheln hinter meinem Panoramafenster im Bus Richtung Piura.
Meine Zeit im Land der bauchstreichelnden Machomaennern neigt sich dem Ende zu. Fahre durch die Nacht nach Piura, steige sofort in den naechsten Bus und bin drei Stunden spaeter in Máncora, dem Sommerferienziel der Argentinier und Chilenen und obligatorischen Stop auf dem Gringotrail. So sieht es hier auch aus und ich bin innerhalb von Sekunden froh so lange in Huanchaco geblieben zu sein. Verkruemel mich den Tag in eine Oekobar, esse pan à la Alemania und lese. Am Abend geht es dann weiter, ueber Nacht von Máncora nach Guayquil, Ecudaor, morgens gleich weiter weitere neun Stunden nach Quito und von dort drei weitere Stunden in den Abend hinein nach Otavalo. Ich fliege durch Zeit und Raum waehrend das Leben um mich herum weiter geht. Leute steigen hinzu und wieder aus und ich starre aus dem Fenster in die Welt hinein, aus der ich mich fuer zwei Tage tunnelartiger rastloser Raserei verabschiedet habe. Tauche uebermuedet aus meinem Buss spaet Abends in Otavalo wieder ins Leben ein, suche und finde ein Bett uns schlafe, lange, sehr lange.

IMG_0058Otavalo soll einen der buntesten und groessten artesania Maerkte in Sued Amerika haben. Gross und bunt ist er. All die Haengematten, Pullover, Teppiche und Ponchos die ich auf meinem Weg von Argentinien, Chile ueber Bolivien und Peru bisher gesehen habe scheinen hier her zu kommen. Ueberall sind bunte Staende und Geschaefte. Andere wiederrum verdienen hier ihr Geld mit dem Export der bunten Sachen was ich bisher noch nie gesehen habe. Melonengrosse Spindeln mit Garn werden ueberall angeboten. Auch hier kleckern die Menschen nicht mit der Masse des Angebotes was interessant zu beobachten ist, denn in Europa geschieht eher das Gegenteil. In Berlin wird der Preis durch reale oder vorgegaukelte Einzigartigkeit der Produkte hochgehalten. In Gesellschaften relativer Armut ist das genau anders herum. Interessant wird es, wenn Reisende aus Europa auf diesen Ueberfluss treffen. Er suggeriert eine Art Beliebigkeit waehrend von den lokalen Verkaeufern eher das Gegenteil bewirkt werden soll. Hier werden Haengematten und Teppiche, Armreifen und Ohrringe wie Fruechte angeboten wo sie doch psychologisch aus westlicher Perspektive betrachtet nicht zusammengeworfen werden sollte. So schleichen die Europaeer und Amerikaner mit ihren vollen Geldbeuteln durch die Staende, bloss nicht irgendetwas interessant findend, denn sonst beisst der Verkaeufer sofort an und man geraet in Erklaerungsnotstand warum man dies und jenes trotz des guten Preises nicht kaufen moechte. Die Konkurenz ist hart. Mir scheint es bestuende die Moeglichkeit sich hier hervorzuheben, denn alle Materialien sind vorhanden, es bedarf nur einer Idee. Ohne Frage, es gibt viele schoene Sachen, doch es kommt mir vor wie ein Zustand, nicht wie eine Suche. Wie auch schon in Bolivien und Peru mangelt es hier in Ecuador den wenig gereisten Menschen an neuen Ideen die das Interesse der offenen Geldbeutel anzieht. So ziehen die Touristen weiter, kaufen hier und dort was, aber eben nicht genug. Die schoensten Sachen und besten Ideen haben auch hier wieder die Argentinischen artesanias, was vermutlich an ihrer kulturellen Naehe zu den Europaeern aber auch an ihrer Moeglichkeit liegt besser auf die Geschmaecker ihrer Kundschaft einzugehen, weil sie schon einmal ueber die Landesgrenzen geschaut haben. Die Ecuadorianer verlieren ihre Wurzeln nicht, wenn sie aufhoeren wuerden gigantische Lamas auf einen Grossteil ihrer Produkte zu verewigen, gewinnen aber mit Sicherheit ein paar neue Kunden. Denn ohne Frage ist es auch ein lokaler Markt, aber die Menschen machen wie fast ueberall auch hier das Geld mit den Touristen. So wuerde ein Zweigleisigkeit den Ecuadorianern helfen genug Geld mit den Sachen zu machen um weiter ihren Stolz in ihrer eigenen Kultur weiterleben zu koennen, deine eine gewissen Verzweiflung ob der starken Konkurenz ist zu spuehren.
Ecuador ist nicht nur geographisch ein Schritt Richtung Nord Amerika. Der Dollar ist die offizielle Waehrung, nur ein wenig Ecuadorianischen Wechselgeld schwirrt noch herum. Hier, im dicht-besiedelsten Land Sued Amerikas, gibt es ploetzlich wieder Privatautos. Ich habe das Gefuehl, dass die Menschen hier zwei Identitaeten leben, die Amerikanische und ihre Indigene. Beides scheint nicht im Zorn zueinander zu stehen. Ecuadorianer sind wieder signifikant kleiner als Peruaner. Manche sogar so klein, dass ich mir manchmal nicht sicher bin, ob sich nicht doch noch um Kinder handelt. Ein Teil rennt in traditioneller Kleidung durch die Strassen, ein groesserer aber mit Basecap, schicker Sonnenbrille, Jeans und Sweater. Die Trachten der Frauen sind kleident, traditionell, weit weg vom westlichen urbanen Modegeschmack, stehen entfernt im Verhaeltnis zu den Trachten in den Peruanischen und Bolivianischen Anden. Die Trachten der Maenner sind wirklich schoen – weisse Faltenhosen, Jackets, Huete – mit denen koennte man ohne Probleme in den Grossstaedten der Welt hin und her laufen. Ist natuerlich kein Masstab, bin aber entzueckt ob der Schoenheit der Kleider. Ecuadoriansche Augen sind offen, voller Herzlichkeit, mit einem gesunden Stolz und der es total angenehm macht hier durch die Strassen zu wandern und mit den Leuten zu quatschen. IMG_0052Sie sind entspannt und ich spuehre, dass ich nicht ein unbekannter Wanderer aus fernen unbekannten Laendern bin. Kleine Gesten werden verstanden, ich verstehe die Ecuadorianer. Alles laeuft entspannt und locker ab ohne verkrampfte Freundlichkeiten, ohne ueberschwappendes Interesse, ohne sinnlose Fragen zu stellen. Angenehm und einladend. Der stolze Ecuadorianer traegt lange Haare, die stolze Ecuadorianerin ihre Schoenheit und das Ecuadorianische Kleinkind seine gigantischen pechschwarzen Aeuglein zur Schau. Das Strassenbild ist auch dadurch veraendert, dass es hier im Gegensatz zu Bolivien und Peru wieder Bettler gibt. Die einzige Erklaerung die mir dazu einfaellt ist, dass hier wieder genug Geld in der Gesellschaft sein muss, dass es sich lohnt, denn Bettler koennen allein vom Tourismus nicht leben. Eine andere Erklaerung kann in einer unterschiedlichen Organisationsstruktur der Gesellschaft liegen. Es gibt wieder musikalische Vielfaelltigkeit und erstaunliche Naehe zu westlichen Geschmaeckern. Bassdroenende Hip Hop Gefaehrte schleichen durch die Strassen. Indigene Klaenge werden mit Beats verfeinert, oder zerstoert, je nach dem wie man es sieht. Alles wirkt ungeheuer sympathisch und locker. Sicher ist es das nicht immer, aber die Sued Amerikanische Nuance an Lebensgefuehl gemischt mit ein wenig mehr oekonomischer Potenz fuehrt zu einer interessanten und anziehenden Mischung. Die Menschen vertrauen sich hier mehr. Muss man sich Vertrauen leisten koennen? Nicht alle Fenster sind mehr vergittert, meist nur noch die erste Etage und selbst die ist oft freundlicher und einladender als bei den suedlichen Nachbarn. Die Leute verkaufen ihre Sachen nicht mehr durch Gitterstaebe, Sachen liegen offen herum. Das ganze Strassenbild wirkt freundlicher und offener. Das muss ich mir spaeter noch genauer anschaun und erleben - aber erstmal will ich weiter nach Kolumbien.
IMG_0082Montag Morgen, mein Wecker klingelt, wache auf, das magische Licht der Sonne strahlt schon hinter dem tronenden Cerro Imbabura von Otavalo hervor. Wolkenschwaden umspielen die Spitze und lassen ihn aussiehen wie eine leuchtende Torte mit Zuckerguss. Dies war die erste Nacht in der sich die fuer mich unsichtbaren Haehne zwischen den Steinwaenden in den Hinterhoefen kein Duell naechtlichen Kraehens geliefert haben. Nur ein zarter Schrei untermalt an diesem Morgen meinen Blick von meinem Fenster auf die bewaldeten Huegel in der Naehe, den bezaubernden Berg in der Ferne, beides von feuchtem fruchtbaren Morgennebel umschmeichelt. Ich kann den Tau riechen der auf den schattenhaften Baeumen liegt. Meine elektrische Dusche tropft immer noch. Doch diese Nacht habe ich sie kaum gehoert nachdem ich herausgefunden habe, dass wohl die Decke auf meinem Bett an den naechtlichen Niesattacken Schuld war und ich sie darauf hin bis zum Bauch runtergeschoben habe. Meinen Oberkoerper mit einem langen Rolli vor der naechtliche Kuehle von 2560 Meter ueber dem Meeresspiegel schuetzend bin ich durch die Nacht gesegelt, beseelt von dem Glueck des gestrigen Abends, der Ausgeglichenheit und Blitzen dieser Tage. Stolpere mit meiner blauen Kaffeetasse und einem Ei in der einen und dem gemahlenem Kaffee in der anderen Hand den hoelzernen Weg an den anderen Zimmern vorbei. Diesmal wird mein morgendliches Ritual von schraegen elektronisch vermischten Popsongs der 90er Jahre begleitet - um 6:30 Uhr am Montag frueh – die Hunde in der Nachbarschaft fangen an zu bellen. Immer noch eingenommen vom dem aufgehenden Licht und benommen vom Morgenduft in der Bergluft giesse ich den ersten wirklich guten Kaffee, den ich in Sued Amerika gefunden habe, Sorte Caracolillo aus Villa Rica und Chanchamayo in Peru, auf – Kaffeeduft erfuellt die morgendliche Frische. Zurueck im Zimmer wacht der suchende Wanderer in meinem Buch gerade irgendwo im Urwald zwischen Mexiko und Guatemala von tausenden grossen himmelblauen Schmetterlingen bedeckt in seiner Haengematte auf. Schluerfe meinen Kaffe, esse die letzten Scheiben meines eroberten pan integral aus Máncora mit Mozerella, packe meinen Rucksack und trete aus der Tuer hinaus auf die erwachende Strasse – Blick Richtung Kolumbien.

Der erste Bus fuehrt mich nach Ibarra. Eine Ecuadorianerin in schwarz-weisser Tracht und vielen duennen gold-farbenen Ketten setzt sich neben mich. Spuehre, wie sie mich ueber die leicht spiegelnde schwarze Scheibe vor uns mit ihren pech-schwarzen Augen neugierig beobachtet. Drehe meinen Kopf, schaue ihr in diesem Spiegel direkt in die Augen und laechel sie an – zwei Sekunden spaeter laechelt sie zurueck. In Ibarra angekommen steige ich um nach Tulcán, dem Grenzort an der Kolumbianischen Grenze. Schon stuerzen sich wieder die Geldwechsler auf mich „¿Cambio, cambio?“. Der Grenzuebergang ist trotz des Konfliktes unerwartet einfach. Treffe zwei Argentinier und einen Peruaner und wir fahren zusammen mit nem Taxi rein in den ersten Ort nach der Grenze – Ipiales. Der Taxifahrer raet uns davon ab hier auch nur ein Schritt zu Fuss zu gehen. Den Satz hoer ich nicht zum ersten Mal auf meiner Reise. Es nervt! Es produziert Angst und Unsicherheit ohne eigene Erfahrung. Es schraenkt ein und man macht sich auf die Suche nach dem naechsten Bus oder Taxi obwohl man auch die vier Blocks haette locker gehen koennen. Meine neuen Begleiter lassen sich davon stark beeinflussen und schon habe ich das Gefuehl mich ganz schnell wieder von ihnen trennen zu muessen um das beengende Gefuehl in Brust- und Magengegend loszuwerden. Unbestritten ist Europa oft sicherer, aber in einem Klima der Angst zu reisen macht wenig Sinn, dann kann man gleich zu Hause bleiben. Wenn man die Augen offen haelt und nicht hilflos in leere Strassen reinpeilt muss man schon grosses Pech haben. Und wenn doch etwas passiert ist es dann so. Besser als sich auf den eigenen Wege von wagen eingepflanzten Angstgefuehlen beeinflussen zu lassen. Wenig spaeter sitzen wir doch zusammen im Bus nach Putumayo, der Hauptstadt der Region Putumayo die besonders bekannt fuer die Auseinandersetzungen zwischen der FARC, den Kokabauern und dem Militaer der Regierung ist. In der Naehe der Panamerika ist es sicher aber rechts und links davon tobt der Konflikt. Die Anden werden wieder spektakulaerer. Die Farben sind waermer als in Ecuador, Schluchten, wilde Felsformationen. Nach acht Stunden Fahrt kommen wir am Abend im fast leeren terminal terrestre in Putumayo an. Entgegen allen Erwartungen bekomme ich doch noch einen Nachtbus weiter nach Bogota. Versuche es mir irgendwie auf zwei leeren Sitzen gemuehtlich zu machen, aber die Klamanlage laesst mich frieren und das unentwegt Schaukeln, Droehnen und Wackeln des Busses lassen mich kaum einschlafen. Und doch versinke ich irgendwann in der Nacht nach dem einem langweiligen Anaconda-Schocker in einen Daemmerschlaf.
Die ersten Morgenstrahlen kitzeln mich jedoch frueh wieder wach. Wir fahren gerade das Tal des Rio Magdalena entlang, dort wo sich die Anden gespaltet haben, den Weg den damals auch Símon Bolivar genommen hat, nur halt auf der neuen Asphaltstrasse. Mediteranes Flair, Bananenpalmen und farbige Finkas, warm leuchtende bewaldete Haenge, magische Wolkenformationen, mit all dem heisst mich Kolumbien willkommen. Doch dann geht es wieder den Berg hoch Richtung Hauptstadt. Endlich komme ich nach auch schon wieder 1000 Kilometern seit der Grenze in Bogota an und ich steige wieder ein in ein Leben ausserhalb von Bussen und deren Haltestellen – wunderbar erleichterndes Gefuehl!

 

Sendende Spiegel Mai 23, 2009

Gespeichert unter: Dies und Das — Sebastian @ 5:49
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IMG_0023Kein Diebstahl,
sei er materieller oder immaterieller Natur,
kein Vertrauensmissbrauch,
sei er noch so bedeutend,
ist es wert das eigene Vertrauen
und somit die Zuneigung in die Menschen denen wir begegnen zu verlieren,
denn verlieren wir Vertrauen in diejenigen die uns spontan umgeben,
verlieren wir das Vertrauen in uns selbst -
als Menschen die sich wechselseitig in Beziehung zu sich selbst und zu anderen begeben, sehen und darueber definieren -
entruecken wir dem eigenen Leben, dem eigenen Selbst mit Sicherheit;

Uns von uns selbst und anderen geistig und koerperlich entfernend,
und somit die Moeglichkeit verlierend mentale und koerperliche Waerme erleben zu koennen,
findet wir uns als Menschen im Strudel von veraeussertem Selbsthass, sei er sadistischer, masochistischer oder destruktiver Natur, wieder.

Darum sollten wir aufpassen, dass die Spiegel nicht zurueckstarren sondern unsere Blicke dankbar mit einem Laecheln in uns aufnehmen.

 

Zurueck nach Huanchaco Mai 20, 2009

Gespeichert unter: Tagebuch — Sebastian @ 1:56
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IMG_9881Es ist warm, krieche aus meiner Haengematte, schlaengel mich unteren denen der anderen Passagiere hindurch und schlurfe zum wiederholten Male an der Frau vorbei, die die ganze Zeit mit einem Kreuz in der Hand mit geschlossenen Augen betet und deshalb nicht mal bei der Essensausgabe ihren Teller in der Hand halten kann und steuere auf das Heck des Schiffes zu wo sich die Duschen, Waschbecken und Toiletten befinden. Eine der Toilettentueren in der hellblauen Schiffswand springt auf und ein kleines nacktes Maedchen mit einem knallgelben Handtuch ueber der Schulter grinst mich an „¡Hola gringos!“ - ich bin zurueck auf dem Boot – diesmal zurueck nach Yurimaguas. Ein gigantischer tropischer Gewitterschauer hat mich aus dem puerto Masusa verabschiedet. „It was mental, man – mental!“ Reise diesmal mit Thomas, Ravi und Markus. Thomas, ein Englaender, hat mir den Spass an der Englischen Sprache zurueckgebracht. Ravi ist Inder und Markus Hollaender. Alle wollen sie auch nach Huanchaco, zum surfen und arbeiten. Es ist eine schoene Fahrt. Wir klettern oft auf das Dach der lancha, trommeln, jonglieren, lesen und gammeln einfach nur wieder in den Haengematten. Flussaufwaerts dauert die Fahrt 24 Stunden laenger. Es ist also viel Zeit dem Kaffewasser des Flusses beim gurgeln zuzugucken. Oft sieht es aus, als ob jemand gerade frisch Kaffesahne in den frisch duftenden Sonntag-Morgen Kaffee gegossen hat. Die rosafarbenen Flussdelphine begleiten uns wieder streckenweise und Adler gleiten neben uns ueber das satte Gruen des Urwalds. Eine Wasserschlange schlaengelt quer ueber den Fluss. Tiefgruene Palmenblaetter und gelbe Kokosnuesse spiegeln sich im Wasser. Abends leg ich mich oft auf Dach, hoere Musik, lasse mich unter den aufgehenden Sternen entlanggleiten und verliere mich in meinen Traeumen – das Licht des Vollmondes deckt mich zu. Die Ruhe wird nur gestoert von den Fernsehern mit denen dieses Boot leider ausgestattet ist und die zu allem Unglueck auch hin und wieder angehen. Denen bin ich dann ausgeliefert auch wenn ich das Kabel der Box genau ueber meinem Gesicht schon rausgezogen habe und aufpasse das der uebereifrige Matrose es nicht wieder zusammenflickt. Manchmal faengt ein Baby dicht neben mir an zu schreien und mit ihm kraechzen zwei Papageie die ein gelangweilter Passagier in einem der kleinen Doerfer gekauft hat.

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In Yurimaguas nach rund 60 Stunden angekommen geht das Gezerre um uns los. Am Ende landen wir auf der billigsten Mitfahrgelegenheit nach Tarapoto – einem Pickup mit Aufbau. Da alle auf der 8 Nuevo Soles Ladeflaeche, nicht aber im 15 Nuevo Soles Inneren mitfahren wollen wird es sehr schnell sehr voll und Ravi, Thomas und ich muessen uns hinten an das Metallgestell ranhaengen. Ravi fuehlt sich als Inder natuerlich wie zu Hause. Eine irre Fahrt, surfend in jeder Kurve geht es wieder rein aus dem Tiefpand in die ersten Huegel nach Tarapoto. Die drei Stunden hinten haengend sind irre anstrengend und darum geht auch am Ziel nicht mehr viel, ausser dass wir mitbekommen, dass die naechste Streikwelle schon wieder im Anmarsch ist, wir also uns vornehmen so schnell wie moeglich am naechsten Morgen Richtung Kueste zu verschwinden. Daraus wird dann nichts, die Ereignisse ueberholen uns und die Polizei faengt schon am Morgen an mit den campesinos zu verhandeln doch die Strasse wenigstens fuer bestimmt Zeiten wieder zu oeffnen. Die wuetenden Bauern haben sich also nicht an die Geruechte gehalten die einzige Strasse nach Westen erst in der kommenden Nacht zu bestreiken. IMG_9908Haett ich mir auch denken koennen, denn am Vorabend ging es auf dem Plaza schon rund. So geht also das Spiel von vorne los. Wir versuchen heraus zu bekommen wie weit es bis zur ersten Strassensperre ist um den sich um uns streitenden Motortaxifahrern nicht die kompletten Tageseinnahmen mit einer Fahrt zu schenken. „¡Amigo, amigo!“ – die sind wir jedoch nicht mehr als wir noch kurz was essen, kurzlebiges Geschaeft, muss man sich dran gewoehnen. Wenig spaeter stehen wir dann vor der ersten Sperre an ein Durchkommen ist nicht zu denken. Die Polizei schirmt die Demonstranten auf der Strasse ab, oder diejenigen die durch wollen von den Demonstranten. Immer mehr Leute kommen uns entgegen „¡No hay paso, no hay paso!“. Rechts der Strasse wuchern riesige Bananenplantagen vor sich hin und auf der linken Seite tuermen sich die Anden hinter den Farmen auf. Die Sonne scheint so nahe wie nie und trotzdem laufen wir los. Den lokalen Kommentaren darf man hier meist kein Glauben schenken, auch wenn fast alle Menschen zurueckkommen gibt es meist einen Weg. An der Polizei und der Menschenkette angekommen schaue ich mich um, alle rennen irgendwie irgendwo hin. Ein riesengrossen Durcheinander. Ein Mann zeigt ploetzlich auf ein Loch im Zaun, einige fangen an in die Richtung zu laufen, die Polizei rueckt vor und scheint in die gleiche Richtung zo wollen um ein Zusammenstossen der Streikbrecher und der Streikenden zu verhindern. Kurzerhand rennen auch wir auf die Zaunluecke zu die auf irgendein Feld zu fuehren scheint. Es muss schnell gehen, denn ist ist weiterhin nebuloes was die Polizei dort treibt. Schmeisse den Ruecksack ueber den Zaun und klettere hindurch und finde mich ploetzlich in einem kleinen Strom von Menschen wieder, der sich seinen Weg ueber die Stege zwischen den unter Wasser stehenden Reisfeldern bahnt. Die Stege sind nur an der Oberflaeche trocken und sehen aus wie Krokodilhaut. Wenn man ueber sie laeuft, ist es weich und man wippt so ein wenig bei jedem Schritt in eine andere Richtung, vor allem wenn man einen gigantischen Rucksack auf dem Ruecken hat. So geht es im Zickzack ueber die Felder, durch mooriges Grass und durch weitere Zaeune. Komme mir vor wie bei einer illegalen Grenzueberquerung. Aber der Pfad fuehrt ueber einen grossen Bauernhof und zwischen riesigen Flaechen auf denen die Bauern Getreide, Mais und Kaffee trocknen wieder zurueck auf die Strasse – hinter die campesinos. Auch hier stehen gigantische Schlangen von Bussen, LWKs und ein paar Autos. Natuerlich war das nicht die einzige Sperre und so geht es weiter. Die naechste wird jedoch einfacher, wir duerfen passieren. Ueber Moyobamba  geht es in zwei Etappen in 10 Stunden nach Bagua Grande. Ein Hoellenritt wie sich jeder ausmalen kann der einmal diese kleinen ueberfuellten Micros betreten hat. An eine Weiterfahrt ist also nicht zu denken. So bleiben wir eine Nacht in dem Andental und fahren am naechsten Abend ueber Nacht weiter zurueck in die Wueste nach Trujillo.

IMG_9983Zurueck in Huanchaco ist alles beim Alten geblieben, ausser das Wetter. Es ist kuehl geworden im letzten Monat und wenn die Sonne gerade mal nicht hinter dem Nebel hervorguckt, dann ist es ohne Pullover ein wenig zu kalt – Willkommen in der Nebensaison im Peruanischen Winter an der Kueste! In den Bergen klarrt das Wetter im Winter auf und es ist Hochsaison. Im Urwald duerfte es wie immer heisst sein, auch wenn uns die Leute in Iquitos versichert haben, dass es gerade etwas frisch dort ist – ich habe nichts davon gemerkt. Daller wieder zum Naylamp um die Wellen von meinem Zelt hoeren zu koennen. Es sind entspannte Tage zwischen Zelt, Haengematte mit meinem Buch, Slackline, Eis, Kaffee und den leckeren Schokokuchen und Apfeltorten unten an der Rezeption. Der Campingplatz ist fast leer, nur Joe und Mary – zwei Kanadier – sind noch da. Die Abende auf der Terasse zusammen mit zwei anderen Maedels werden lang und laenger und die Sache um jeden Tag entspannter, so dass es mir schwer faellt wieder loszureisen. Der Ort ist fast leer, viele Amerikaner sind doch da die den Kindern hier Englisch beibringen und surfen. Die Leute sind entspannter. Die Crew des Naylamp hat wenig zu tun aber Rumi, der gigantische Wachhund, haelt alle in Bewegung. Sie fangen ihn gerade an zu erziehen. Ist noch einiges zu tun bis er nicht mehr Kekse, Kornflakes oder Fruechte aus der Kueche oder aus meinem Zelteingang klaut. Huanchaco wird in den Tagen neben El Bolsón zu einem meiner Eckpunkte meiner Reise, solch Orte in denen man sich zu Hause fuehlt, sehr schwer wieder loskommt und bestimmt wieder zurueckkehrt wenn man in der Naehe ist.
Doch bin ich ein wenig muede. Bis Caracas ist es noch ein Stueckchen. So werde ich wohl Dienstag den Nachtbus nach Piura nehmen und dann irgendwie ueber Ecuador nach Bogota, Kolumbien, duesen um danach so schnell wie moeglich hoch in die Karibik zu kommen.

 

Gravitationskraefte Mai 15, 2009

Gespeichert unter: Dies und Das, Eindruecke — Sebastian @ 2:01
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IMG_9843Eine Reise ueber ein Kontinent ist immer eine Reise durch die Natur, oder was von ihr noch uebrig ist, aber in aller erster Linie eine Reise durch die Lebensumstaende der Menschen, die die Natur dafuer geisseln. Das Gruen in Sued Amerika ist, falls nicht gerade eine Wueste anstatt dessen selbstzufrieden in der Landschaft liegt, noch fast ueberall praesent, und wohl unter anderem deshalb auch die Menschen in einer signifikant anderen Art und Weise als ich es aus Europa gewohnt bin, oder besser, Europa es mir angewoehnt hat. Zumeist praegt hier die Natur noch den Menschen und nicht im umgekehrten Wege.
Nach unzaehligen Generationen kriegerischer Auseinandersetzungen bestimmen politische Grenzen wirtschaftliche und soziale Schicksaale – Luiz Inacio Lula da Silvas Vision eines Pan-Suedamerikanisches Staatenbund gegen die Nord Amerikanische politische, oekonomische und kulturelle Hegemonie scheint in weiter Ferne. Die Laender koennen sich ein friedliches Neben- und miteinander oekonomisch noch nicht leisten. Die Machtapperate sind zu zersetzt von Korruption und Guenstlingswirtschaft, als dass ein politischer Prozess oekonomisch, oder anders herum, auf den Weg gebracht werden koennte.
Die Menschen stellen sich hier andere Fragen. Viele Chilenen und Argentinier die ich getroffen habe suchen nach ihrer eigenen Philosophie, losgeloest von der allgegenwertigkeit Europaeischer Geschichte – einer neuen Sued Amerikanischen. Sie wollen frei sein und sind es oft. Einige die ich getroffen habe leben ihre Version von Freiheit so unverkrampft und weit ab von gesellschaftlichen stereotypen Bildern, man denke nur an das des Hippies, dass es mir das Herz erwaermt. Mit der Grenzueberquerung von Chile nach Bolivien bin ich in den zweiten Teil meiner Reise eingetreten. Alles hat sich umgekehrt, die Menschen sich veraendert, die Lebensumstaende verschlechtert. Das Leben ist so schwer wie einfach in Bolivien und Peru. Es ist runtergekocht auf die Grundbeduerfnisse - Essen, ein Dach ueber dem Kopf, Familie – oder anders, es konnte nie aufgekocht werden. Viele Menschen in diesen beiden Laendern, die nicht an absoluter Armut leben, sich also ernaehren koennen und eine kleine Huette haben und sich irgendwo die Haende wundarbeiten oder augenscheinlich nichts tun, erscheinen mir gluecklich. Das Lebens stellt keine Fragen, es ist einspurig, man muss nur aufpassen und die Kurven richtig nehmen. Viele einfache Maenner sind Ueberlebenskuenstler fuer sich und ihre Familie, und doch hat die aus oekonomischen Rahmenbedingungen Bildung nie ihren Horizont erweitert. Das genuegt hier, keiner verlangt von ihnen mehr. Intellektuell sind oft kleine Jungen geblieben, das Bildungssystem transportiert keine Inititative, es transportiert Imitation. Und da der Sued Amerikanische Charakter ein anderer als der Chinesische ist, kommt ein ziemliches Schlamassel dabei heraus.

Je aermer die Laender werden, umso mehr sind all die Touristen wieder unter sich. Laengere Gespraeche mit den Einheimischen werden seltener, solche mit tieferem Sinn verschwinden fast ganz. So sehe ich die liebe und herzensgute Menschen vor der Einfalt kapitulieren, sich dabei schlecht fuehlen und wieder anderen Reisenden zuwenden um wieder Gespraeche fuehren zu koennen die sie ausfuellen - Leben kehrt in die Gesichter zurueck. Der Schritt weg vom Reisetourismus, wirklich rein in die Gesellschaft, scheint mir fuer mich fast unmoeglich. Im Sueden hingegen sitzen Reisende mit Chilenen und Argentiniern gleichberechtigt gegenueber. Sie reden miteinander, fuellen sich auf, sind gespannt aufeinander. Geld spielt fast immer trotz der relativen Armut in vielen Gebieten nie eine Rolle und so helfen viele Reisende wo sie nur koennen – leben zusammen mit den Einheimischen. Ich will zurueck in den Argentinisch-Chilenischen Sommer! Das alles ist hier in Bolivien und Peru fast undenkbar. Die Konstellation des armen locals und der reichen Reisenden wird so gut wie nie komplett aufgebrochen. Der erstere sieht in letzter Konsequenz aus der Not oder aus Gewohnheit heraus die schier unendliche Kreditkarte des Menschen von irgendwo anders her. Sie haben keine Ahnung von dem Leben jenseits eines sehr kleinen Horizontes, selbst Gebildete. Das uebersteigert und verzerrt das Bild des Reisenden, jenes was er sich selber gibt und jenes, welches ihm von den Einheimischen gegeben wird - und beide umwabern einander bis zur kompletten Unkenntlichkeit – wird zur trennenden Mauer. Mir scheint, aus diesem Grund gibt es hier selten ein Miteinander von Reisenden und Einheimischen, es gibt ein Fuereinander – keine Frage, aber das erstere gehoert fuer mich essentiell zu einer gesunden Sozialstruktur dazu. So werde ich in Ollaguee wieder zum Fremden, die Rolle die ich im Sueden so genossen habe abgelegen zu koennen.

So will ich wieder zurueck. Habe gerade genug von beknackten Pop „te amo“ Texten, habe genug von der Ahnungslosigkeit, von den vielen kleinen Luegen, von dem religioesen Fanatismus. Ich freu mich gerade riesig auf zielloses irren in einer Gesellschaft die so abstrakte und ueberfluessige Fragen wie die nach dem Sinn des Lebens stellt. Zurueck in eine Gesellschaft die abstrakt lebt und schafft, abstrakt denkt und sich dabei oft selbst verliert, weil sie alles hat, und all das in ihrer Musik zum Ausdruck bringt. Ich will zurueck in eine Umgebung die mir es erlaubt mich selbst zu verlieren, und das nicht nur physisch im Dschungel. Ich will zurueck in eine Umgebung in der meine Gedanken sich im Kreis drehen, immer wirre Windungen nehmen bis ich am Ende manchmal nicht mehr weiss ob das alles einen Sinn ergibt oder ich mich in ihnen verloren habe. Ich will zurueck in eine Gesellschaft, die sich anderen Fanatismen hingibt als „dios es mi amor„, „dios, te amo“ oder „dios es amor„. Ich will zurueck in eine Gesellschaft, die mich ueberfordert, verwirrt und dadurch wach und am Leben haelt.
Und ich will zurueck in eine Gesellschaft, die mir all dies hier ermoeglicht, ich will die Moeglichkeit haben, jederzeit zurueckkehren zu koennen, in all die kleinen Paradise hier, die ich aber wohl nur als solche wahrnehme, wenn ich die Chance habe an den Ort zurueck zu gehen, an dem ich wieder von dem hier und jetzt traeumen kann, mein Fernweh wieder angestachelt wird – ich will nach Mexiko, Nepal, Indien, Australien, Neuseeland, Vietnam, und, und nach Patagonien. Ich geniesse die letzten Wochen hier unheimlich, ich geniesse Sued Amerika, jedes Land auf seine Weise, aber immer in dem Wissen, dass ich wieder mit dem Fahrrad von Friedrichshain auf der Oberbaumbruecke ueber die Spree fahren kann – meinem anderen Leben entgegen.

 

Die zerstoererische Dynamik des Misstrauens Mai 13, 2009

Gespeichert unter: Eindruecke, Tagebuch — Sebastian @ 8:12
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img_9216Es gibt einige Autoren, die sich mit dem Verhaeltnis von Vertrauen und oekonomischer Leistung einer Gesellschaft beschaeftigen. Es werden meist Fragebogendaten fuer empirische Analysen benutzt um mit Hilfe von Regressionsanalysen Zusammenhaenge zu untersuchen. Dabei wurde in europaweiten Sozialstrukturerhebungen die Frage gestellt, ob der Befragte Menschen generell traut. Natuerlich stellt sich hier wie immer erstens die Frage nach einer tatsaechlichen kausalen Abhaengigkeit und und zweitens bietet die chicken-egg Problematik wenig Spielraum fuer realistische Politikempfehlungen. Peru aber bietet viel Raum fuer Feldstudien mit Kaffeetasse und Eis in der Hand.

Man stelle sich also fuenf Personen, vier Peruaner mit wenig Geld und einen gringito mit viel zu viel Geld welches er unbedingt ausgeben will. Nennen wir die Peruaner Juan, Hebel, Juo und Kid und den gringito mit zu viel Geld Sebastian. Der letztere will hin und wieder mit dem Bus oder Boot fahren, muss uebernachten – aber nicht irgendwo, will in teuren Restaurants essen – aber nur den besten, will auf den Machu Picchu klettern – aber nur mit dem besten Fuehrer, dem besten Essen, den schicksten Zelten und zur besten Zeit, will in den angesagtesten Bars die angesagtesten Cocktails trinken und sowieso sonst total viel dummes Zeug machen und dabei von seinem vielen Geld so wenig wie moeglich ausgeben. An einem beliebigen Tag schlendert Sebastian also durch die Stadt und will eigentlich nichts machen, kaufen oder sonst etwas tun. Da trifft er auf Juan der ihn anquatscht, wie das so ueblich ist. Beide fangen an zu erzaehlen bis Sebastian irgendwann genervt einlenkt, weil Juan eigentlich nur mit ihm erzaehlt, weil er ihm was verkaufen will von dem er sagt, dass es nur zu diesem Preis existiert, weil es Versorgungsprobleme gibt. Sebastian weiss es in diesem Moment zum Glueck besser weil er vorher mit anderen Leuten gesprochen hat, verabschiedet sich kurz von Juan und legt sich an den Strand.
Wenig spaeter kommt unser Gringo in eine neue Stadt. Tausende Motortaxifahrer quasseln auf ihn ein und versuchen ihren amigo mit allen erdenklichen Methoden von einem Hostal zu ueberzeugen um spaeter die Belohnung kassieren zu koennen. Weil teurere Hostals mehr zahlen, die Fahrer aber wissen, dass alle Gringos trotz ihres vielen Geldes immer so wenig wie moeglich zahlen wollen, IMG_9907trotzdem aber natuerlich so dicht am Zentrum wie moeglich sein wollen, nehmen sie es mit den Informationen zur geographischen und preislichen Lage nicht so genau. Nur widerwillig geht unser gringito mit Hebel mit, weil andere Leute, mit denen er gerade unterwegs ist, die ganze Sache gar nicht so schlecht findet. Am Ende stellt sich heraus, dass das Misstrauen voellig unbegruendet war und das ausser der Informationen zur geographischen Lage des Bettes, alles in bester Ordnung ist. Sebastian fuehlt sich ein wenig bescheuert, weil er das aufgestaute Misstrauen Menschen entgegen geschmettert hat, die es nicht verdient haben. Aus dieser Erfahrung beschliesst er in der naechsten Situation etwas entspannter zu sein und Misstrauen wieder schneller fallen zu lassen.
Weil der ganze Dschungel unter Wasser steht, besteht keine Moeglichkeit in absehbarer Zeit in den Urwald ohne einen Guide zu kommen und kleine Affen zu beglotzen. Sebastian ist also hoechst anfaellig und Topziel fuer alle Touristenfaneger, speziell, weil er natuerlich von seinem ganzen vielen Gringo-Geld so weiterhin so wenig wie moeglich ausgeben will. Da er immer noch drei anderen Leute unterwegs ist, ist es sehr wahrscheinlich die Entscheidung nicht alleine treffen zu wollen. Es findet sich als Juo, der bei einem der rumirrenden Reisenden Gehoer findet und mit allen erstmal ein Bier in der naechsten Trinkhalle am Platze marschiert. Sebastian hat bei dem Typen ein komisches Gefuehl, weil so einige Sachen nicht zusammen zu passen scheinen. Die drei anderen sind aber Feuer und Flamme und so entscheidet er sich diesmal bauchgrummelnd fuer die Aktion und schluckt seine Bedenken runter, schiebt sie als Wahn zur Seite. Am Ende stellt sich heraus, dass der Bauch doch richtig gelegen hat und Juo doch zum groessten Teil Quatsch erzaehlt hat. Er ist genervt, sagt die ganze Geschichte ab und verzieht sich erstmal lesend an den Pool.
All die Kids, die nach Juo kommen werden es in Zukunft schwer haben ihr Sachen an Sebastian zu verkaufen. Schlecht fuer ihn, weil Misstrauen einer bestimmten Gruppe von Personen gegenueber meistens nachteilig ist, gut fuer sein Konto, schlecht fuer all die Kids dort draussen da sie auch mit guten Intentionen ihr Sachen nicht mehr an den Mann bekommen, schlecht fuer beide da sie nicht mehr so viel miteinander sprechen und sich gegenseitig auf Basis forcierter Verhaltensmuster und Reaktionen in bestimmte Schubladen stecken.

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Zusammenzufassen ist das hemmende Phaenomen fehlenden Vertrauens wie folgt. Person A will eine Leistung oder ein Gut von Person B kaufen. B hat vollstaendige Informationen ueber seine Leistung, A jedoch nicht. A hat Vorstellungen die B im Groben kennt. Die Vorstellungen von A und die Leistung von B muessen sich nicht treffen. Da B die Vorstellungen von A kennt, geht er im Verkaufsgespraech auf diese ein und gibt vor, seine Leistungen wuerden genau seiner Erwartung entsprechen. A, der vorher schon einmal etwas von C gekauft hat und enttaeuscht wurde, weil C in angelogen hat, ist mistrauisch. Es ist nun egal, ob die Leistung von B seinen Beschreibungen entsprechen, wenn A vorher genug negative Erfahrungen falscher Versprechungen gesammtelt hat. A schliesst aus seiner Erfahrung, dass B genau vom gleichen Typ wie seine vorherigen Geschaeftspartner ist. Jetzt ist die Abwicklung der Transaktion unglaublich teuer und schwierig. B hat hohen Aufwand A von dem Wahrheitsgehalt seiner Aussagen zu ueberzeugen. A, der B nicht ganz traut, hat einen hohen Aufwand seine Interessen abzusichern und alle Details der Transaktion sicherzustellen. B ist von dem Misstrauen des A gekraenkt und ist selbst beleidigt. So kann es im schlimmsten Fall passieren, dass B die Leistung nicht erbringen kann, weil A nicht im Vorraus zahlen will, B aber das Geld braucht um das Material zu kaufen. Im weniger schlimmen, jedoch akkumuliert hoechst schaedlichen, Fall schachern beide Personen so lange hin und her, bis beide das Gefuehl haben, dass der jeweils andere sie nicht mehr in dem Masse betruegen kann, dass sie selbst nach der Transaktion schlechter gestellt sind als zuvor. Im letzteren Fall sind die Transaktionskosten unheimlich hoch und im ersten zu hoch.
Wenn A im Voraus nicht so viele schlechte Erfahrungen gemacht haette, und/oder die Rechtssicherheit gegeben ist, dann haetten die beiden das Geschaeft mit viel weniger Problemen viel schneller abwickeln koennen und beide waeren mit groesserer Zufriedenheit und einem hoeheren Gewinn aus der Sache gegangen. So nimmt zwischenmenschliches Vertrauen ein Platz in der Reihe harter oekonomischer Leistungsfaehigkeitsfaktoren ein.

Abseits von der oekonomischen Schiene durfte klar sein, dass fehlendes Vertrauen in unbekannte, und sogar bekannte Personen, wie es in Peru oft der Fall ist, ein soziales Klima herstellt, welches dem kulturellen und politischen Miteinander wenig zutraeglich ist. Oder wer verkauft schon gerne Kaugummies durch ein Gitter?